Leseprobe aus "Sterne sieht man nur bei Nacht"

Muttertag

Sterne_sieht_man_nur_bei_Nacht

Hans hat den Muttertag vergessen und spaziert gedankenverloren durch das idyllische, wunderschöne Traunstein

Sterne sieht man nur bei Nacht ist ein packend erzählter Roman über Liebe, Leben und Sterben. Hier eine Leseprobe:

 

Zurück zu Hause machte er sich ein armseliges Katerfrühstück, überflog auf seinem Handy die Facebook Neuigkeiten, die keine waren. Die aktuellste war von 4 Uhr morgens. Es war seine eigene. „Mein Herz, mein Herz ist traurig und lustig leuchtet der Mai. Scheiß Mai“, stand dort. Hans biss sich auf die Lippen. Er musste sich irgendwie in den Griff kriegen und durfte beim Weggehen keine Facebook Nachrichten mehr schreiben. „Heinrich Heine gestern rauschig gewesen?“ hatte Lukas kommentiert, was 5 anderen Leuten gefiel.

 

Nachdem er den Teller in die Spüle gelegt und die Krümel vom Tisch gewischt hatte, stand er eine Weile am Balkon und schaute auf die Unterstadt hinab. Irgendwo dort draußen musste doch irgendjemand sein, der an ihn dachte. Jede Samstagnacht war einfach unvollständig, wenn man den Sonntag nicht mit denselben Menschen verbringen konnte.

 

Ihm graute vor der verdammten Schönheit dieses fast perfekten Maitages und er hatte keine Ahnung, wie er die restlichen sieben Stunden, bis die Dunkelheit zurückkehrte, überstehen sollte. Und vor der Nacht graute ihm noch mehr, da es die Nächte vor dem Schlafengehen so an sich hatten, einen an die eigene Einsamkeit zu erinnern. Er wählte Bens Nummer.

 

Es läutete mehrmals. Ben ging nicht ans Telefon. „Scheiße, was ist denn heute nur los?“, stöhnte Hans und ließ sein Telefon ernüchtert wieder in die Hosentasche gleiten und beobachtete weiter die Schafe, die, wie immer, gemächlich am Hügel standen und die Wiese abgrasten. Er fragte sich, wo Ellis gerade war und ob es ihr gut ging.

 

Als im selben Moment sein Handy vibrierte, glaubte er sofort an Schicksal und war sich einen Augenblick lang sicher, dass er telepathisch Kontakt zu Ellis aufgenommen hatte.

 

Hastig zog er das Handy hervor. Ernüchtert stellte er fest, dass die Nachricht von Ben war:

 

Sorry, Alter. Bin den ganzen Tag bei der Family. $che!§ Muttertag

 

„Verdammte Scheiße.“ Hans ließ das Handy sinken, es glitt ihm durch die Finger und fiel krachend zu Boden.

 

Muttertag.

 

Er wusste nicht einmal, wo seine Mutter gerade war. Sie war an einem undefinierten Ort namens „Reha“. Einem Ort, der ihm so abstrakt vorkam, dass er entweder ein besonders schöner Ort war, ein Ort, an dem man gesund wurde. Vielleicht war es aber auch ein grauenhafter Ort, ein Ort, an dem kranke Menschen zusammengepfercht auf das Ende ihres Siechtums warteten.

 

Hans krümmte sich, beugte sich nach unten, um das Handy aufzuheben. Was für eine Art von Mensch vergisst ausgerechnet in dem Jahr den Muttertag, an dem die Mutter an Krebs erkrankt ist? Hans setzte sich auf die Holzdielen des Balkons, vergrub seine Stirn hinter dem Handy und murmelte: „Ein Mensch wie ich.“

 

Er rief seinen Vater an.

 

Zu seiner Überraschung ging er sofort ans Telefon.

 

„Ach, du bist‘s“, rief sein Vater ins Telefon.

 

„Ich brauche unbedingt die Nummer von Mama.“

 

„Ja, ruf sie mal an. Sie würde sich sehr freuen. Ich soll schöne Grüße ausrichten. Schade, dass du heute nicht dabei warst.“

 

Hans’ Herz schlug immer schneller und er spürte, wie sich seine Kehle zusammenschnürte.

 

„Wir haben heute in Bayerisch Gmain gemeinsam gefrühstückt. So eine schöne Idee von Lukas.“

 

„Lukas war auch da?“

 

„Ich hab gestern Abend mehrmals versucht, dich anzurufen.“

 

„Ich hab aber keinen Anruf erhalten. Welche Nummer hast du denn gewählt?“

 

„Ja, die 086…“

 

„Papa, das ist meine Festnetznummer, du weißt schon, dass heute jedermann ein Handy hat, oder?“

 

„Aber das ist doch deine Nummer?“

 

„Ja, aber ich bin doch kaum Zuhause.“

 

„Was weiß ich denn, deine Handynummer hab ich auch gar nicht!“, antwortete sein Vater. „Die Nummer hat immer deine Mama gewusst und im Telefon ist sie nicht eingespeichert. Du musst sie mir halt endlich ins Telefon speichern.“

