Luise Rinser in Kirchanschöring

Teil 2: Luise Rinsers Kirchanschöringer Verwandtschaft

Kirchanschöring erwähnt sie ein erstes Mal in Bezug auf ihren Onkel Georg Rinser (s. 39f).

Nun muss man wissen, dass Pfarrer Rinser in Kirchanschöring wie ein Heiliger verehrt wurde. Luise Rinser beschreibt ihren Onkel zwar ebenfalls wie einen Heiligen, aber weist deutlich darauf hin, dass ihr der Mann unangenehm war. Dies allein muss ein Affront gegen den konservativen Kirchanschöringer Leser des Jahres 1984 gewesen sein. Schlimmer noch, Luise Rinser behauptet auf derselben Seite, dass ihre Tante Marie einen "Kommunist und Torfstecher" geheiratet hätte. Eine Behauptung, die im Dorf wütend diskutiert wurde und als Beleg der Lügen der Luise Rinser diente.

Doch zurück auf die literarische Ebene: Mit diesem Kniff gelingt es Luise Rinser, den Konflikt ihrer Tante mit dem geistlichen Bruder und die spätere Gefahr durch die Nazis deutlich herausstreichen. Auch wird der Torfstecher in seiner Kategorisierung als Kommunist, in diesem Buch zum Sympathieträger gegenüber dem lebensfremden katholischen Priester Georg.

Man kann sich dennoch vorstellen, welche Wellen derartige Behauptungen im strausschwarzen Bayern Mitte der Achtziger Jahre ausgelöst haben müssen.

Georg Rinser

Wie Luise Rinser Ambivalenz als Schreibstil verwendet, lässt sich gleich hier im Georg Rinser-Kapitel aufzeigen:

Der Leser, der nach den ersten, Missgunst dem Onkel gegenüber andeutenden Sätzen nicht aufmerksam weitergelesen hat, dem entgeht, dass sich die Rinser rasch relativiert, den Onkel fast bewundernd als Heiligenfigur zeichnet und Ihre kritische Sicht auf den Priester als die Sicht einer Schülerin beschreibt.

Hier wäre eine genauere Analyse interessant, welche Anekdote wahr ist und wo sie den Onkel überhöht.

Im Buch ist Georg Rinser ein Asket, der jeden Morgen um Vier Uhr aufsteht und im Sommer wie im Winter Baden geht. Da das Pfarrhaus an der Ache lag, erscheint dies zumindest möglich.

Georg Rinser wird wie ein Heiliger Franziskus beschrieben: Jemand, der stets bereit war, Armen und Bedürftigen zu geben. "Er schenkte alles her, was er nicht unbedingt brauchte." (S. 41)

Georg Rinser soll jedes Mal, wenn jemand im Sterben lag, eine Glocke gehört haben, damit er sich sogleich zum "Versehgang" bereit machen konnte. Die Rinser betont ausdrücklich, dass diese Anekdote verbürgt ist, was sie bei anderen Anekdoten nicht tut.

Als er an einem Hirntumor starb, schreibt sie, fiel über dem Bett ihrer Eltern, die Uhr zur Todesminute hinunter. Der Leichnam blieb noch drei Tage rosig. In Italien, schreibt sie, wäre sofort seine Seligsprechung eingeleitet worden.

Letztendlich rückt sie diese literarische Heiligsprechung des Georg Rinser selbst in ein heiliges Licht, indem sie schreibt, der Onkel hätte wohl doch größeren Einfluss auf die genommen als ihr bewusst war.

Im Dorf jedenfalls ist die Bedeutung beider Rinsers klar einzusehen: es gibt eine Georg Rinser Straße. Von Luise Rinser ist nicht einmal das Haus in Voglaich geblieben. Immerhin verweist der Fremdenverkersverein schüchtern auf seiner Webseite auf einen "Luise Rinser Wanderweg".

Noch einmal vergleicht sich die Erzählerin mit einer Heiligen, als sie schildert, dass sie nach dem Krieg zwei SSlern half, die vereiterte Wunde des einen verarztete, der sich das SS Blutgruppenzeichen herausgeschnitten hatte (S. 45).

Derlei mag geschehen sein, kann aber auch ein prägnantes literarisches Bild sein. 

 

Marie und Franz Wallner

Luise Rinser benutzt ihre Tante Marie und deren Mann, um zu beschreiben, wie ihre Familie mit einer Krisensituation umgeht, wie sich die Familienmitglieder in einem Konflikt positionieren, wie weltoffen und tolerant sie sind.

Eine Liebesbeziehung mit einem gewöhnlichen Bauernsohn aus dem Dorf bietet wenig Fallhöhe. Den politischen Zeiten gemäß, die auf dem Land nicht ganz so politisch waren, wie es der Spannungsbogen erwartet, macht sie aus dem Liebhaber einen Kommunist und Torfstecher.

Der größtmögliche Konflikt muss her, zwei uneheliche Kinder genügen nicht, anders wäre es schwer zu vermitteln, dass der Heilige Pfarrer die eigene Schwester von Pfarrhof wirft und die sanfte Großmutter Marie zunächst enterbt.

Luise Rinser lässt nun ihre Mutter unbeirrbar ob der Liebe des geächteten Paares, vermitteln.

Und durch deren Fürsprache erhält das Paar ein altes Haus. Marie richtet dort eine Limonadenfabrik ein.

Beide arbeiten hart und ihre Firma wird bald ein großes, angesehenes Geschäft im Dorf.

Unbestritten ist Rinsers Resümee, dass der "Torfstecher" ein braver Bursche wurde. Ob diese Wandlung auch für einen "Kommunist und Torfstecher" als ungewöhnlich zu beschreiben sei, das sei dahingestellt.

Hier geht es weiter zum dritten Teil: Kirchanschöringer Anekdoten

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