Kleinstadtrebellen: Die Sache mit dem Sack

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Am Samstag hatte Justin ein großes Weinfest veranstaltet und bis weit nach Mitternacht waren in der gesamten Unterstadt volkstümliche Schlager aus heiseren Kehlen zu hören gewesen. Am folgenden Montagmorgen lag ein großer schwarzer Plastiksack mitten in der Einfahrt zur Mühle.

Justin ignorierte ihn zunächst, da am gleichen Tag Müllabfuhr war. Der Montag war ein brütend heißer Julitag und als Justin am späten Nachmittag von der Uni nach Hause kam, lag der Sack immer noch in der Einfahrt. Das leichte Odör, das der Sack am Morgen verströmt hatte, war zu einem bestialischen Gestank gekippt. Ein Gestank, der im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend war. Per Facebook Post sprach sich die Geschichte vom Sack in Windeseile herum und wüste Spekulationen kursierten im Internet:

Justin Riederer: Bei uns liegt ein stinkender Sack voll mit totem Fleisch vor der Mühle (Greta Gretanette und 49 anderen gefällt das)

Felix: Riederer: Hast du gecheckt, ob das der Basti ist?

Basti –Riederer: Felix, du Depp! Ich bin doch in der Arbeit!

Peter und Hannes fuhren am Spätnachmittag gemeinsam zur Mühle hinunter. Es standen bereits ein gutes Dutzend Menschen in der Einfahrt und diskutierten angeregt darüber, was sich da im Sack wohl befand.

„Mein Gott, das stinkt ja noch schlimmer als befürchtet!“, sagte Hannes und hielt sich die Hand vor den Mund.

Peter hatte nicht nur wegen des Gestanks ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als er den riesigen, stinkenden Plastiksack begutachtete.

„Ich weiß ja nicht, ob ihr Twin Peaks gesehen habt, aber das hier sieht aus, als ob da drin eine blonde Leiche drin liegt. Hat schon jemand rein geschaut, was wirklich drin ist?“, fragte Peter.

Achselzucken.

„Ohne Scheiß, also ich trau mich nicht“, sagte Justin. „Es könnte doch sein, dass da echt eine zerstückelte Leiche drin liegt, oder?“

„Wir müssen die Polizei anrufen“, sagte eines der Mädchen.

„Spinnst du?“, fuhr sie Basti an. „Im Haus liegt so viel Gras, dass wir einen ganzen Golfplatz begrünen könnten!“

Peter griff nach einem Stock und piekste in den Sack. Er gab elastisch nach.

„Also es fühlt sich schon wie Fleisch an.“

„Muss aber ein großes Tier sein.“

„Oder ein Mensch.“

„Super. Und was machen wir jetzt mit der Leiche?“, fragte Justin genervt.

Alle schauten Peter an.

„Irgendwer muss reinschauen“, sagte Peter. „Ich glaube nicht, dass es eine Leiche ist. Aber nachschauen müssen wir fast.“

„Na gut. Lisa, deine Eltern sind doch Metzger, also schau du rein“, schlug Justin vor.

Das Mädchen schüttelte angeekelt den Kopf: „Spinnst du? So furchtbar hat’s bei uns nicht mal gestunken, als die Kühlung mal drei Tage ausgefallen ist!“

„Hab ich’s doch gewusst, dass ihr Gammelfleisch in euren Leberkäs reinhaut.“

„Jaja, sehr witzig. Aber im Ernst: So wie das stinkt, ist das Fleisch. Richtig viel Fleisch.“

Alle schwiegen. Justin schaute Basti bittend an: „Du scheißt dir doch sonst nie was. Schau du mal rein!“

Basti trat einen Schritt zurück. „Nie im Leben!“, schimpfte er. „Ich hab einmal ein von einem Panzer überfahrenes Pferd gesehen. Das macht mir heute noch Alpträume. Nein, echt nicht! Das ist doch krank!“

„Super“, Justin seufzte. „Felix, was meinst du?“

„Wenn ihr mich fragt, dann soll Basti sein Scheiß Gras beiseite schaffen und wir rufen die Polizei an.“

„Ich darf es also ausbaden. Dankeschön!“, schimpfte Basti und schlug vor: „Manche Dinge erledigen sich oft von allein. Vielleicht holt der Besitzer den Sack ja ab und er ist morgen schon weg“

Justin nickte. „Okay. Das ist bisher der beste Vorschlag.“

War es nicht, dachte Peter.

Langsam löste sich die Runde wieder auf und man ließ den Sack dort liegen, wo er war.

