Auszug Kleinstadtrebellen

 

Ein Auszug aus dem Beginn der Kleinstadtrebellen. 

 

Samstagnacht, Flutlichtscheinwerfer, Millerntor Sankt Pauli, weit weg von daheim. Peter ließ die vertraute Wut tief in sich, irgendwo tief drin, köcheln, nachbrodeln. An der Oberfläche, wo es nach Salzwasser und Gezeiten roch, war er ruhig. Die frische Seeluft ließ seine scharfen Gedanken zur Ruhe kommen und er ließ es zu, die Atmosphäre der Stadt mit jedem Luftzug aufzusaugen, in sich wirken zu lassen. Er stand in der Fankurve im Stadion des FC Sankt Pauli, das Leben könnte kaum schöner sein, wären da nicht diese verdammten Gedanken, die ihn nicht mehr loslassen wollten. Es war ein langes Jahr gewesen und dabei hatte der Herbst noch gar nicht begonnen. Wäre es nicht schon so lange her, würde er als Ursache seines permanent wütenden Gemütszustandes anführen, dass sein Vater im Frühjahr gestorben war. Aber das war schon zu lange her, und Peter ließ nicht zu, die Wurzel dieser unbestimmten Unzufriedenheit darauf zu reduzieren. Vielmehr entsetzte es ihn, wie gut es ihm selbst gelang, mit der Situation umzugehen. Im Gegensatz zum Rest der Welt. Warum musste immer alles so anstrengend sein und wo zum Teufel war die Schwerelosigkeit von früher hin? Das sogenannte Leben hatte begonnen. Aber anders als er es sich vorgestellt hatte. Während Peter noch überlegte, wie er sein Leben nun, da alles anders war, neu justieren sollte, schlugen die handfesten Veränderungen über ihm ein wie die Wellen während eines Sturmes. Während seine Freunde Familien gründeten und ihre Karrieren vorantrieben, steckte er fest. In einer zweijährigen Beziehung, die längst erkaltet war. In einem langweiligen Schreibtischjob, den er nur noch ausübte, um die karge Zweizimmerwohnung in der tristen Kleinstadt, in der er schon geboren worden war, zu finanzieren. Man konnte es auch so ausdrücken: Er war am Ende. Vielleicht noch nicht an dem Ende, das kurz vor der Erlösung aufzutreten beliebt, aber an einem unbestimmten Ende ganz bestimmt.

Erlösung. 

Von diesem Kurztrip nach Hamburg erhoffte er sich nicht weniger als Erlösung. Ein Zustand, den man erst erhofft, wenn die subjektive Realität, der Status quo, unerträglich geworden ist, also ein schweres religiöses Wort, von dem er sich immer fern gehalten hatte, aber es spukte in seinem Kopf  herum, seit er sich in den Bus gesetzt hatte. Erlösung. 

Es hatte von ihm Besitz ergriffen in dem Moment, als er sich für die Reise angemeldet hatte. Erlösung wovon? Und wie? Er wusste es nicht, aber er hoffte auf einen großen Knall, ein Erweckungserlebnis, das ihm die Augen öffnete. Alles, was anders war als das Gegenwärtige, war gut. 

Sie ahnte wohl von Anfang an, dass eine Ausbruchsfantasie ähnlich eines an der Midlife-Crisis Leidenden hinter den Hamburgplänen steckte. 

„Mit dem FC-Bayern-Fanclub?“, hatte Sindia ihn fassungslos gefragt. „Seit wann interessierst Du Dich für Fussball? Wenn du unbedingt Hamburg besuchen willst, hättest du ja auch mich fragen können. Aber ausgerechnet mit den Typen vom Bayern-Fanclub hinfahren?“ 

Peter zweifelte, dass sie auch nur im Ansatz nachvollziehen konnte, was in seinem Kopf vor sich ging - wie konnte sie auch? Sie war schließlich eine Frau und ihm kam es vor, dass sie in den letzten beiden Jahren schleichend, aber beständig auch eine Frau aus ihm gemacht hatte. Wie könnte man besser ausbrechen, als mit Fußballfans nach Sankt Pauli zu fahren? Die Tage vor der Abreise hatten sie sich über Grundsätzliches gestritten, sich tagelang Argument um Gegenargument geliefert und sich gegenseitig Vorwürfe gemacht.

