Ein lieblicher Duft

Eine Corona-Kurzgeschichte

Maxim sah sie in einem Biergarten an der Wertach. Es war ein warmer Freitag Ende April und die Biergärten waren voll mit Radfahrern, Familien, die scheinbar jede freie Minute draußen verbrachten und den ersten Studenten, die das schöne Wetter bei einer kühlen Maß Radler genossen. Sie war in einer langen Schlange der Vorschrift nach eingereiht und Maxim stand hinter ihr. Ihre langen, dunkelblonden Haare hingen über ein gelbes T-Shirt. Sie trug einen türkisen Schal, obwohl es ein warmer Frühlingstag war. Maxim dachte sich zunächst nichts weiter, da alle jungen Mädchen, wie er fand, hübsch waren und die meisten bis auf ihre Jugend nichts weiter hatten. Aber da war etwas anderes.

 

Maxims hatte vor einer Woche den Geruchssinn verloren. Erst dachte er, es lang an seinem Schnupfen, aber das war es nicht. Seit inzwischen sechs Tagen hatte er keine einzige Duftnote mehr mit seiner Nase erspürt.

 

Wie er so hinter dem Mädchen stand, nahm er etwas wahr, das eindeutig ein Duft, sogar ein überraschend intensiver Duft war. Er schloss die Augen und versuchte, die Quelle des Duftes zu lokalisieren. Er konnte sich kaum noch an Gerüche erinnern, aber er wusste aus Wikipedia, dass es in der Theorie sieben Dufttypen gab, die man von blumig, ätherisch und moschusartig bis schweißig und faulig einteilen konnte. Es musste sich um einen sehr starken Geruch handeln, da er ihn eindeutig als blumig einordnen konnte. Gleichzeitig fühlte sich der Duft in seiner Nase aber auch leicht an, als handele sich um einen zarten, milden Duft nach Rosen, auf alle Fälle nach Vanille und vielleicht auch nach Holz. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie es wäre, wenn er ihr nur ein kleines Stück würde näherkommen. Mit geschlossenen Augen beugte er sich vor soweit es ging und tauchte ein Stück weiter in ihre duftende Aura ein. 

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Die Schlange war trotz der vergleichsweise wenig Menschen im Biergarten lang und die Bedienung allein und Maxim genoss dieses lautlose, unsichtbare Paradies, das von ihrem Körper ausging. Er betrachtete sie von hinten und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen.

 

Bald war das Mädchen an der Reihe. Ihre Stimme war rau und tief, aber liebenswert, sie sprach mit schwäbischem Dialekt, wie die meisten Augsburger. Das Mädchen bestellte sich einen Kaffee und die Bedienung rollte die Augen. Ein Kaffee also, wo alle sich ein kühles Bier bestellten. Er mochte das Mädchen.

 

Mit einem Tablett in der Hand drehte sich das Mädchen wieder um. Ihre Blicke begegneten sich einen kurzen Moment lang und ihre dunklen Augen sahen ihn neugierig an. Schließlich verschwand sie wieder und auch ihr Duft verlor sich.

 

Es wäre bei dieser once-in-a-lifetime-Begegnung geblieben.

 

Wie folgenschwer dieses kurze Aufeinandertreffen für Maxims Leben war, begriff er, als er abends vom Biergarten nach Hause ging. Er fuhr den Fahrradweg die Wertach entlang und Duft auf Duft kroch in seine Nase und entzündete ein Feuerwerk der Moleküle. Er roch herrlichste Blumendüfte, sogar den würzigen Geruch des Wassers erkannte er.

 

Ein Wunder war geschehen, seitdem ihm das Mädchen begegnet war. Maxim begann zu ahnen, mehr noch, er glaubte ganz fest daran, dass es diesem fremden Mädchen gelungen war, diese Blockade, von der er fürchtete, sie würde sein Leben lang bleiben, zu lösen.

 

Beschwingt radelte er durch die Stadt, lächelte seine Freude in die Welt hinaus und sog die wundervollsten Düfte in seine Nase hinein.

