Zirkus Corona Tag 68 - Die große Corona-Müdigkeit

 Keiner kann es mehr hören. Die einen haben keine Lust mehr auf Vorgaben der Regierung. Die anderen können es nicht fassen, dass die einen nicht mehr mitmachen. Der Erregungsmodus steigt von Woche zu Woche. Derweil geht das Leben weiter: Die Friseursalons und Biergärten haben wieder geöffnet, die Zahlen sind auch bei uns im Landkreis mit der einst gefährlich hohen Inzidenz, spürbar runter, es ist fast Sommer, alles ist irgendwie in Aufbruchsstimmung. Nur unsere Kinder – die sind immer noch daheim. Seit 68 Tagen. 

Eine gewisse Müdigkeit ist an allen Ecken spürbar. Es geht bei Kleinigkeiten los. Man wäscht die Gesichtsmaske nicht mehr nach jedem Kurz-Einkauf aus. Die Oma wird wieder regelmäßig besucht. Man springt im Supermarkt nicht mehr zwei Meter zur Seite, wenn einem jemand zu nahe kommt. Irgendwie schön, diese gefühlte Annäherung an die Normalität. Der Mensch braucht das. Psychologisch absolut verständlich. Aber komisch ist es dann schon, wenn man auf einmal zur Minderheit gehört, wenn man immer noch keine anderen Kinder ins Haus lässt außer die der auserkorenen Corona-Partnerfamilie. Wenn man zu den einzigen gehört, die das Kind definitiv noch nicht ins Fußballtraining schicken werden und selbst in Sigi Walchs Landrats-Amt zwar Solidarität und Kameradschaft gepredigt wird, ein Großteil der Mitarbeiter aber längst die Krise für beendet erklärt hat. 

Unser neuer Pool im Garten!
Unser neuer Pool im Garten!

Man beobachtet fasziniert und zieht sich nach Hause zurück. Uns ist es wurscht, wir haben die Pool-Saison eröffnet. Die Kinder haben heute entdeckt, dass man in der neuen Regentonne baden kann. Ja, so schaut es aus bei uns! Vielleicht haben alle unsere Nachbarn einen Pool, aber wir haben ZWEI Regentonnen!

Ein anderes Highlight der letzten Tage war das Online-Seminar „Home-Office mit Kindern“. Das Seminar war inhaltlich großartig – ich schreibe zum Beispiel gerade in meinem Schriftsteller-Sakko, damit alle anderen Familienmitglieder erkennen: Aha, der Papa arbeitet – bitte nicht stören! Man kann sich alternativ auch einen Fahrradhelm oder eine Melone auf den Kopf setzen, wichtig ist nur, dass die Kinder begreifen, dass die Verkleidung besagt: Bitte jetzt nicht stören!

 

Das Seminar war inhaltlich, wie gesagt, großartig. Das Problem war nur, dass die anderen Teilnehmer am Seminar gemütlich von ihrem Büro aus teilgenommen haben. Wir – ich verrate nicht, wer es war – wir hatten das „Vergnügen“, dass wir am Seminar aus dem Home-Office teilnehmen mussten. Und es war nicht erwünscht, Kamera und Mikrofon auszuschalten. Das heißt, dass wir während des Seminars ununterbrochen dafür sorgen mussten, dass die Kinder die Arbeitsatmosphäre auf einem halbwegs akzeptablen Level hielten. Am Ende des Seminars zitterten wir vor Stress und Erschöpfung. Den Kindern war es nämlich scheißegal, welche Tipps die Tante am Bildschirm gab, sie konnten nicht mehr alleine aufs Klo gehen, nicht mehr alleine Hausaufgaben machen, verwandelten sich in Babys und taten so überhaupt alles, um das interessante Theoriegebäude der Dozentin einstürzen zu lassen. Es war der Horror! Ist es also doch wahr, dass Home-Office und Kinder nicht funktioniert? Nicht ganz – was definitiv nicht funktioniert ist vier Stunden Live-Präsenz-Unterricht. Außer man setzt die Kinder gleich vor die Glotze. Aber das darf man dann die nächsten vier Tage büßen.

Wenn mich meine Friseurin vermisst - Bitte melde Dich!
Wenn mich meine Friseurin vermisst - Bitte melde Dich!

Ansonsten kehrt auch bei uns langsam eine Corona-Normalität ein. Heute war ich ein erstes Mal wieder beim Zahnarzt. Wo ich noch nicht war, ist beim Friseur. Da habe ich ein wenig Angst davor. Geht es euch auch so? Je länger man nicht mehr beim Friseur war, desto schwerer fällt es einem, einen Termin auszumachen. Außerdem gefällt mir meine neue Corona-Frisur.

 

Während überall das Leben wieder zu pulsieren beginnt, wissen wir noch immer nicht, wann unsere Kinder wieder in die Schule und in den Kindergarten gehen werden. Es sind nun bald zehn Wochen. Wenn es so weitergeht, hat sich der Kleine am Ipad selbst lesen und schreiben beigebracht. Letztens habe ich einen Appell gehört, dass man sich auch bei den Lehrkräften bedanken solle, die unermüdlich in dieser Krise ihren Dienst leisten. Meine ehrliche Reaktion? Ein Lächeln. Ein müdes Corona-Lächeln. Bitte überzeugt mich des Gegenteil, wenn Ihr andere Erfahrungen gemacht habt!

Alle vorherigen Geschichten aus dem Zirkus Corona hier:

www.chiemgauseiten.de/das-elterntagebuch
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