Der Finstermann von Kirchanschöring

Eine Rupertiwinkler Gruselgeschichte.  Teil 3

Der Finstermann von Kirchanschöring

 

Ben wird vom Freiberger Stefan ausgetrickst: Mitten in der Nacht und mitten im Finsterwald muss Ben als Mutprobe aussteigen. Doch anstatt ihn wieder ins Auto zurück zu lassen, braust der Wagen davon und Ben bleibt allein im Dunkeln zurück...

Es ist totenstill und vom Bach her, der nicht weit sein kann, weht ein eisiger Luftzug. Es riecht ganz intensiv nach Moos und modrigem Holz. Einmal uns Auto.

Plötzlich geht das Licht aus und es ist stockdunkel. War ja klar. Aus dem Auto höre ich dumpf das Lachen vom Freiberger. „Mach schon, Feigling!", ruft er. Ich taste mich an der Kühlerhaube entlang. Auf einmal leuchten zwei rote Lichter auf. Ich starre erschrocken auf das Auto. Der Freiberger streckt mir den Mittelfinger entgegen. Der laufende Motor heult auf und dröhnend fetzt der Renault rückwärts in die Dunkelheit. Ohne lange zu überlegen, laufe ich dem Auto nach, doch der Freiberger ist schneller.

Als ich begreife, was passiert ist, stehe ich mutterseelenallein mitten im Wald. Ich sehe kaum die Hand vor Augen und es ist so still, dass ich meinen pochenden Herzschlag durch meinen Kopf hämmern höre.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal geheult habe, es war wohl damals, als diese Sache mit Caro begann, jedenfalls wäre jetzt der Augenblick dafür. Aber es passiert nichts. Ich bin ganz ruhig, abgesehen von dem Zähneklappern und den Schweißausbrüchen. Das also ist der Schockzustand, denke ich und überlege. Ich muss nur dem Feldweg folgen, dann gelange ich zur Straße und in weniger als einer Viertelstunde ist der Alptraum wieder vorbei.

Ich gehe langsam, Schritt für Schritt den Feldweg entlang. Der Boden schmatzt sumpfig an meinen Schuhen. Immer wieder halte ich an, meine, ein Geräusch zu hören. Aber da spielt mir meine Fantasie wohl einen Streich. Doch da: Schon wieder. Ich bleibe stehen. Da war wieder das Knacken von Zweigen. Ich rede mir ein, dass es nur ein Reh war und gehe weiter. Dann höre ich Stimmen. Ich bleibe stehen. Nichts. Was ist nur los mit mir? Was ist mit diesem verdammten Wald los?

Jetzt ein Schrei. Weit weg, aber eindeutig ein Schrei. Ich schaue nach links, nach rechts, doch so sehr ich meinen Kopf drehe und wende, es ist nichts zu sehen.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als schneller zu gehen. Ich muss hier raus. Ich muss hier einfach raus.

Das Knacken der Zweige wird lauter.

Mein Gehirn rattert in einer Geschwindigkeit, als wollte es mein Herzrasen einholen. Ohne, dass etwas Vernünftigeres dabei herauskommt als: Lauf! Lau! Lauf, verdammt nochmal! 

Aber ich habe keine Füße mehr. Nur noch zwei schwammige Stulpen, die ihren Dienst eingestellt haben. Zum Weglaufen ist es ohnehin zu spät, da aus dem Rascheln jetzt schwere Schritte werden. Und aus dem Nichts taucht jetzt die schemenhafte Statur des Finstermannes auf, der sich seinen Weg durch das Gebüsch bricht.

