Die Kleinstadtrebellen auf dem FM4 Geburtstagsfest in Wien

Im zweiten Kapitel fallen die Kleinstadtrebellen in Wien ein. Dort findet in der Arena Wien das legendäre FM4 Geburtstagsfest statt. FM4 ist mehr als ein Radiosender, FM4 ist für die Kleinstadtrebellen Familie, Erziehungsanstalt und Sehnsuchtsort gleichzeitig. Auf der FM4 Geburtstagsfeier gewinnt die Geschichte an Fahrt: Peter ist kurz davor, sich von seiner Freundin zu trennen und ahnt, dies ist die letzte Nacht, die Nacht, in der alles anders wird. Nicht einfacher wird die Sache, da auch Greta mit von der Partie ist. Was auf Sankt Pauli eine unmögliche Ahnung war, wird in Wien zur bitteren Gewissheit: Während FM4 Geburtstag feiert, hat sich Peter in Greta verliebt.

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Das Fest fand in der Arena statt, einem großen Freilichtgelände, eingerahmt von alten Fabrikhallen. In jeder  Halle spielten andere Bands oder legten DJs auf. Die Gruppe verlor sich sofort in der Menge der Menschen. Es war nicht kalt, obwohl es rein meteorologisch gesehen noch eine Winternacht war. Peter atmete die Atmosphäre der Großstadt ein und erwischte dabei eine kleine Prise Freiheit. Konnte er vielleicht nur in einer Großstadt glücklich sein? War ihm das Kleinstadtleben zu eng geworden? Oder nur seine Beziehung?

Kann man ein Lebensgefühl mit dem sauren Geschmack von Cuba Libre auf der Zunge beschreiben? Hannes plapperte auf ihn ein und Peter wusste, dass wenigstens er glücklich war. Glückliche Menschen reden viel. Peter gab sich gar nicht groß Mühe, so zu tun als hörte er ihm aufmerksam zu. Er hielt Ausschau nach Greta. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass die großen Nächte eines Lebens immer nur dann groß und magisch waren, wenn sie von einem Mädchen verzaubert wurden. Es war gar nicht so schwer, so eines zu finden und den Mädchen fiel es leicht, diese Nächte zu verzaubern. Schwer wurde es immer erst dann, wenn man sich nichts auf der Welt mehr ersehnte, als dass eine bestimmte Person diese Zauberin war. Dann funktionierte es nämlich nicht mehr. Dann war alles zu spät und alles zu schwer und es gab nur noch die Möglichkeit, dieses Mädchen entweder zu gewinnen, sie zu heiraten und mit ihr Kinder zu kriegen oder kalt zu duschen und viel Sport zu treiben. Aber eine Verzauberungsnacht hatte man immer frei. Bei jedem Mädchen dieser Erde.

„Ich bin Greta“, murmelte er, als Greta an der Bar vorbei in Richtung Toiletten ging. 

Peter ließ Hannes am Tresen zurück, er würde schon einen neuen Gesprächspartner finden und ging ihr hinterher. 

„Nein, ich bin Greta“, erwiderte sie wie in einem geheimen, nur für sie bestimmten Ritual. 

„Ich muss mal“, sagte sie, „dringend.“

„Wo ist dann deine Freundin?“, fragte er. 

„Welche Freundin?“ 

„Na die, die ihr Frauen immer dabei habt, um zu zweit aufs Klo zu gehen?“ 

Greta lachte und reichte ihm ihren Arm.

Er folgte ihr. Sie war ein wenig außer Atem. „Draußen spielte gerade eine unglaubliche Reggae-Band“, sagte sie, während sie sich ihren Weg in Richtung Toiletten bahnten.

Natürlich stand vor der Damentoilette eine lange Schlange. 

„Dann halt zu dir“, sagte sie und Peter ging mit ihr in das Herrenklo, wo Greta mit unverhohlener Begeisterung empfangen wurde.

Sie verschwand hinter einer Türe. Nach einer Weile hörte er ihre Stimme: „Woran liegt es eigentlich, dass man stundenlang nicht pinkeln muss und wenn man einmal begonnen hat, muss man drei Mal hintereinander laufen?“ 

„Ich glaube, das stimmt so gar nicht“, rief er gegen die Türe: „Ich glaube, dass man zu später Stunde einfach drei Mal so schnell trinkt.“

„Interessante Theorie.“ Die Klospülung rauschte.

Die Türe öffnete sich und sie zupfte ihren Minirock, den sie über ihre schwarzen Leggins trug, zurecht. Sie machte einen Knicks. 

„Voilá“, sagte sie. 

Peter lachte: „Du hast sogar auf dem Männerklo noch Stil. Wo lernt man das? Auf der Mädchenschule?“ 

„Wenn man aus gutem Hause wie ich stammt und zu den höheren Zehntausend unserer Heimatstadt gehört, dann wird einem dies in die Wiege gelegt.“ 

Sie strahlte ihn an: „Ich hätte jetzt wieder Platz für genau…“ Sie zog eine Schnute, „einen Cuba Libre und drei Weißweinschorlen, wenn ich genügend gepieselt habe.“ 

„Das lässt sich einrichten.“ 

Sie hakte sich wieder unter seinem Arm ein und beide gingen zurück an die Bar. Der Barkeeper trug ein Michael Knight T-Shirt. Peter beneidete ihn dafür. 

„Darf ich raten?“, fragte der Barkeeper, „Einen Gspritztn für die Dame und für den Herrn ein amerikanisches Brausegetränk mit Hochprozentigem und einem Hauch gepresster Zitrusfrucht?“ 

„Fast“, entgegnete Greta, „Für uns beide das hochprozentige Brausegetränk.“ 

Als er sein Glas in der Hand hielt, fühlte sich Peter sicherer und hatte keine Ahnung, warum das so war. Womöglich aus demselben Grund, warum Raucher meist nicht wegen des Rauches rauchten, sondern wegen der Möglichkeit, etwas in der Hand zu halten. 

„Wie läuft’s bei dir?“, fragte er sie. 

Sie wusste, was er meinte. Er nickte ihr ermunternd zu. 

„Ein Frauentyp ist er ja schon“, sagte sie nachdenklich. 

„Klar. Sonst hätte er dich ja wohl nicht gekriegt.“ 

Sie saugte an ihrem Strohhalm und verzog das Gesicht: „Als ob ich der Frauentyp bin, der auf den Männertyp steht, der ein Frauentyp ist.“ 

„In Hamburg warst du noch unsicher, wie es laufen wird, wenn ihr in derselben Stadt wohnt.“ 

„Es funktioniert.“ 

„Ist das gut oder schlecht?“ 

Sie zuckte die Achseln. „Es ist schön, dass wir uns jederzeit spontan sehen können und ich keine tausend Kilometer mit dem Zug fahren muss. Andererseits krieg ich jetzt natürlich auch mehr mit: Die anderen Mädchen. Seine gedankenlosen Aktionen. Weißt du noch, das Huhn, das sie in Hamburg ermordet haben?“

Peter nickte. „Die Elfriede…“

„Ja, die Elfriede. Die haben das arme Tier damals tatsächlich abends gegessen. Aber anscheinend war das Huhn schon alt, jedenfalls muss das Fleisch sehr zäh geschmeckt haben. Geschieht ihnen Recht.“ 

„Ich kann mir schon vorstellen, dass man mit Justin in der Nähe stets mit dem Äußersten rechnen muss.“ 

Greta nickte. „In zweierlei Hinsicht, wie gesagt. Mädchen und Blödsinn. Das ist seine Welt. Bis jetzt war er ja brav. Aber ich seh‘s ihm an der Nasenspitze an, wie es ihn juckt, wieder auf Jagd zu gehen.“

„Scheiß Evolution, die hat in einer Million Jahre bei uns Männern immer noch nichts verändert.“

„Jetzt tu nicht so“, sie sah ihn belustigt an, „jeder weiß, dass du anders bist. Brauchst also deine Geschlechtskollegen nicht in Schutz nehmen. Schau dich und Sindia an. Jetzt seid ihr schon so lange zusammen. Und obwohl ihr damals diese Krise hattet, ist doch wieder alles gut geworden. Ihr habt damals, als wir uns im Café getroffen haben, wieder sehr glücklich zusammen ausgesehen. Ich muss immer an deine Geschichte denken, wenn es bei mir und Justin mal nicht so rund läuft.“

Peter verschluckte sich. Er hustete. Er sah sie an und wartete auf irgendein Zeichen, dass dies gerade als Scherz oder auf irgendeine Art und Weise als Witz gemeint war. 

„Es ist doch so“, wiederholte sie. 

Also hatte ihn Greta nicht durchschaut. Seine Hand griff in die Hosentasche nach dem Handy. Er wollte ihr die SMS zeigen. Sie aber sah ihn mit ihren großen, hellbraunen Augen an, als flehte sie darum, dass er ihren Glauben an eine schöne, heile Beziehungswelt nicht zerstören solle. Er ließ das Handy wieder zurück in die Tasche gleiten. 

