Der Gschichtarbeiter

Autor Bernhard Straßer

Kurz bevor ich das Gymnasium geschmissen habe, beschloss ich Gschichtarbeiter zu werden.

Damals war Gschichtarbeiter noch ein angesehener Beruf. Man konnte Nobelpreise dafür bekommen. Außerdem standen die Mädchen darauf. Dachte ich.

Als ich zu gschichteln begann hoffte ich noch auf Ruhm und, vor allem, auf Reichtum. Schnell merkte ich, dass die Gschichtarbeit ein Knochenjob ist, die meisten Menschen einen hart arbeitenden Gschichtler belächeln. Und Kohle gab es auch kaum. Außer, wenn das Kasblattl sich meiner Gschichtarbeit annahm und eines während der Nachtschicht entstandenen Produkte abdruckte.

Trotzdem beschloss ich, Gschichtarbeiter zu werden, und ging dafür sogar nach Amerika.  Dort gschichtelte ich so hart wie nie zuvor. Und das beste war, dass es dort sogar im Schulunterricht Gschichtln unterrichtet wurde.

Davon profitierte natürlich die Qualität meiner Werkstücke.

Als ich, zurück dahoam in Bayern, beim Berufsberater vorsprach, erklärte ich ihm, dass ich Gschichtarbeiter werden wolle. Aber der Herr vom Arbeitsamt hatte kein Gespür für Gschichtarbeit - wie sollte er auch, der gelehrte Herr Beamte in seinem Büro. Er sagte, Gschichtarbeit sei bei dieser Konjunktur zu unsicher. Beamter auf Lebenszeit, sowas könne er empfehlen.

Also ging ich auf die Beamtenhochschule und nur noch Abends heimlich zum Gschichtln.

Mit der Zeit gschichtelte ich immer weniger und es sah so aus, als sei die große Zeit des gschichtelns endgültig vorbei. Immer weniger lasen Bücher, alles wurde elektronisch. Die Aufmerksamkeitsspanne der Leser immer kürzer. Und meine Werkstücke als Gschichtler wurden immer länger. Mein kleiner Gschichtbetrieb stand kurz vor dem Konkurs.

Dann lernte ich auf einem Gschichtler-Abendkurs andere Gschichtler kennen. Und wir schlossen uns sogar zu einer Gewerkschaft zusammen. In München lernte ich einige der besten Gschichtler von Deutschland kennen.

Ich realisierte: Ich gschichtelte nun schon seit zwanzig Jahren. Das war kein Job mehr. Das ist eine Berufung. Ich würde immer ein Gschichtarbeiter sein. Egal, was ich tagsüber machte.

Also ließ ich mein schönstes Gschichtl-Werkstück drucken. Ich erstellte eine Visitenkarten, in der ich mich erstmals selbstbewusst als "Gschichtarbeiter" bezeichnete. Und ich erstellte eine Internetseite, in der ich eine Auswahl der Werkstücke meiner Gschichtarbeit zur Schau stellte.

Und seitem geht alles ganz schnell: Zeitung und Radio interessierten sich für meine Gschichtarbeit. Jahr für Jahr ließ ich ein neues Werkstück in Serie produzieren und freute mich, dass die Gschichtarbeit nach all den Jahren noch so viel Freude macht wie damals, als es begann. Als die SPD noch Volkspartei war. Als deutsche Gschichtarbeit noch Nobelpreise gewann. Als Leser sich noch länger als eine Minute auf ein und denselben Text konzentrieren konnten.

Heute bin ich ein Gschichtarbeiter aus Leidenschaft, der Tag für Tag nach der Arbeit noch gschichtelt.

Was einen Gschichtler wie mich allerdings am meisten freut: Wenn die in der dunklen, einsamen Produktionshalle entstandenen Werkstücke auch vom Kunden gelesen werden. Denn auch wenn das Gschichtln eine einsame Arbeit ist, am schönsten ist es, wenn man die Produktionsergebnisse mit anderen teilen kann!

Eine WErkschau der Gschichtarbeit: