Zirkus Corona Tag 12 - Das Leben der Wünsche

Langsam, ganz langsam löst sich der Panikmodus und eine gewisse Routine kehrt ein. Die Gewissheit, dass sich unser Leben durch die Coronakrise massiv ändert, hat sich in eine Hoffnung verwandelt. Eine Hoffnung, dass sich vieles in eine Richtung verändern wird, wie wir es uns schon immer gewünscht haben. 

 

Wenn wir ganz ehrlich sind, waren die größten Wünsche von mir und meiner Frau bis vor kurzem:

  • Mehr Zeit für die Kinder haben
  • flexiblere Arbeitszeiten
  • bereits um 6 Uhr in die Arbeit, dafür früher heim
  • dass in der Politik alle an einem Strang ziehen und gemeinsam für das Beste ihres Landes kämpfen
  • dass die AfD nix mehr zu melden hat
  • dass man von Greta Thunberg nix mehr hört, weil ihre Forderungen alle umgesetzt werden: CO2-Ziele werden locker erreicht. 

 

 

 

 

 

 

Man könnte die Liste endlos weiterführen. Der Pessimist sieht die größte Krise aller Zeiten. Der Optimist die größte Chance der Menschheitsgeschichte. 

Aber lassen wir es, global zu denken. 

Der Alltag in unserer kleinen Familie hat sich dergestalt eingependelt:

Ich beginne um 6 mit der Arbeit, arbeite nur 1/2 bis 2 Mal die Woche im Home-Office, da ich vor Ort im Amt gebraucht werde.

Um 8 beginnt die Schule. Es stellt sich nun als Vorteil heraus, dass die Mama einst eine Weile Lehramt studiert hatte. Jetzt ist sie also doch eine Lehrerin geworden. Da die Hausaufgabenflut ungemindert per Mail eintrifft, dauert die Schule ohne Pause mindestens 3 Stunden. Loni nutzt die Zwischenzeit, um zu Malen wie ein Weltmeister. Wir können bald das halbe Haus mit Ninjago -Zeichnungen tapezieren. 

Mittags nutze ich den Vorteil, in arbeitsnähe zu wohnen. Ich gehe heim zum Mittagessen. Die Frau hat gekocht, die Kinder jubeln, als der Papa hereinkommt. Es fühlt sich kurz wohlig wie in den 50er Jahren an. 

In der Arbeit helfe ich im Rufkreis der Notfallhotline aus und telefoniere jeden Tag mit Menschen, die ihre Arbeit verloren haben oder Firmen, die Kurzarbeit beantragen müssen. Meine neue Aufgabe ist eine Mischung aus Sekretariat und Telefonseelsorge. Lektionen in Demut. Ich bin dankbar, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und in der Krise einen kleinen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten zu können. 

Ich verteile im Amt als Dankeschön an die Mitarbeiter, die die Stellung halten, ein "Take Care Paket" voll mit nützlichen Gimmicks wie Handykabel-Adapter, Feuerzeug, Pflaster, die eigentlich Werbemittel für den auf Eis gelegten Personalrat-Wahlkampf gewesen wären. Innerhalb von drei Stunden ist alles weg. Ein Hoch auf die Gewerkschaft.

In Traunstein liegt die Zahl der Infizierten derzeit bei 80. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein, da nur noch akute Fälle getestet werden. Das Virus ist längst da und die Bevölkerung wird aufgerufen, sich allen Menschen gegenüber so zu verhalten, als wäre er ein Infizierter. Halt! Damit ist nicht gemeint, schreiend wegzulaufen, sondern die 1.5 Meter Abstand zu wahren und regelmäßig Hände zu waschen. 

Ich habe beschlossen, nur noch beim Namberger Toni einzukaufen. Nicht nur, weil er mit Freude und Leidenschaft seinen Laden am Laufen hält, sondern sich letztens auch in einer großen Anzeige bei seinen Mitarbeitern für den Kraftakt, den diese leisten, bedankt hat. Ein Grund ist auch, dass ich der Vernunft mancher Discounter-Kunden nicht mehr traue. Gestern waren die Plastikhandschuhe, die ich im Behälter beim Netto vorfand, eindeutig benutzt. Da ich sie bereits übergestreift hatte, war dies einer der Momente, in denen ich mich gerne mit Desinfektionsmittel übergossen hätte. Also rasch heim, nicht ins Gesicht fassen und beim Händewaschen zwei Mal „Happy Birthday“ singen.

 

Derweil wird zu Hause die Familie umstrukturiert. Die Kinder haben mir erklärt, wer inzwischen alles zu unserer Kernfamilie gehört. (Das ist nicht unwichtig, da ja davon abhängt, mit wem wir derzeit Spazierengehen dürfen). Also, zur Familie gehören: Basti, Loni, Mama und Papa (Puh, Glück gehabt!), aber auch Polly und Luki, die Hasen. Und... Robbi, unser Staubsaugerroboter. Ich stelle mir gerade bildlich vor, wie wir zu siebt gemeinsam spazieren gehen, die Hasen an der Leine, Robbi, die Straße saugend, hinterdrein. Und am meisten freue ich mich schon auf das neue Familienfoto unserer nun siebenköpfigen Familie, das wir an Weihnachten Oma und Opa schenken werden. 

Das Corona-Elterntagebuch komplett nachlesen:

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