Ein Waginger auf der Hindenburg

Die Ära der gigantischen Luftschiffe inspirierte und begeisterte auch die Menschen im Chiemgau und Rupertiwinkel. Mehrmals überquerten die riesigen Zeppeline unsere Heimatregion und wurden von Tausenden Menschen bejubelt. Die Zeit der Zeppeline fand am 6. Mai 1937 in Lakehurst ein trauriges Ende. Bei der Explosion der "Hindenburg" 36 Menschen starben. Darunter auch der aus Waging stammende Steuermann Ludwig Felber.

Ludwig Felber war eines der Opfer der Katastrophe von Lakehurst

Die Zeit der Zeppeline

Anfang des letzten Jahrhunderts war das ganze Land von der Zeppelin-Euphorie erfasst. Die zylinderförmigen Luftschiffe faszinierten und begeisterten die Menschen, wo auch immer sie am Himmel auftauchten. Auch bei uns in der Region. Eigentlich hätte die Zeppelin-Ära bereits enden müssen, bevor sie überhaupt begann. Der Namensgeber Graf Ferdinand von Zeppelin wurde von Kaiser Wilhelm II als „der Dümmste aller Süddeutschen“ verspottet. Die riesigen Luftschiffe hatten das Problem, dass sie mit Wasserstoff gefüllt, also leicht brennbar waren. Als Zeppelin Nummer 4 1908 spektakulär in Flammen aufging, schien die Luftschiff-Vision beendet. Eine gigantische Spendenaktion, die Zeppelinhöhe in Grassau erinnert bis heute daran, verschaffte Zeppelin die nötige Liquidität, um weiterzumachen. So wurde die folgenden Jahrzehnten doch noch eine Erfolgsgeschichte geschrieben.

Zeppeline über dem Chiemgau und Rupertiwinkel

Als 1928 das bis dahin größte Luftschiff, die „Graf Zeppelin“ nach ihrem Jungfernflug auch über den Chiemgau und Rupertwinkel fliegen sollte, herrschte tagelang Aufregung. Zehntausende Menschen warteten zwischen München und Salzburg auf das Himmelsspektakel. Der Jubel in der Bevölkerung war landauf, landab so groß, dass er bis in das Luftschiff, das teils in nur 200 Meter Höhe über die Menge hinwegschwebte, zu hören war. Die spektakulären Fotos der Graf Zeppelin über Salzburg oder dem Chiemsee, sind bis heute im Netz zu bestaunen. 

Die Zeppelin waren ein weithin sichtbares Symbol deutscher Ingenieurskunst. Ab 1933 wussten die Nazis die Zeppeline für ihre Propaganda wirkmächtig einzusetzen. Obwohl Luftschiffe für die Luftfahrt durch die immer effizienteren Flugzeuge stetig an Bedeutung verloren, setzten die Nazis auf die eindrucksvolle Propagandawirkung der gigantischen Luftschiffe. Mit Erfolg. Die Popularität der Luftschiffe nahm nicht ab. Und die Luftschiffe wurden noch größer. 1936 hatte das neue Flaggschiff der Flotte, die „LZ 129 Hindenburg“ ihren Jungfernflug. Es war mit 245 Meter Länge das größte Luftschiff aller Zeiten. Diese enorme Größe war notwendig geworden, da man die Luftschiffe nicht mehr mit dem extrem leicht brennbaren Wasserstoff, sondern mit dem leichteren Helium füllen wollte. Die Ironie der Geschichte ist es, dass aufgrund der internationalen Embargos gegen das Dritte Reich Amerika kein Helium mehr an Deutschland lieferte. Somit wurde auch die Hindenburg doch wieder mit Wasserstoff befüllt.

Ludwig Felber aus Nirnharting bei Waging

Auf einem dieser Luftschiffe arbeiten zu dürfen, war der Traumberuf vieler junger Menschen. Doch nur die wenigsten schafften es, als Besatzungsmitglied auf einem Zeppelin zu arbeiten. Einer von ihnen war der am 30. September 1903 in Waging am See geborene Ludwig Felber. Er war der Sohn vom Hauser-Anwesen in Ropferding, damals Gemeinde Nirnharting. Ludwig Felber hätte den heimischen Hof übernehmen sollen. Allerdings kam eine uneheliche Tochter dazwischen und er überwarf sich mit seinen Eltern. Felber ging nach Friedrichshafen und fand eine Beschäftigung bei den Zeppelin-Werken. Er machte dort Karriere und arbeitete sich bis zum Besatzungsmitglied hoch. Er gehörte schon zur Besatzung der Graf Zeppelin und war beim Jungfernflug der Hindenburg mit an Bord. 

Die Katastrophe von Lakehurst am 6. Mai 1937

Ludwig Felber auf der Hindenburg
Ludwig Felber auf der Hindenburg

Am 5. Mai 1937 hatte Ludwig Felber Dienst, als die Hindenburg in New York ankam. Trotz 10-stündiger Verspätung flog die Hindenburg eine Ehrenrunde über Manhattan. Der Zeppelin wurde, obwohl es längst politische Spannungen beider Länder gab, von den Amerikanern frenetisch bejubelt. Aufgrund eines aufziehenden Gewitters verzögerte sich die Landung am Zeppelin-Flughafen bei Lakehurst erneut. Da mit einer Landung bei schwerem Unwetter gerechnet wurde, löste der erfahrenere Steuermann Eduard Bötius Ludwig Felber ab. Vielleicht ein Umstand, der schließlich über Leben und Tod entschied. 

Aus bis heute ungeklärter Ursache ging die Hindenburg bei der Landung in Flammen auf. Ludwig Felber war vermutlich gerade beim Herablassen der Landekabel, als er von der Hauptfeuerwalze erfasst wurde. Während ein fassungsloser Radioreporter live die Ereignisse in die Welt transportierte und vor den Kameras der Weltöffentlichkeit wurde die Hindenburg innerhalb weniger Momente ein Opfer der Flammen. Neben dem Untergang der Titanic und der Explosion der Challenger war die Hindenburg-Katastrophe das Unglück, das die Menschen bis heute am meisten bewegte. 

Während auf dem Feld von Lakehurst im Flammenmeer das Chaos ausgebrochen war, konnte der schwer verletzte Ludwig Felber wie durch ein Wunder lebend aus dem Inferno herausgezogen werden. Herzzerreissende Fotos zeigen einen schwerst verwundeten Mann, aufrecht zwischen nahezu unversehrten Überlebenden sitzen, bei dem es sich vermutlich um Felber handelte. Zwei Tage später verstarb er im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen. Eduard Bötius, der Felbers Platz im Schiff eingenommen hatte, überlebte unverletzt. Er verstarb erst 2002 als letzter der Hindenburg-Überlebenden.

Das Entsetzen und die Trauer über die Katastrophe erfassten den ganzen Globus. Vor allem aber auch das Deutsche Reich. Und auch die Gemeinde Waging am See. Drei Wochen später traf der Leichnam aus Amerika in Waging ein.

Tochter Antonie Lechner war bei der Beerdigung 12 Jahre alt. Sie erinnerte sich an die vielen Reden und die Hakenkreuz-Flaggen. 2000 Menschen waren aus der ganzen Region gekommen, um den von den Nazis zum Helden stilisierten Felber zu verabschieden.

Das Unglück von Lakehurst läutete das Ende der Ära der Luftschiffe ein. Obwohl es bereits zuvor Katastrophen mit noch mehr Opfern gegeben hatte, brannten sich die Bilder der Hindenburg unauslöschlich in die kollektive Erinnerung. Neben dem Grab von Ludwig Felber erinnert noch ein weiteres im Landkreis Traunstein an die Katastrophe von Lakehurst: Ernst A. Lehmann war der Geschäftsführer der Zeppelin Reederei. Er begleitete den letzten Flug der Hindenburg als Beobachter. Auch er konnte das Inferno zunächst noch lebend verlassen, starb aber später an seinen schweren Verletzungen. Sein Grab wurde auf Wunsch seiner Frau 1939 nach Grassau umgebettet. 

Die Erinnerung an Ludwig Felber jedoch begann im Laufe der Jahrzehnte zu verblassen. Die nach ihm benannte Straße in Waging wurde später in Wilhelm-Scharnow-Straße umgetauft. Argument von Bürgermeister Schuhbeck damals: „Ludwig Felber war ja kein Waginger, sondern Nirnhartinger!“.

 

Edeltraud Seehuber, Lehrerin an der Mittelschule Waging, erinnert sich, dass Ludwig Felbers Uniform von der Herrenschneiderei Zauner in Scharling angefertigt wurde. Die Zauners waren damals besonders stolz auf die Uniform gewesen. Es war leider auch dieselbe Uniform, die beim Unglück von Lakehurst verbrannte. Die Erinnerung an Ludwig Felber wurde bis vor kurzem noch unter Generationen von Schüler*innen wach gehalten. Grundschullehrerin Christl Heiß besuchte mit unzähligen Schulklassen im Rahmen des Heimat- und Sachkundeunterrichts das Grab von Ludwig Felber am Waginger Friedhof. Dieses Wissen kam vielen Schülern später zugute, wenn sie in der sechsten Klasse bei einem Schulausflug das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen besuchten, erzählte Edeltraud Seehuber. Heute erinnern sowohl in Waging als auch in Nirnharting Straßen an Ludwig Felber. Und natürlich sein Grab am Waginger Friedhof mit der Inschrift „Ludwig Felber – Steuermann des Luftschiffes Hindenburg“

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