Luise Rinser in Kirchanschöring

Teil 3: Verhaftung und Kriegsende

1944 eskaliert die Lage in Kirchanschöring. Im "Wolf" behauptet die Autorin, dass es einen Spitzel der Gestapo gab, der sie zwei Jahre überwachte. "Ein langer Kerl, der nichts arbeitete und nur so herumlungerte, mit Schlitzohren überall zuhörte, im Wirtshaus und in den Läden und immer gut angezogen war und von dem niemand wusste, woher er kam, wohin er gehörte..." (S. 372)

Er pirscht sich in der Dunkelheit bis an ihr Haus heran, sie schreit ihn an.

Schließlich das folgenreiche Gespräch mit ihrer früheren Schulfreundin Lisl. Deren Mann an der Front gegen die heranrückenden Russen um sein Leben fürchtet.

Luise Rinser rät ihr, dem Mann zu schreiben, er solle sich "verdrücken, absetzen, heimkommen." (S. 374)

Die Frau, dumme Kuh, nennt sie Rinser drei Mal, tut wie ihr geheißen. Der Offizier zeigt sie umgehend an.

Am Morgen des 12. Oktober wird sie verhaftet.

Vieles ist dokumentiert. Die Verhaftung wird der Grundstein ihres "Gefängnistagebuches", des ersten Buches, das sie nach dem Krieg veröffentlicht, und das ihren Mythos als Regime- Opfer und Gegnerin begründet.

Jene Lisl wird später als Lisl Grünfelder, der Mutter des späteren Kirchanschöringer Schulrektors identifiziert, was in der Schule damals für Unruhe sorgt.

Die Vorwürfe, die Rinser im Dorfwirtshaus Verlesen bekommt, beinhalten auch: "Sie haben verbotenen Umgang mit polnischen Kriegsgefangenen Frauen im Lager Laufen gehabt und ihnen Schuhe und Seife gebracht" (S. 375) und "Sie haben defätistische Nachrichten aus Feindsendern verbreitet und dadurch den Wehrwillen des deutschen Volks geschwächt"

Das Verhör dauerte 7 Stunden. Die Wirtin brachte der Autorin eine Leberknödelsuppe. Sie wird verhaftet wegen Wehrkraftzersetzung und Widerstands gegen den Staat. Den "Hochverrat" fügt sie nur vage hinzu. Es wurde nie belegt, dass sie auch des Hochverrats beschuldigt wurde. 

Sie beschreibt den Weg ins Zuchthaus nach Traunstein:

Die Polizisten bringen Sie erst nach Fridolfing (vermutlich eher nach Laufen). Dort gibt es eine kleine Zelle mit Eisentür und Riegel.

Am nächsten Morgen verabschiedet sie sich von Klaus. Interessant ist diesbezüglich, dass nicht der angeblich politisch verfolgte verhaftet wurde, sondern die Schriftstellerin.

Mit dem Zug wird sie nach Traunstein gefahren. Dort tritt sie die Haft an.

Luise Rinser beschreibt die Haftbedingungen und die unmittelbare Gefahr der Nazi Gerichtbarkeit sowohl im Wolf als auch im Gefängnistagebuch drastisch. Sie geht, wieder ein nachgewiesener literarischer Kniff, so weit, das ihr Fall vor das berüchtigtste Gericht, dem Volksgericht Berlin unter Richter Freisler geht. "Tod, oder was damals dasselbe war, KZ, war mir sicher." (S. 383)

Durch ihre Beziehungen zu einem einflussreichen Nazi kommt sie schließlich frei. 

Das Kriegsende in Kirchanschöring

 Von der Kusine Fanny erhält sie die Nachricht, Hitler ist tot. Im Garten hängen sie einen Zinnsoldat - Hitler an einen Galgen und tanzen darum herum "wie die Geißlein um den Wolf tanzten: der Wolf ist tot, der böse Wolf ist tot" (S. 385) Hier schließlich der direkte Verweis auf den Titel.

Während dieses Totentanzes fährt der Ortsgruppenführer vorbei und schreit, sie sollen sich nicht zu früh freuen, er könne sie alle erschießen lassen.

Der Ortsgruppenführer war damals Fritz Jochum. Und bis auf seine Parteizugehörigkeit konnte man ihm auch während der Entnazifizierung nichts vorwerfen. Im Gegenteil, so manchem hat er mit seinem Einfluss das Leben gerettet. Nach Dachau in Haft musste er dennoch. Auch diese Anekdote ist literarisch zu lesen, ihr Wahrheitsgehalt unwahrscheinlich.

Als die Amerikaner anrücken, ziehen die abrückenden Truppen auch an ihrem Haus vorbei. Auf Ihre weiße Fahne wird geschossen. (siehe auch "Exodus - das Kriegsende in Kirchanschöring")

Versprengte Resttruppen ziehen an ihrem Haus vorbei, die Rangabzeichen abgerissen, erschöpft.

Ein Panzer rollt vorbei. Die Amerikaner sind da. (S. 386)

Später im Buch führt sie recht plastisch noch einen Todesmarsch auf, den es kurz vor Kriegsende tatsächlich gegeben hat: ein Zug "schweigender Hungerskelette in grauschwarz gestreifter Häftlingskleidung" werden an ihrem Haus vorbeigetrieben. (S. 390). Unwahrscheinlich, dass sie durch Voglaich gezogen sind, aber die Schüsse hat sie vermutlich gehört, als ein Kazettler auf der Flucht erschossen wurde. Es lohnt sich, diesbezüglich "Jan Lobel aus Warschau" zu lesen, das von diesem Ereignis inspiriert ist.

Sogleich mit Kriegsende arbeitet Rinser an ihrem neuen Mythos. Sie geht ins Dorf zum Lager der Amerikaner und gibt sich als Verfolgte des Nazi Regimes zu erkennen. Sie wird mit wertvollen Lebensmittel beschenkt.

Wie geschickt die Rinser ihren neuen Status nutzte, zeigt sich jener Bericht wonach sie sich kurz vor Kriegsende ihre Zeit der Haft noch von den Behörden bestätigen ließ.

Fakt ist auch, sie stand jetzt, zum Kriegsende, auf der richtigen Seite und ihre Haft verschaffte ihr ungeahntes Gewicht und neue Möglichkeiten.

Eine gesicherte Anekdote aus dieser Zeit besagt, dass sie den Kontakt zum zweiten in Dorf, der wegen Wehrkraftzersetzung in Haft war, suchte: Jenem Hans Straßer, der sie mit Informationen vom Feindsenderhören versorgt hatte. Er war bereits 1940 in Haft geraten und durch die Haftbedingungen an Tuberkulose erkrankt. Ihn wollte sie nun überreden, den damaligen Denunzianten anzuklagen, das alte System und seine Mitläufer also zur Rechenschaft zu ziehen. Der Todkranke lehnte ab. Auch, weil der sture, bodenständige Zimmerermeister und die intellektuelle Schriftstellerin wenig gemeinsam hatten. Das Streitgespräch beider ist durch Hans Straßers älteste Tochter verbürgt.

Rinser gründete die VNN, die Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus".

Die Wut der Rinser, dass es 45 weiterging wie bisher, liest sich noch im "Wolf": "jeder wollte jetzt heimlich Gegner Hitlers gewesen sein, nur mitgelaufen sein, nur Befehle ausgeführt haben, widerwillig, jeder hatte einen Juden geholfen, einen Kommunisten versteckt..."(S. 392)

In Luise Rinsers Werk taucht Kirchanschöring noch einmal auf: In ihren Tagebuchaufzeichnungen, unter dem Titel „Im Dunkeln singen“ veröffentlicht, schreibt sie von einem Brief von Hans Straßer’s Sohn, inzwischen Bürgermeister von Kirchanschöring:

„Der Brief des Bürgermeisters Hans Straßer aus Kirchanschöring; er schickt eine Einladung zu einer Lesung im ‚Waldtheater‘, und schreibt dazu folgendes: ‚Nachdem Sie einen Zeitabschnitt ihres Lebens hier verbracht haben – und sicherlich nicht den einfachsten – darf ich Ihnen einige aktuelle Kirchanschöringer Gemeindemitteilungen beilegen. Noch eine persönliche Anmerkung: Meine – inzwischen verstorbene – Mutter pflegte immer meinen Vater (ein Jellbauersohn von Voglaich) zu zitieren, welcher angesichts Ihrer aufrechten Haltung gegenüber den Nazis von Ihnen sagte, daß sie de unterschiedlichsten Leit geistig z’sammarucka läßt‘ Ich war von 1942 bis 1948 dort in jenem armseligen Haus am Totenhölzl, das ich im Wolf beschrieb. Von Kirchanschöring aus war ich am 12. Oktober 1944 verhaftet worden.“

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