 

Maxim wohnte in einem Mietshaus in der Nähe des Oblatterwalls. Das Haus bestand aus mehreren Dutzend winziger Wohnungen, in denen überwiegend Ausländer oder Sozialhilfeempfänger lebten. Täglich begegnete er auf dem Flur heruntergekommenen Existenzen. Es war oft laut im Haus, nicht selten wurde geschrieen, vor allem die letzten Monate waren hart gewesen. Er war der einzige Student im gesamten Gebäude, aber nicht die einzige Person, die sich einzig aufgrund der billigen Kosten hier eingemietet hatte. Nicht selten stand Hausmüll wochenlang auf dem Flur und oft roch es unangenehm. Da er die Tage nichts mehr riechen konnte, war ihm nie etwas aufgefallen, aber etwas war anders. Als er beschwingt den Gang entlang wandelte, fuhr ihm ein Geruch in die Nase, der so beißend war, dass er stehen blieb. Es war der intensivste Gestank, den er jemals gerochen hatte.

 

Maxim hatte sich die letzten Tage angewöhnt, regelmäßig tief einzuatmen, in der Hoffnung, wenigstens ein paar Geruchsrezeptoren zu aktivieren. Der Geruch, den er nun durch die Lungen strömen ließ, war so überwältigend kräftig, dass Maxim hustete und dachte, kotzen zu müssen. Er hielt sich die Hand vor die Nase, um den bestialischen Gestank von seinem Geruchssinn fernzuhalten. Wie eine stehende, faulige Wand konzentrierte sich der Gestank auf einen kleinen Bereich vor der mittleren Türe im ersten Stock des Mietshauses. Rasch eilte er weiter.

 

Maxim war nun endgültig überzeugt, dass ihm ein Wunder widerfahren war. Er konnte nicht nur frei und intensiv riechen, es fühlte sich an, als hätte sich sein Geruchssinn sogar verfeinert, extrem sensibilisiert.

 

Er fragte sich, ob die Welt immer schon so ein stinkender Ort gewesen war und ob er ab sofort all die schönen und schrecklichen Gerüche deutlich würde wahrnehmen müssen.

 

In seinem kleinen Zimmer öffnete er den Spiegelschrank und holte ein Parfüm hervor. "Fleur du Male" von Jean Paul Gaultier. „Pflanze des Bösen“. Er fand, der Titel passte eher zu dem Duft, dem er auf dem Gang begegnet war. Es war das einzige Parfüm, das er jemals gekauft hatte. Normalerweise benutzte er ein Nivea Deo.

 

Er sah nur eine einzige Möglichkeit, den grässlichen Gestank aus seiner Nase zu vertreiben und sprühte sich das Parfüm dicht unter die Nase. Er schloss die Augen. Sofort stieg der blumige süße Duft angenehm in seine Nase und der faulige Geruch des Hausganges war nur noch eine beißende Erinnerung.

 

Er mochte dieses Parfüm sehr und war letzte Woche, als es mit dem Verlust des Geruchssinnes begann, mehrmals in die Drogerie gegangen, um sich das Parfüm unter die Nase zu sprühen. Die Verkäuferinnen mussten ihn für verrückt halten und wunderten sich, wie er die ätherischen Öle so dicht an seiner Nase ertragen konnte, ohne dies als unangenehm zu empfinden. Aber es wurde zur erschreckenden Gewissheit: Er roch nichts mehr. Die Flasche war teuer. Da ihn die Verkäuferin irgendwann komisch anschaute, beschloss er dennoch, das Parfum zu kaufen.

 

Ein erstes Mal bereute er die sündhaft teure Anschaffung nicht. Maxim stellte das Parfüm wieder in den Schrank zurück und ging in das kleine Wohnzimmer. Er schob die Vorhänge zurück und sah beim Fenster hinaus. Im Teich, der um den Oblatterwall angelegt war, bewegten sich die Ruderboote träge über das Wasser. Er lauschte dem Glucksen des Kanals, der unter dem Haus vorüberfloss und sah, wie der Wind mit den grünen Blättern der frisch blühenden Kastanienbäume spielte. Er schloss die Augen, atmete die Duftmoleküle ein und stellte sich vor, so rieche der Frühling in seiner reinsten Essenz.