Mir bleibt das Herz stehen und ich stoße einen Schrei aus. Einen spitzen Schrei, der in hysterisches Lachen umkippt. Denn der Finstermann trägt Sneakers und ist kleiner als ich und hat lange Haare und ein hübsches Gesicht. Ich bin außer mir vor Erleichterung und falle Caro um den Hals. Sie hält mich fest und macht keine Anstalten, mich loszulassen. „Hast du gedacht, ich lass dich alleine zurück?", sagt sie. „Ich hatte nur Schiss, dich nicht mehr zu finden. Dann wären wir beide im Arsch gewesen." Ihre Stimme klingt erleichtert und sie gibt mir einen Kuss auf den Mund. Ich bin sowas von perplex, dass ich sie zurückküsse und auf einmal dreht sich die gesamte Welt um. Wir küssen uns im Dunkeln und eine Weile ist es scheißegal, dass wir im Finsterwald sind. Bis uns das Geheul eines Kauzes aufschrecken lässt. Caro spielt immer die Mutige, aber ich sehe ihr an, dass sie Angst hat. Sie lächelt mich unsicher an, da gefriert ihr Gesicht. „Was ist?" Ich fürchte, sie bereut unseren Kuss. „Siehst du das auch?" Ihre tiefe Stimme ist alarmiert. Ich folge ihrem Blick. Erst sehe ich nur die dunkelschwarzen Schemen der Bäume. Dann sehe ich, was sie so verschreckt. Zwei feuerrot glühende Augen starren uns aus der Dunkelheit an. In kneife meine Augen zusammen in der Hoffnung, mich zu irren. Sie sind einige Meter weg, aber sie sind da. Riesig, bedrohlich. Der Finstermann zwinkert kurz, dann starrt er wieder in unsere Richtung als wollte er uns sagen: „Ich hab euch!“ Caro zerrt mich an der Hand und beginnt zu laufen. Wir rennen um unser Leben, mitten in den Wald hinein. Zweige peitschen mir ins Gesicht, mehrere Male stolpere ich über Wurzeln. Irgendwann bleibt Caro stehen. Die roten Augen sind nicht mehr zu sehen. Entweder wir haben den Finstermann abgehängt, oder er hat kein Interesse an schmächtigen Schülern. „Hab ich heute schon mal erwähnt, dass ich einfach nur heim in mein Bett möchte?", fragt sie und seufzt. „Ich auch", sage ich und füge eilig hinzu: „In mein Bett, meine ich." Sie ringt sich ein Lächeln ab und ich habe keine Ahnung, ob dies die romantischte, oder die schrecklichste Nacht meines Lebens ist.

Vermutlich die schrecklichste, weil von diesem Kuss niemand was ahnen wird, wenn sie morgen unsere vom Finstermann zerfleischten Leichen finden.

Wir sind jetzt irgendwo im Wald und haben die Orientierung verloren. Nicht einmal der Mond ist mehr zu sehen. Wir diskutieren, was wir tun sollen. Caro hat auf einmal einen ganz harten Gesichtsausdruck. Sie ist wieder die starke, unnahbare Caro aus dem Schulbus und ich bekomme wieder Hoffnung, hier doch noch lebend raus zu kommen.

„Der Wald ist jetzt nicht gerade der Amazonas oder so", sagt sie. „Wenn wir nur eine Weile in dieselbe Richtung laufen, müssen wir irgendwann eine Lichtung erreichen." Dummerweise wissen wir nicht ansatzweise, wo Süden ist. Denn im Süden ist das rettende Dorf. Der Straße trauen wir nicht, es bleibt unausgesprochen, aber auch sie fürchtet, dass dort der Finstermann lauert.

Ich folge Caro ins Dickicht. Zweige knacken, wir veranstalten einen Höllenlärm. Wenn uns jemand auf den Fersen wäre, hätte er uns längst schnappen können.

Auf einmal wird die Luft kühler. Caro bleibt stehen. „Was ist das?" „Shht", macht sie. Dann höre ich es auch. Wasserplätschern. Wir sind am Bach angekommen.

„Der Bach fließt zum Dorf!", ruft sie erleichtert und wir folgen dem Flusslauf. Der Boden ist morastig und meine Schuhe sind nass. Die Euphorie ist schnell verflogen, weil es immer schwieriger wird, einen Weg durch das Dickicht zu finden. Caro beginnt, immer lauter zu fluchen und ich fürchte, ihre Flüche gelten mir, weil ich sie in dieses Schlammassel reingeritten habe. Aber irgendwann dreht sie sich um und sagt: „Wenn wir hier heil rauskommen, dann reiß ich dem Freiberger seinen arroganten Kopf vom Hals, das versprech..." Aber weiter kommt sie nicht. Vor uns steht eine alte Fischerhütte. Schwarz und verwittert, wohl hundert Jahre alt. Aus ihrem Inneren leuchtet Kerzenlicht. "Das gefällt mir gar nicht."

Es gefällt mir noch weniger, als ich ein höhnisches, teuflisches abgehacktes Lachen aus dem Inneren höre.

Fortsetzung folgt... Hier

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Ein weiterer Bericht mit Details zum Finstermann ist hier zu finden:

Bericht aus der Chiemgauer Rundschau

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