Die Geschichte des Monats

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Maxim kann seit frühester Kindheit an kaum Gerüche wahrnehmen. Als er der geheimnisvoll duftenden Elsa begegnet, ändert sich das. Er bemerkt einen unheimlichen Gestank in seinem Mietshaus.

Ein lieblicher Duft

Maxim sah sie in einem Biergarten an der Wertach. Es war ein warmer Aprilsamstag und die Biergärten waren voll mit Radfahrern, Fußballfans, die sich das Spiel des FCA angeschaut hatten und natürlich mit Studenten, die das schöne Wetter bei einer kühlen Maß Radler genossen. Sie war in einer langen Schlange eingereiht und Maxim stand hinter ihr. Ihre langen, dunkelblonden Haare hingen über ein gelbes T-Shirt. Sie trug einen türkisen Schal, obwohl es an sich ein warmer Frühlingstag war. Maxim dachte sich zunächst nichts weiter, da alle jungen Mädchen, wie er fand, hübsch waren und die meisten bis auf ihre Jugend nichts weiter hatten. Aber da war etwas anderes.

Maxims Geruchsrezeptoren waren, vermutlich erblich bedingt, unterentwickelt. Es bedurfte, so hatte es ihm sein Arzt einmal erklärt, einer überaus großen Menge an Geruchsmolekülen, um einen Geruch zu erahnen. In der Schule hänselte man ihn als Geruchslegastheniker, aber das war in den abgestandenen, stickigen Klassenzimmern nicht unbedingt ein Nachteil gewesen.

Da es so selten vorkam, hatte es für Maxim etwas feierliches an sich, einen Duft zu erkennen. Selbst unangenehme Düfte erweckten in ihn, wie bei einem Kleinkind, keinen Ekel, sondern zogen ihn magisch an.

Maxim hatte den gesamten Winter über im Freien keinen einzigen Duft in seiner Nase gespürt.

Wie er so hinter dem Mädchen stand, nahm er einen überraschend intensiven Duft wahr. Er schloss die Augen und versuchte, die Quelle des Duftes zu lokalisieren. Er kannte wenig Gerüche, aber er wusste, dass es in der Theorie sieben Dufttypen gab, die man von blumig, ätherisch und moschusartig bis schweißig und faulig einteilen konnte. Es musste sich um einen sehr starken Geruch handeln, da er ihn eindeutig als blumig einordnen konnte. Gleichzeitig fühlte sich der Duft in seiner Nase aber auch leicht an, als handele sich um einen zarten, milden Duft nach Rosen, auf alle Fälle nach Vanille und vielleicht auch nach Holz. Da die Menschen in der Schlange eng beieinander standen, fiel es nicht weiter auf, dass er dem Mädchen etwas näher kam. Mit geschlossenen Augen beugte er sich über ihren Nacken und tauchte in ihre duftende Aura ein.

Die Schlange war lang und die Bedienungen langsam und Maxim genoss dieses lautlose, unsichtbare Paradies, das von ihrem Körper ausging. Er betrachtete sie von hinten und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen.

Bald war das Mädchen an der Reihe. Ihre Stimme klang klar und liebenswert, sie sprach mit liebenswertem schwäbischem Dialekt, wie die meisten Augsburger. Das Mädchen bestellte sich einen Kaffee und die Bedienung rollte die Augen. Ein Kaffee also, wo alle sich ein kühles Bier bestellten. Er mochte das Mädchen.

Mit einem Tablett in der Hand drehte sich das Mädchen wieder um. Ihre Blicke begegneten sich einen kurzen Moment lang und ihre dunklen Augen sahen ihn neugierig an. Schließlich verschwand sie wieder und auch ihr Duft verlor sich.

Es wäre bei dieser once-in-a-lifetime-Begegnung geblieben.