 

Am nächsten Tag standen unzählige Blumen und Bäume endgültig in voller Blüte und die ganze Stadt duftete herrlich. Maxim sprühte sich das Parfum auf die Handunterflächen und genoss es, den Duft tatsächlich riechen zu können. Er spazierte er durch die Straßen, erhaschte wieder und immer wieder kleine Duftpartikel, die er zwar nicht zuordnen konnte, die ihn aber aufgrund ihrer bloßen Existenz mit Freude erfüllten.

 

Am Abend hatte er mit seinen Freunden im Lamm, einer Kneipe nahe des Hofgartens, wo die aufregendste Musik gespielt wurde, einen Tisch reserviert. Das Lamm war eingerichtet wie ein großes Wohnzimmer, samt gepolsterten Sitzgelegenheiten, Stehlampen und kitschigen 50er Jahre Tapeten. Gegen Zwölf und nach drei Cuba Libres war alles gesagt, was sich Jungs zu sagen hatten und Maxim musste auf die Toilette. Im für diese Uhrzeit gewohnten Kampf gegen die Erdanziehungskraft sprang er galant die Stufen der Treppe zu den Toiletten hinab. Den üblichen maskulinen Imponierritualen, bei denen das Männchen das Revier markierte, indem es ins Nebenpissoir recht beeindruckend urinierte, gab es nicht mehr. Er ließ in der abgetrennten Toilettenkabine Wasser. Jemand hatte zuvor ein größeres Geschäft verrichtet und es roch so streng, dass Maxim die Nase rümpfte und sich nach der alten, geruchlosen Zeit sehnte. Zurück auf dem schmalen Flur schaute er sich Plakate all der Veranstaltungen an, die er dieses Jahr verpasst hatte. Eine Gruppe Mädchen kam die Treppe herunter, aber er beachtete sie zunächst nicht. Bis Maxim in eine Wolke jenes vertrauten Geruchs vom Biergarten an der Wertach getaucht wurde und er mit geschlossenen Augen den Duft einsog. Er sah den Mädchen hinterher, aber sie waren bereits hinter der Damentoilette verschwunden. 

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Während sich der Duft langsam wieder aus der Luft verflüchtigte und einem nach Zitrone riechenden Aroma nach Toilettensteinen wich, blätterte er in einem alten Veranstaltungsmagazin und tat so, als lese er. Die Mädchen ließen sich Zeit. Warum in aller Welt mussten Mädchen immer gemeinsam auf die Toilette gehen, und was zum Teufel trieben sie dort, fragte er sich.

 

Maxim riss die Augen auf, das mittlere Mädchen war niemand anderes als die schöne Unbekannte aus dem Biergarten. Er sah sie unsicher an, als sie an ihm vorüber ging, aber sie war ins Gespräch mit ihren Freundinnen vertieft. Statt eines Blickes beglückte sie ihn mit diesem süßlichen Duft und instinktiv musste er wieder die Augen schließen und ging die Düfte in seinem Inneren durch: Rose, vielleicht. Vanille, mit Sicherheit und irgendwie eine Prise frisch geschlagenes Holz.

 

Die Mädchen saßen zwei Tische weiter und Maxim fragte seine Begleiter, ob jemand das Mädchen mit den dunkelblonden Haaren kannte. Da sich nach einer unbestätigten Regel in einer Stadt junge Menschen immer über zwei Ecken kannten, war eines der anderen beiden Mädchen Maxims Kumpel bekannt.

 

Eine weitere unruhige Stunde später, in der Maxim zu viel trank und zu oft zu den Mädchen hinüberblickte, merkte er, dass es seinem Kumpel zu bunt wurde. Maxim wusste genau, was noch vor einer Weile passiert wäre: Sein Kumpel hätte dieses Lied von The Weekend genutzt, um auf der Tanzfläche die Aufmerksamkeit der Mädchen auf sich zu ziehen. Wenig später hätten auch die beiden ganz auffällig den nächsten Song genutzt, um ihrerseits einen kleinen Tanz zu veranstalten. Und keine drei Songs später hätten er und die Blonde mitten auf der Tanzfläche geknutscht.

