Eine Corona-Weihnachtsgeschichte

Eine moderne Weihnachtsgeschichte zur Corona-Zeit. Nachdenklich und ein wenig hoffnungsvoll.

Ihr wart auf der Suche nach dem satirischen "Grippespiel"? Das ist umgezogen. Und zwar hierher

Das Jahr, in dem Weihnachten fast ausfiel

 

Anna war ein wahrhaftiges Weihnachtswesen. Schon im September freute sie sich, dass es endlich wieder Lebkuchen und Schokonikoläuse zu kaufen gab. Pünktlich zum ersten Advent schmückte sie zusammen mit ihrer Familie die gesamte Hausfront mit einem Meer aus Lichtern. Als Kind war sie das Weihnachtsengerl der Stadt gewesen und seit sie selber Kinder hatte, liebte sie es, den Kleinen so lange sie noch daran glaubten, für all die Geschichten vom Christkindl, Nikolaus und dem Krampus zu begeistern und die Adventsbräuche zu pflegen.   

Anna hatte viele schwierige Jahre erlebt und wusste, dass es das Leben nicht immer gut mit einem meinte. Aber es war ihr jedes Jahr gelungen, ein glückliches gemeinsames Weihnachtsfest für die ganze Familie zu organisieren. Ohne Ausnahme kam ihre Familie seit fast vierzig Jahren am Heilig Abend im selben Wohnzimmer zusammen. Und seitdem ihre Eltern nicht mehr unter ihnen weilten, war sie selbst das heimliche Familienoberhaupt, das die Brüder, die Schwägerinnen, die Schwiegereltern und die stetig wachsende Kinderschar bekochte und verwöhnte. Seit fast vier Jahrzehnten gab es jedes Jahr dieselben Würstel und dasselbe Kraut. Und auch am Ablauf des Heiligabends hatte sich seit der Zeit, als die Uromas noch mit trällender Stimme "Stille Nacht" gesungen hatten, nichts verändert.  

Weihnachten war ihr Anker in einer unsteten Welt und Trost in widrigen Zeiten. Und widrige Zeiten waren es in diesem Jahr in der Tat gewesen. Ihr Mann musste im Frühjahr mehrere Monate in Kurzarbeit und hatte seitdem Angst, seine Arbeit zu verlieren. Sie selbst hatte ihren Minijob als Köchin verloren. Was sie letztendlich als Glück im Unglück empfand, weil sie so aufgrund der langen Schulschließung zu Hause bei ihren Kindern bleiben konnte. Am meisten sorgte sie sich aber um die Schwiegereltern, die viele Wochen nicht mehr das Haus verlassen wollten aus Angst, sich anzustecken.  

Gottseidank kehrte mit dem Sommer ein wenig die Normalität zurück. Anna half wieder in der Küche der Gastwirtschaft nebenan aus und die Kinder gingen wieder zur Schule. Und ganz so, als wäre nichts gewesen, entdeckte sie pünktlich zur letzten Septemberwoche die ersten Lebkuchen im Regal vom Supermarkt. Voll Vorfreude begann Anna sogleich, das Weihnachtsfest zu planen. Sie hatte die Familie in diesem Jahr kaum gesehen, deshalb sollte es das größte und schönste Weihnachtsfest werden, das sie je veranstaltet hatte.  

Aber dann wurden die Nachrichtesprecher immer ernster und die Zahlen, die diese jeden Tag verkünden, immer bunter. Sie waren erst gelb, dann wurden sie rot und bald redete man nur noch von dunkelroten Zahlen. Dunkelrot sollte eigentlich nur der Mantel vom Nikolaus sein, dachte sie und hoffte, dass wenigstens in der kommenden staden Zeit einmal nicht von Krankheiten geredet wurde. 

Sie hatte bereits die ersten Geschenke gekauft und in der Baumschule eine schöne Weißtanne ausgekundschaftet, als die Ansprachen der Politiker immer wieder auf Weihnachten zu sprechen kamen. Anna war ein wenig erleichtert, als die Regierenden erklärten, dass das Land bereits jetzt Einschränkungen einführte, damit alle im Dezember wie gewohnt Weihnachten feiern könnten.  

Der Advent rückte näher und obwohl sie lange bangte, ob die da oben gemeinsame Weihnachten erlauben würden, hatte sie bald die erhoffte Gewissheit: Der Ministerpräsident verkündete, dass 10 Erwachsene miteinander Heiligabend feiern durften. Das ging exakt auf. Voller Vorfreude suchte sie den Bestellzettel für die Weihnachtswürstel heraus und bastelte mit den Kindern die Einladung für das Weihnachtsfest, die sie gleich zur Post brachten.  

