Die Geschichte des Monats

Hier findet Ihr jeden Monat einen neuen Text. Viel Spaß beim Lesen

Eine düstere Kurzgeschichte über einen wahnhaft von seiner Ex Freundin besessenen jungen Mann

Der weiße Schwan

Foto: Martin Drechsel

An dem Tag, an dem ich ihn zuletzt gesehen hatte, wartete Alexander auf ein Mädchen.

Ich war so überrascht, dass seine Verabredung Katharina war, dass ich sie grüßend umarmte, was das peinliche Schweigen zwischen uns danach nur noch lauter machte.

Sie hatte ihr dunkelblondes Haar an diesem Abend zu einem Dutt zusammengebunden und ich weiß noch, dass ich darüber nachdachte, weil ich sie erst nicht erkannte.

Katharina trug ihr gelbes Sommerkleid, das sie an diesem Tag kaum ausfüllte und wir lachten unsicher darüber, dass ich eine Weste in derselben Farbe über meinem blauen T-Shirt trug.

Wir lachten beide darüber, uns ausgerechnet heute zu treffen; es wäre unser Jahrestag gewesen, wenn wir nicht so viel nicht gemeinsam gehabt hätten. Aber das ist eine andere, gewöhnlichere Geschichte und als ich sie sah, überfuhr mich sofort wieder die Erinnerung, was uns eigentlich zusammengeworfen hatte.

Ich bezweifle, dass Alexander ahnte, worauf er sich einließ, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass genau das der Grund war, warum er sich mit ihr traf. Er entstammte einem sehr guten Hause, was auch in unserer kleinen Stadt eine Untertreibung war. Auch wenn nur noch wenig glomm vom Glanz seiner Ahnen, die einst in Leben und noch mehr im Tod die Geschicke ganz Deutschlands zerwirbelt, umgekehrt, erschüttert hatten. Übrig geblieben war nur der adelige Name, der allerdings auf Mädchen noch immer seinen Reiz ausübte.

Subtrahierte man diese Herkunft, war Alexander ein gewöhnlicher, romantisch verklärter Junge, hübsch, aber nicht ganz so verwegen wie seine jüngeren Brüder. Halb im Skandal, halb als Legende wurde über sie geredet; sie hätten jede Frau, die er gehabt hatte, auch verführt. Aber das sagte ich Katharina nicht, ich ließ es auf meiner Zunge liegen.

Ich kannte Alexander damals zu wenig, um ihn einschätzen zu können, aber seine Brüder gut genug, um ihre Anziehungskraft, ihren charmanten Sog auf Frauen nachzuvollziehen.

Alexander hatte andererseits etwas Schweres, Tragisches in seinem Blick, von dem man nie sagen konnte, ob es von etwas Vergangenem erzählte, oder das Kommende ahnte. An diesem Tag kamen mir seine Augen besonders traurig vor, es kann aber auch sein, dass ich da etwas hineinprojizierte.

Er war so wohlerzogen, dass er mir einen Platz anbot und auf meine Ablehnung hin darauf bestand, dass ich mich setzte.

Wir sprachen über das Wetter, das wundervoll war in dieser Augustwoche und ich ließ mir von ihm erklären, was einen guten Weißwein zu einem exzellenten machte. Katharina war entweder meine Anwesenheit peinlich, oder das Rendezvous an sich unangenehm und Alexander bemerkte es. Er schlug vor, Wein zu holen und ich betonte, dass ich noch eine andere Verabredung mit einem Freund hatte, sagte nach einigem hin und her aber zu, ein Glas mitzutrinken.

Ich denke nicht, dass ich sie traurig, vorwurfsvoll oder enttäuscht angeschaut habe, aber sie sagte sofort, dies sei ihre erste Verabredung seit "uns", das versicherte sie mehrfach, obwohl es mich ja nichts mehr anging. Ich ging nicht darauf ein und fragte sie, ob sie verliebt ist. Sie schüttelte traurig den Kopf und ich erinnere mich, dass mir dieser Ausdruck in ihren Augen stechend ins Herz fuhr, ins Gedärm, irgendwo tief hinein, wo alles weh tut, egal wie alt und verlebt es auch ist.

Ich sagte Katharina wenig später, dass ein Zug die Katze überfahren hatte, irgendetwas in ihrer Stimme ärgerte mich und ich schonte sie nicht mit Details. Ich sagte ihr, sie hätte die Katze einfach nehmen sollen, ohne ihr aber Vorwürfe zu machen.

Als Alexander mit dem Wein kam, hatte Katharina ihre Tränen in mein Taschentuch gewischt, ich trug es noch einige Wochen mit mir herum, zerstreut wie ich war.

