Leseprobe aus "Sterne sieht man nur bei Nacht"

Auf dem Festival Im Grünen

Das Festival im Grünen im Buch?

Sterne sieht man nur bei Nacht ist ein packend erzählter Roman über Liebe, Leben und Sterben. Und - er ist der bisher einzige Roman dessen Handlung auch ein Kapitel lang auf einem Festival spielt bei dem es sich unverkennbar um das Festival im Grünen in Kirchanschöring handelt. 

Es roch nach Grillfleisch und Spiritus und auf den Campingstühlen saßen Jungs mit nacktem Oberkörper und Mädchen im Bikini in der Sonne und hielten Bierflaschen mit grünen Etiketten in der Hand. Das Dorfbild hatte sich massiv gewandelt und Hans schaute sich fasziniert das bunte Treiben an. Er blickte einem Jungen in einem rosa Hasenkostüm nach und sah eine Gruppe Mädchen, die zur Musik, die aus einem riesigen Lautsprecher wummerte, tanzten. Auf der Ladefläche eines Hängers stand hinter einem DJ-Pult ein in Alufolie eingewickelter Junge, der wild gestikulierend zu seiner Musik sang.

Auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte Hans den Kleinbus, nach dem er Ausschau gehalten hatte. Der stadtbekannte Reggae-Bus, ein beiger VW Kleinbus, der in langgezogenen Regenbogenfarben lackiert war.

Dahinter war eine Bierzeltgarnitur aufgebaut, ein Grill rauchte, Fleischreste kokelten auf dem Rost. Ein Kasten Bier stand in einem kleinen, mit Wasser gefüllten Planschbecken, in das zwei Mädchenbeine baumelten.

 

 

Hans fühlte sich betrunken und die sengende Kraft der Sonne, die sich so lange nicht hatte blicken lassen, stach ihm in den Kopf. Er sah das Mädchen lange an. Sie hatte rot lackierte Fußnägel, lange, braun gebrannte Beine. Ein kleiner, aber fester Busen zeichnete sich unter ihrem weißen Top ab. Ihr Gesicht, das sie hinter einer großflächigen, verspiegelten Sonnenbrille verbarg, fand er makellos schön und er lächelte über das ganze Gesicht, als er begriff, dass es tatsächlich Ellis war, die sich dahinter versteckte.

Ellis saß entspannt auf der Bank mit dem Rücken zum Tisch. Sie schaute grinsend in seine Richtung, ohne dass Hans durch die Sonnenbrille mit Sicherheit hätte sagen können, ob sie ihn ansah oder jemand anderen.

Sebi sprang auf und reichte ihm die Hand: „Da bist du ja! Super, dass es geklappt hat! Willst du ein Bier?“

„Ich hab mir selbst eines mitgebracht“, sagte Hans und öffnete die Flasche mit einem Feuerzeug, das auf dem Tisch lag. Er nickte den anderen Jungs und Mädchen beiläufig zu.

Er setzte sich zu Ellis.

„Festival“, sagte er, seufzte tief und stieß mit Sebi an.

„Wir sind schon seit elf hier“, sagte Sebi, seine Stimme war weich und seine Worte langgezogen.

„Ab wann wollt ihr euch die Bands anschauen?“, fragte Hans.

„Bands? Scheiß auf die Bands, wir bleiben hier, solange es lustig ist.“

„Also für immer.“ Hans lachte und fügte hinzu: „Ich werde gleich zur ersten Band reingehen.“

Ellis blickte auf: „Ja, die will ich auch unbedingt sehen!“, sagte sie.

 

Hans reckte den Kopf, aber Ellis zeigte keine Regung. Durch ihre große Brille hindurch konnte er ihre Gemütslage nicht einschätzen. Sie blieb geheimnisvoll. Hans sah zu ihr hinüber und lächelte.

In der heißen Junisonne bildeten sich Schweißperlen auf ihrer Stirn. Sie nippte durch einen Strohhalm ein oranges Getränk. Er fühlte sich angekommen. Auf dem Festival, im Leben, in der Gegenwart. Ellis war wieder da und sah umwerfend gut aus, er war am helllichten Tag betrunken und der restliche Tag steckte voller unglaublicher Möglichkeiten. Das Leben ist schön, dachte er.

Es wurde nicht viel geredet, die Blicke schweiften über das Festivalgelände. Ein Junge flitzte nackt über das Feld und quiekte wie ein Ferkel.

Hans öffnete das zweite Bier. Er schaute zu Sebi, der entspannt, mit geschlossenen Augen an seinen Bus angelehnt, der Musik zuhörte. Er spürte Ellis’ nackten Oberschenkel, der seinen leicht berührte. Sie blieb still und unnahbar. Hans atmete die selige Ruhe ein und langsam wieder aus. Ja, er war wahrhaftig da, war hier auf dem Festival, war in genau der Gesellschaft, die sein Herz ruhig klopfen ließ und der Alkohol tat sein Übriges, die Schrecken der Realität, die keine dreihundert Meter entfernt auf der anderen Seite des Baches schlummerten, zu vergessen.

 

Sie hörten von unten, wie das Festival eröffnet und die erste Band angekündigt wurde.

Hans leerte sein Bier in einem Zug. „Danke für die Gastfreundschaft, aber das darf ich nicht verpassen“, sagte er und war im Begriff zu gehen.

„Warte auf mich!“, rief Ellis. „Ich komme mit!“

Sie schlüpfte in Sandalen und sprang ihm hinterher.

Als sie ihn eingeholt hatte, hakte sie sich in seinem Arm ein.

„Schön, dich wiederzusehen“, sagte Hans und versuchte erst gar nicht, sein breites Strahlen zu unterdrücken. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

Er legte seinen Arm um sie und sie lächelte ihn überrascht an. Nachdem sie die Eintrittskontrollen passiert hatten, stolzierten sie in einem leicht hüpfenden Gleichschritt den schmalen Berg zum Park hinunter.

Die Bühne war vor einem Pavillon aufgebaut, der ansonsten der örtlichen Blaskappelle vorbehalten war. Überall auf dem Gelände standen alte Sofas und einige Planschbecken, in denen Cocktails getrunken wurde. An der Rotunde, unter der sonst Schüler ihre Räder abstellten, war eine Bar aufgebaut. Hans und Ellis tauschten einen kurzen Blick aus und gingen direkt dorthin.

Ben stand hinter der Bar und winkte ihnen zu: „Der erste geht aufs Haus“, rief Ben. „Was darf ich euch denn bringen?“

„Das übliche“, sagte Hans.

„Für mich einen Mai Tai.“

„Ihr müsst viel trinken“, sagte Ben, als er ihnen die Becher hinstellte, „Es wird heute der heißeste Tag des Jahres. Alles klar, Ellis?“

Ellis zwinkerte ihm vielsagend zu und führte den Becher an ihre Lippen.

Auf der Bühne wurde es laut und etwa hundert Besucher, die gespannt vor der Bühne warteten, begannen zu jubeln.

 

„Es geht los!“, rief Ellis, packte Hans bei der Hand und zog ihn Richtung Bühne.

Ein großer, schwarzer Roboter mit roten Augen und furchterregend bemaltem Robotergesicht, trottete langsam auf die Bühne. Er hielt einen Gameboy in der Hand und aus den Lautsprechern dudelten verzerrte Klänge eines alten Nintendospieles. Ihm folgte ein halbes Dutzend nicht minder kreativ verkleideter Roboter, die er bereits vorher im Nachbargarten gesehen hatte.

Hans blieb seitlich, rechts vor der Bühne stehen und betrachtete das Geschehen. Er trank seinen Longdrink viel zu schnell, bald würde er einen neuen bestellen müssen. Sein Blickfeld verengte sich, aber sein Gehör kam ihm schärfer vor. Ein wuchtiger, in den Magen fahrender Bass, der die fröhlichen Gameboy-Melodien vorantrieb, sorgte dafür, dass Hans’ Beine ein Eigenleben entwickelten. Er begann zu tanzen, mit den Robotern zu tanzen, mit Ellis zu tanzen, mit tausend Freunden und Bekannten zu tanzen, zu schreien, die leeren Becher auf die Bühne zu werfen, sich mit geschlossenen Augen im Kreis zu drehen und…

Als er wieder die Augen öffnete, waren die Roboter weg. Ein junger Mann mit Bart und einer Kappe auf dem Kopf spielte auf einem Piano, hinter ihm wurde die Bühne umgebaut. Ellis war ebenfalls verschwunden.

Jemand hielt ihm ein Mikrofon vor die Nase und Hans schaute verdutzt in eine Kamera.

„Wie bitte?“, fragte er.

„Was, würdest du sagen, ist für dich das Besondere an diesem Festival?“, fragte der junge Mann mit dem Mikrofon.

„Ich weiß nicht“, sagte Hans und griff sich mit der Hand an seinen Hinterkopf. Dann räusperte er sich: „Es ist, denke ich, sowas wie Heimat. Ich meine, ich bin hier aufgewachsen, bin als Kind fast jeden Tag hier im Park gewesen. Ich kenne jeden einzelnen der Veranstalter und Helfer, das sind alles Freunde. Früher gab es hier nur Bierzelt und Blasmusik. Hast du die Roboter eben gesehen? Oder diese Verrückten, die wie Kobolde durch das Dorf springen? Ich wohne schon lange nicht mehr hier, aber ich fühle mich gerade mehr zu Hause als jemals zuvor. Außerdem...“

„Danke, ich denke das reicht“, sagte der junge Mann freundlich. „Das wird ein kurzer Imagefilm für das Festival und keine Dokumentarreihe für den bayerischen Rundfunk.“

Hans blickte dem Filmteam nach, das zu einer Gruppe Mädchen weiter ging, das auf dieselbe Frage mit einem ekstatischen „Yippieh!“ antwortete. Dann ging er an die Bar.

 

Ben mischte ihm einen Cuba Libre.