Der Finstermann von Kirchanschöring

Eine Rupertiwinkler Gruselgeschichte.  Teil 1

Der Finstermann von Kirchanschöring

 

 

Fast zwanzig Jahre ist folgende Geschichte her. Sie spielt in einem finsteren Waldstück zwischen der Bannmühle und Neunteufeln. Sie ist bis heute nicht vergessen. Was damals schaurige Realität war, ist heute längst Legende: Die Geschichte vom Finstermann von Kirchanschöring

Dort, wo der Wald beginnt, liegen wieder Kerzenstummel am Straßenrand. Etwas ist anders. Eine der Kerzen, wenn auch fast abgebrannt, flackert noch und taucht den Stamm der ersten, sich dort hoch auftürmenden Bäume, in fahles Licht. Der Vollmond scheint silbern vom Dorf her, aber sein Licht dringt nicht weit in den Wald hinein, den man nicht umsonst Finsterwald nennt. Ich zögere, und Caro schaut mich unsicher an, sie schüttelt den Kopf.

Es ist auf den Tag sieben Jahre her, seitdem der Finstermann ein erstes Mal gesehen wurde. Martin hieß der Junge. Ein stämmiger Bursche, dem nichts Angst einjagte. Bis zu dieser Nacht jedenfalls. Es war gar nicht so ungewöhnlich, damals, durch den Wald zu laufen. Auch nicht mitten in der Nacht. Kirchanschöring war ein verschlafenes Nest, in dem seit dem Krieg nichts aufregendes mehr passiert war. In derselben Nacht fand man ihn schweißgebadet vor dem Elternhaus seiner Freundin, heulend, mit den Zähnen klappernd. Keine Stunde war er weggewesen, jetzt lag er zusammengekauert vor der Türe, zitterte am ganzen Leib und stammelte etwas von einem Finstermann. Im Krankenhaus musste er mit starken Medikamenten ruhig gestellt werden und erst Tage erfuhr man, was ihm in der Nacht passiert war. Erst glaubte ihm niemand, weil er so einen Rausch gehabt hat. Aber im selben Sommer tauchte das Wesen wieder auf. Erst sah ihn der Sepp, danach der Alois. Und dann wagte sich keiner mehr nachts durch den Wald. Alle drei waren sich darüber einig, dass der Finstermann groß ist. Mindestens zwei Meter. Pechschwarz, von oben bis unten. Und dort, wo bei Menschen wie uns das Gesicht ist, loderten beim Finstermann einzig zwei glühend rote Augen aus fleischig faulem Schwarz.

Einen Sommer lang verbreitete der Finstermann Angst und Schrecken. Dann verschwand dieses Wesen wieder, ebenso schnell, wie es aufgetaucht war. Und an seiner Stelle tauchten die Kerzenstummel und die Kapuzenmänner auf.

„Ben, denkst du, sie sind noch in der Nähe?", fragt Caro. Sie denkt dasselbe wie ich. „Ich gehe keinen Schritt weiter. Und schon gar nicht in den Wald, das sag ich dir.“

Ein Kauz heult seinen unheilvollen Warnruf aus und sofort habe ich eine Gänsehaut. Caro hat recht. Es war dumm, überhaupt hierher zu kommen. Was haben wir uns eigentlich dabei gedacht?

Bald hatten sie im Dorf größere Angst vor den Kapuzenmenschen, als vor dem Finstermann selbst. Jeden Sommer fand man Kerzenstummel am Straßenrand und im Wald. Stand man zwischen Mitternacht und Morgengrauen am Hipflhamer Berg und sah hinunter auf den Finsterwald, konnte man durch die Bäume hindurch manchmal die Prozession sehen. Niemand wusste, wie viele es waren. Die einen sagten, das sind Satanisten. Andere hielten sie für Anbeter des Finstermanns. Ich fragte mich oft, ob diese Kapuzenmenschen der Grund waren, dass der Finstermann sich verborgen hielt. Ob sie ihm opferten, oder ihn herauf beschworen. Vielleicht hatten sie nur Gutes im Sinne. Aber die blutigen Köpfe der Hasen, die man im Garten vom Breitwieser fand, sprachen eine andere Sprache. Einmal lag sogar eine verkohlte schwarze Katze mit aufgeschlitztem Bauch auf der Straße. Das Herz des Tieres fand man nicht.

„Hast du das gehört?“, fragt Caro. Ich lausche in die Stille. Tief drinnen im Wald hört man Äste knacken und der Wind treibt mit dem Rauschen des Waldes ein Geräusch heraus, das sich wie ein langgezogenem „Ohm“ anhört.

„Ich bleibe hier keine Sekunde länger. Lass uns zurück radeln“, sagt sie und ihre tiefe Stimme klingt ungewohnt aufgeregt, fast schrill.

Ein Lichtkegel erhellt die Bäume und wir drehen uns beide nach dem Auto um. Caro sagt nichts mehr. Sie ist genauso erschrocken wie ich. Niemand fährt um diese Uhrzeit durch den Finsterwald. Vielleicht ein Urlauber. Das Auto bremst ab. Wir halten uns die Hand vors Gesicht und blinzeln in das aufgeblendete Scheinwerferlicht. Das ist nicht gut, schießt es mir durch den Kopf, das ist gar nicht gut. Ich spüre Caros Hand an meinen Arm, was schön ist, würde ich mir nicht vor Angst beinahe in die Hosen machen.,,

Fortsetzung folgt HIER


Ein 1996 erschienener Roman über die Originalereignisse in Kirchanschöring ist heute verschollen.

 


Ein weiterer Bericht mit Details zum Finstermann ist hier zu finden:

Bericht aus der Chiemgauer Rundschau

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