Während der zwölfstündigen Busfahrt hatte Peter viel Zeit gehabt, um nachzudenken. Er wusste, dass die Tage, in denen Peter und Sindia das Vorzeigepaar gewesen waren, gezählt waren und mühte sich positive Gedanken ab, die allesamt sagten: Das wird schon wieder. Und wenn nicht, dann sollte es eben nicht sein. 

Nach einem Tag Hamburg mit Hafenrundfahrt und Stadtrundgang war er immer noch wütend. Aber sein Herz war offen für neue Abenteuer. 

„Ich wär so gern in der Pauli-Kurve“, seufzte Hannes. 

Er trug eine beige Lederjacke und hatte sich eine der schwarzen Sankt-Pauli-Plastiktüten samt Totenkopf auf die Hinterseite seiner Jacke getackert. 

„Ich bin froh, dass ich überhaupt dabei sein kann!“, entgegnete Peter. 

Beide standen in der Kurve der Auswärtsfans im Stadion am Millerntor. Sie hatten sich einen Platz etwas abseits am unteren linken Rand des Blocks gesucht, damit Hannes, der Sankt-Pauli-Fan, nicht negativ auffiel. Er war bereits auf der gesamten Hinfahrt von den Leuten des Bayern-Fanclubs neckisch aufgezogen worden, weil jeder wusste, dass Hannes nicht als Anhänger des FC Bayern mitgefahren war. Hannes war dennoch selig, in Hamburg zu sein. Er musterte Peter und lächelte: „Siehst gut aus inzwischen. Nicht mehr ganz so verbissen wie gestern. Hab doch gesagt, die Stadtluft tut dir gut. Sankt Pauli ist Freiheit! Und was gibt es Süßeres als die Freiheit?“ 

„Hast Recht. Große Freiheit und Hamburg. Da war doch was. Vielleicht sollte ich einfach hier bleiben, damit ich meinen Kopf endlich frei bekomme.“ 

„Sag‘s zweimal, ich mach sofort mit!“

Etwas vibrierte und Peter griff in seine Tasche. 

„Tu‘s nicht!“ Hannes stöhnte auf.

Peter las angespannt die SMS auf seinem Handy. Seine Miene glättete sich etwas. 

„Zumindest keine Vorwürfe mehr“, sagte er leise. 

Hannes verdrehte die Augen: „Warum tust du dir das eigentlich an? Du bist doch gar nicht mehr der, der du mal warst.“ 

„Natürlich nicht. Ich bin ja auch zwei Jahre älter geworden.“

„Du weißt genau, was ich meine“, sagte Hannes. „Hör mal Peter, ich hab nichts dagegen, wenn sich jemand verbiegt, damit er eine glückliche Beziehung führen kann. Die andern machen‘s ja auch nicht anders. Aber du bist der einzige von uns, der sich damit todunglücklich durchs Leben schleppt.“

„Vielleicht hab ich ja einen Grund, todunglücklich zu sein?“, entgegnete Peter. 

Hannes sah ihn an: „Klar, du hast ein schlimmes Jahr hinter dir und niemand beneidet dich darum. Aber jeder ist seines Glückes Schmied und langsam frage ich mich, ob deine Traurigkeit nicht hausgemacht ist. Außerdem sind wir auf Sankt Pauli und du hast mir geschworen, dich nicht unterkriegen zu lassen!“

Peter rang sich ein halbherziges Lächeln ab. 

„Sankt Pauli!“, rief er halblaut und es fühlte sich gut an.

Es war eine milde Nacht am Hamburger Millerntor. Es hatte den ganzen Tag über in Strömen geregnet, gegen Abend schließlich riss der Himmel aufs auf und der Hamburger Wind trug warme, milde Seeluft in die Stadt. 

