Der Tag am Yeah

Ein alleinerziehender Vater lernt auf einem Festival drei Mädchen kennen, die alle behaupten, der große Hit des Headliners handle von ihr. Was steckt wirklich hinter dem Lied vom Gardasee?

Dem Alltag entfliehen, sagt man. Das, was man gemeinhin Alltag nennt, weil es regelmäßig wiederkehrt, stellt sich bei mir in etwa dergestalt dar: Das Klacken eines Schnullers, der gegen Halb Sechs auf das Laminat fällt, gefolgt von empörtem Geschrei, wenn ich nicht innerhalb von fünf Minuten für Essen sorge. Essen heißt Schlammschlacht, danach schläft er zwar, aber das Esszimmer muss geputzt werden. Nach einer Stunde klackt es wieder, dasselbe Spiel. We love to entertain you. Da der Fernseher in der Nähe von Kindern aus bleibt, wird gehüpft, gejault, vorgelesen, gesungen, bis er hungrig ist. Zwischenzeitlich wird der Löffel zu einem Katapult. Später kleben Nudeln an der Wand, aber dann schläft er. Wenn er schläft, ist meistens die Spülmaschine zum vierundzwanzigsten Mal voll und wird aus, eingeräumt und wieder eingeschaltet. Das Wäschewaschen, Saugen und Putzen erwähne ich hier nur am Rande, wir bewohnen nur zwei unserer drei Zimmer, seitdem Inge nach Leipzig abgehauen ist. Dienstags und donnerstags, wenn ich arbeiten gehe, als Beamter werde ich auch für Kinder bezahlt, passt noch immer Inges Mutter auf ihn auf. Wir haben uns zwar nichts zu sagen, aber der Kleine, auch wenn er außer „Ichtl“, was eigentlich „Licht“ bedeutet, noch nichts artikulieren kann.
Aber ich werde mich nicht beschweren, denn die Schwiegermutter, oder was auch immer sie jetzt ist, passt auch an Samstagen auf, wenn ich sie höflich bitte, oder am Telefon lamentiere, ich hätte in meinem Leben alles verloren. Es wundert mich jetzt, da ich darüber nachdenke, dass ausgerechnet sie immer noch da ist.
Sie hat die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, dass Inge zurückkommt, aber immer wenn ich dann am Samstag ausgehe, sagt sie so komische Sachen wie: Amüsier dich, mach dir keine Sorgen, du findest schon wieder ein nettes Mädchen und so.
Es ist nicht gerade, dass sie mir Kondome in die Hand drückt, aber in ihrem Blick ist dann etwas sehr kupplerisches, vermutlich verstehe ich da aber etwas völlig falsch.
Am Samstag wies ich sie Mittags ein, zeigte ihr, welches Essen ich für sie und welches ich für den Kleinen gemacht hatte und versprach, dass ich bis Zwölf wieder zu Hause sein würde. Also in zwölf Stunden, da es gerade Mittag war, eine angemessene Zeit, dachte ich, auch wenn es auf dem Yeah-Festival vom Namen her vermutlich gar nicht Yeah war, vor Zwölf zu Hause zu sein.
Das Festival verlief im üblichen Wahnsinn, der so verrückt war wie der Alltag, als der Kleine noch ein Säugling war, aber das hier war kein Alltag, das war Festival, Baby! Inge war, solange sie stillte, noch relativ glücklich. Ich meine, so glücklich wie man sein kann, wenn man tagein, nachtaus alle drei Stunden geweckt wir und der Stillvorgang an sich eineinhalb Stunden dauert. Es war der dunkelste Sommer unseres Lebens, obwohl draußen eine Hitzewelle die nächste jagte. Einen Säugling zu haben, das habe ich einmal in einer Elternzeitschrift gelesen, bedeutet wenig Schlaf zu haben, den man an den seltsamsten Orten wieder nachholt; ständig ein Fläschchen in der Hand zu haben und regelmäßig irgendjemandes Kotze wegwischen: Also nichts anderes, als auf einem Festival zu sein.
Das Yeah Festival fand in einem Park am Bach statt und überall standen Plantschbecken und alte Sofas rum und die Bands kannte kein Mensch außer Leute, die FM4 hörten, aber das waren wohl so ziemlich alle, die da waren. Der Tag schritt ereignislos voran. Das übliche Cuba Libre mixen am Campingplatz, sich irgendwann als Nikolaus verkleiden und Weihnachtslieder singend über das Gelände hüpfen und als selbst das zu albern wurde, mixten wir uns mehr Cuba Libre und hörten Lieder von Helge Schneider.
Inge hätte gesagt, das ist doch infantil und mich daran erinnert, dass ich jetzt ein Vater bin. Ich vermute, dass sie zeitglich mit irgendwelchen supergescheiten Schriftstellern mit Halbglatze in irgendwelchen Cafés rumlungerte, wo sie Bio Chai tranken und über ihren Feminismusroman diskutierten. Ob es feministisch ist, diese Typen, dann mit nach Hause zu schleppen, weiß ich nicht; aber das kam alles erst später, als wir so wenig schliefen, weil der Kleine die ersten Zähne bekam.
Später sprangen die anderen schreiend in die Plantschbecken und taten so, als seien sie kurz vorm ertrinken und machten gegenseitig Mund- zu Mundbeatmung, das war dann wirklich kindisch und ich ging auf die Suche nach dem netten Mädchen.
Steffi hatte ich vor Jahren mal kennengelernt, als ich, nach „Steffi“ rufend über ein Festivalgelände gelaufen bin. Das war lange vor Inge und damals hatten wir die Theorie, dass alle Steffis gutaussehend wie Bombe sind und Steffi bestätigte das. Sie sah immer noch gut aus, obwohl sie mindestens zehn Jahre älter sein musste als damals, aber so genau lässt sich das bei Frauen ja nicht sagen und die einen altern plötzlich rasend schnell, wenn sie auf die dreißig zugehen und die andern bleiben das blühende Leben. Ich fragte sie als erstes, ob sie Kinder hätte und sie lachte nur. Sie sah wirklich nicht danach aus, aber Inge hatte nach der Schwangerschaft auch noch blendend ausgesehen, sonst wäre das alles auch nicht so leicht passiert. Ich fragte Steffi, wegen welcher Band sie heute da sei. Sie nannte den Headliner. Natürlich. Ich nickte und sagte, ich auch. Sie sah wirklich gut aus heute und ich wollte sie irgendwie beeindrucken, deshalb erzählte ich ihr, dass ich mit dem Sänger in die Schule gegangen war. Das war nicht mal gelogen, aber es hat auch nicht gestimmt, dass er mich gekannt hatte. „Echt?“, fragte sie mit großen, staunend aufgewölbten roten Lippen und ich war einen Augenblick lang der Gewinner. Dann wurde sie sofort wieder seriös und machte einen Augenaufschlag, als erzählte sie mir gerade das größte Geheimnis aller Zeiten und sagte mit gedämpfter Stimme: „Du kennst doch das Lied vom Gardasee. Das, wo seine Freundin mit ihm Schluss macht und er im Auto Richtung Gardasee rast.“
„Klar, bis heute sein stärkster Song.“
Und jetzt kippte ihr Blick ins verruchte, verführerische um. „Er ist ja auch über mich“, sagte sie und genoss ihren Triumph, als sie meine Reaktion betrachtete. „Wir waren nur ein paar Wochen zusammen und als ich ihn zum Teufel gejagt habe, ist er zum Gardasee abgehauen.“
„Ist nicht wahr?“ Ich war wirklich fassungslos. Sie grinste geheimnisvoll. Aber Scheiße, Mann, das war wirklich beeindruckend. Da klang meine Schulgeschichte wirklich nach Kindergeburtstagstopfklopfen. Da konnte ich wenig dagegensetzen und brabbelte völlig unkontrolliert darauf los, dass meine Exfrau in der Feministenszene als Autorin eine angehende Koryphäe sei und ich erzählte ihr von unserem Sohn und dass ich nach unserer Trennung zwar nicht zum Gardasee gefahren bin, aber ihr nach Leipzig hinterher, was aber auch bescheuert war. Und dann sagte sie, so ganz kurz angebunden, sie müsse aufs Klo und ich solle unbedingt warten, weil sie schon so gespannt sei, wie unsere Scheidung so vorangehe, aber nach einer Viertelstunde mischte ich mich wieder unter die Leute, Steffi war wohl von jemand aufgehalten worden.
Eine Stunde lang war ich so perplex wegen Steffis Geschichte, dass ich gar keinen Sinn für die anderen Mädchen hatte und ich hörte den Bands zu und ja, verdammt, jede einzelne von ihnen sang über mein beschissenes Leben. Dabei war mein Leben alles andere als beschissen, jedenfalls wenn es nach Inge ging. Sie hielt mir das monatelang vor, dass ich mein altes Leben weiterleben könnte, als sei nichts gewesen und sie  selber müsse Tag für Tag im Dunkeln liegen, obwohl es ja mein Wunsch gewesen ist, ein Kind zu haben. Dabei stimmte das so gar nicht, ich war ja tagsüber sehr wohl bei ihr, meist haben wir ohnehin geschlafen, so lang der Kleine es zuließ und ich bin erst abends raus. Und auch nur am Wochenende. Aber so unterschiedlich können eben die Wahrnehmungen zwischen Mann und Frau sein. Das hat sie in ihrem Buch schon recht anschaulich herausgearbeitet. Das kann sie schriftlich richtig gut.
Jedenfalls hat mich, als die Sonne gerade unterging, ein Mädchen angesprochen, hat mich gefragt, ob ich traurig sei. Der Song dem ich gerade zuhörte, war auch sehr ergreifend, aber sowas haut mich jedes Mal um. Ich meine, wenn ein Mädchen, das mich kaum kennt, so aufmerksam ist und merkt, dass mir zum Heulen zumute ist und sie auch noch die Courage besitzt, mich darauf anzusprechen. Sie hieß Jasmin und wir hatten uns vor etwa einem Jahr in einem Club kennengelernt, als ich noch nicht einmal ahnte, dass wenig begeistert vom Stillen war. Jasmin kam mir damals unglaublich jung vor, sie hatte gerade ihr Studium begonnen und ich mir unendlich alt vor, weil ich gerade eine Familie gegründet hatte.
Ich lud sie an die Bar ein und bestellte ihr einen Mai Tai. Das wusste ich noch, dass sie Mai Tai mochte und wir sprachen über die Hauptband, die jeden Moment beginnen würde. Ich erzählte ihr, dass ich damals, vor fünf Jahren, bei dieser legendären Party dabei war, als in einer kleinen verrauchten Kneipte in der Unterstadt die eine Hälfte der Band ein erstes Mal zusammen aufgetreten war. Sie trug ein Bandshirt und ich war mir sicher, dass ich sie mit Anekdoten wie diesen halb verrückt nach mir machen würde. Sie aber nahm mich unaufgeregt bei der Hand, blickte nach links und rechts, als dürfe niemand auf diesem Festival bemerken, dass sie sich mit mir unterhielt und sagte: „Ich war auch dabei.“ Das war natürlich gelogen, weil sie damals dann wohl vierzehn oder was weiß ich wie jung gewesen sein musste. „Ich hatte damals nämlich mit dem Sänger was am Laufen. Und als ich ihm den Laufpass gegeben habe, hat er darüber das Lied vom Gardasee geschrieben“, behauptete sie mit einer Seelenruhe, dass mir gerade das Kotzen kam. In genau dieser Stimmlage, mit genau diesem Augenaufschlag hatte Inge damals gesagt: „Nein, gar nichts läuft da mit Günter. Wir verstehen uns einfach gut.“
Aber ich hatte keinen Bock auf Streit und Jasmin war wirklich ein süßes Mädchen, auch wenn sie aussah, als sei sie siebzehn, also sagte ich ihr, dass das gequirlte Dünge sei.
Sie lief purpurrot an und, das sage ich nicht einfach so dahin, ihre Wangen glühten roter als die gerade untergehende Sonne. „Mist. Mist, Mist, Mist“, jammerte sie. „Ich lüge halt gern, wenn ich mit jemanden an der Bar bin. Das bringt immer Schwung in die Sache.“
„Dann bist du vermutlich auch keine Ethnologiestudentin?“
„Fast. Ich studiere BWL.“
Ich sah ihr an, dass sie gerade selbst von sich enttäuscht war. „Aber das erklärt nicht, warum mir die andere dieselbe Story aufgetischt hat.“
„Das kann ich dir erklären: Heute stand ein Interview mit dem Sänger in der Süddeutschen. In dem erzählt er von der Gardaseegeschichte. Aber er nennt keinen Namen. Und ich fand die Idee super, einen Abend lang die Gardaseefrau zu sein.“
Ich hasse nichts mehr, als belogen zu werden, vielleicht bin deshalb auch heute noch fixiert auf alles, was Inge getan hat und noch nicht bereit, mir einzugestehen, was ich getan habe. Behauptet jedenfalls mein Therapeut. Ich bezahlte Jasmin noch den Drink und bin dann gegangen.
Als die Band von der ich mir schon den ganzen Tag den Mund fusselig geredet hatte, endlich anfing, begannen alle gleich, wie bescheuert herumzuhüpfen. Ich war nicht in der Stimmung und ich musste andauernd darüber nachdenken, ob ich sie fragen hätte sollen, was eigentlich los war mit ihr, wenn sie weinte. Sie weinte recht viel und ich dachte, das seien die Hormone. Ich hätte auch Gründe gehabt, unglücklich zu sein, schließlich lief bei uns im Bett gar  nichts mehr. Erst hieß es, die OP Narbe müsse verheilen, dann war ihr Beckenboden noch nicht stabil und irgendwann war es mir egal und ich versuchte es erst gar nicht mehr.
Ich dachte tatsächlich über Inges Beckenboden nach und, dass ich ihn nie wieder sehen werde, als Nathalie mich anstupste. Wir waren gemeinsam zur Schule gegangen und mochten uns auch heute noch recht gerne, was das Sprichwort mit dem rosten bestätigen würde. Jasmin hatte mich erst vor einem Monat besucht, als es mir gerade nicht so gut ging, sie wusste also Bescheid und es gab nichts groß zu erklären. Sie sagte, dass sie es bewundernswert fände, wie ich die Situation meisterte und dass jeder eine zweite Chance verdient hätte. Nathalie war einfach ein Goldstück und ich fragte mich kurz, warum wir uns damals, kurz vorm Abi, nie verabredet hatten, ein wenig verknallt war ich damals mit Sicherheit in sie gewesen. „Jetzt werde ich dreißig und bin weder verheiratet, noch habe ich Kinder“, sagte sie auf einmal, sehr laut, wegen der Musik. Das klang sowas von unwirklich traurig aus ihrem Mund. Sie sah aus wie das blühende Leben. „War der richtige noch nicht dabei?“, fragte ich.
Sie stieß einen Seufzer aus, so einen von ganz unten aus dem Zwerchfell heraus. Dann sagte sie, sie war vor Jahren mal mit so einem Typen zusammen, mit dem es ihr ernst war. Aber er hatte nur seine Musik im Kopf und wollte von Heiraten nichts wissen, obwohl wir schon lange genug zusammengelebt hätten.“ Nathalie schrie mir jetzt fast ins Ohr und sie kam mir dabei so nahe, dass ich ihren Duft einatmete. „Ich hab dann etwas sehr dummes gemacht“, rief sie etwas gedämpfter in mein Ohr. „Ich war so verzweifelt, weil ich wusste, unsere Beziehung ist eine Totgeburt, dass ich etwas mit dem Nachbarn angefangen habe.“
Bevor ich sie wild beschimpfen konnte, sagte sie sofort: „Ich kann also Inge unter gewissen Umständen verstehen.“ „Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen“, unterbrach ich sie, ich hatte keine Lust darüber zu reden.
„Wer war es denn? Kannte ich ihn?“, fragte ich sie. Sie nickte und deutete Richtung Bühne. „Er. Er wars. Er hat dann übrigens das Lied vom Gardasee darüber geschrieben.“
Irgendwie glühten in diesem Moment meine Sicherungen durch. Die anderen zwei Mädchen waren egal. Aber nicht Nathalie. Das war kein Vertrauensbruch. Das war der Untergang des Abendlandes. Ich schubste ihre schrille Stimme, die ich bis gerade noch als verdammt sexy und angenehm empfunden hatte, von meinem Ohr weg und boxte mich durch die Leute durch. Ich haute ab, mir war das alles zu viel. Ich war Vater eines dreizehnmonatigen Sohnes und musste noch eine Email nach Leipzig versenden. Ich war zu alt, um mich von irgendwelchen Mädchen, die ich früher einmal nett fand, vollügen zu lassen.

 

Als ich auf ein Taxi wartete, hörte ich noch die heiser lallende Stimme des Sängers, mit dem ich mal in die Schule gegangen war: „Den nächsten Titel würd‘ es ohne dich nicht geben. Hab dich schon gesehen, schön dass’d heut dabei bist. Fahrst diesmal mit an Gardasee, Natalie?“