Die Trampernonne

Die urban Legend der Schwarzen Frau

Der Finstermann von Kirchanschöring

Eine der bekanntesten Urban Legends in unserer Region ist die Geschichte der Trampernonne. Auch bekannt als die Geschichte der Schwarzen oder Weißen Frau. Was steckt hinter der Frau, die nächtlichen Autofahrern als Anhalterin auflauert? Und wie wahr ist die Geschichte?

Die Trampernonne - Eine urban legend

Nie, auf gar keinen Fall dürfe man stehenblieben und die Trampernonne mitnehmen. Das wurde uns eingebläut, als wir mit 18 die ersten Autofahrten allein durch die Nacht machten. Manche nannten die Trampernonne auch die Schwarze Frau, andere die Weiße Frau. Sie tauchte stets an Orten auf, an denen man sie am wenigsten erwartete. Manchmal tat sie Gutes, manchmal Böses. Sicher war nur, dass wir lieber nicht herausfinden sollten, was die Trampernonne im Schilde führte.

Wir hätten lieber keinen Horrorfilm anschauen sollen, als wir spät nachts, nach dem Kinobesuch und einem Nachtessen beim McDonalds auf dem Weg nach Hause waren. Es war keiner dieser blutrünstigen Horrorfilme. Strenggenommen floss sogar überhaupt kein Blut über die Leinwand. Man konnte sich nicht einmal sicher sein, ob jemand gestorben war. Aber das war noch schlimmer. Der ganze Horror, der Grusel spielte sich in unseren Köpfen ab. Neunzig Minuten lang waren unsere Nerven mit dem schlimmsten nur denkbaren Psychoterror angegriffen worden.

Die Hamburger und Pommes beruhigten unsere aufgekratzte Stimmung nicht einmal im Ansatz. Es war eine kühle Nacht. Der Hochsommer begann gerade, in den Herbst zu kippen. In den Talsenken lag dichter Nebel und in den Waldstücken war es stockduster. Wir waren scheinbar das einzige Auto, das in dieser Nacht auf der Landstraße unterwegs war. Während ich mich mit weit aufgerissenen Augen auf den schmalen Lichtkegel auf der Straße konzentrierte, blickte ich in unregelmäßigen Abständen in den Rückspiegel. Ich hasste es, wenn hinter mir Autos auffuhren, da ich als Führerscheinneuling nie schneller als 100 km/h fahren durfte. Mir war die ganze Zeit, dass irgendwo weit hinter uns noch ein anderes Auto sein musste. Aber es war nichts zu sehen. Nur die Köpfe von Ben und Tom, die beide eingeschlafen zu sein schienen. „Hast du gewusst, dass meine Mama die Trampernonne gesehen hat?“, fragte ich, um die Stille aus dem Auto zu vertreiben. Mike schüttelte den Kopf.

„Doch, sie hat immer wieder davon erzählt. Es war in der Zeit, als eine Frau von der Trampernonne angegriffen wurde. Der Frau war es gerade noch gelungen, die Türe zuzuschlagen. Dabei hat sie die Hand der Trampernonne erwischt und am nächsten Morgen fanden sie vier abgetrennte Fingerkuppen im Innenraum des Autos.“

„Und deine Mama?“

„Es gab damals noch die Geschichte von der Schwarzen Frau, die per Anhalter bei einem Mann mitfuhr. Als sie, kurz nachdem er die seltsame Frau aufgelesen hatte, langsam an einer Stelle vorbeifuhr, an dem sich ein schwerer Verkehrsunfall ereignet hatte, sagte die Frau: Danke, dass du mich mitgenommen hast. Sonst wärst du der am Baum gewesen. Im selben Moment war die Schwarze Frau verschwunden. Es hieß, dass man später herausfand, dass die Schwarze Frau genauso aussah wie eine Kellnerin, die an derselben Strecke Jahre zuvor umgebracht worden war. Von der Trampernonne!“

 

„Du hast immer noch nicht gesagt, wann deine Mama die Trampernonne gesehen hat“, entgegnete Mike. 

„Sie stand an der Straße in der Nähe eines Moores. Einfach so. Ganz in Schwarz gekleidet und streckte den Finger aus. Meine Mama war damals erst 21. Sie trat aufs Gas und hat das Weite gesucht.“

„Ammenmärchen!“, murmelte Mike.

„Meinst du?“ Ich checkte wieder den Rückspiegel. Eine graue Fratze starrte mich aus roten Augen an. Ich stieß einen gellenden Schrei aus und trat auf die Bremse. Die anderen Jungs und die Fratze begannen laut zu lachen. Ben zog die Maske vom Kopf. „Das Beste habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Ich wusste, dass du drauf reinfallen würdest!“

Ich hielt mir die Hand an die Brust und holte tief Luft. „Tu das nie wieder!“, stöhnte ich. „Ich hätte einen Herzinfarkt kriegen können, oder einen Unfall bauen! Idiot!“

Das letzte Drittel des Weges ging es erst tief in eine Nebelsenke hinunter. „Pass auf, dass du keine Moorleiche überfährst“, lachte Tom.

Zuletzt ging es durch den Wald wieder hinauf in die sternenklare Sommernacht. Es wurde wieder still im Auto. Jeder von uns schien konzentriert auf die Straße zu blicken. Hoffend, dass nichts auftauchte. Aber irgendwie ahnend, dass doch jederzeit etwas passieren könnte. Wie in dem Film.

Als wir uns den letzten Berg vor unserem Dorf näherten, stand eine weiße Gestalt am Straßenrand. Ich trat auf die Bremse und wurde langsamer. „Seht ihr das auch?“

„Ja“, bestätigten die anderen. „Was ist das?“

„Ist das ein Mensch?“

„Das ist eine Frau!“ Es war tatsächlich eine Frau mit langem, schlohweißem Haar, die einen Daumen in die Höhe reckte.

„Das ist die Trampernonne! Gib Gas!“

„Du Depp, das ist sicher die weiße Frau! Wenn ich nicht stehenbleibe, passiert uns was!“

Wir schrieen alle wild durcheinander, ob ich nun stehenbleiben, oder Gas geben sollte. Ich wurde immer langsamer. Die Gestalt schaute immer gruseliger aus. Im hellen Scheinwerferkegel sah sie nun gar nicht mehr wie eine Frau aus, auch nicht mehr wie ein Mensch. Es war ein zerzaustes Wesen wie aus einer anderen Welt, das langsam hin und her schwankte und den weißen Daumen in die Luft streckte.

„Fuck, fahr lieber weiter! Das ist doch nicht normal!“, rief Mike.

„Nein, bleib stehen! Bleib sofort stehen!“, schrie Ben.

„Ich bleib jetzt sicher nicht stehen!“, schrie ich zurück.

„Doch, jetzt brems endlich!“, er griff von hinten in Richtung Handbremse.

„Spinnst du?“, ich klopfte ihm auf die Hand, „Bist du lebensmüde?“

Alle schrien laut durcheinander, irgendetwas in mir zwang mich tatsächlich, abzubremsen.

Das Auto blieb stehen. Vor uns setzte sich die gruselige Gestalt in Bewegung. Ein kleines Wesen torkelte Meter für Meter auf uns zu. Ich begann zu schreien. Ich konnte nicht anders, als einfach laut und schrill loszuschreien. Wie aus dem Nichts tauchte hinter uns ein Wagen auf, der in schnellem Tempo an uns vorbeirauschte. Ich schrie noch lauter.

Ben begann zu lachen. „Was lachst du mich auch noch aus? Die Trampernonne schlitzt uns jeden Moment auf!“

„Das ist nicht die Trampernonne!“, sagte Ben und deutete auf das Wesen, das gerade an die Windschutzscheibe klopfte.

Mike zögerte kurz, dann kurbelte er die Scheibe nach unten.

„Das ist mein Bruder!“

„Servus!“, grüßte Bens Bruder. Er hatte eine Fahne, die bis ins Auto zu riechen war. Seine langen blonden Haare waren vom Sommer am See ganz ausgebleicht. Er trug eine weiße Leinenhose und ein weißes Nirvana-T-Shirt.

„Ihr seid meine Rettung!“, sagte die vermeintliche Weiße Frau und zwängte sich in die hintere Sitzbank.

 

Das wäre normalerweise das Ende einer lustigen Teenagergeschichte aus den Neunziger Jahren gewesen. Aber als wir langsam den Berg runter ins Dorf fuhren, sahen wir schon von Weitem das rauchende Wrack eines Autos, das auf einer Ölspur an der steilsten Stelle ins Schlingern geraten und gegen einen Baum geprallt war. Der Fahrer war tot, wir konnten ihm nicht mehr helfen. Noch schrecklicher als diese Erfahrung, unseren ersten Toten gesehen zu haben war aber die spätere Erkenntnis, dass es sich um einen gesuchten Mörder handelte. Bereits mehrere Male war er Teenagern aufgelauert, hatte sie vergewaltigt und getötet. Erst als uns bewusst wurde, dass der Mann die ganze Zeit hinter uns her gewesen war, begriffen wir, dass die Trampernonne uns das Leben gerettet hatte.


Noch eine Gruselgeschichte:

Finstermann_von_Kirchanschoering
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