Die Stimmung im Stadionrund war fantastisch, sogar frenetisch. Nur im Fanblock des FC Bayern wollte keine rechte Freude aufkommen, da die favorisierten Gäste nur schwer ins Spiel kamen. 

Als Sankt Pauli den Führungstreffer erzielte, ging ein dumpfes Raunen durch das Stadionrund und der Torjubel grollte wie ein ferner Donner von der gegenüberliegenden Kurve herüber. Auch im Fanblock des FC Bayern trennte sich die Spreu vom Weizen. Hannes hüpfte jubelnd umher, brüllte sich die Kehle aus dem Leib und war zu Peters Überraschung nicht alleine. Links wie rechts lagen sich mehrere, meist junge Menschen in den Armen. Offensichtlich hatten sich einige Schlachtenbummler des FC Sankt Pauli Karten für den Gästeblock kaufen müssen, um das Spiel überhaupt sehen zu können. Die ersten Totenkopfflaggen wurden ausgerollt und wehten im Fanblock der Gäste nicht gerade zur Freude der bajuwarischen Fußballfans.

Einer der aufgebrachten Bayernanhänger begann, die gegnerischen Anhänger zu beschimpfen:

„Wenn ihr schon im falschen Block steht, dann haltet wenigstens euer Maul, ihr scheiß Fischfresser!“, schrie er wütend mit leicht fränkischem Dialekt. 

Einer der Paulifans drehte sich um und schnauzte in tiefem bayerischen Dialekt zurück: 

„Und wo seid‘s es nachad her, ihr Saupreissn?“

Hannes sah sich dem Jungen um. Er stieß Peter an: „Schau mal, weißt du, wer das ist? Das ist der Obermayer Justin!“

Er deutete auf einen blonden Jungen Anfang Zwanzig, der gut gelaunt noch immer das Tor beklatschte. „Tatsächlich.“ 

Peter lächelte. „Was macht der denn hier?“ 

Justin war in derselben Stadt wie die beiden aufgewachsen und vor vielen Jahren mit Peters kleiner Schwester befreundet gewesen. Man kannte sich vom Sehen. Die beiden zwängten sich den Block hinunter, um Justin zu begrüßen. 

Als sie seinen Namen riefen, drehte sich Justin verdutzt um. „Geil!“, rief er und schaute die beiden überrascht an.

„Was macht‘s ihr denn in Hamburg! Endlich mal bekannte Gesichter, die dazu bayerisch sprechen!“

„Wir sind mit dem Fanclub hier“, sagte Peter. „Was verschlägt dich hierher?“

Justin lächelte: „Ich wohne hier. Schon seit einem Jahr. Ich studier im zweiten Semester Völkerkunde. Aber nicht mehr lang. Ich brech wohl noch dieses Jahr ab. Ist nicht so mein Ding. Außer Kiffen lernt man dabei nicht viel. Außerdem möchte meine Freundin, dass ich was Anständiges, zum Beispiel BWL studiere. Wahrscheinlich sehen wir uns ab dem nächsten Jahr sogar wieder regelmäßig. Wie geht’s eigentlich deiner Schwester?“

Peter zuckte die Achseln. „Weiß nicht. Wir sehen uns nicht so oft.“

Peter überlegte einen Moment, ob er die Sache mit seinem Vater erwähnen sollte. Aber da Justins Bekanntschaft mit seiner Schwester mehr als fünf Jahre zurücklag, entschied er sich dagegen. „Schon ein Zufall“, sagte er stattdessen.

„Für euch schon. Ich selbst hab fest damit gerechnet, heute auf bekannte Gesichter zu treffen. War ja klar, dass die Rot-Weißen einen Bus vollmachen und rauffahren.“

„Ja, es sind mehrere Leute da. Aber eher die Leberkässemmel-Fraktion“, sagte Hannes und grinste schief.

„Leberkässemmeln. Mmh, die hätte ich auch gern mal wieder.“ Justin konnte seine Freude darüber, jemanden aus der Heimat zu treffen, kaum verbergen. „Ich hab richtig Heimweh“, gestand er.“

„Kaum zu glauben“, entgegnete Hannes, „Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich will unbedingt irgendwann in Hamburg leben.“

Justin überlegte kurz: Habt ihr Lust, nach dem Spiel mit uns auf der Reeperbahn zu feiern?“

Hannes war von der Idee begeistert. „Der Bus fährt erst morgen Mittag wieder zurück. Wir hatten ohnehin vor, durchzumachen.“

Peter nickte. „Klar kommen wir mit!.“

Er spürte plötzlich etwas, das er seit Monaten verloren glaubte: Er war glücklich. Glücklich und gespannt, was als nächstes kommen würde.

Dass es eine besondere Nacht werden würde, ahnte Peter bereits, als mehrere Dutzend Polizeiwagen mit Blaulicht vom Stadion in Richtung Schanzenviertel fuhren. „Heute ist das Schanzenfest“, erklärte Justin. 

Der Großteil der Gruppe verabschiedete sich bald aufgrund der explosiven Stimmung in der Stadt. Übrig blieb noch ein Pärchen: Nils und Eva sprachen hochdeutsch, outeten sich aber, keine Einheimischen zu sein. Genau wie Justin studierten sie hier und wohnten mit ihm am Hamburger Berg in einer WG. 

Justin lebte seit über einem Jahr in Hamburg und kehrte nur in den Semesterferien nach Bayern zurück. Sein Heimweh nach der farbenfrohen Landschaft konnte aber auch das kreative Stadtleben, für das er sich letztendlich bewusst entschieden hatte, nie ganz vertreiben. Er war auf eine fast rührende Art und Weise aufgedreht und euphorisch darüber, jemanden aus seiner kleinen Heimatstadt getroffen zu haben. Er und Peter hatten sich vor Jahren, als Justin im Haus der Familie Schäfer ein und aus ging, so gut kennengelernt, wie man die Kumpel der jüngeren Geschwister im frühen Teenageralter eben kennenlernte. Peter hatte Justin aufgrund seiner frechen, selbstbewussten Art schon damals gemocht, weil er selbst das genaue Gegenteil war. Zurückhaltend, vernünftig… langweilig. Trotz des Altersunterschieds verband sie in dieser Zeit eine unausgesprochene Freundschaft, die ebenso herzlich wie oberflächlich war und mit den Jahren, als sich die jungen Leute zum Studium in ganz Deutschland zerstreuten, rasch wieder endete.

Während Justin über das Wiedersehen mit seinen Landsleuten berauscht war und Hannes seit ihrer Ankunft in Hamburg ohnehin nur mit weit aufgerissenen, leuchtenden Augen anzutreffen war, ließ sich Peter von der Freude der beiden anstecken. Eine lang vermisste Sorglosigkeit machte sich in ihm breit und erinnerte ihn an sein altes Leben.

Peter wäre ohne Hannes niemals nach Hamburg gefahren. Sie waren Freunde seit Sandkastentagen und als junge Männer verband sie eine ausgeprägte Affinität für das wilde, laute Wochenendleben, das die letzten Monate jedoch nur noch von Hannes ausgelebt wurde. Hannes hatte sich seine Freiheit von niemandem nehmen lassen, dachte Peter, und er war unauffällig aber konstant seinen Weg gegangen. Auf der Busfahrt nach Hamburg hatte Peter begriffen, dass nur noch Hannes der ihn daran erinnerte, wie er selbst einmal gewesen war und wie weit er sich von seinen Träumen entfernt hatte. Aber jetzt gerade, in diesem Augenblick, war er so nah dran an diesem alten Peter, wie seit zwei Jahren nicht mehr.

Das Schanzenviertel brannte. Schon von Weitem sahen sie die Flammen, die aus einem mittelgroßen Feuer mitten auf der Straße empor züngelten.