 

Maxim fühlte sich mit einem Mal elend. Manchmal war ihm das alles zu viel und er fühlte sich fiebrig. Aber es war nichts, nur ein Gefühl. Er fasste sich an die heiße Stirn, schob den Cuba Libre beiseite und sagte den anderen, dass er kurz an die frische Luft müsse. Er verabschiedete sich und ging auf die Straße hinaus. Durch das große Fenster schaute er ins Lamm hinein und betrachtete die große Wand, auf der über einen Beamer ein uralter Film gezeigt wurde. In dem Film küsste Elvis Presley gerade seine Angebetete. "Wollteschd auch noch wissen, wie der Film auschgeht?", fragte eine dunkle Mädchenstimme und blumiger Duft stieg in seine Nase.

 

Das Mädchen lächelte ihn an. "Wenn man nicht tanzen darf, bleibt einem ja nichts anderes übrig, als die Filme anzuschauen", sagte sie und nickte ihm zu. "Ich bin die Elsa."

 

"Elsa", wiederholte er verwirrt und wusste nicht, ob ihr Duft oder ihre Augen ihn um seine Worte brachten.

 

"Maxim", entgegnete er.

 

"Du bist mir gestern an der Wertach aufgefallen", sagte sie. Sie schloss die Augen und schnupperte. "Besser gesagt, dein Parfüm. Was ist das? Riecht gut." Maxim musste lachen. Sie zog eine Zigarette hervor, zündete sie an und sah ihn verwundert an. "Was ist daran so witzig?", fragte sie.

 

"Seit etwa einer Stunde ringe ich nach den Worten, um dir genau dasselbe zu sagen."

 

"Bitte?"

 

"Na, dass du mir im Biergarten aufgefallen bist. Dass ich dein Parfüm mag. Dein Parfüm hat mein Leben verändert."

 

"Ehrlich?", fragte sie und lächelte versöhnlich, als verzeihe sie ihm schon im Vorhinein jedes weitere geschwindelte Kompliment. "Meine Mädels rümpfen immer die Nase, wenn ich es auftrage. Aber ich mag es auch."

 

Maxim erzählte ihr in knappen Worten, wie er seinen Geruchssinn verloren hatte und dem Wunder an der Wertach und, dass er jetzt wieder normal riechen könne. "Das glaube ich dir nicht", sagte sie mit ihrer dunklen Stimme und lächelte ihn an. "Aber herzlichen Dank für die herzerfrischende Geschichte."

 

"Sie ist nichts als die Wahrheit", betonte er. Sie sahen sich schmunzelnd an, bis das Schweigen unangenehm wurde, sich ihre Pupillen weiteten und er sich vorstellte, wie wohl ein flüchtiger Kuss auf ihren Lippen schmeckte. Sie senkte ihre Zigarette und drückte sie im Aschenbecher aus.

 

"Ich muss weiter", sagte sie. "Darf ich dir meine Nummer geben?"

 

Am nächsten Abend hatte er im Joe Penas, einem mexikanischen Restaurant gegenüber der Straße, in der Maxim wohnte, einen Tisch reserviert. Um diese Jahreszeit öffnete das Restaurant seinen Garten, in dem man unter den blühenden Kastanienbäumen sitzen konnte. Jeder einzelne der wenigen Tische war besetzt. Maxim fand, dass Elsa bezaubernd aussah. Sie trug ein dunkelgelbes T-Shirt und hatte wieder ihren türkisen Schal um den Hals gebunden.

 

Er wusste nicht recht, wie er sie begrüßen sollte. Sie nickten sich lächelnd zu. Trotz ihres Abstands fuhr ihm sofort dieser verführerische Duft in die Nase und er schloss kurz instinktiv die Augen. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch unter den blühenden Bäumen.

 

"Es duftet herrlich", sagte Maxim, nachdem sie bestellt hatten.

 

"Und du kannst jetzt wieder alles riechen?", fragte sie und zündete sich eine Zigarette an.

 

"Ja, so viele wundervolle Düfte. Ich rieche dich, ich rieche die Blüten." Elsa nickte. "Man kann sich gar nicht vorstellen wie das Leben ist, wenn man nicht mehr riechen kann", sagte sie. "Wenn es angeboren ist, empfindet man es wohl nicht als schlimm. Man kennt es ja nicht anders. Aber ich möchte auf diese wundervollen Düfte nie wieder verzichten." Sie verwandelte ihr Gesicht in ein gewinnendes Lächeln und schaute ihm tief in die Augen. "Ich muss gestehen, dass auch dein Duft etwas Anziehendes hat", sagte sie.

 

Sie aßen Fajitas und tranken Cocktails. Elsa outete sich als leidenschaftlicher Raucher. Aber es störte ihn nicht, obwohl er einige Male husten musste. Bald ging die Sonne unter und die Lichterketten über den Bäumen wurden illuminiert. Frühsommerliche Grillen zirpten und die starken Getränke taten ihre Wirkung. Ihr Rendezvous erreichte jenen Scheitelpunkt, an dem sich entschied, wie der weitere Abend zu verlaufen hatte. Ein spannender Moment stets, in dem das Knistern auf beiden Seiten zu spüren ist und der dennoch von den hunderten winzigen Unwägbarkeiten abhängig ist, wenn Vernunft, Leidenschaft und äußere Einflüsse miteinander ringen.

 

"Und jetzt?", fragte Elsa, nachdem sie gezahlt hatten. Unsicher suchte er nach Worten. „Ich weiß nicht. Ich habe das lange nicht mehr gemacht.“

 

„Ich auch nicht“, antwortete sie.

 

Schließlich sagte er vorsichtig: "Ich wohne gleich gegenüber. Wir könnten ja noch was bei mir trinken." Zufrieden lächelte sie.

 

Als sie über die Straße gingen, hielten sie erst noch Abstand. Dann lachten sie und sie hakte sich in seinem Arm ein und schweigend spazierten sie die wenigen Meter zum gelb gestrichenen Haus. Beide genossen diese seltsame Aufregung. Er schloss unten die Haustüre auf und bat sie herein. Sie stiegen die Stufen in den ersten Stock hinauf und den Gang entlang.

 

Plötzlich blieb Elsa stehen. "Um Himmels Willen, was ist das denn? Das stinkt ja, als hätte jemand vergessen, den Müll raus zu tragen“, rief sie. „Seit ungefähr zehn Jahren!“, fügte sie entsetzt hinzu.

 

Maxim nickte. „Seit gestern riecht es hier irgendwie komisch“, sagte er.

 

Sie gingen einige Schritte weiter. Genau auf Höhe der Türe schlug der Gestank mit voller Wucht in seine Nase. Elsa hielt sich die Hand vor die Nase. "Mein Gott, wie hältst du das nur aus?" Er zuckte die Schultern. Stattdessen hielt er ihr seine Hand entgegen. Sie lächelte und im selben Moment spürte er ein erstes Mal ihre warme, etwas feuchte Handflächen. Der Gestank war mit einem Mal Nebensache. Er drückte ihre Hand und zog sie weg von der Türe. Sofort merkte Maxim, dass der Gestank nachließ.

 

Er sperrte seine Wohnung auf und bat sie hinein. Der knisternde Moment war längst verflogen. Er bat sie, sich auf die Schlafcouch zu setzen und holte eine Flasche Wein vom Regal.

 

"Was schaust du so?", fragte er.

 

Sie blickte ihn irritiert an. "Du riechst es echt nicht?", fragte sie.

 

Er zuckte die Achseln und schnupperte. Es roch wie immer: Nach nichts.

 

"Das ist mir sehr peinlich", sagte Elsa, "aber hier müffelts noch immer, als läge irgendwo eine tote Katze.“ Sie sog Luft durch ihre Nase und fuhr fort: „Du weißt, dass das Verwesungsgeruch ist."

