Das Schweigen der Flammen

Ein Barliano-Roman

Auf meine größte Geschichte stieß ich während einer literarischen Exkursion in der Toskana. Seit einigen Jahren kannte ich den Autoren und Literaturlehrer Alfred Fuchs bereits und er bestärkte meine Bestrebungen, meine Autobiographie zu schreiben. Spontan beschloss ich, mich zu dieser Mischung aus Literaturkurs und Urlaub anzumelden und mit Alfreds Familie und den anderen Schriftstellern für zwei Wochen in die Toskana zu reisen. Ich war 66 Jahre alt und ahnte, dass es nicht leicht werden würde, über die schwarzen Flecken meiner Vergangenheit zu schreiben.

Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass ich zwar eine Geschichte aufschreiben würde. Allerdings eine, die rein gar nichts mit mir selber zu tun hatte. Oder wenigstens nur ein bisschen.

Alfred hatte mich im Haupthaus auf dem Dachboden untergebracht. Es war eine alte toskanische Villa, der Boden aus gebrannten Ziegeln, deren Rot abfärbte, wenn man barfuß darüber lief. Das ganze Areal zog seinen Charme aus dem Alter des Gemäuers und der liebevoll gestalteten Gärten, der Rosen, des Weinbergs. Es wirkte auf mich, als sei an diesem merkwürdigen Ort, unweit von Anghiari gelegen, die Zeit stehengeblieben: Bis auf den Badebassin hatte es vor hundert Jahren wohl exakt ebenso ausgesehen. 

Im Haupthaus befanden sich der Gemeinschaftsraum in dem zu Abend gegessen wurde und die zwei Zimmer, in denen Alfreds Familie untergebracht war. Meine Dachstube erreichte man über eine Treppe die so steil war, dass sich ein lebensälterer Mann wie ich an einem Seil festhalten musste.

Ging man die Stufen zum Haupthaus hoch, stieg schwerer Rosenduft in die Nase. Drinnen selbst roch es leicht nach Hunderten Mahlzeiten, die in dieser Essküche zubereitet wurden und nach Tausenden Kannen Kaffee, die man hier bereits aufgebrüht hatte.

Als ich meine Unterkunft im Dachgeschoss ein erstes Mal inspizierte und die steile Treppe hinauf kletterte, brannte sich mir ein anderer, ein unangenehmer Geruch in die Nase, als ich die Falltüre hoch hievte und das Dachzimmer betrat: Es roch nach Ruß, nach verkohltem Holz. Der Rest des geräumigen, aber an den Seiten sehr niedrigen Dachbodens roch normal, roch modrig nach altem Gemäuer. Sofort vergaß ich den beißenden Brandgeruch wieder, packte meinen kleinen Koffer aus und begann meinen Urlaub in der Toskana, ohne weiter über rußigen Geruch nachzudenken.

Doch der Geruch blieb. Jedes Mal, wenn ich die Falltüre öffnete, um nach oben, oder unten zu klettern, musste ich die stehende Wand aus beißendem Kohlegeruch durchqueren. Es roch, als hätte es hier einmal gebrannt. Ein Geruch der mir von den wenigen Brandruinen, die ich in meinem Leben gesehen hatte, intensiv in Erinnerung geblieben war. Ein unverkennbarer Geruch, einer jener Sorte, die man nie vergisst, die ähnlich Proust`s Madeleine auf Lebenszeit Assoziationen wecken wird. Wenn auch keine positiven - so stellt man sich die Hölle vor, wenn nach Jahrmillionen feuerzüngelnden Schwefels die Glut erloschen ist und nichts als Gestank übrig bleibt. 