Justin lachte: „The same procedure as every year.“

„Das Schanzenfest ist eigentlich ein friedliches Familienfest“, erklärte Eva, die lächelte, während sie die Flammen betrachtete. „Wir waren heute Nachmittag auch schon da und haben portugiesisch gegessen. Überall sind Stände aufgebaut und es gibt Aufführungen an der roten Flora.“

Peter sah sie fragend an: „Rote Flora?“

„Die rote Flora ist ein abbruchreifes Haus, das vor Jahren von der autonomen Szene besetzt wurde“, erklärte Nils. „Es wurde wieder instand gesetzt und seitdem für kulturelle Zwecke verwendet. Ein Vorzeigesymbol der Linken hier im Schanzenviertel.“

„Ähnlich wie das Fest“, fügte Eva hinzu. „Die Linken und die sympathisierenden Künstlerkreise organisieren es jedes Jahr. Es sind hunderte Familien da, weil es Speisen zum Einkaufspreis gibt und die Atmosphäre fantastisch ist. Allerdings ist das Fest nicht angemeldet, also eigentlich illegal.“

„Und Jahr für Jahr gegen Abend kippt die Stimmung“, fuhr Justin fort. „Traditionell wird der liegengebliebene Unrat angezündet und die Linken beginnen, die Polizei zu provozieren. Von Jahr zu Jahr wird das Polizeiaufgebot größer und die Krawalle heftiger.“

„Man sieht’s.“ Peter ließ seinen Blick über die schwer gepanzerten Polizisten schweifen, die links und rechts der Straße zu Hunderten ausharrten und grimmig dreinblickten. 

„Letztes Jahr kämpften 3000 Polizisten gegen 300 Randalierer“, sagte Justin und grinste vielsagend.

Die Straße sah gespenstisch aus. Während am einen Ende noch immer fröhlich feiernde junge Menschen auf Bierzeltbänken saßen und auf der anderen der Straßenzug von den anrückenden Polizeikolonnen abgeriegelt wurde, brannten in der Mitte die ersten Feuer und einige wahnwitzige Punks sprangen singend um das Feuer herum und schwenkten ihre Bierflaschen. 

Die Fünf gingen an einem halben Dutzend gepanzerter Wasserwerferwagen vorüber und die Polizisten beäugten sie misstrauisch. Peter bemerkte, dass seine Begleiter mit ihren Totenkopfaufnähern auf den Taschen, Pullis oder Mützen nicht gerade vertrauenswürdig aussahen. Plötzlich geriet einer der Panzerwagen in Bewegung. Er scherte aus der Reihe aus und fuhr bedrohlich auf die Punks in der Mitte der Straße zu. Ein Pfeifkonzert ertönte. „Das ist ja wie `68 in Prag!“, jubelte Eva.

Weitere gut dreißig Mann aus der Armee der Polizisten stiefelten im Gleichschritt die Straße entlang. Sie trugen allesamt Helme, waren mit Schildern und Schlagstöcken bewaffnet undbauten sich links und rechts des Panzerwagens auf. Ein Kommandant begann durch ein Megafon zu sprechen und seine Stimme dröhnte verzerrt über das Areal: „Hören Sie auf mit diesem Unsinn. Seien sie doch vernünftig!“

Als Antwort ertönte ein gellendes Pfeifkonzert und mehrere Hundert Schaulustige strömten aus allen Gassen des Viertels herbei. Einen Augenblick lang spürte Peter, wie ihm Angst das Gedärm empor kroch. Aber seine Begleiter blieben gut gelaunt, beobachteten vergnügt die Entwicklung der Ereignisse und Peter ließ sich von ihrer guten Stimmung anstecken. „Ist das geil, endlich rührt sich mal was!“, rief Hannes und seine Augen leuchteten. 

„Machen Sie das Feuer aus!“, rief der Beamte erneut durch sein Megafon. „Wir werden nicht zögern, sie am Ausführen weiterer Delikte zu hindern.“

Die Punks ließen sich nicht beeindrucken, sprangen weiter ausgelassen wie Dutzende Rumpelstilzchen um ihr Feuer herum und schleppten weiteres brennbares Material heran.

„Dies ist unsere letzte Warnung“,  rief der Kommandant in sein Megafon. 