„Nichts ist, wie es scheint. Aber jeder hat es selbst in der Hand wie er sein Leben glücklich gestaltet. Justin ist ein prima Kerl. Er wird dir schon keinen Anlass zu Kummer geben.“

Ihre Augen funkelten ihn kriegerisch an und ihre Hände verkrampften sich. „Das will ich ihm auch geraten haben“, sagte sie scharf, ohne ihr Lächeln in ihren Mundwinkeln aufzugeben.

Es gibt zwischenmenschliche Beziehungen, die leben von ihrer Stabilität. Die Balance ist ausgewogen, das Verhältnis ist gesetzt und gefestigt. Dann gibt es jene, deren einzige Verbindung es ist, dass sie sich gegenseitig über die schwere Bürde ihres Lebensabschnittsgefährten ausweinen und den anderen in Wahrheit als Notpfand ansehen, mit dem man eines Tages zusammen sein wird, wenn die jetzige Partnerschaft in die Brüche geht. Man ist aus irgendwelchen Gründen fest davon überzeugt, dass man selbst die wahre, heimliche Liebe des anderen ist. Dies geht so lange gut, bis der eine dann tatsächlich heiratet und mit der vermeintlichen zweiten Wahl eine Familie gründet. 

Dann gibt es wiederum jene, deren Freundschaft nur deshalb funktioniert, weil sie sich beide in einer glücklichen Beziehung befinden. Das Knistern zwischen beiden ist kaum zu verbergen und beide laben sich an diesem latenten Leiden, diesem unbestimmten Abenteuer, ohne jemals eine Verantwortung übernehmen zu müssen. Denn sie sind beide im Gleichgewicht und brauchen sich auch gegenseitig, um ihr eigenes Beziehungsleben im Gleichgewicht zu halten. Man nennt dies in der Biologie Symbiose. Falls eines dieser vier Standbeine nun wegbrechen sollte, würde dieses gesamte komplizierte Gebilde in sich zusammenfallen und aus der Symbiose würde ein Parasit entwachsen, der sich eigensinnig in ein prosperierendes junges Glück verbeißen könnte. Peter wollte kein Parasit sein. Nicht in der ersten Nacht. Greta sah glücklich aus. Und da sie lächelte, musste auch er lächeln. „Ich will mir unbedingt Nada Surf anschauen. Kommst du mit?“, fragte er.



Eine lange Schlange hatte sich vor den pinken Plastikhäuschen gebildet. Aus sozialpsychologischen Gründen zog er auf Open Air Konzerten den Besuch von Dixies dem Pinkeln auf regulären Toiletten vor, auch wenn es vom hygienischen Standpunkt her gesehen, wenig Sinn machte. Zum einen stehen die Mitglieder beider Geschlechter, ob mit oder ohne Glied, an einer Unisex Toilette an. Die meisten sind etwas pikiert und überspielen dies mit einer überfreundlichen Gelassenheit. Man kommt vor Dixies leicht ins Gespräch. Da aber auch vor übervollen gemauerten Toilettenräumen die Geschlechterteilung recht schnell aufgehoben wird, zählt dieses Argument wohl nicht sehr. Bleibt immer noch die gesicherte Privatsphäre zwischen süßlich stinkenden Plastikwänden. Aber zumindest das mit dem Mädchen - Begegnen klappte. Ein Mädchen hinter ihm lachte. „Ich glaube nicht an Seelenverwandtschaft“, sagte sie, „aber ich glaube an Pinkelverwandschaft: Dass zwei Menschen immer zur gleichen Zeit aufs Klo müssen.“ 

Es war Greta. Peter musste lächeln: „Du verfolgst mich doch, oder?“ Er lachte.

„Nicht ich verfolge dich, sondern die Blase, mein Pinkelverwandter.“ 

Er scherte kurzerhand aus seinem gesicherten Platz in der Reihe aus und stellte sich etwas weiter hinten neben sie. „Ich hab diese ganzen schwerverliebten Pärchen nicht mehr ausgehalten.“ 

„Man hat‘s dir angesehen. Justin hätte mich sicher kurz ausgeliehen, wenn du ihn gefragt hättest“, sagte sie im Scherz. 

Er sah sie herausfordernd an, versuchte in ihren Augen zu lesen, was sie mit dieser flapsigen Bemerkung zu bewirken versuchte. Peter selbst streute derartige, nur oberflächlich belanglose Bemerkungen gerne absichtlich wie einen Testballon, um die Gesinnung des anderen zu lesen. Er hoffte, dass Greta ähnlich tickte. Ihr Gesicht war entspannt und ihre Augen leuchteten zufrieden. Sie erwiderte fröhlich seinen Blick. Es war wohl wirklich nichts weiter als eine gedankenlose Bemerkung ohne einen Hintergedanken gewesen. 

„Das hätte ich wohl tun sollen“, antwortete er leise und musste sich über sich selbst wundern. 

Da war sie nun auf seiner Seite, jene gezielt beiläufige Bemerkung. Greta war mit ihren Gedanken längst wieder woanders und ihr Blick schweifte über das Gelände: „Es ist perfekt hier“, sagte sie und Peter antwortete: „Die perfekte Nacht.“ 

„Ja.“ 

Der warme Föhnwind fuhr ungestüm herab und ließ ihr Haar flattern. Sie schloss kurz die Augen. Greta besaß eines dieser außergewöhnlichen Augenpaare, die immer wach und gütig leuchteten und die scheinbar nie blinzelten. Sie war auch mit geschlossenen Augen schön. 

„Lass mich zuerst, du passt auf“, sagte sie, als beide kurz darauf an der Reihe waren.

Während Peter anschließend in dem unheimlichen, dunklen Kasten stand, versuchte er nicht zu atmen und nichts zu riechen und in die kleine Öffnung zu treffen.

Er wusste, sie stand draußen und wartete auf ihn und diese Gewissheit breitete sich wie eine wohlige Annehmlichkeit eines erfüllten Lebensgefühls in ihm aus. Peter fragte sich, ob er jemals an Sindia gedacht hatte, wenn er im und sie vorm Klo gestanden war. Der Gedanke an die Selbstverständlichkeit, dass Greta vielleicht für immer vor dieser Dixi Toilette auf ihn warten könnte, fühlte sich tröstlich an. Auch als er sein Geschäft längst vorschriftsmäßig beendet hatte, blieb er noch stehen, harrte in einem schwerelosen Schwebezustand aus und sog die Tatsache, dass beider Leben in diesem Moment eng miteinander verflochten waren, ohne dass sie sich sahen, tief in sich hinein. 

Als er die Tür öffnete und wieder ins Freie stolperte, blickten ihn ein gutes Dutzend Augenpaare an mit jenem Blick, der nichts anderes aussagte als: Schaut den an, der war scheißen. Es war ihm egal. Wo war Greta?

Er sah sich um, sah nach links, nach rechts. Greta war weg.

Die Illusion war zerplatzt. Sie hatte nicht auf ihn gewartet.

Nada Surf waren inzwischen wieder von der Bühne verschwunden. Dort stand nun eine Hip Hop Band und Peter ging zurück in die Fabrikhalle zu seinem Barkeeper mit dem Michael Knight T-Shirt.

„Wie oft am Tag musst du dir eigentlich irgendwelche Lebensgeschichten von Wildfremden anhören?“, fragte er ihn, nachdem er einen weiteren Cuba Libre bestellte.

„Mit oder ohne dir?“, fragte er.

„Mit.“

„Dann einer. Du bist der Erste.“

„Tatsächlich?“ „Du bist recht früh dran. Die Seelenleichen kommen üblicherweise immer erst später angeschwemmt. Die jammern erst über ihre Herzscheiße, wenn sie betrunken sind.“

„Ich bin betrunken.“

„Na, wo zwickt‘s denn?“, fragte er und putzte mit gespitzten Lippen ein Glas, wie es die Barkeeper in Hollywoodfilmen immer tun.

„Wie groß sind die Chancen, dass man am gleichen Tag, an dem man sich von seiner Freundin getrennt hat, ein Mädchen erobert, das selbst einen Freund hat?“

Peter war sein einziger Gast, darum spielte der Barmann das Spiel mit. Er beugte sich zu ihm vor und sah ihn mit empathischen Barkeeperaugen an: „Wenn der Freund des Mädchens damals mit seiner Freundin Schluss machen musste, um mit ihr zusammenzukommen, dann sind deine Chancen sehr gut.“

„Warum?“, fragte Peter überrascht. Justin hatte sich damals tatsächlich von seiner langjährigen Freundin getrennt.

„Karma“, antwortete der Barmann und grinste allwissend.

„Karma! Du musst der Uri Geller unter den Barkeepern sein“, sagte Peter kopfschüttelnd, nahm sein Getränk und ging weiter in die kleine Halle.

Wenn der Michael-Knight-Cuba-Libre-Mixer mit seiner Karmatheorie recht hatte, dann stand es heute nicht Peter zu, unverhofft einen Menschen verliebt zu machen, sondern Justins Exfreundin.

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