Wie folgenschwer dieses kurze Aufeinandertreffen für Maxims Leben war, begriff er, als er Abends vom Biergarten nach Hause ging. Er fuhr den Fahrradweg die Wertach entlang und Duft auf Duft kroch in seine Nase und entzündete ein Feuerwerk der Moleküle. Er roch herrlichste Blumendüfte, sogar den würzigen Geruch des Wassers erkannte er.

Ein Wunder war geschehen, seitdem ihm das Mädchen begegnet war. Maxim begann zu ahnen, mehr noch, er glaubte ganz fest daran, dass es diesem fremden Mädchen gelungen war, die Jahre lange Blockade der Nase zu lösen und diese für die wunderbare Welt der Düfte zu öffnen.

Beschwingt radelte er durch die Stadt, lächelte seine Freude in die Welt hinaus und sog die wundervollsten Düfte in seine Nase hinein.

Maxim wohnte in einem Mietshaus in der Nähe des Oblatterwalls. Das Haus bestand aus mehreren Dutzend winzigen Wohnungen, in denen überwiegend Ausländer oder Sozialhilfeempfänger lebten. Täglich begegnete er auf dem Flur heruntergekommenen Existenzen. Es war oft laut im Haus, nicht selten wurde geschrien. Er war der einzige Student im gesamten Gebäude, aber nicht die einzige Person, die sich einzig aufgrund der billigen Kosten hier eingemietet hatte. Nicht selten stand Hausmüll wochenlang auf dem Flur und Maxim durfte dank des Hauses und seiner unreinlichen Bewohner nach seinem Einzug den einen und anderen Geruch kennenlernen. Und nun auch diesen: Als er unfassbar glücklich beschwingt den Gang entlang wandelte, sein Zimmer war am Ende des Flures, fuhr ihm ein Geruch in die Nase, der so beißend war, dass er stehen blieb. In diesem Moment machte er ein erstes Mal die Erfahrung, dass Gerüche der fauligen Kategorie etwas sehr unangenehmes sein können.

Da Maxim, wenn er einen Duft erahnte, tief einatmen musste, um zumindest ein paar Geruchsrezeptoren zu aktivieren, holte er tief Luft und sog die Luft tief in seine Nase. Der Geruch war so überwältigend kräftig, dass Maxim hustete und ihm Übelkeit so sauer in den Magen fuhr, dass er fürchtete, sich übergeben zu müssen. Zum ersten Mal in seinem Leben hielt er sich die Hand vor die Nase und die Luft an, um den bestialischen Gestank von seinem Geruchssinn fernzuhalten. Wie eine stehende, faulige Wand konzentrierte sich der Gestank auf einen kleinen Bereich vor der mittleren Türe im ersten Stock des Mietshauses. Rasch eilte er weiter.

Maxim war nun endgültig überzeugt, dass ihm ein Wunder widerfahren war. Er konnte frei und intensiv riechen, die Verstopfung seines Geruchssinnes war gelöst.

Er fragte sich nun, ob die Welt in Wahrheit in stinkender Ort war und ob es ein Privileg gewesen war, so lange nichts riechen zu können.

In seinem kleinen Zimmer öffnete er den Spiegelschrank und holte ein Parfüm hervor. "Fleur du Male" von Jean Paul Gaultier. „Pflanze des Bösen“. Er fand, der Titel passte eher zu dem Duft, dem er auf dem Gang begegnet war. Es war das einzige Parfüm, das er außer seinen Deodorantsprays, die er ohnehin bisher nicht riechen konnte, besaß.

Er sah nur eine einzige Möglichkeit, den grässlichen Gestank aus seiner Nase zu vertreiben und sprühte sich das Parfüm dicht unter die Nase. Er schloss die Augen. Sofort stieg der blumige süße Duft angenehm in seine Nase und der faulige Geruch des Hausganges war nur noch eine beißende Erinnerung.