Zur Unterstreichung seiner Drohung, geriet der Wasserwerfer laut quietschend in Bewegung und wurde auf das Feuer justiert. Als die Punks keine Anstalten machten, das Feld zu räumen, schüttelte der Polizist genervt den Kopf. Er hob den Arm und rief: „Wasser Marsch!“

Zischend schoss der Wasserstrahl aus der Düse und schlug mit voller Wucht gegen die brennenden Barrikaden. Das Feuer war in wenigen Sekunden gelöscht. Einer der Punks reckte als Antwort den Mittelfinger in die Höhe, worauf der Wasserstrahl scheinbar versehentlich verrutschte und den verdutzten Kerl frontal am Oberkörper traf. Die Rebellen hatten ihr erstes Fanal. Sogar Peter erwischte sich, wie er empört in den Chor der Entrüstung mit einstimmte. Erneut geriet der Wasserwerfer auf Höhe der Fünf in Bewegung und richtete sich bedrohlich auf Peter und die anderen. Nun bekam er es mit der Angst zu tun. Das war immerhin die Polizei. Er drängte die anderen zum Weitergehen. 

„Warte, das ist geil.“, versuchte ihn Eva zurückzuhalten.

„Was ist geil?“

„Justin und ich sind letztes Jahr von einem Wasserwerfer frontal getroffen worden. Das war ein unfassbarer Kick. Besser als Bungee Jumping.“

„Ja!“ Justin lachte. „Das war geil!“

Peter sah sie verständnislos an und schüttelte den Kopf. 

„Wir haben hier genug gesehen. Außerdem muss ich mich langsam beeilen.“, sagte Justin und schlug vor, ein paar Meter weiter zu gehen.

„Habt ihr noch was anderes vor?“, fragte Peter.

„Er hat noch was anderes vor“ korrigierte Eva und Nils fügte hinzu: „Justin trifft sich noch mit seiner Freundin. Sie hat keine Karten für das Spiel, ist aber zurzeit in Hamburg zu Besuch.“

Justin zwängte sich am langen Spalier der Beamten vorbei und verschwand in der Menschenmenge. Die anderen folgten ihm.

In einer Seitenstraße standen mehrere Männer und Frauen fortgeschrittenen Alters und offensichtlich aus besseren sozialen Schichten stammend. Sie hielten Sekt- und Cocktailgläser in der Hand, schlürften mit gespreizten Fingern ihre Getränke und sahen amüsiert dem Aufeinanderprallen der Randalierer mit den Polizeikräften zu. Es war ein seltsames Bild, das sich Peter und den anderen bot. Während sich auf der einen Seite das Geschrei und die Pfiffe der Protestierenden mit den Motoren der Panzerwagen vermischte, standen hier die Krawalltouristen fröhlich zusammen und diskutierten sozialistische Theorien. 

„Ich muss auf‘s Klo“, drängte Eva, während sich Justin in alle Richtungen umsah.

Sie waren durch eine geschlossene Reihe von Polizisten von den Randalierenden getrennt und konnten nicht genau sagen, ob die Polizisten sie schützten oder davon abhielten, im Kampfgetümmel mitzumachen. Während Eva und Nils in die Bar, vor der sie standen, verschwanden, betrachteten die anderen drei weiter das Geschehen. Der Panzerwagen rückte vor und schoss mit seinem Wasserstrahl mehrmals unkontrolliert in die Menge, was die Protestierenden umso wütender machte. Einige der Herren aus dem Establishment klatschten zigarettenrauchend Applaus und zogen den Unmut eines in die Jahre gekommenen Punks auf sich. Der begann aggressiv über die Achtzigerjahre in der Hafenstraße und den Polizeistaat Deutschland zu diskutieren. Beide warfen sich die bekannten Pros und Kontras von Sozialismus und Kapitalismus an den Kopf und nur das gewaltige Polizeiaufgebot verhinderte, dass sie sich nicht auch noch andere, gegenständlichere Dinge an den Kopf warfen. 

Eva und Nils kehrten mit Longdrinks in den Händen aus der Bar zurück.

„Happy Hour“, erklärten sie grinsend.