Am Donnerstagabend radelte Peter wieder runter zur Mühle. Er hatte eine mittelprächtige Woche hinter sich und an manchen Tagen verfluchte er seinen Job in der Diakonie.

Eine Familie, die von der Diakonie betreut wurde, hatte sich beschwert, dass der Wind den Gestank der Kläranlage inzwischen bis zu ihrem Haus wehte.

Die Sache mit dem Sack war da längst vergessen und erst auf halbem Weg zur Mühle machte es bei ihm Klick: Die Isarstraße, in der angeblich der Gestank der Kläranlage zu riechen war, verlief quer zum Riederer Weg.

„Oh mein Gott“, dachte er und als er um die Ecke bog, schlug ihm schon die Wand aus fauligem Verwesungsgeruch entgegen.

Justin wippte in einem Schaukelstuhl auf der Veranda vor der Mühle.

„Meine Güte, wie hältst du das nur aus?“, rief Peter.

„Westwind!“, rief Justin gut gelaunt.

„Ich dachte, du hättest Lust auf ein Bier, aber unter diesen Umständen…“ Peter deutete auf den geheimnisvollen Plastiksack.

„Hat leider niemand abgeholt“, sagte Justin und lachte. „Exzellenter Streich. Könnte eigentlich von mir sein.“

„Und nun?“, fragte Peter.

Justin zuckte die Achseln. „Ich erwäge, eine Weile zu Greta zu ziehen. Da stinkt es nicht ganz so.“

Peter schüttelte den Kopf. „Hat inzwischen jemand rein geschaut?“

„Nur keine Zurückhaltung. Bis jetzt hatte niemand die Eier dazu. Außerdem glaube ich, wenn das Etwas einmal tot war, dann ist das, was da jetzt drin ist, inzwischen lebendig... Peter, du liest doch die Zeitung, oder? Irgendwelche Vermisstenmeldungen?“, fragte Justin ernst.

„Du meinst doch nicht etwa…“

„Doch, langsam halte ich es für möglich. Schau dir mal die Größe an: Das könnte ein Torso sein.“

Peter trat mit dem Fuß gegen den Sack. Es fühlte sich hart, gleichzeitig weich an. Ihm wurde schlecht und das Gefühl der fleischigen Masse kribbelte so unangenehm in seinem Fuß, dass er ihn am liebsten abgeschnitten hätte.

„Könnten Schlachtabfälle sein.“

„Lisa hat sich bei den Metzgereien umgehört. Da hat niemand etwas entsorgt. Vielleicht war es ein Jäger?“

„Oder jemand hat seinen toten Hund vor eurer Tür beerdigt.“

„Muss aber ein sehr großer Hund gewesen sein.“

Peter trat einige Schritte zurück, um der Fäulnisfahne auszuweichen. „Warum landet sowas bei euch vorm Haus?“

„Ich tippe auf die Nachbarn. Die hassen uns heiß und leidenschaftlich.“

„Aber die Nachbarn sind doch die Leidtragenden. Die werden sich doch nicht selbst verpesten.“

Justin war ratlos und trotz seines Dauergrinsens im Gesicht merkte Peter, dass er sich Sorgen machte.

„Das Ding muss weg“, sagte Justin endlich entschlossen.

Sie setzten sich, jeder mit einer Flasche Oettinger – das gute Bier war aus - wieder vor das Haus und dachten nach.

„Wir könnten es dem Katerl zum Fressen geben“, schlug Peter vor.

„Katerl frisst nur lebendiges Fleisch.“

„Vielleicht ist es ja noch lebendig und schläft bloß.

„Haha.“

Sie schwiegen sich eine Weile an.

Peter schrieb eine Schlagzeile in die Luft: „Natascha, 17 Jahre, lag wochenlang zerstückelt vor Einfahrt“

„Vielleicht sollten wir doch die Polizei anrufen. Die Mühle wär jedenfalls clean. So wie Basti die letzten Tage geraucht hat, ist das Haus inzwischen Gras-frei. Wir hatten nämlich vor ein paar Wochen zwei Hausdurchsuchungen. Die Nachbarn haben uns wegen irgend nem Scheiß angezeigt. Felix hätte Autoschilder geklaut oder so.“

„Hat er?“

„Natürlich nicht. Felix doch nicht. Höchstens Basti oder ich. Aber doch nicht Felix.“

„Wie kommt die Polizei dann auf ihn?“

„Ein anonymer Zeuge hat ihn mit vollem Namen angeschwärzt. Keinen Tag später standen die Bullen vorm Haus, sie läuteten und stellten freundlich aber gründlich die Bude auf den Kopf.“

„Und - haben sie was gefunden?“

„Natürlich nicht. Zu unserem Glück, denn hätten sie Bastis Zimmer durchsucht, dann wären sie fündig geworden. Aber die waren nur scharf auf diese Nummernschilder. Eine Woche später kamen sie wieder. Diesmal hatten sie einen Durchsuchungsbefehl wegen einer Drogensache.“

„Und?“

„Basti hat seitdem einen Riecher, alles vorher vernichtet.“

„Aber?“

„Sie fanden ein Nummernschild.“

Beide lachten.