 

„Ist schon gut, Papa. Wie geht es ihr eigentlich?“

 

„Den Umständen entsprechend.“

 

„Das sagst du jedes Mal.“

 

„So geht es ihr halt.“

 

„Also schlecht.“

 

„So schlecht auch wieder nicht.“

 

„Ich frag sie einfach selber. Gib mir mal die Adresse, dann fahr ich gleich noch hin.“

 

„Das geht leider nicht mehr.“

 

„Wieso geht das nicht? Ihr habt sie ja heute auch besucht.“

 

„Ja, aber nur bis Mittag. Nachmittags hat sie Rehaprogramm.“

 

„Aber heute ist Sonntag.“

 

„Krankheiten kennen keine Feiertage“, entgegnete sein Vater matt.

 

„Ich würde sie so gern besuchen. Mann, ich fühl mich echt schlecht, weil ich heute nicht dabei war.“

 

Sein Vater gab seiner Stimme wieder einen versöhnlichen Ton: „Aber das musst du nicht. Deine Mama freut sich, wenn du da bist. Aber sie weiß ganz genau, dass du beruflich sehr eingespannt bist und wenig Zeit hast. Wenn es geht, dann besuchst du sie, wenn es nicht geht, geht es halt nicht.“

 

Jetzt fühlte sich Hans noch schlechter. Sein voller Terminkalender hatte weniger mit der Arbeit als mit Freizeitstress zu tun. Er hoffte, dass seine Mutter ihn gut genug kannte, um das zu wissen.

 

„Wann kann man sie denn anrufen?“

 

„Am Abend ist sie mit ihrem Programm fertig. Ruf sie dann einfach an.“

 

Er schrieb sich die Nummer auf.

 

„Papa?“, fragte er noch einmal. „Bist du sicher, dass Mama nicht sauer auf mich ist?“

 

„Du kennst sie doch. Selbst wenn sie enttäuscht wäre, würde sie es niemals zeigen. Dafür freut sie sich umso mehr, wenn sie dich wieder sieht.“

 

Hans seufzte. Das war nur ein kleiner Trost.

 

„Ruf mich bitte an, wenn etwas passiert, das ich wissen muss“, sagte Hans und legte auf. Das Gespräch hatte nicht die erhoffte Absolution gebracht.

 

Entgegen des Rates seines Vaters wählte er die Nummer des Rehazentrums in Bayerisch Gmain. Er ließ es zehnmal läuten und beim fünfzehnten Mal Läuten wusste er, dass sein Vater recht gehabt hatte. Er legte wieder auf.

 

Es fühlte sich seltsam an, nichts in der Welt lieber tun zu wollen, als seiner Mutter etwas Gutes zum Muttertag zu wünschen und es nicht zu können.

 

Hans schloss die Balkontüre und hoffte, zumindest das irritierend fröhliche Gezwitscher der Frühlingsvögel aussperren zu können. Er schaltete sich durch das Fernsehprogramm, das außer Peter–Alexander-Filmen oder Schwarz–Weiß- Filmen oder schwarzweißen Peter-Alexander Filmen nichts zu bieten hatte.

 

Kurzzeitig gab er sich einem unruhigen Schlaf hin, der ihn immer wieder in den Vorabend zurück schleuderte und ihn die ungünstigsten Augenblicke der vergangenen Nacht noch einmal erleben ließ.

 

Als nicht mehr genug Müdigkeit vorhanden war, um ihn schlafen zu lassen, schaltete er den Fernseher, der die ganze Zeit über beruhigend geplappert hatte, wieder aus. Es war inzwischen vier Uhr nachmittags und der Sonntag hatte nichts von seiner bedrohlichen Unfreundlichkeit verloren.

 

Hans stand auf, rieb sich die rötliche Schliere, die das Kissen auf seiner Wange hinterlassen hatte, aus dem Gesicht und nahm noch einmal das Telefon zur Hand. Er drückte auf Wahlwiederholung und wartete unruhig. Warten auf Erlösung. Dieser eine Anruf und ein verzeihendes Wort seiner Mutter hätte diesen Tag vielleicht retten können. Er wartete und lauschte dem Freizeichen. Es war frei. Es blieb frei. Er zählte wieder, wie lange es frei blieb. Nach einem Dutzend Freizeichen legte er auf. Der Ärger keimte wieder in ihm auf und kurz, nur ganz kurz, richtete sich sein Ärger auf seine Mutter. Warum musste sie ausgerechnet am Muttertag unerreichbar sein. Warum ließ sie ihn sich so schuldig fühlen. Mit der Vernunft kehrte ein Bild zurück, in dem seine Mutter an Schläuchen und Infusionen hing und ihr Gesicht immer grauer wurde. Sie hätte wohl gerne mit ihm getauscht. Selbst an diesem so miserablen Sonntag.

 

Hans packte seine Tasche und ging nach draußen. Der Tag war schrecklich, aber lieber einen schrecklichen Tag an der frischen Luft erleben, als in einem abgedunkelten Zimmer, dachte er sich.

 

Er steckte den Kopfhörer ins Handy und wählte das traurigste Album aus. 

 

Ohne auf die wenigen Menschen zu achten, die noch im Biergarten des Hofbräuhauses saßen, querte er den Stadtplatz, bog in der Seitenstraße ab und ging die Dramatikerstiege nach unten. Ein österreichischer Schriftsteller, der als Kind hier in der Stadt aufgewachsen war, soll diese Stiege stets genutzt haben, wenn er aus der ihm unerträglichen Kleinstadt in die Natur zum Bauernhof seines Großvaters flüchtete.

 

Hans flüchtete nicht, sondern bog am Fluss scharf rechts ab und folgte der langgezogenen Schleife, die das Gewässer um die Stadt herum zog. Er roch den schweren Duft der Frühlingsblumen und die im Wind schwebenden Löwenzahnpollen kitzelten seine Nase. Von den Lerchen, die sich in ihrem Gesang gegenseitig übertrumpften, hörte er nichts, weil sie von der in Schwermetallgewitter eingebetteten, wimmernden Stimme von Matthew Bellamy übertönt wurden. Kein Song auf dem Absolution-Album von Muse war gleichzeitig so wütend, so anklagend und so nach Erlösung flehend wie der Titelsong. Die Lautstärke war bis an den Anschlag aufgedreht und während der Fluss träge und abwartend seine Schleife floss, murmelte Hans mit leiser, kehliger Stimme den Text mit, bis ihm, immer an derselben Stelle des Refrains, Tränen in die Augen schossen.

 

Das Hoch und Tief der äußersten Gefühle, komprimiert in einem Song, dichter als ein kleiner Roman, währte nur fünf Minuten. Fünf Minuten, in denen Hans seine Wut herauslassen konnte, Gott und die Welt für seine Lage anklagte und dennoch nichts sehnlicher erhoffte als Verzeihung, Versöhnung, Erlösung. Als alles gedacht und gefühlt war und nichts als Leere zurückblieb, nahm er die Kopfhörer wieder ab.

 

Ein Mann mit nacktem, braun gebranntem Oberkörper und leichtem Bierbauchansatz, der breitbeinig über einem zischenden Grill stand und Würstchen wendete, sah ihn neugierig an. Hans schien etwas zu laut gesungen zu haben. Die Welt kehrte wieder zurück. Die Familie des Mannes saß am Tisch. Die Kinder spielten im Garten und eine ältere Dame wartete, ein festliches Sonntagskleid tragend, mit glücklichem Gesichtsausdruck auf das Essen. Es roch nach Grillkohle und Spiritus.

 

Auch im nächsten Garten wurde gegrillt. Und im übernächsten. Hans kam es vor, als trafen sich in jedem einzelnen Garten entlang des Flussdammes die Familien zusammen, um ihre Mütter zu ehren.

 

Bisher hatte er dem Muttertag nie große Bedeutung zugemessen und vielleicht war er Jahr für Jahr an diesem Feiertag so von den Verlockungen des Lebens abgelenkt gewesen, dass er dessen Verflechtung in die hiesige Kultur nie bemerkt hatte. Es gab in der Stadt, so kam es ihm vor, keine einzige Mutter, die nicht im Kreise ihrer Familie zu Tisch saß und keinen einzigen Sohn und keine Tochter, die diese Stunden nicht an der Seite ihrer Mutter, sofern diese noch lebte, verbrachten. Bis auf einen.

 

Die Biedermeierseligkeit in den Schrebergärten empfand er mit einem Mal als Affront gegen ihn selbst.

 

Er setzte sich auf Höhe der Jugendherberge auf die Bank und schaute zum Fels hinüber, der einst das Wahrzeichen der Stadt war und dessen einmalige Lage mitten im Fluss heute dem Straßenbau zum Opfer gefallen war. Nun war er die zu Stein gewordene Verschmelzung zwischen Fluss und Umgehungsstraße, mit der er seither verbacken war.

 

Nicht einmal hier, an der weitläufigen Kieselsandbank, wo noch verkohlte Holzreste von den Lagerfeuern der vergangenen Nacht zeugten, ließ sich eine Menschenseele, die nicht in Begleitung ihrer Mutter war, blicken. Hans seufzte. Eine unbekannte Macht strafte an diesem Tag alle Söhne, die ihrer Mutter nicht die nötige Gunst entgegenbrachten, mit Einsamkeit. Vor allem jene, deren Mutter schwer erkrankt waren.

 

Er spazierte weiter, an verwilderten Streuobstwiesen vorbei und bog schließlich rechts ab, hinauf zum Spitzinger Spitz, wo das Flusstal mit dem Graben der Lokalbahn aufeinander traf.

 

Auch die gepflegte, aber kaum genutzte Parkanlage, die man hier oben angelegt hatte, war menschenleer. Als er enttäuscht seinen Blick über die weite Wiese mit den bunten Zierblumen schweifen ließ, rief jemand seinen Namen.

 

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