Die Heimat meiner Großmutter

Ein Besuch in Köttmannsdorf im Heimatdorf der Großmutter. Und auf einmal ist man mitten in den großen Themen des Heute und Gestern: Flucht, Glaube, Fremdenangst

Dichte Wolkenformationen wälzten sich um die Berge herum Richtung Süden. Genau wie zu Hause, dachte ich. Die Luft kalt und klar, gleich würde es dämmern. Es konnte nicht mehr weit sein. Dieses kleine Dorf, dieser Graben, dieses unscheinbare, am Bach gelegene Haus, früher einmal ein Bauernhof, war der Ursprung all ihrer Geschichten. Ihrer Geschichten, Lieder und Anekdoten, in denen sie in ihren letzten Jahren lebte, als die Demenz begann. Hierhin hatte man sie weggegeben, es muss um den ersten Weltkrieg herum gewesen sein, weil in der Stadt, in Klagenfurt, kein Platz für Kinder war. Köttmannsdorf war ein Ort meiner Kindheit von dem ich alles wusste. Aber erst jetzt, zwei Jahrzehnte später, wurde ich selber ein Teil davon. „Ist es noch weit?“, fragte meine Frau. „Es wird bald dunkel.“ 
„Es muss hier irgendwo sein!“, sagte ich und versuchte, meine Stimme überzeugt klingen zu lassen. 
Es hatte keinen Platz für Kinder in der Dienstwohnung im Klagenfurter Spital gegeben. Und Zeit, ein Kind zu erziehen, hatten die Eltern meiner Großmutter ebenfalls nicht. Er war Gärtner, sie war Krankenschwester. Ihre Kinder würden in Köttmannsdorf in guten Händen sein. Kinder sollte man nicht in einer Irrenanstalt aufwachsen lassen. Auf dem Land, bei den Bauern, waren die Kinder gut aufgehoben. Allerdings hatten auch die Bauern zu arbeiten und stellten die Kinder während der Feldarbeit ruhig. Damals tränkte man Taschentücher in eine Opiummasse, an der man die Kinder nuckeln ließ. Meine Großmutter seufzte immer, wenn sie von ihrer kleinen Schwester erzählte, die geistig zurück blieb, schließlich früh starb. 
Ich hatte meine Großmutter gefragt, ob es nicht schrecklich war, nicht bei den Eltern aufwachsen zu dürfen. Und ob sie sich nicht gefreut hatte, als sie als Schulkind endlich nach Hause, zu den Eltern in die Stadt, nach Klagenfurt durfte.
Ich erinnere mich an eine kalte Schärfe in ihrer Stimme, als sie von ihren ersten Wochen in Klagenfurt erzählte. Sie war das einzige Kind in der Schule, das Deutsch sprach. Die restlichen Kinder unterhielten sich auf Slowenisch. Die Stadt wusste noch nicht, ob es eine slowenische, oder eine österreichische war. Meine Großmutter ihrerseits wusste genau, wer sie war. Jeden Tag nach der Schule lief sie zu Fuß die 12 Kilometer nach Köttmannsdorf. Zurück zu ihren Tieren, zurück in ihre geborgene Kindheit. 
Und an einem dieser Tage hatte sich dieses Ereignis zugetragen, das sie uns Enkelkindern wie eine Wunder schilderte. Das so großen Eindruck auf mich machte, dass ich so viele Jahre später hierher fuhr, um der Geschichte meiner Großmutter nachzuspüren, nach dem Wahrheitsgehalt ihrer Erzählung zu suchen.

Sie hatte erzählt, dass sie nicht weit von ihrem Haus, das nicht mehr ihr Zuhause war, am Waldrand gespielt hatte. Vor einem dichten Dornengestrüpp hielt sie inne. Sie vernahm eine innere Stimme. Wir Kinder hatten sie damals, gefragt, was eine Innere Stimme sei. Sie konnte es nicht schlüssig erklären, aber wir verstummten vor Ehrfurcht. „Zieh das Gebüsch auseinander!“, befahl die innere Stimme. Diese war, so bläute es uns die Großmutter ein, so eindringlich, so klar und gebieterisch gewesen, dass sie ihre Hand langsam dem dornenbewehrten Gebüsch entgegenstreckte. Sie zögerte, da befahl die Stimme erneut, sie solle das Gebüsch auseinanderziehen. Großmutter fürchtete die Stacheln, den Schmerz, das Blut, aber die Stimme befahl in scharfer Dringlichkeit, sie solle das Gebüsch auseinanderziehen. 

Als sie mit zitternden Händen in das Buschwerk griff, spürte sie keinen Schmerz. Das Dornengeäst ließ sich leicht wie Spinnweben zerteilen, es sei wie ein Wunder gewesen, erzählte die Großmutter und schaute uns mit ihren alten, wissenden Augen an. Als sie fortfuhr und uns berichtete, was sich hinter dem Gestrüpp verbarg, hatten wir Kinder keinen Zweifel mehr, wer diese Innere Stimme gewesen war: Ein uraltes, seit Urzeiten vergessenes Kruzifix tauchte hinter dem Gebüsch auf. Der Heiland verwittert, die Arme abgebrochen. Ein Wegkreuz, das vor vielen, vielen Jahren die Bauern an ihren Glauben gemahnte. „War es der liebe Gott, der dir gesagt hat, du sollst das Gebüsch auseinanderziehen?“, fragten wir. Und die Großmutter hatte einen bedeutungsschweren Seufzer ausgestoßen.

„Und du bist sicher, dass es noch da ist?“, fragte meine Frau. Wir folgten dem Weg den Graben hinauf. „Es muss hier sein! Vielleicht dort drüben im Wald.“

Als Großmutter zum Haus ihrer Pflegeeltern lief und von dem Fund berichtete, war das Erstaunen und der Ernst in dem das Kind von dem Wunder erzählte, groß. Die Bauern ließen das Kruzifix erneuern und es wurde am alten Platz neu aufgestellt. Seit hundert Jahren stand es nun wieder dort. Auch, weil sich einer meiner Onkel oder Tanten darum sorgte, es erneut renovieren zu lassen, sobald es erneut zu verwittern drohte. 

Meine Großmutter war in Klagenfurt nie glücklich geworden, ihre Heimat blieb Köttmannsdorf. Sie litt ihre gesamte Kindheit über an Neurodermitis. Von einem Tag auf den anderen war die Hautkrankheit plötzlich verschwunden, als sie einen deutschen Beamten kennengelernt hatte. Sie war verliebt. Er heiratete sie und nahm sie mit, fort aus Klagenfurt, sie bekamen einen Sohn. In Laibach war der Zollobersekretär stationiert. Er war ein fescher Mann, ein guter Vater, er war ein Nazi. 

Als die Deutschen nach Westen zurückgedrängt wurden und halb Europa auf der Flucht war, setzte er seine Frau und die inzwischen zwei Kinder in den Zug. Sie sollten nach Deutschland, egal wohin. Mein Großvater, pflichtbewusst bis zum Schluss, blieb in Laibach. Er hatte gute Kontakte zu den Partisanen und als die Front sich immer weiter näherte, gelang es ihm, mit dem letzten Zug der den Bahnhof verließ, mit nichts weiter als dem, was er am Leibe trug, nach München zu flüchten. 

„In Ljubiljana haben sie jetzt eine Tagesgrenze für Flüchtlinge beschlossen“, hörte ich plötzlich die Stimme meiner Frau. Ich tauchte aus meinen Gedanken auf. „Was meinst du?“ 

„Ljubiljana. War heute im Radio. Da ist doch dein Onkel geboren, oder?“ 

Ich nickte. „Was ist mit Ljubiljana?“

„580. Die lassen nur noch 580 Flüchtlinge täglich rüber nach Österreich. Die Balkanroute ist bald dicht. Wenn du mich fragst, das war’s mit Europa.“

Ich zuckte die Schultern. „Schau mal, da oben ist ein Wegkreuz. Könnte es das sein?“

Im Flüchtlingslager in Freising war meine Mutter auf die Welt gekommen. Sie hatten mehrere Jahre dort gelebt. Ein Holzofen, den sie von gutmütigen Menschen geschenkt bekommen hatten, brachte sie durch die Winter. 