Er mochte dieses Parfüm sehr und war monatelang mehrmals die Woche in die Parfümerie am Rathausplatz gegangen, um sich das Parfüm unter die Nase zu sprühen und eine Weile davon zu zehren. Die Verkäuferinnen mussten ihn für verrückt halten und wunderten sich, wie er die ätherischen Öle so dicht an seiner Nase ertragen konnte, ohne dies als unangenehm zu empfinden. Aber nur auf diese Weise kam der Duft in seinen Rezeptoren so zur Geltung, wie ihn ein normal Riechender wahrnehmen konnte. Obwohl die kleine Flasche in Form eines Männertorsos für ihn ein Vermögen kostete, mit dem er die Studiengebühren eines Monats hätte bezahlen können, leistete er sich eines Tages eine Flasche.

Maxim stellte das Parfüm wieder in den Schrank zurück und ging in das kleine Wohnzimmer. Er schob die Vorhänge zurück und sah beim Fenster hinaus. Im Teich, der um den Oblatterwall angelegt war, schwammen Ruderboote träge über das Wasser. Er lauschte dem Glucksen des Kanals, der unter dem Haus vorüber floss und sah wie der Wind mit den grünen Blättern der frisch blühenden Kastanienbäume spielte. Er schloss die Augen, atmete die Duftmoleküle ein und stellte sich vor, so rieche der Frühling in seiner reinsten Essenz.

Eine Woche später standen unzählige Blumen und Bäume endgültig in voller Blüte und die ganze Stadt duftete so herrlich, dass Maxim das Parfüm seit dem Wunder nur noch benutzte um selbst angenehm zu riechen. Spazierte er durch die Straßen erhaschte er wieder und immer wieder kleine Duftpartikel die er zwar nicht zuordnen konnte, die ihn aber aufgrund ihrer bloßen Existenz mit Freude erfüllten.

Am Samstagabend traf er sich mit Bekannten im Lamm, einer Kneipe nahe des Hofgartens, wo die aufregendste Musik gespielt wurde. Das Lamm war eingerichtet wie ein großes Wohnzimmer, samt gepolsterten Sitzgelegenheiten, Stehlampen und kitschigen 50er Jahre Tapeten. Gegen Zwölf und nach drei Cuba Libres war alles gesagt, was sich Jungs zu sagen hatten und Maxim musste auf die Toilette. Im für diese Uhrzeit gewohnten Kampf gegen die Erdanziehungskraft sprang er galant die Stufen der Treppe zu den Toiletten hinab. Den üblichen maskulinen Imponierritualen, bei denen das Männchen das Revier markierte, indem es recht beeindruckend urinierte, entzog er sich und ließ in der abgetrennten Toilettenkabine Wasser. Jemand hatte zuvor ein größeres Geschäft verrichtet und es roch so streng, dass Maxim die Nase rümpfte und sich nach der alten, geruchlosen Zeit sehnte. Zurück auf dem schmalen Flur schaute er sich die ausgehangenen informativen, teils lustigen Postkarten an und blätterte im Veranstaltungsplaner für den Mai. Eine Gruppe Mädchen kam die Treppe herunter, aber er beachtete sie zunächst nicht. Bis Maxim in eine Wolke jenes vertrauten Geruchs vom Biergarten an der Wertach getaucht wurde und er mit geschlossenen Augen den Duft einsog. Er sah den Mädchen hinterher, aber sie waren bereits hinter der Damentoilette verschwunden.

Während sich der Duft langsam wieder aus der Luft verflüchtigte und einem nach Zitrone riechenden Aroma nach Toilettensteinen wich, blätterte er weiter in dem Veranstaltungsmagazin und tat so, als lese er. Die Mädchen ließen sich Zeit. Warum in aller Welt mussten Mädchen immer gemeinsam auf die Toilette gehen, und was zum Teufel trieben sie dort, fragte er sich.

