Der Bär und der Falke

Eine Indianer-Kurzgeschichte

Diese Indianergeschichte für Kinder habe ich unter dem Eindruck meines Jahres in den USA geschrieben. Damals kam ich zum ersten Mal mit echten Indianern in Kontakt. Gleichzeitig faszinierten mich die eher romantischen Vorstellungen des Indianerlebens sowie die Naturphilosophie von Henry David Thoreau. Entstanden ist eine sehr schöne Geschichte über die Freundschaft eines Jungen mit einem Mädchen indianischer Abstammung. 

Eine Indianergeschichte für Kinder

Ich hatte zuvor noch nie einen Indianer gesehen. Geschweige denn, in die Seele eines Indianers geblickt. Doch oft wünschte ich mir, einer zu sein. Als meine Eltern noch Kinder waren, gab es noch einen Stamm, der wie in den alten Zeiten in einem Reservat lebte. Die kleinen Siedlungen waren nur zwanzig Meilen von unserer Stadt entfernt. In so mancher Nacht, wenn ich nicht schlafen konnte, lag ich in meinem Bett und stellte mir vor, wie ein großer Krieger eines Tages in unsere Siedlung reiten würde, um mich zu entführen. Ich träumte davon, im Stamm aufgenommen zu werden. Wie sie mich erst als Feind ansahen, doch nach den schwierigen Prüfungen, die ich alle bestand, als einen der ihren akzeptierten. Ich wollte ein großer Krieger werden. Doch die Zeit, in denen die Indianer in ihren Zelten lebten, war lange vorbei. In den Reservaten gab es heute Kasinos, viele der Indianer waren dem Alkohol verfallen und schauten zu viel fern. Man sagte, Indianer arbeiteten nicht gerne und wenn alle das sagen, glaubt man es selbst irgendwann. Zum Beginn der Mittelschule kam ein Mädchen indianischer Abstammung in meine Klasse. Sie hieß Donnel. Ich kannte sie nicht gut, doch nach und nach schlich auch sie sich in meine nächtlichen Indianerträume hinein.

Ihr richtiger Name war grauer Falke. Sie war vor vielen Wintern im Mond der bissigen Natter geboren. Grauer Falke wuchs in einer kleinen Hütte in den Wäldern vor den Toren der Stadt auf. Ihr Vater hatte einen Job als Werbefachmann und konnte die Stadt jederzeit in Kürze mit seinem Chevrolet Pickup-Truck erreichen. Dennoch wuchs Grauer Falke im Einklang mit der Natur auf. Der kleine Fluss, der sich vor ihrem Haus durch das Tal schlängelte, war so sauber, dass sie daraus hätten trinken können. Es lebten viele Tiere in den Wäldern. Wenn sie einmal das McDonalds-Essen satt hatte, ging Grauer Falke in die Wälder, um sich etwas zu erjagen. Sie war bis zu ihrem zehnten Lebensjahr nie in der Stadt gewesen. Wenn sie auf die großen Hügel kletterte, konnte sie ins Tal in die Großstadt hinabblicken. Dort sah sie auch den Rauch der Industriegebiete und hörte den Lärm der Autobahn. Das war, solange sie Kind war, genug, um sich zu schwören, diesen unheiligen Ort niemals zu betreten. Nur in den Nächten, wenn sie tiefer in die Wälder und auf die höchsten der Hügel wanderte, um am Lagerfeuer zu übernachten, sah sie die Stadt mit anderen Augen. Dann war sie oft überwältigt von der  Schönheit der schweigenden Lichter, der Farben die bis zum Horizont reichten. In diesen Nächten hatte sie manchmal das Verlangen verspürt, vielleicht auch ein Teil dieser Welt zu werden. In diesen Nächten hatte sie Ehrfurcht vor den Werken der Weißen.

Ihr Vater hatte zu Hause nie von der Arbeit gesprochen. Grauer Falke wusste, dass ihr Vater ein Teil der Stadt geworden war, doch sie war nicht traurig darüber. Denn sie selbst wurde von ihrer Mutter und ihrer Großmutter in den Lehren ihres Stammes erzogen. Grauer Falke hatte oft gefragt, warum zu Hause nur wenige Früchte angebaut wurden und warum sie so selten auf der Jagd waren. Und manchmal auch, welcher Stamm den BigMac und wer dieser Domino war, der diese wundervollen Pizzas lieferte. Bis zu ihrem Schuleintritt wurde Grauer Falke sämtliches Wissen über die sogenannte Zivilisation vorenthalten. Und das war gut so. Sie hatte gelernt, die Geschichten der Natur zu lesen, die Lieder des Windes mitzusingen und mit den Seelen der Tiere zu kommunizieren. Ihr Vater hatte ihr die Jagd beigebracht, gleichwie den Respekt zu jedem Lebewesen. Grauer Falke hatte sich nie alleine gefühlt. Sie durchstreifte oft einen ganzen Tag lang die Wälder, um mit den Bäumen zu sprechen. Ich glaube, Grauer Falke war an dem Tag, an dem sie in meine Klasse kam, bereits weiser als unsere Lehrer. Ich erinnere mich, dass sie im ersten Jahr in der Schule oft traurig war und vieles nicht verstand. Vielleicht wollte sie es nicht verstehen. Sie starrte oft stundenlang aus dem Fenster hinaus auf den Himmel und nichts, was unsere Lehrer erzählten schien für sie von Bedeutung zu sein.