Sie wartete zwei, drei Tage, aber es kam keine Antwort. Weder von den Brüdern, noch von den Schwiegereltern.  

Am vierten Tag schrieb sie eine zaghafte Nachfrage in die WhatsApp Gruppe der Familie, ob sie denn die Karten schon bekommen hätten und wer wie viele Würste wünschte.  

Wieder passierte einen Tag lang nichts. Am Abend des nächsten Tages las sie in der Gruppe folgende Nachricht: "Liebste große Schwester, Ich feiere wegen der aktuellen Situation heuer zu Hause und nur mit meiner Familie. Würstel brauchen wir auch keine. Wir sind doch seit diesem Jahr Vegetarier.“ 

Anna war drauf und dran, das Handy durch die Wohnung zu werfen.  

Stattdessen begann sie wütend zu tippen: "Wenn ihr diesen bescheuerten Virus als Vorwand nehmts, um mir Weihnachten zu verderben, dann braucht’s euch aber auch nächstes Jahr nicht mehr blicken lassen.“ 

Es dauerte keine Minute, da klingelte ihr Telefon. „Ja?“ murrte sie in ihr Handy. Es war ihr jüngerer Bruder. Er fragte, ob er ihr seine Gründe erklären dürfe. „Ich höre“, antwortete sie knapp. 

Er erklärte ihr lang und breit, warum er es nicht verantworten wolle, in dieser Zeit mit zehn Erwachsenen und fast genauso vielen Kindern gleichzeitig zu feiern und zu singen.  

„Aber das ist doch genau das, was Weihnachten ausmacht. Und außerdem ist es erlaubt!“, entgegnete Anna.  

„Aber nur weil es nicht verboten ist, heißt das nicht, dass es richtig ist“, entgegnete er ein wenig genervt.  

„Ihr wollt einfach nicht zu uns kommen“, schimpfte Anna ins Telefon. Und legte auf. 

Es dauerte nicht lange, da kam der nächste Anruf. Ihr älterer Bruder.  

„Willst du auch absagen?“, rief sie ins Telefon, ohne ihn zu grüßen. 

„Eigentlich wollte ich dir die Weihnachtsgeschichte erzählen“, sagte er ruhig. 

„Die kenne ich schon.“ 

„Ehrlich?“, fragte er und fügte hinzu: „Dann erzähl mir mal, wie viele Menschen bei der Geburt Jesu in Betlehem dabei waren.“ 

„Nur Maria und Josef. Na und?“ 

„Und wer ist im Laufe der Nacht sonst noch vorbeigekommen?“ 

„Du stellst Fragen! Ein paar Hirten.“  

„Und glaubst du, dass Maria es schöner gefunden hätte, dass an diesem Heiligen Abend  – sagen wir mal acht Hirten und jede Menge Kinder mit dabei gewesen wären?“ 

Plötzlich verstand Anna, was ihr Bruder vorhatte und musste lächeln. „Nein“, gestand sie sich ein und musste an ihre eigene erste Geburt denken. „Wäre ich Maria gewesen, hätte ich lieber gar keinen Besuch gehabt.“ 

„Kann es sein, dass wir heuer endlich einmal die Chance haben, Weihnachten so zu feiern, wie es ganz ursprünglich einmal gewesen ist?“ 

Anna seufzte. „Du hast ja recht“, sagte sie und merkte, wie sie schon wieder etwas ruhiger wurde. 

„Bist du mir böse, wenn wir an Heilig-Abend nicht kommen und wir uns die Tage danach treffen?“ 

Anna war immer noch ein klein wenig wütend und schwieg. 

„Du weißt schon, dass wir nach diesem schwierigen Jahr nichts lieber getan hätten, als zusammen mit dir und allen anderen gemeinsam zu feiern?“ 

Anna seufzte. „Natürlich“, antwortete sie und konnte schon wieder lächeln.  

 

 

Sie dachte nach dem Telefonat lange über den Vergleich ihres Bruders nach. Und als ihr nach und nach klar wurde, dass es beim wahren Geist der Weihnacht nicht darum ging, mit der ganzen Verwandtschaft ein lautes, üppiges Fest zu feiern, sondern im engsten Kreis still und andächtig bewusst Zeit miteinander zu verbringen und dankbar für die kleinen Freuden des Lebens zu sein – da freute sie sich auf diesen kommenden Heilig-Abend noch mehr als jemals zuvor. 

 

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