Alexander gab sich großzügig und mondän, sprach sogar einen geistreichen Trinkspruch aus, aber ich fragte mich die ganze Zeit, ob Katharina es mit seinen Brüdern gemacht hatte. Ich war mir auf einmal sicher, dass es auf dieser seltsamen Feier, als etwas merkwürdig außer Kontrolle geraten war, getan hatte. Ich kann nicht sagen, was es war, ein Bauchgefühl, Menschenkenntnis, ich wusste in dem Moment, dass Alexander ihr niemals näher kommen würde als dem Lippenstift auf ihrem Weinglas. Und da tat er mir leid, weil ihm anzusehen war, wie sehr er sie wollte, mehr noch, dass er mit ihr zerschmelzen wollte, nicht nur körperlich. Ich war danach überaus galant und gut gelaunt. Ich bedankte mich bald für den Wein und wünschte beiden einen schönen Abend und eine gute Zeit.

Es war natürlich gelogen, dass ich eine Verabredung mit einem Freund hatte. Ich schickte dem Mädchen eine knappe Mitteilung, dass ich krank war, oder sonst was und später habe ich irgendwie vergessen, mich noch einmal bei ihr zu melden.

Das alles ist jetzt fast ein Jahr her. Katharina reagiert nicht auf meine Anrufe, ich weiß bis heute nicht, was aus ihr und Alexander geworden ist. Einmal dachte ich, sein Auto vor ihrem Haus stehen zu sehen, aber die Vorhänge zu ihrem Fenster waren die ganze Nacht lang zugezogen.

Ich habe seitdem auch diese Träume, in denen ich mit ihr im Bett liege, sie ist nackt und sie hält mich fest umschlungen, wir haben aber keinen Sex, ich streiche nur über ihren Bauch. Und im selben Traum bin ich reich und sie schwanger und mir ist es egal und wenn ich dann aufwache, könnte ich heulen.

Ich habe viel darüber nachgedacht, was aus Alexander geworden ist, ich hatte dann so Bilder im Kopf von einem Loch über der rechten Braue und seinen traurigen, weit aufgerissenen Augen. In der Zeitung aber war nie etwas Derartiges zu lesen, bis auf den Jungen, der sich von der Eisenbahnbrücke gestürzt hat. Der war zwar ebenfalls aus reichem Haus, aber nicht adelig und außerdem stand er nicht auf Frauen.

Und dann steht er auf einmal vor mir. Tropfnass, in Badehosen, so ganz und gar nicht adelig, bis auf seine vornehme weiße Haut. Er grüßt, richtig überschwänglich, als bin ich sein lieber Freund, den er viel zu lange nicht mehr gesehen hat.

Ich entgegne höflich den Gruß, senke den Blick aber sofort, weil mir bis auf die eine Frage nichts einfällt, was ich mit ihm besprechen könnte. Er haftet noch einen Augenblick lang sein erwartungsfrohes Lächeln auf mich, dann geht er zurück zur Liegewiese.

Mein Weg führt zufällig in die gleiche Richtung und deshalb sehe ich auch, dass er sich auf eine große Decke zu einem Mädchen legt. Mir dreht sich sofort das Herz um, als ich Katharina sehe und eine Turbine wälzt mir die Magensäfte um, bis es mir Salzwasser aus den Augen drückt; aber beim zweiten Mal hinschauen merke ich: das ist gar nicht Katharina. Das Mädchen ist schlank, ihre Beine ein wenig füllig, im Gesicht ein wohlplatziertes Grübchen an der Wange, ein rundes Lächeln, dunkle Augen, wehmütiger Blick. Aber die Nase ist ein Grad zu spitz, das nasse, zusammengebundene Haar einen Ton zu dunkel und die Brüste runder. Das ist nicht Katharina, wird mir klar, als beide hinter mir aus meinem Blickfeld verschwinden und ich mich auf mein Badetuch lege.

Aus der Distanz nimmt die Ähnlichkeit erkennbar ab und ich sehe, wie sich das Mädchen, eincremend und Händchenhaltend als seine Freundin zu erkennen gibt.

Als ich später keuchend zur Holzinsel hinausschwimme, sonnt sie sich bereits auf den Planken. Sie schaut mich an, als ich mich kraftlos aus dem Wasser hieve und erschauere, als ich in Katharinas Augen blicke.

Alexander fragt jovial, ob alles klar sei und ich nicke, nach Atem ringend. Ich rolle mich neben sie auf die Planken und schließe die Augen. Alexander referiert etwas vom Wetter, aber ich höre nicht zu. Ich konzentriere mich auf den Geruch, der mir in die Nase strömt und entdecke sofort einige hartnäckige Moleküle von dem Parfüm, das Katharina immer benutzte. Mit geschlossenen Augen ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass nicht Alexanders Freundin, sondern Katharina neben mir liegt.

Als er ihr ins Wasser hinterher springt, beobachte ich eine Weile einen schwarzen Schwan, der von seinen Jungen wie in einem Ballett umkreist wird. Ich habe ich auf einmal das Gefühl, Alexander so gut zu kennen, als seien wir gute Freunde. Ich bin ein wenig verliebt und weiß, dass jetzt alles gut werden wird.