Eine dichte, dunkle Kurzgeschichte über ein Beziehungsdrama. Die Kurzgeschichte steckt voller Andeutungen, Metaphern und ist ideal, für eine Interpretation.  Es lohnt sich, die Kurzgeschichte mehrmals zu lesen. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und interpretieren!

Ihr könnt Euch die Geschichte auch bequem ganz unten als PDF downloaden. Oder hier.

Keine Kurzgeschichte verpassen - für den Newsletter anmelden:

Subscribe

* indicates required

Der weiße Schwan

An dem Tag, an dem ich ihn zuletzt gesehen hatte, wartete Alexander auf ein Mädchen. 

Noch während wir redeten, kam seine Verabredung und als ich sah, dass es Katharina war, wusste ich nicht, was ich sagen sollte und umarmte sie stattdessen, was das peinliche Schweigen zwischen uns danach nur noch lauter machte.

Sie hatte ihr dunkelblondes Haar an diesem Abend zu einem Dutt zusammengebunden und ich weiß noch, dass ich sie darauf ansprach, weil ich sie erst nicht erkannt hatte.

Katharina trug ihr gelbes Sommerkleid, das sie an diesem Tag kaum ausfüllte und wir lachten etwas zu laut, weil ich eine Weste in derselben Farbe über meinem blauen T-Shirt trug.

Wir lachten auch über diesen seltsamen Zufall, uns ausgerechnet heute zu treffen. Ein sehr schrilles Lachen, natürlich hatte ich schon den ganzen Tag an sie gedacht. Es wäre unser Jahrestag gewesen. Unser fünfter. Hätten wir nicht so viel nicht gemeinsam gehabt. Aber das war eine andere, gewöhnlichere Geschichte als die, die ich eigentlich erzählen will. 

Ich bezweifle, dass Alexander ahnte, worauf er sich einließ. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass genau das der Grund war, warum er sich mit ihr traf. Er entstammte einem sehr guten Hause. Was auch in unserer kleinen Stadt eine Untertreibung war. Auch wenn nur noch wenig glomm vom Glanz seiner Ahnen, die einst in Leben und noch mehr im Tod die Geschicke ganz Deutschlands zerwirbelt, umgekehrt, erschüttert hatten. Übrig geblieben war nur der adelige Name, der allerdings auf Mädchen noch immer seinen Reiz ausübte.

Subtrahierte man diese durchaus spektakuläre Herkunft, war Alexander ein gewöhnlicher, romantisch verklärter Junge, hübsch, aber nicht ganz so verwegen wie seine jüngeren Brüder. Halb im Skandal, halb als Legende wurde über sie geredet; sie hätten jede Frau, die er gehabt hatte, ebenfalls ins Bett gelockt. Aber das sagte ich Katharina nicht, ich ließ es auf meiner Zunge liegen.


Die Bücher von Bernhard Straßer gibt es hier:


Ich kannte Alexander damals zu wenig, um ihn einschätzen zu können, aber ich hatte immer das Gefühl, dass wir uns in einigen wenigen Punkten wie Seele und Herzensdingen nicht unähnlich waren. Er war jedenfalls ganz anders als seine Brüder, die kannte ich gut genug, um ihre Anziehungskraft, ihren charmanten Sog auf Frauen nachvollziehen zu können.

Alexander hatte seinerseits etwas Schweres, Tragisches in seinem Blick. Etwas von dem man nie sagen konnte, ob es von etwas Vergangenem erzählte, oder das Kommende erahnte. An diesem Tag kamen mir seine Augen besonders traurig vor. Es kann aber auch sein, dass ich da etwas hineinprojizierte. 

Er war so wohlerzogen, dass er mich auch nach Katharinas Erscheinen bat, doch zu bleiben. Und auf meine Ablehnung hin darauf bestand, dass er mich auf ein Getränk einlud.

Wir sprachen über das Wetter, das wundervoll war in dieser Augustwoche und ich ließ mir von ihm erklären, was einen guten Weißwein zu einem exzellenten machte. Katharina war entweder meine Anwesenheit peinlich, oder das Rendezvous an sich unangenehm und Alexander bemerkte es. Er schlug vor, sich vom Kellner den guten Wein zeigen zu lassen und ich betonte, dass ich noch eine andere Verabredung mit einem Freund hatte, sagte nach einigem hin und her aber zu, ein Glas mitzutrinken.

Ich denke nicht, dass ich sie traurig, vorwurfsvoll oder enttäuscht angeschaut habe, aber sie sagte sofort, dies sei ihre erste Verabredung seit "uns", das versicherte sie mehrfach, obwohl es mich ja nichts mehr anging. Ich ging nicht darauf ein und fragte sie, ob sie verliebt sei. Sie senkte die Augen und schüttelte den Kopf und ich erinnere mich, dass mir dieser Ausdruck in ihren Augen stechend irgendwo in die Brust fuhr, ins Gedärm, irgendwo tief hinein, wo alles weh tut, egal wie alt und verlebt es auch ist.

Ich sagte Katharina wenig später, dass ein Zug die Katze überfahren hatte, irgendetwas in ihrer Stimme hatte mich geärgert und ich schonte sie nicht mit Details. Ich sagte ihr, ohne ihr Vorwürfe zu machen, sie hätte die Katze einfach nehmen sollen.

Als Alexander mit dem Wein kam, hatte Katharina ihre Tränen in mein Taschentuch gewischt. Ich trug es noch einige Wochen mit mir herum, so zerstreut wie ich damals war.

Alexander gab sich großzügig und mondän, sprach sogar einen geistreichen Trinkspruch aus, aber ich fragte mich die ganze Zeit, ob Katharina etwas mit einem seiner Brüdern gehabt hatte. Ich war mir auf einmal sicher, dass etwas auf dieser Feier, unserer letzten, gemeinsamen, als etwas merkwürdig außer Kontrolle geraten war, passiert war. 

Beide Brüder waren dort gewesen. Aber es war mir inzwischen egal. Mir tat nur Alexander leid. Ich kann nicht sagen, was es war, ein Bauchgefühl, Menschenkenntnis, Seelenverwandtschaft - ich wusste in dem Moment, dass Alexander ihr niemals näher kommen würde, als dem Lippenstift auf ihrem Weinglas, aus dem er gerade versehentlich trank. Und da tat er mir leid, weil ihm anzusehen war, wie sehr er sie wollte, mehr noch, dass er mit ihr zerschmelzen wollte, nicht nur körperlich. Ich war danach überraschend gut gelaunt. Ich bedankte mich bald für den Wein und wünschte beiden einen schönen Abend und eine gute Zeit und ich meinte es sogar so.

Es war natürlich gelogen, dass ich eine Verabredung mit einem Freund hatte. Also nicht das mit der Verabredung. Ich schickte dem Mädchen, das in einem der anderen Cafés saß, eine knappe Mitteilung, dass ich krank war, oder sonst was und später habe ich irgendwie vergessen, mich noch einmal bei ihr zu melden. 

Das alles ist jetzt fast ein Jahr her. Katharina reagiert nicht auf meine Anrufe, ich weiß bis heute nicht, was aus ihr und Alexander geworden ist. Einmal dachte ich, sein Auto vor ihrem Haus stehen zu sehen, aber die Vorhänge zu ihrem Fenster waren die ganze Nacht lang zugezogen. 

Ich habe seitdem auch diese Träume, in denen ich mit ihr im Bett liege, sie ist nackt und sie hält mich fest umschlungen, wir haben aber keinen Sex, ich streichle nur über ihren Bauch. Sie sieht aus wie Katharina, sie riecht wie Katharina, aber ich weiß, dass es nicht Katharina ist. Im Traum ist es mir egal, ich bin einfach nur froh, dass jemand bei mir ist, der Katharina sein könnte und wenn ich dann aufwache, könnte ich heulen. 

Ich habe viel darüber nachgedacht, was aus Alexander geworden ist, ich habe dann so Bilder im Kopf von einem Loch über der rechten Braue und seinen traurigen, weit aufgerissenen Augen. Aber ich muss wohl aufhören, so viel zu projizieren. In der Zeitung jedenfalls war nie etwas Derartiges zu lesen. Bis auf den Jungen, der sich von der Eisenbahnbrücke in den Fluss gestürzt hat. Der war zwar ebenfalls aus gutem Haus, aber nicht adelig und außerdem stand er nicht auf Frauen. 

Und dann steht er auf einmal vor mir. Tropfnass, in Badehosen, so ganz und gar nicht adelig, bis auf seine vornehme weiße Haut. Er grüßt, richtig überschwänglich, als sei ich sein alter Freund, den er viel zu lange nicht mehr gesehen hat. 

Ich entgegne höflich den Gruß, senke den Blick aber sofort, weil mir, bis auf diese eine Frage nichts einfällt, was ich mit ihm besprechen möchte. Er haftet noch einen Augenblick lang sein erwartungsfrohes Lächeln auf mich, dann geht er zurück zur Liegewiese. 

Mein Weg führt zufällig in die gleiche Richtung und deshalb sehe ich auch, dass er sich auf eine große Decke zu einem Mädchen legt. Mir dreht sich sofort das Herz um, als ich Katharina sehe. Eine Turbine wälzt mir die Magensäfte um, bis es mir Salzwasser aus den Augen drückt; aber beim zweiten Mal hinschauen merke ich, das ist gar nicht Katharina. Es ist nur ihr Gesicht. Das Mädchen ist schlanker, die Brüste runder, der Schönheitsfleck an der Wange auf der falschen Seite. Das ist nicht Katharina, denke ich, als beide aus meinem Blickfeld verschwinden und ich mich auf mein Badetuch lege. 

Nach einer Weile gewöhne ich mich an die Anwesenheit dieses Mädchens. Aus der Distanz nimmt die Ähnlichkeit erkennbar ab und ich sehe, wie sie sich, ihn eincremend und Händchenhaltend, als Alexanders Freundin zu erkennen gibt.

Als ich später keuchend zur Holzinsel hinausschwimme, sonnt sie sich bereits auf den Planken. Sie schaut mich an, als ich mich kraftlos aus dem Wasser hieve und erschauere, als ich in Katharinas Augen, Katharinas Gesicht blicke, alles darin ist Katharina, nur der Rest des Körpers nicht. 

Alexander fragt jovial, ob alles klar sei und ich nicke, nach Atem ringend. Ich rolle mich neben sie auf die Planken und schließe die Augen. Alexander referiert etwas vom Wetter, aber ich höre nicht zu. Ich konzentriere mich auf den Geruch, der mir in die Nase strömt und entdecke sofort einige hartnäckige Moleküle von dem Parfüm, das Katharina immer benutzte. Mit geschlossenen Augen bin ich kurz sicher, dass nicht Alexanders Freundin, sondern Katharina neben mir liegt. „Lass uns mal wieder etwas zusammen unternehmen“, sagt Alexander und ich stimme beinahe euphorisch zu.

Als er ihr ins Wasser hinterher springt, beobachte ich eine Weile einen schwarzen Schwan, der von seinen Jungen wie in einem Ballett umkreist wird. Ich habe auf einmal das Gefühl, als würden Alexander und ich uns schon immer kennen.

Ich bin ein wenig verliebt und weiß, dass jetzt alles gut werden wird. 


Keine Kurzgeschichte verpassen, für den Newsletter anmelden:

Die Geschichte downloaden:

Download
Der weiße Schwan
Rätselhafte Kurzgeschichte über gescheiterte Liebe, dunkle Begierde und eine Männerfreundschaft
Bernhard Straßer - Der weiße Schwan 2021
Adobe Acrobat Dokument 427.3 KB