Der Finstermann von Kirchanschöring

Eine Rupertiwinkler Gruselgeschichte.  Teil 2

Der Finstermann von Kirchanschöring

 

Ben hofft, allein im Finsterwald seiner besten Freundin endlich seine Gefühle gestehen zu können, als plötzlich Stefan, sein Erzfeind im Wald auftaucht. 

Stefan zwingt ihn zu einer ungeheuren Mutprobe in dem Wald, in dem vor Jahren der Finstermann sein Unwesen getrieben hat.

Dann höre ich das dreckigste Lachen, das man sich nur vorstellen kann. Stefan. Der Arsch. Er schaltet auf Abblendlicht und man sieht Nachtinsekten durch die Luft flirren und seinen Mittelfinger aus dem Fenster wedeln.

Es war ja klar, dass er uns folgt. Er war auch mit am Grillplatz gewesen, als wir über den Jahrestag sprachen. Und ich habe absichtlich noch gewartet, bis er zum pissen hinter die Büsche musste, bevor ich mit Caro losradelte. Mir war es sowas von klar, dass er Caro nicht mit einem anderen Jungen in der Dunkelheit allein lassen würde. Trotzdem bin ich enttäuscht. Und wütend, dass ich nicht mutig war, die kurze Zeit mit ihr allein zu nutzen.

Das Innenlicht geht an und die Tür öffnet sich. „Was macht ihr denn hier draußen?", fragt er scheinheilig. „Ihr Kameradenschweine habt euch gar nicht von mir verabschiedet.“

„Verpiss dich, Freiberger!“, zischt Caro mit scharfer Stimme und ich muss grinsen. „Das hier ist viel zu gefährlich für dich!“

Stefan lacht und klopft auf die Motorhaube. „Hey, kleines Prinzeschen, du willst doch die Kavallerie nicht schon vertreiben, bevor es überhaupt brenzlig geworden ist?"

„Was meinst du damit?“, frage ich. Die Situation wird mir immer unangenehmer.

„Na, ihr wolltet doch da rein.“ Er deutet auf den Wald. „Nur Selbstmörder und todeshungrige Satanisten würden um Mitternacht mit dem Rad da rein. Aber ich hab ein Auto. Und ihr wollt ja vor den anderen nicht wie Feiglinge dastehen und den Schwanz einziehen?"

Ich könnte ihm eine reinhauen. Die anderen wissen genau so gut wie er, dass der Finsterwald nur ein Vorwand war, um mit Caro allein zu sein. Aber jetzt ist sowieso alles im Eimer. Und das schlimmste ist, das wird ganz schnell klar, dass Caro Feuer und Flamme ist. „Ja, lass uns durch den Wald fahren. Was soll uns im Auto schon passieren? Das wär doch echt abgefahren, wenn wir was sehen würden!"

Mir ist auf einmal unendlich schlecht und ich bereue es, auf diese bescheuerte Idee, hierherzufahren, gekommen zu sein. Ich will nur noch zurück zum Grillplatz und zu meiner angebrochenen Flasche Bier und hätte gerne eine Zeitmaschine, um die wenigen Minuten mit Caro zu nutzen und ihr endlich, naja, das eine halt, zu sagen.

Aber sie nimmt mich gar nicht mehr wahr und springt auf die Rücksitzbank von Stefans kleinem Wagen.

Er grinst mich mit glasigen Augen an und flüstert: „Sorry, Kumpel. Manchmal verliert man halt. Und manchmal gewinnen die anderen."

Ich setze mich auf den Beifahrersitz und er bietet mir seine so gut wie leere Flasche Bier an. Ich schüttle den Kopf und suche nach Caros Augen im Rückspiegel.

„Los geht's!", ruft sie mit einer Begeisterung, die mich an den Geschichtsunterricht und die Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg erinnert. Der Freiberger stimmt schreiend mit ein: „Und wenn der beschissene Finstermann auf der Straße steht, dann bretter ich einfach über ihn drüber!"

Der Motor dröhnt auf, Stefan mach einen Kickstart, Reifen quietschen und es riecht nach verbranntem Gummi. Aus dem Kassettenrekorder dröhnt „No selfesteem“ von Offspring. Genau so fühle ich mich.

Nach wenigen Metern bremst er plötzlich ab und fährt im Schritttempo durch den Finsterwald.

Bald ist die Welt um uns herum schwarz und vor uns zeichnet sich in tausend Grautönen der Wald im unheimlichen Licht der Scheinwerfer ab.

Mitten auf der Straße liegen weitere Kerzenstummel und es macht ein knirschendes Geräusch, als wir darüber fahren. „Das ist gruselig", höre ich Caro auf dem Rücksitz sagen. „Kannst du nicht schneller fahren?"

Stefan grinst mit seinen schiefen Zähnen. Er dreht sich fast mit seinem ganzen Oberkörper zu ihr um und starrt sie konzentriert an, als wäre er gerade beim Rückwärtsfahren bei der Führerscheinprüfung. „Also ich find's romantisch", sagt er und fährt gefühlte zwei Stunden weiter, ohne auf die Straße zu schauen, ehe er sich wieder auf vorne konzentriert. Es ist auf einmal ganz leise im Auto. Man hört eine Stecknadel fallen. Dann schauen wir instinktiv alle drei gleichzeitig auf die große Fichte, deren gesamter unterer Stamm mit einer dicken Wachsschicht bedeckt ist. Zahllose Kerzen liegen davor herum, als sei erst kürzlich Lady Di dagegen gekracht. Stefan fährt, was eigentlich kaum möglich ist, noch langsamer. Mit unheimlicher Porno-Gruselstimme sagt er feierlich: „Hier war es. Hier hat vor genau sieben Jahren der Finstermann ein erstes Mal zugeschlagen. Der Martin hat mir mal die Stelle gezeigt. Ja, genau dort war es."

Der Baum sieht wirklich gruselig aus und mir kommt auf einmal der Gedanke, dass auch die Kapuzenmännchen heute Jubiläum feiern könnten und der ganze Wald sicher voll von Satanisten ist. Sofort bekomme ich einen eisigen Schüttelfrost, als ob ich in der Unterhose durch den Schnee laufe und meine Hände beginnen zu zittern.

„Fahr weiter!", sage ich, etwas lauter als gewollt. „Da macht sich einer wohl gleich in die Hosen?" Das Auto bleibt natürlich mit einem Ruck stehen und er schaltet das Licht aus.

Ich reiße mich zusammen. Caro soll nicht merken, dass mein Herz, von dem ich ihr eigentlich beichten wollte, irgendwo in meine Hose gerutscht ist.

„Ich hab keine Angst, Freiberger", sage ich barsch. Und weiß sofort, dass das ein schlimmer Fehler war.

„Mutprobe", murmelt er kühl, beschleunigt und biegt plötzlich unvermittelt nach rechts in einen Feldweg ab. „Der Psycho“, denke ich noch.

Äste peitschen gegen die Fenster und das Auto schaukelt wild hin und her. Wir fahren mitten in den Wald hinein. Da ist nichts mehr außer dichtes Gehölz und die Nacht. Und vielleicht der Finstermann und einige Satansanbeter. Also kein Grund zur Beunruhigung.

Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Vor wichtigen Schulaufgaben neige ich dazu, zu hyperventilieren. Es ist schlimm genug, dass ich dem Freiberger die Steilvorlage gegeben habe, mir eins auszuwischen. Aber, dass Caro mich als ängstlichen Feigling sieht, zieht mir echt den Stecker. Ich konzentriere mich darauf, dass weder die Polizei, noch die Presse auch nur den kleinsten Hinweis auf die Existenz des Finstermannes gefunden haben. Und auch der tödliche Unfall eines Schülers hier im Wald war auf Alkohol am Steuer und nicht auf höhere Gewalt zurückzuführen. Es gibt also keinen Grund, Angst zu haben, wenn man keine Angst im Dunkeln hat.

Habe ich aber. Stefan bremst abrupt ab. Er schaut mich herausfordernd an. „Wenn du aussteigst, einmal um das Auto läufst und wieder einsteigst, werde ich dich nie wieder einen Feigling nennen."

„Ich geh da nicht raus!" Ich könnte kotzen. Und wenn nicht gleich ein Wunder passiert, tu ich es auch

„Jetzt komm schon, FEIGLING! Nur ein paar Meter. Ist doch nichts dabei!"

Caro beugt ihren Kopf nach vorne. Ich kann ihre duftenden Haare riechen. „Mach es einfach. Wird schon kein Finstermann aus dem Gebüsch hüpfen. Du weißt genau so gut wie ich, dass der Freiberger erst lockerlässt, wenn du es getan hast. Ben, ich bin todmüde und will heim. Echt."

„Einmal ums Auto?", frage ich. Das hört sich nicht zwingend lebensbedrohlich an und ich bin ein wenig erleichtert.

„"Ok, ich mach’s."

„Na bitte." Stefan grinst dämlich und bleckt die zigarettengelben Zähne.

Ich steige aus. 


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Ein weiterer Bericht mit Details zum Finstermann ist hier zu finden:

Bericht aus der Chiemgauer Rundschau

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