Peter fühlte sein schlechtes Gewissen. Anstatt der Jugend im Kampf gegen das Establishment zur Seite zu stehen, stand er, feig wie er sein Leben lang gewesen war, in Sicherheit hinter den Polizeireihen und sah tatenlos zu. So war es immer gewesen. Er hatte noch nie etwas Außergewöhnliches, Gefährliches oder sogar Verbotenes getan, sondern immer nur davon geträumt. Er wäre gerne dabei gewesen in den 68ern. Bei den Anti-Springer-Demonstrationen. Oder ´89 in Berlin. Aber selbst wenn er dabei gewesen wäre, hätte er sich wohl ebenso verhalten wie hier: Er ging in die Bar und bestellte sich einen Long-Island-Eistee. Während er auf seinen Drink wartete, fiel ihm ein Mädchen auf, das neben ihm am Tresen stand. Sie fiel ihm nicht einfach nur auf, sie zog nicht weniger als seine gesamte Aufmerksamkeit auf sich.

Es war eine junge Frau mit fröhlichem Gesichtsausdruck. Ihre blonden Haare hingen ihr wild und auffällig ungekämmt ins Gesicht. Sie trug ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Strokes“, eine grüne Jacke und auf dem Kopf eine farblich abgestimmte Mütze. Ihre aufgeweckten Augen trafen einen Moment auf seine und als sie lächelte, bildete sich neben einem Schönheitsfleck, der seinen Namen verdient hatte, ein kleines Grübchen.

Peter erstarrte und merkte, wie ihm gerade der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Da war er gewesen. Ein Blick, der ihm bis ins Herz ging und sofort ein leichtes Schmerzen in seinem Unterleib verursachte. Sie lächelte unbestimmt, nahm ihren Cocktail entgegen und stellte sich etwas unsicher an den Tresen. Einen Augenblick später kam Hannes herein, um sich ebenfalls einen Longdrink zu bestellen. Peter fiel auf, dass auch sein Blick an dem des Mädchen hängen blieb. Er zwinkerte Peter zu: „Ich liebe Hamburg“, sagte er.

„Ich weiß. Sag mal, auf wen warten wir eigentlich?“

„Auf Greta“, antwortete er. 

„Wer ist Greta?“, fragte Peter.

Da drehte sich das blonde Mädchen um. „Ich bin Greta!“, sagte sie verdutzt und die beiden, Peter und Greta, sahen sich verwundert an.

„Kennen wir uns?“, fragte sie verwirrt. „Seid ihr auch aus Bayern?“

„Wenn du Greta bist …“, setzte Hannes an und sie unterbrach ihn noch einmal, vehement nickend: „Ich bin Greta!“

„… dann bist du Justins Freundin?“

Das seltsame Trio schaute sich unschlüssig an bis schließlich Greta herzlich zu lachen begann.

„Ich bin Greta“, murmelte Peter und sah das Mädchen an, als sei sie eine verwunschene Fee, die nur auf die Erde gekommen war, um ihn zu erlösen.

„Justin steht draußen und wartet auf dich“, beendete Hannes seine Träumerei und fügte hinzu: „Wir sind Freunde von ihm. Alte Kumpel.“

Vor dem Lokal fielen sich Justin und Greta in die Arme, als hätten sie sich seit Wochen nicht mehr gesehen. Als sie sich küssten, stand Peter peinlich berührt daneben und wunderte sich über die Sprünge, die sein Herz gerade machte. Was zum Teufel war das für ein seltsames Gefühl, fragte er sich.

„Ihr habt euch schon kennengelernt?“, fragte Justin und stellte Peter und Hannes noch einmal vor.

„Also ganz offiziell: Ich bin Greta“, sagte sie, als sie Peter die Hand schüttelte und Peter liebte es, diesen Namen zu hören.

„Ich bin Greta“ murmelte er leise, als sei es die Zauberformel, die seinem verkorksten Leben einen Sinn zu geben vermochte und lächelte. 

Auf einmal tat es einen lauten Knall. Ein Feuerwerkskörper explodierte, alle zuckten erschrocken zusammen und ein Raunen ging durch die Menge.

Greta wurde wieder zur Nebensache und alle Augen richteten sich auf das Schlachtfeld.