„Hab ich dir erzählt, dass meine Mama in einem Flüchtlingslager geboren wurde?“

„Damals war doch jeder auf der Flucht.“ 

Wir keuchten, als wir den Hügel hinauf stiegen. Das Kreuz war nicht mehr weit. 

„Und damals haben alle zusammengeholfen. Warum klappt das heute nicht?“ 

Eine rhetorische Frage. Sie antwortete trotzdem: „Weil die Leute Angst haben: Die Flüchtlinge sind Schwarz. Und Muslime sind sie auch noch. Das ist der Unterschied zu damals. Das waren Deutsche damals.“

Ich schüttelte den Kopf: „Nein, das waren Nazis damals.“

Sie lachte. Wir waren den ganzen Tag in Klagenfurt gewesen. Hier hatte ich jeden Urlaub meiner Kindheit verbracht. Der Lindwurm war das beeindruckendste Denkmal, das ich bis dahin je gesehen hatte. Wir machten ein Selfie vor dem Drachen, dann ging ich in die Buchhandlung gegenüber und kaufte einige Bücher von Ingeborg Bachmann. Ich hatte immer gedacht, sie sei eine Deutsche gewesen. Als wir nach Köttmansdorf weiter fuhren, blieben wir an einer Gedenkstelle am Straßenrand stehen. Dutzende Kerzen flackerten, Blumen lagen in einer Verkehrseinbuchtung. „Das war doch dieser Politiker, der gegen Ausländer hetzte, dieser Nazi, bei dem sich am Schluss herausstellte, dass er schwul gewesen war, oder?“, schimpfte meine Frau. 

„Ich hab den als Kind nett gefunden“, murmelte ich.

„Spinnst du?“

„Ich war ein Kind!“

„Und wer hat hier die ganzen Kerzen angezündet? Waren das auch Kinder?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das waren dann wohl Nazis.“

„Oder besorgte Bürger.“ Sie lachte. 

„Gut, dass es damals keine Obergrenze 140 gab.“

Sie schaute mich fragend an.

„Ach, vergiss es.“

Das war keine Stunde her. Jetzt hatten wir das Wegkreuz erreicht. 

Es passte exakt zur Beschreibung. Es stand am Waldrand, dort wo es hinauf auf den Hügel ging. Nichts weiter als ein Wegkreuz. Von einem Gebüsch war nichts mehr zu sehen. Vielleicht seit hundert Jahren nicht mehr. Wir setzten uns auf die Bank, die neben dem Kreuz aufgestellt war und schauten hinunter zum Dorf. Die ersten Lichter gingen an. Dahinter waren die Berge zu sehen. Irgendwo dort hinten musste Slowenien sein. Mazedonien. Griechenland. Die Türkei. Syrien. 

„Heimat ist alles“ hatte jemand daheim in Traunstein an die Eisenbahnbrücke, die Thomas Bernhard in einem seiner Bücher in die Luft sprengen wollte, geschmiert. Während ich auf Bank in Köttmannsdorf saß und über die Heimat meiner Großmutter nachdachte, fragte ich mich, wo ich eigentlich zu Hause war und wieso sich selbst dieses fremde Köttmannsdorf ein wenig wie Heimat anfühlte. Ich fragte mich, ob meine Frau ähnliche Gefühle haben würde, wenn sie in Rumänien, in Hermannstadt auf einer Bank sitzen würde, auf der einmal ihr Großvater gesessen hatte. Oder was meine Kinder einmal fühlen würden, wenn sie vor dem Haus in den USA stehen würden, in dem ich einmal ein Jahr lang zu Hause gewesen war. 

„Was denkst du?“, fragte meine Frau. 

Ich seufzte, so wie meine Großmutter immer geseufzt hatte und sagte: „Komm, lass uns wieder heim fahren.“