„Das Chaos war natürlich komplett. Stundenlange Diskussionen und Verhöre. Die hätten uns am liebsten mitgenommen. Letztendlich hat sich aber rausgestellt, dass es das Nummernschild von Bastis erstem Auto war. Seitdem hat uns die Polizei aber auf dem Kieker. Die haben uns unverhohlen angedroht, dass wir keine ruhige Minute mehr haben werden. Seitdem fährt immer wieder eine Streife an der Mühle vorbei.“

„Ist doch Klasse, dann können sie sich ja gleich um die Leiche kümmern. Weißt du was?“, schlug Peter vor. „Ich ruf da jetzt an.“

Justin hatte die Nummer vom Präsidium inzwischen in seinem Handy gespeichert und las sie vor.

Es klingelte drei Mal, dann meldete sich eine Frauenstimme.

„Grüß Gott, mein Name ist Schäfer. Ich möchte den Fund eines verdächtigen Müllsackes melden. Vielleicht handelt es sich um eine Leiche“, sagte Peter in höflichem Hochdeutsch.

„Eine Leiche?“ Die Stimme der Dame am anderen Ende der Leitung klang aufgekratzt und tippte etwas.

„Nennen Sie uns bitte die genaue Adresse, wir werden einen Kollegen vorbeischicken.“

Peter bedankte sich. „Riederer Weg 1.“

Stille am anderen Ende der Leitung. Dann hörte er dumpf die Frauenstimme: „Helmut, die Verrückten von der Mühle sind schon wieder am Telefon. Diesmal faseln sie was von einer Leiche.“

Lautes Gelächter erklang aus der Telefonmuschel.

„Hören Sie?“

„Ja?“

„Leider sind alle Wagen gerade unterwegs. Wie dringend ist es denn?“

Peter begann sich zu ärgern. „Naja, vom Geruch her ist die Leiche tot.“, antwortete er süffisant.

„Jetzt hören Sie mal, junger Mann. Auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen, es gibt hier in der Stadt tatsächlich Menschen, die Hilfe dringend benötigen und deren Leitung Sie gerade blockieren. Also wenn Sie sonst keine anderen Probleme haben, legen Sie auf der Stelle auf.“

„Warten Sie!“, rief Peter erbost. „Wir haben hier in der Tat ein Problem: Seit Tagen liegt ein Sack voller stinkendem Fleisch vor dem Haus und wir sind ziemlich sicher, dass da drin ein Mensch liegen könnte!“

„Ist es ein blauer Sack?“

„Ja,Ja! Ein blauer Müllsack!“, sagte Peter aufgeregt.

Die Dame antwortete kühl: „Dann werfen sie ihn in die Mülltonne.“

Es knackte im Hörer.

„Aufgelegt“, sagte Peter. „So ein Huhn. Sie sagt, wir sollen den Sack einfach in die Mülltonne werfen.“

Justins Augen blitzten auf, als habe man ihm gerade die Weisheit des Jahrtausends offenbart. „Na klar! Scheiß auf die Leiche! Hauen wir das Ding einfach in die Mülltonne.“

Gesagt, getan. Skeptisch positionierten sie sich vor dem stinkenden Haufen Fleisch.

„Pack an!“, rief Justin, als Peter zögerte.

„Hast du keine Handschuhe?“

„Hab dich nicht so. Es ist nur verwesendes Fleisch.“ Justin zog an dem Sack.

Nichts rührte sich.

„Verdammt, ist das schwer.“ Justin packte fester zu und zog so fest er konnte.

Etwas Glibbriges geriet wabernd im Inneren des Sackes in Bewegung. Es glitschte und schmatzte im Sack, als rieben sich glitschige Gedärme aufeinander.