Der Herd des Brandgeruchs ließ sich nicht lokalisieren. Wie eine unsichtbare Wand stand er plötzlich im Raum und verschwand so plötzlich wie er gekommen war. Sicher war nur, dass der beißende Geruch seinen Ursprung irgendwo im Gemäuer am Treppenaufgang hatte. Genauer gesagt, hinter einem Vorhang. Warum ich den Vorhang nicht öffnete? Ehrlich gesagt war es nicht nur die Höflichkeit, die mich abhielt, sondern ein mulmiges Gefühl, das ich mir nicht erklären konnte. Vermutlich verbarg sich hinter dem Vorhang der Kamin. Ich versuchte mich, mit dieser schlüssigen Erklärung zu beruhigen. Da das Haus alt und voller Geheimnisse zu sein schien, blieb es allerdings nicht ganz ausgeschlossen, dass dahinter die verkohlte Leiche eines früheren Hausbewohners lag. Also unterließ ich es, nachzuschauen, schlief nachts schlecht ein und hatte geheimnisvolle Träume die ich mir nicht erklären konnte. Manchmal wachte ich nachts auf, weil ich ein Baby schreien hörte. Dann sah ich die Schemen eines Mannes, der rastlos im Raum auf und ab ging. Aber es war nur eine Einbildung. Es gab weit und breit kein Kind und ich war allein in der Dachkammer. Ich schob es auf den Wein, der abends in Strömen floss und mir Schweißausbrüche verursachte. Ich wusste, ich trank zu viel und der Alkohol hatte mir schon öfter Streiche gespielt. 

Ich dachte nicht weiter nach und konzentrierte mich auf mein Schreibprojekt. Ich schrieb mehr schlecht als recht über die ersten Jahre meiner später gescheiterten Ehe und dachte nicht weiter über die seltsamen Geräusche und Alpträume nach. Bis ich am letzten Abend der ersten Woche beiläufig von dem jungen Mann erfuhr, der vor mir mit seiner Familie die Dachkammer bewohnt hatte: Hans Kraxler, ein nicht untalentierter Autor, der die Jahre zuvor zusammen mit seiner jungen Frau und den Kindern frischen Wind in die alteingesessene Toskana-Schreibgruppe gebracht hatte. Im letzten Jahr allerdings, erzählte Alfred, war der junge Schriftsteller nur noch ein Schatten seiner selbst. Grau und erschöpft sah er aus, die Kinder waren auffällig weinten und brüllten bis tief in die Nacht hinein. Hans Kraxlers Frau erschien morgens mit geröteten, verweinten Augen. Noch schlimmer aber war nach Alfreds Einschätzung, dass Hans Kraxler sein ganzes Talent verloren hatte. Am Abschlusstag jeder Woche, an dem alle Kursteilnehmer, so wie heute, ihre in der Toskana erarbeiteten Texten vorlesen, trug Hans einen seelenlosen Text vor. Schlecht geschrieben, uninspiriert und auch noch in der Nazizeit spielend. Alfred erinnerte sich, dass Hans die ganze Woche über, solange die Kinder ihn ließen, mit Feuereifer und glühendem Blick geschrieben hatte. Der Text, den Hans letztendlich vortrug, hatte nichts mit dem empörenden, kaum auszuhaltenden Sätzen zu tun, die Alfred überflogen hatte, als er Hans Kraxler kurz bei der Arbeit über die Schulter schaute. Alfred war sich sicher, dass Hans Kraxler der Gruppe seinen wahren Text vorenthalten hatte und stattdessen eine Alibi-Erzählung vortrug, die er rasch hingerotzt hatte. 

Ich dachte in dieser Nacht lange über Hans Kraxler, seine Familie und den geheimnisvollen Text nach und fragte mich, ob Hans derselbe Mann war, der mir im Traum erschien. Nacht für Nacht träumte ich von einer dunklen Gestalt, pechschwarz, die in gebückter Haltung mal durch den Raum streifte, mal am Tisch saß und beinahe verzweifelt etwas aufschrieb. Manchmal, wenn ich aus dem Traum erwachte, glaubte ich, die schwarze Gestalt wirklich am Tisch sitzen zu sehen, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnten und die Figur sich auflöste. 

Fortsetzung folgt... wenn Ihr liked!