Maxim riss die Augen auf, das mittlere Mädchen war niemand anderes als die schöne Unbekannte aus dem Biergarten. Er sah sie unsicher an, als sie an ihm vorüber ging, aber sie war ins Gespräch mit ihren Freundinnen vertieft. Statt eines Blickes beglückte sie ihn mit diesem süßlichen Duft und instinktiv musste er wieder die Augen schließen und ließ die Düfte in seinem Inneren zergehen: Rose, vielleicht. Vanille, mit Sicherheit und irgendwie eine Prise frisch geschlagenes Holz.

Die Mädchen saßen zwei Tische weiter und Maxim fragte seine Begleiter, ob jemand das Mädchen mit den dunkelblonden Haaren kannte. Da sich nach einer unbestätigten Regel in einer Stadt junge Menschen immer über zwei Ecken kannten, war eines der anderen beiden Mädchen Maxims Kumpel bekannt.

Eine weitere unruhige Stunde später, in der Maxim zu viel trank und zu oft zu den Mädchen hinüber blickte, ohne, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte, merkte er, dass es seinem Kumpel zu bunt wurde. Maxim ahnte, was nun kam: Da dieser sich selbst in Flirtlaune getrunken hatte und das neue Lied von Mando Diao dazu aufforderte, mit jemanden zu tanzen, setzte er sich an den Tisch zu den Mädchen.

Wenige Minuten später knutschte er bereits mit der Blonden mitten auf der Tanzfläche und Maxim beschloss, nach Hause zu gehen. Er verabschiedete sich und ging auf die Straße hinaus. Durch das große Fenster schaute er noch einmal ins Lamm hinein und betrachtete die große Wand auf der über einen Beamer ein uralter Film gezeigt wurde. In dem Film küsste Elvis Presley gerade seine Angebetete. "Wollteschd auch noch wissen, wie der Film auschgeht?", fragte eine Mädchenstimme und der blumige Duft, der in seine Nase stieg, verriet Maxim sofort, wer hinter ihm stand. Das Mädchen lächelte ihn an. "Dein Kumpel hat dich vorher als Vorwand benutzt, um sich an meine Freundin ran zu machen. Ich hab's ihm natürlich nicht geglaubt, dass du mich unbedingt kennenlernen willst, aber wir können’s ja trotzdem nachholen", sagte sie und reichte ihm die Hand. "Ich bin die Elsa." "Elsa", wiederholte er verwirrt und wusste nicht, ob ihr Duft oder ihre Augen ihn um seine Worte brachten. "Maxim", entgegnete er.

"Du bist mir schon mal an der Wertach aufgefallen", sagte sie. Sie schloss die Augen und schnupperte. "Besser gesagt, dein Parfüm. Was ist das? Riecht gut." Maxim musste lachen. Sie zog eine Zigarette hervor, zündete sie an und sah ihn verwundert an. "Was ist daran so witzig?", fragte sie. "Seit etwa einer Stunde ringe ich nach den Worten, um dir genau dasselbe zu sagen." "Bitte?" "Na, dass du mir im Biergarten aufgefallen bist. Dass ich dein Parfüm mag. Dein Parfüm hat mein Leben verändert." "Ehrlich?", fragte sie und lächelte versöhnlich als verzeihe sie ihm schon im Vorhinein jedes weitere geschwindelte Kompliment. "Meine Mädels rümpfen immer die Nase, wenn ich es auftrage. Aber ich mag es auch." Maxim erzählte ihr in knappen Worten von seinem Geruchsdefizit und dem Wunder an der Wertach und, dass er jetzt wieder normal riechen könne. "Das glaube ich dir nicht", sagte sie mit ihrer dunklen Stimme und lächelte ihn an. "Aber herzlichen Dank für die herzerfrischende Geschichte." "Sie ist nichts als die Wahrheit", betonte er. Sie sahen sich schmunzelnd an bis das Schweigen unangenehm wurde, sich ihre Pupillen weiteten und sie ihm aus dem Nichts herein einen flüchtigen Kuss auf die Lippen gab. "Ich muss weiter", sagte sie. "Darf ich dir meine Nummer geben?" Sie verabredeten sich für den Sonntag.

Am nächsten Abend trafen sie sich im Joe Penas, einem mexikanischen Restaurant gegenüber der Straße, in der Maxim wohnte. Um diese Jahreszeit öffnete das Restaurant seinen Garten, in dem man unter den blühenden Kastanienbäumen sitzen konnte. Maxim fand, dass Elsa bezaubernd aussah. Sie trug ein dunkelgelbes T-Shirt und hatte wieder ihren türkisen Schal um den Hals gebunden. Als er sich ihrer Wange näherte, um ihr einen flüchtigen Begrüßungskuss zu geben, fuhr ihm sofort dieser verführerische Duft in die Nase und er verharrte einen Moment länger an ihrer Wange als es ihm lieb war. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch unter den blühenden Bäumen. "Es duftet herrlich", sagte Maxim, nachdem sie bestellt hatten. "Und du kannst jetzt wieder alles riechen?", fragte sie. "Ja, so viele wundervolle Düfte. Ich rieche dich, ich rieche die Blüten." Elsa nickte. "Man kann sich gar nicht vorstellen wie das Leben ist, wenn man nicht mehr riechen kann", sagte sie. "Wenn es angeboren ist, empfindet man es wohl nicht als schlimm. Man kennt es ja nicht anders. Aber ich möchte auf diese wundervollen Düfte nie wieder verzichten." Sie verwandelte ihr Gesicht in ein gewinnendes Lächeln und legte ihre Hand auf seine. "Ich muss gestehen, dass auch dein Duft etwas anziehendes hat, auf das man auch nur schwer wieder verzichten möchte", sagte sie und ließ diese Worte geheimnisvoll klingen.

Sie aßen Fajitas und tranken Cocktails. Bald ging die Sonne unter und die Lichterketten über den Bäumen wurden illuminiert. Frühsommerliche Grillen zirpten und die starken Getränke taten ihre Wirkung. Ihr Rendezvous erreichte jenen Scheitelpunkt an dem sich entschied, wie der weitere Abend zu verlaufen hatte. Ein spannender Moment stets, in dem das Knistern auf beiden Seiten zu spüren ist und der dennoch von den hunderten winzigen Unwägbarkeiten abhängig ist, wenn Vernunft, Leidenschaft und äußere Einflüsse miteinander ringen.

"Und jetzt?", fragte Elsa, nachdem sie gezahlt hatten. Unsicher suchte er nach Worten. Schließlich sagte er vorsichtig: "Ich wohne gleich gegenüber. Wir könnten ja noch was bei mir trinken." Zufrieden lächelte sie.

Als sie über die Straße gingen, hakte sie sich in seinem Arm ein und schweigend spazierten sie die wenigen Meter zum gelb gestrichenen Haus. Beide genossen diese seltsame Aufregung über den Spaziergang ins Ungewisse und als er die Haustür aufschloss, hielt er längst ihre Hand. Er bat sie herein. Sie stiegen die Stufen in den ersten Stock hinauf und den Gang entlang. Plötzlich blieb Elsa stehen. "Um Himmels Willen, was ist das denn? Das stinkt ja, als hätte jemand vergessen, den Müll raus zu tragen. Seit zehn Jahren", sagte sie entsetzt. Maxim holte tief Luft, dann erkannte er den Geruch. Er war aber nur ganz leicht. Sie gingen einige Schritte weiter vor die besagte Türe. Genau auf Höhe der Türe schlug der Gestank mit voller Wucht in seine Nase. Elsa hielt sich die Hand vor die Nase. "Mein Gott, wie hältst du das nur aus?" Er nahm sie bei der Hand und ging mit ihr ans Ende des Flures. Sofort merkte Maxim, dass der Gestank nachließ. "Weil es hier schon besser ist", erklärte er. "Außerdem habe ich ihn erst bemerkt, seit wir uns begegnet sind." Er sperrte auf und bat sie hinein. Der knisternde Moment war längst verflogen. Er bat sie, sich auf die Schlafcouch zu setzen und holte eine Flasche Wein vom Regal. "Was schaust du so?", fragte er. Sie blickte ihn irritiert an. "Du riechst es echt nicht?", fragte sie. Er zuckte die Achseln und schnupperte. Es roch wie immer: Nach nichts. "Das ist mir sehr peinlich", sagte Elsa, "aber hier müffelts noch immer, als läge irgendwo eine tote Katze. Du weißt, dass das Verwesungsgeruch ist." "Ich rieche nichts", entgegnete er. "Aber im Hausgang, das hast du auch gerochen." Maxim sah sie verwundert an: "Ich hab nur im Flur was gerochen." Elsa hielt sich die Hand vor den Mund. Ihr Gesichtsausdruck jagte ihm einen Schrecken ein. Sie sagte: "Im Hausgang ist der Gestank einfach unerträglich, aber hier ist es immer noch schlimm." Sie schüttelte den Kopf: "Mein Gott, Maxim", sagte sie fassungslos und deutete auf seine Nase: "Kein normaler Mensch hält das hier aus. Ich fürchte, dass dir doch kein Wunder widerfahren ist, wenn du diesen Gestank nicht riechen kannst." "Aber dich kann ich doch auch riechen", wand er enttäuscht ein. Sie errötete leicht. "Kann sein, dass ich mein Parfüm ein bisserl zu stark auftrage. Aber ich mag es halt, wenn ich mich selbst riechen kann."

"Wer wohnt eigentlich hinter dieser Tür?" fragte sie schließlich. "Keine Ahnung. Der Typ ist vor drei Wochen ausgezogen", antwortete er. Erneut huschte ein banger Schatten über ihren Blick und Maxim stellte die Weinflasche wieder ins Regal zurück. "Nochmal: Das ist Verwesungsgeruch."

Sie verließen die Wohnung und gingen mit vorgehaltener Hand an der Türe vorbei. Maxim klopfte beim Hausmeister am Ende des Flures.

Der Hausmeister öffnete mürrisch die Tür. Er trug einen Jogginganzug und ein Unterhemd. Maxim merkte, dass es nach Schnaps roch. "Es ist zehn", brummte er genervt. Maxim deutete zur Türe: "Es stinkt hier." Der Hausmeister sah ihn wenig überrascht an. "Die Wohnung dort müsste doch leer sein?", fragte Elsa. Der Hausmeister kratzte sich an den ergrauten Schläfen. "Der Ägypter ist meines Wissens vor drei Wochen ausgezogen. Hab den Kerl auch nie mehr gesehen." Elsa sah ihn fassungslos an. "Und deshalb kümmert sich keiner? Das ganze Stockwerk ist verpestet von diesem bestialischen Gestank und niemand schert sich einen Dreck darum? Das ist doch unfassbar!" "Jetzt regen sie sich mal ab, junge Dame. Das hier ist nun mal kein Disneyland, hier ist das traurige Leben in seiner ganzen bitteren Wirklichkeit. Wenn ich jedes Mal einen Aufstand machen würde, wenn’s hier stinkt oder wenn jemand schreit oder wenn jemand spurlos verschwindet, wär ich längst in der Klappse."

Als gegen Mitternacht der Sarg aus dem Haus transportiert wurde, standen Elsa und Maxim in der milden Frühlingsnacht an der Straße und sahen dem Leichenwagen nach. "Wo er wohl hingebracht wird?" fragte sie und legte ihren Arm um ihn. "Geht’s dir gut?", fragte sie. "Hast du ihn gut gekannt?“ Er schüttelte den Kopf und seufzte. "Es ist nur so: Ich mochte es, zu glauben, wieder riechen zu können. Dabei hat sich nichts verändert." Er sog die Luft ein. "Nichts."

"Doch, eines hat sich verändert", sagte Elsa.

"Es ist Frühling."