„Bäh, ist das übel!“, rief Justin und ließ sich auf seinen Hosenboden fallen. „Es ist echt zum Kotzen. Das bringen wir zu Zweit nie in die Mülltonne rein.“

„Wir könnten es ja auf mehrere Mülltonnen verteilen.“

„Und du greifst mit deinen bloßen Händen rein und schaufelst das, was auch immer da drin ist, in die Mülltonne?“ Justin schüttelte den Kopf. „Nein, nein, wenn das Ding in einem Stück ist, müssen wir es wohl mit einer Kettensäge zerteilen.“

Peter starrte ihn entsetzt an.

Eine Fahrradklingel bimmelte. Es war Basti.

„Servus Jungs! Alles klar mit der Leiche?“

„Wir sind gerade dabei, sie zu entsorgen. Aber den Gestank hält einfach keine Sau aus.“

Basti kratzte sich am Kopf: „Du, ich kenn da jemand von der Feuerwehr. Bei dem hab ich noch was gut!“

Wenig später radelten Basti und Justin in Richtung Feuerwehrhaus.

Eine halbe Stunde später kehrten die Fahrräder der beiden zurück. Aber anstatt Justin und Basti saßen zwei gelbe Außerirdische mit tellergroßen Augen auf den Satteln:

Beide trugen Ganzkörperschutzanzüge, die die Feuerwehr im Falle eines Chemieunfalles benutzten. Auf ihren Rücken hatten sie schwere Sauerstoffflaschen und pechschwarze Gasmasken vermummten ihr Gesicht.

„Ihr seid wahnsinnig!“ rief Peter.

„Beeilung, wir haben nur eine Viertelstunde Zeit“, rief Justin, dumpf durch die Gasmaske keuchend.

„Du klingst wie Darth Vader!“ sagte Peter.

Der gelbe Außerirdische reckte seinen behandschuhten Daumen in die Höhe.

Er stieg umständlich vom Rad ab und kippte beinahe um. In den benachbarten Häusern schoben sich Gardinen zurück und neugierige Gesichter schauten auf die Straße. Die zwei Außerirdischen stapften auf den blauen Sack zu und mit Bastis Muskelkraft gelang es ihnen, den Fleischberg in Bewegung zu setzen.

„Hinten bei der Jugendherberge stehen riesige Müllcontainer“, sagte Justin.

Die zwei gelben Gasmaskenmänner schleiften die stinkende Masse quer über die Straße. Es sah aus, als habe es einen Katastrophenfall in der Nachbarschaft gegeben. Beide atmeten schwer durch die Masken und machten ein Geräusch wie auf einem Asthmatiker Klassentreffen.

Die vorbeifahrenden Autos wurden langsamer und verdutzte Gesichter stierten auf das Geschehen. Kinder kamen aus den Häusern gelaufen und schauten mit weit aufgerissenen Mündern den gelben Männchen zu.

Als sie die Müllcontainer erreicht hatten, kam einer der Zivildienstleistenden der Jugendherberge aufgeregt heraus gelaufen: „Was ist denn hier los?“, rief er und mit ihm quollen an die dreißig kreischende Fünftklässler aus dem Gebäude.

„Sonderanordnung der Polizeidirektion. Wir müssen diesen verdorbenen Hausmüll entsorgen“, sagte Justin in strengem Befehlston.

Seine Stimme klang hinter der Gasmaske so gespenstisch, dass nicht einmal der Polizeichef selbst ihm zu widersprechen gewagt hätte.

Auf den Anzügen stand groß das Emblem der städtischen Feuerwehr. Der Zivildienstleistende zögerte, begann sichtlich zu schwitzen.

„Aber ich darf ihnen leider nicht…“, stammelte er.

„In der Tat“, brummte Justin und stellte seine Stimme noch tiefer. „Sie können nicht, Sie müssen!“

„Das stinkt ja furchtbar. Was ist denn da drin?“, fragte der Junge.

„Werfen sie doch einen Blick hinein!“, sagte Justin und drehte sich gespannt zu Peter um.

Zur Überraschung aller, beugte sich der Junge tatsächlich hinunter und öffnete den Sack einen Spalt breit. Sofort schoss bestialischer Fäulnisgeruch heraus. Der Junge, wich erschrocken zurück, hielt sich die Nase zu, beugte den Kopf wieder nach vorne und lugte hinein. Er erblich. Wortlos drehte er sich um, die Augen quollen aus seinem Gesicht, er taumelte und dann kotzte er auf den Gehsteig. Die Kinder schrien und liefen wie aufgescheuchte Hühner davon. Die drei Riederer nutzten das ausgebrochene Chaos, hievten mit einem gewaltigen Ruck das Ding in die Mülltonne und machten sich rasch aus dem Staub.