Der Christbaum

In der Zeit, als mein Vater noch ein Junge war, war es Tradition, den Christbaum jedes Jahr, selbst im Wald zu schlagen. Dabei gab es die seltsamsten Begegnungen.

Mehr Weihnachtsgeschichten: https://www.vdk.de/kv-traunstein/ID256289

Folgende Geschichte erzählte mir mein Vater, als ich selber noch ein Kind war, jedes Jahr zur Adventszeit:

 

Eine Woche vor Weihnachten, irgendwann Anfang der Fünfziger Jahre, holte sich mein Vater die Axt aus dem Schuppen. Er trug die von seiner Mutter regelmäßig geflickte Winterjacke, die Stricksocken und stapfte in seinen schwarzen Lederstiefeln in den eisigen Schneesturm hinaus.

Es war am späten Nachmittag. Er musste sich sputen - bald würde es stockfinster werden. Der Schnee lag zentimeterhoch auf der Straße, im Wald war die Schneedecke noch höher.

Den ganzen Nachmittag über hatte er sich genau ausgemalt, an welcher Stelle er nach einem geeigneten Baum Ausschau halten würde. Hoch oben im Pöllner Wald waren die jungen Fichten bereits stattlich in die Höhe geschossen. Dort würde er schon ein prachtvolles Exemplar finden. Er spazierte raschen behäbigen Schrittes die Straße entlang bis zum Forstweg, bog den Trampelpfad den Berg hinauf ab und folgte den treppenartigen Erhebungen der Wurzeln hinauf in das Herz des Waldes. An der Futterkrippe des Försters schreckte er ein paar Rehkitze im Gefolge ihrer Ricke auf. Einige fast verwehte Fußspuren im Schnee verrieten ihm, dass er nicht alleine im Wald war. Es waren die Spuren eines Erwachsenen, er musste also auf der Hut sein. Als er endlich das Waldstück erreichte, in dem die jungen Fichten wuchsen, sah er, dass schon ein anderer auf die gleiche Idee gekommen war. Am Wegrand lag eine frisch geschlagene prächtige, fast zwei Meter große Fichte. Jemand muss sie wohl gefällt haben und wenig später einen noch schöneren Christbaum entdeckt haben. Er überlegte einen Moment lang, ob er nicht einfach diesen Baum mitnehmen sollte. Aber sein Sinn für Familientradition verbot es ihm. Seit der Kindheit seines eigenen Vaters, stand in der Stube Jahr für Jahr ein eigenhändig im Wald gefällter Christbaum. Diese Tradition konnte und wollte er nicht brechen. So beeindruckend diese vor ihm im Schnee liegende Fichte auch war. Er wanderte mit wachen Augen und geübtem Christbaumwilderer-Blick durch den Forst und hielt nach nebeneinander gewachsenen Bäumen Ausschau. Eine der Holzdiebpflichten besagte nämlich, dass es eine Sünde sei, alleinstehende Bäume zu fällen. Wenn zwei Fichten nebeneinander wuchsen, würden sie sich gegenseitig die Sonne nehmen und eine würde sowieso eingehen. Die weihnachtlichen Diebe reinigten also in gewisser Weise den Wald. Denn an diesen Ehrenkodex hielt sich jeder der Burschen, der zur Adventszeit in den Wald geschickt wurde. Endlich entdeckte mein Vater ein wahres Prachtstück. Eine majestätische Weißtanne stand dicht an dicht neben einer stattlichen Fichte. Die Tanne würde gut in die Stube passen, dachte er sich und schätzte ab, wie viele Schläge er mit der Axt benötigen würde. Fünf bis sieben kräftige Schläge könnten reichen, schätzte er. Es wurden zehn, weil er vergessen hatte, die Axt zu schleifen. Kaum begann die Tanne laut zu knacksen und zu knicken, vernahm er das Räuspern einer verrauchten Stimme hinter sich.

Mein Vater fuhr herum. Ein Mann mit wettergegerbten, braungebrannten Gesicht, Zwirnbart und einer Pelzmütze stand hinter ihm. Der Fremde musterte ihn abschätzig und hielt drohend eine Axt in den Händen.

„Es... es ist doch bald Weihnachten.“ stammelte mein Vater.

Es war im Dorf seit dem Krieg üblich, dass die ärmeren Familien die Christbäume selbst schlugen und dies wurde von den Förstern und Waldbesitzern mit gleich zwei zugedrückten Augen geduldet. Von den meisten zumindest, denn laut Gesetzbuch hatte mein Vater einen eindeutigen Diebstahl begangen, der mit Zuchthaus bis zu zwei Wochen oder einer saftigen Geldstrafe geahndet werden konnte.

„Wem gehörst du denn?“ fragte der Alte streng.

Mein Vater musterte ängstlich das Gesicht, es war ihm gleichzeitig fremd und vertraut.

„Vom Hansn z’Voglheislau bin i“ antwortete er mit zitternder Stimme. Er war bisher weder beim Schwarzfischen noch beim Zwetschgenstehlen erwischt worden. Auch von seinem jährlichen Christbaumraub wusste lediglich sein Beichtvater, der ehrwürdige Herr Pfarrer.

„Den Bam gibst mir, du schleichst di und lässt di nimmer blicken“, murmelte der Mann streng, grinste und dabei blitzte ein goldener Zahn auf. Mein Vater packte die Axt und rannte so schnell er konnte den Pfad wieder hinunter, schnellstens raus aus dem Wald. Heilfroh, dem Zuchthaus noch einmal entkommen zu sein.

Inzwischen war es finster geworden und er kam ohne einen Christbaum in der adventlich beleuchteten Stube an. Seine Mutter stand bereits im Türstock und mein Vater befürchtete die schlimmsten Prügel. Doch lieber Prügel als Zuchthaus, dachte er sich.

Kleinlaut gestand er: „Sie ham mi erwischt.“

Anstatt einer Watschen erntete mein Vater ein schallendes Lachen. „Bua, kimm erst rei“, sagte meine Großmutter, „die G’schicht musst uns beim Abendessen erzähln.“

Mein Vater war natürlich erleichtert, dass alles so glimpflich ausgegangen war und versprach, gleich Morgen an einer anderen Stelle im Pöllner Wald sein Glück aufs Neue zu versuchen. Noch hatte er einige Tage bis Weihnachten. Als er am Abend beim Essen der Familie sein Abenteuer zum Besten gab, war seine Angst längst wieder verflogen. Die Mutter und seine drei Geschwister lauschten ihm, als sei er ein wahrer Held. Er erzählte die Geschichte detailgetreu, wie sie sich zugetragen hatte und als er zum Ende gekommen war, überlegte seine Mutter:

„A goldner Zahn. Der Schloadei scho wieder.“

„Wer ist denn der Schloadei?“ fragte der jüngste Bruder und alle Geschwister blickten ihre Mutter gespannt an.

„Der Schloadei hat a Waldstück am Güßhübel“, erklärte meine Großmutter. „Wer dort oben versucht, an Baum z’fälln, der wird kein Glück hab’n. Der alte Geizhals lässt koan an seine Baam ran. Und was hör’ ich da grad? Dass der gute Mann selber den Pöllerwald naufsteigt und sich dort drobm eigenhändig an Baam stiehlt.“

Alle am Tisch lachten schallend.

„Und mei netter Bua hilft ihm auch noch dabei, a wahres Prachtstück zu haun.“

Meine Großmutter lachte aus vollem Halse und fügte hinzu: „Bua, weißt was? Morgen geh ich mit dir zum Güßhübe rauf und dann haun’ mer dem Schloadei sei schönste Fichte, gell?“

Obwohl mein Papa diese Geschichte jedes Jahr aufs Neue erzählte, fiel mir erst, als ich schon selber erwachsen war, die entscheidende Frage ein. Ich schaute meinen Vater traurig an und fragte: „Wenn du früher immer den Christbaum aus dem Wald geholt hast, warum durfte denn ich bis jetzt noch nie einen Baum für die Familie schlagen?“

 

Der Vater seufzte und antwortete: „Weil deine Mama dich bis heute nicht mit einem scharfen Hakke, geschweige denn einer Kettensäge in den Wald lassen würde. Und außerdem gibt es beim Pennymarkt auch schöne Christäume. 


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