Grauer Falke hatte Angst vor unserer Welt. Ganz langsam, nach und nach, führte sie ihr Vater in die moderne, städtische Welt ein. Grauer Falke verstand, dass Wissen, nicht nur das Wissen über die Natur, in dieser Welt da draußen wichtig war. Dennoch verbrachte Grauer Falke die Zeit nach der Schule, statt Hausaufgaben zu machen, meist alleine in den Wäldern, wo sie dem Fluss zuhörte. Grauer Falke hatte nie viel gesprochen, doch jedes ihrer Worte war schwer an Bedeutung und unbeschreiblich schön, voller Poesie. „Weißer Mann hat Stärke, Mut und Weisheit bewiesen, die Götter zu bitten, hier die Coca Cola ausspeiende Maschine wachsen zu lassen“, sagte sie einmal in der Pause vor dem Cola-Automaten. Erst als wir merkten, dass sie einen Witz gemacht hatte, brüllten wir gemeinsam vor Lachen. Denn auch, wenn sie eine geheimnisvolle Aura umgab, war Grauer Falke eigentlich ein Mädchen wie viele andere auch. Sie lachte gerne, sie träumte, sie vergaß ihre Hausaufgaben. 

Manchmal schien sie sich in der Stadt wohl zu fühlen. Dann zog sie sich wieder mehr in ihre indianische Welt zurück. Oft schien es uns, als redete sie dummes Zeugs. Doch alles, was sie sagte, ergab einen Sinn, wenn man länger darüber nachdachte. Auf einer der Geburtstagsfeiern, auf denen sie sich meist unwohl fühlte, sagte sie einmal: „Im sprechenden Kasten, den ihr TV nennt, wohnt ein böser Geist.“ 

Zuerst wurde sie von allen ausgelacht. Doch dann sagte sie: „Der sprechende Spiegel lässt auch laut lachen. Er flüstert euch zu, was ihr kaufen sollt. Er erzählt euch Geschichten, die dumme Gedanken in eure Köpfe pflanzen. Bestimmt der Bildschirm nicht euer ganzes Leben? Nach wessen Lehren lebt ihr wahrhaftig? Nach denen unserer Lehrer? Oder versucht ihr so zu sein, wie die Typen im Fernsehen? Glaubt mir, in den bewegten Bildern wohnt ein böser Geist.“ Ich glaube, dass ich Grauer Falke noch nie so viele Worte auf einmal reden hörte, wie an diesem Tag. Meistens war sie in sich gekehrt und wirkte schüchtern. Mit den Jahren hatte sie sich recht gut mit der Zivilisation der Stadt abgefunden. Ein Teil der Stadt, so wie ihr Vater, wurde sie aber nie. Und das war gut so. Sie war eine Bereicherung für uns alle. Sie ging im Sommer barfuß in die Schule und erklärte: „Mutter Erde streichelt meine Füße.“ 

Manchmal hielt sie beim auf dem Pausenhof inne und flüsterte: „Der Wind. Spürst du den Wind?“ Sie machte uns auf Kleinigkeiten aufmerksam, die wir ohne sie nie bemerkt hätten. Einmal habe ich sie gesehen, wie sie einen Baum umarmte. Am selben Tag haben wir den großen Philosophen Thoreau gelesen, der sagte: „Ich ging in die Wälder, um das Leben in mein Mark aufzusaugen.“ Da wurde mir bewusst, dass Grauer Falke lebte. Von ganzem Herzen, mit allen Sinnen lebte. Ich hatte Grauer Falke gerne, doch sie war stolz und hielt mich immer auf sicherer Distanz. Dennoch gehört zu meinen unvergesslichsten Augenblicken der Tag, an dem ich zusammen mit Grauer Falke in die Wälder ging, um den Herbst zu begrüßen. Sie hatte mir von den spirituellen Bedeutungen der Pflanzen und Tiere erzählt und mich die Wunder der Natur mit meinen Händen fühlen lassen. Als wir dann am Abend neben einem Lagerfeuer auf dem Hügel lagen und den Sternenhimmel betrachteten, wusste ich, dass ich nie zuvor intensiver gelebt hatte. Sie nannte mich an diesem Abend Kleiner Bär und ich mochte diesen Namen sehr. Grauer Falke erzählte mir, dass jeder Stern die Seele eines gestorbenen Wesens sei. Sie sagte, eine Sternschnuppe bedeute, dass eine Seele nach langer Reise nun in den Himmel käme. 

Als wir tatsächlich eine große Sternschnuppe über das Firmament ziehen sahen, fühlte sich etwas seltsam an. Es fühlte sich so an, als wäre es meine Seele, die gerade den Himmel erreicht hatte. Ich war traurig und glücklich zugleich. Ich fühlte das Mädchen neben mir in meinem Herzen und hoffte, dass ich aus diesem Traum nie aufwachen würde.

 

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