 

"Ich rieche nichts", entgegnete er. "Aber im Hausgang, das hast du auch gerochen."

 

Maxim sah sie verwundert an: "Ich hab nur im Flur was gerochen." Elsa hielt sich die Hand vor den Mund. Ihr Gesichtsausdruck jagte ihm einen Schrecken ein. Sie sagte: "Im Hausgang ist der Gestank einfach unerträglich, aber hier ist es immer noch schlimm." Sie schüttelte den Kopf: "Mein Gott, Maxim", sagte sie fassungslos und deutete auf seine Nase: "Kein normaler Mensch hält das hier aus. Ich fürchte, dass dir doch kein Wunder widerfahren ist, wenn du diesen Gestank nicht riechen kannst."

 

"Aber dich kann ich doch auch riechen", wand er enttäuscht ein. Sie errötete leicht. "Kann sein, dass ich mein Parfüm ein bisserl zu stark auftrage. Aber ich mag es halt, wenn ich mich selbst riechen kann."

 

"Wer wohnt eigentlich dort, wo es so stinkt?" fragte sie schließlich.

 

"Keine Ahnung. Irgendein Flüchtling. Den habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen", antwortete er.

 

Erneut huschte ein banger Schatten über ihren Blick und Maxim stellte die Weinflasche wieder ins Regal zurück.

 

Elsa schaute ihn ernst an: "Nochmal zum Mitschreiben: Das ist Verwesungsgeruch."

 

Sie verließen die Wohnung und gingen mit vorgehaltener Hand an der Türe vorbei. Maxim klopfte beim Hausmeister am Ende des Flures.

 

Der Hausmeister öffnete mürrisch die Tür. Er trug einen Jogginganzug und ein Unterhemd. Maxim merkte, dass es nach Schnaps roch.

 

"Es ist zehn", brummte der Mann genervt.

 

Maxim deutete zur Türe: "Es stinkt hier."

 

Der Hausmeister sah ihn wenig überrascht an.

 

"Wer wohnt denn in der Wohnung?", fragte Elsa. Der Hausmeister kratzte sich an den ergrauten Schläfen.

 

"Der Afghane müsste eigentlich im Krankenhaus sein. So wie der gehustet hat war klar, dass er mir das halbe Haus ansteckt, jetzt wo es endlich vorbei ist. Ich habe ihm gedroht, er solle zum Arzt gehen, sonst rufe ich das Gesundheitsamt an. Danach war Ruhe."

 

Elsa sah ihn fassungslos an. "Und sie haben nie nachgesehen, ob er sich wirklich einliefern lassen hat? Das ganze Stockwerk ist verpestet von diesem bestialischen Gestank und niemand schert sich einen Dreck darum? Das ist doch unfassbar!" "Jetzt regen sie sich mal ab, junge Dame. Das hier ist nun mal kein Disneyland, hier ist das traurige Leben in seiner ganzen bitteren Wirklichkeit. Wenn ich jedes Mal einen Aufstand machen würde, wenn’s hier stinkt oder wenn jemand schreit oder wenn jemand spurlos verschwindet, wär ich längst in der Klapse."

 

Als gegen Mitternacht der Sarg aus dem Haus transportiert wurde, standen Elsa und Maxim in der milden Frühlingsnacht an der Straße und sahen dem Leichenwagen nach. "Wo er wohl hingebracht wird?" fragte sie und legte ihren Arm um ihn. "Geht’s dir gut?", fragte sie. "Hast du ihn gut gekannt?“ Er schüttelte den Kopf und seufzte.

 

„Das ist es nicht“, sagte er.

 

„Ich weiß“, antwortete sie und sie beobachteten die Männer in den Schutzanzügen, die gerade das Haus verließen.

 

„Ich habe Angst, dass es noch immer nicht vorbei ist“, sagte er.

 

 

Dann küssten sie sich.

Bis zum Ende gelesen? Gratuliere! Du bist ein echter Literatur-Held! Dann interessieren dich sicher auch diese tollen Bücher: