Thomas Bernhards Spaziergang

By Thomas.Bernhard.jpg: Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung derivative work: Hic et nunc (This file was derived from:  Thomas.Bernhard.jpg) [CC-BY-SA-3.0-de (<span><a class="smarterwiki-linkify" href="h

Der österreichische Dramatiker Thomas Bernhard hat einige Jahre seiner Kindheit in Traunstein verbracht. 

Diese Zeit hat Bernhard auf seine unnachahmliche Art mit viel Grant und deftigen Worten in seinem Buch "Ein Kind" sehr zum Missfallen vieler Traunsteiner zu Ungunsten der Stadt festgehalten. 

Berühmt geworden ist vor Allem eine Anekdote, in der Bernhard eine missglückte Spritztour auf einem Steyrer Waffenrad nach Salzburg schildert, die für den späteren Literaten mit Schürfwunden und gerissener Fahrradkette im Straßengraben endet. 

Da er sich aus Angst vor der Mutter nicht nach Hause traut, beschreibt Bernhard, wie er, spät Nachts heimgekommen, stattdessen nach Ettendorf flüchtet, wo der geliebte Großvater des Kindes, Johannes Freumbichler, lebt. 

Genau dieser Weg ist im Buch, gewürzt mit weiteren Anekdoten, so trefflich beschrieben, dass bis heute Thomas Bernhard Freunde nach Traunstein pilgern, um auf dessen Spuren von der Stadt hinauf nach Ettendorf zu spazieren. 

Empfohlen werden kann dazu der regelmäßig vom Bernhard-Experten Willi Schwenkmeier angebotene Thomas Bernhard-Spaziergang. 

 

Oder einfach virtuell dieser:

Wohnhaus Thomas Bernhard Traunstein
Thomas Bernhards Wohnhaus

Der Weg beginnt in Bernhards Wohnhaus am Taubenmarkt, wo der Schriftsteller im zweiten Stock gelebt hat. 

Das Kind flüchtet im Buch Buch aus der Enge der Stadt. Sein Weg hinunter führt ihn über die Dentistenstiege, eine Treppe in die Unterstadt, die inzwischen, trotz des zwiespältigen Verhältnisses der Traunsteiner zu dem Dramatiker, nach Thomas Bernhard benannt ist. 

Das Kind wählt nicht den kürzesten Weg nach Ettendorf, sondern überquert die Traun am mächtigen Viadukt. Sei es, dass sich das Kind noch eine Galgenfrist herausschinden möchte, oder dem Autor die Gelegenheit zu geben, noch eine anarchistische Zerstörungsfantasie einer Sprenung der Eisenbahnbrücke mit einzuspinnen. 

Den Weg nach Ettendorf hinauf beschreibt Bernhard, als ginge das Kind auf einen Heiligen Berg hinauf. Empor aus den Niederungen, Alles zurücklassend, was engstirnig, schmutzig, im Grunde nichts als ekelerregend war, wie er das Kind denken lässt, hoch zur höchsten Instanz, dem Großvater. 

Im Morgengrauen kommt er oben in Ettendorf an. 

Der Großvater lebte im alten Straßer Hof, der sich auf Höhe der heutigen Siedlung am Kircherl befand und längst abgerissen ist.

Von hier aus hatte man, und hat man noch immer, einen weiten Blick auf die bayerischen Voralpenberge, auf den Hochfelln, auf den Hochgern, auf die Kampenwand und hat den Chiemsee. 

Inschrift Thomas Bernhard Traunstein
Die Thomas Bernhard Stiege in Traunstein
Die Thomas Bernhard Stiege in Traunstein

Jene Schimpfkanonade auf Traunstein, die viele Traunsteiner Bürger bis heute verärgert, legt Bernhard übrigens geschickt etwas später im Buch dem Großvaters in den Mund. Das Kind gab also nicht die Meinung des Autoren, sondern die Wutreden des verbitterten, gescheiterten intellektuellen Schriftstellers Johannes Freumbichler wieder. 

Dass die Tiraden allerdings auch so manches wahre Wort über mögliches Kleinbürgertum enthalten, lässt sich erahnen, wenn man auch die bitterbösen, spitzfindigen Erinnerungen des in Traunstein heißgeliebten Ludwig Thoma an das damalige Traunstein aufmerksam liest. 

Wer von Ettendorf aus noch etwas weiter nach Hufschlag spaziert, kommt am alten Wohnhaus der Ratzingers vorbei, in dem, zeitgleich mit Thomas Bernhard, die frommen Buben Josef und Georg lebten.

Bis heute fasziniert dieses Gedankenspiel die Thomas Bernhard Freunde, ob es die nicht unwahrscheinliche Begegnung der Buben gegeben hat und wie diese ausgesehen haben könnte. 

Die Augenkapelle findet man hier:

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