Eine Corona-Kurzgeschichte

Eine Geburtstagsfeier auf der Stoißer Alm mit Folgen. Eine Gruppe junger Menschen beschließt, nicht auf die offiziellen Vorgaben zu hören und trifft sich zu einer Geburtstagsfeier auf dem Berg.

Als es begann

Sie trafen sich am Parkplatz neben der Autobahn. Es war noch hell. Aus vier verschiedenen Städten waren sie gekommen. Einer nach dem anderen gratulierte Matthias. Sie schüttelten ihm erst zaghaft die Hand, dann zuckten sie die Schultern, gaben sich einen Ruck und umarmten ihn innig. Man hat nur einmal im Jahr Geburtstag. "Schön, dass du trotzdem feierst!", sagten sie. 

Sie wanderten den Feldweg bergauf. In den Rucksäcken klapperte das Bier. Sie erzählten sich, wie sie die letzten Tage erlebt hatten. Was sie in der Arbeit erlebt hatten, wie es ihren Frauen ging, die daheim bei den Kindern waren. Die Großeltern hätten ja tagsüber schon genug zu tun mit den Kindern, da müsse man sie nicht auch noch am Abend einspringen lassen. Aber so ohne Frauen, nur wir Männer unter uns, sei es doch eh viel schöner, waren sie sich einig. 

Wo sei eigentlich der und der?, fragten sie sich. Die hätten alle die üblichen Ausreden, schimpften sie. Beim einen seien die Kinder krank. Der andere bliebe aus Prinzip daheim. In Zeiten der Krise erkenne man die wahren Freunde, waren sie sich einig. 

Sie stiegen bergauf und als es dunkler wurde, machten sie ihre Stirnlampen an. Es war herrlich, hier in der Natur. Die frische Luft. Keine Probleme wie unten im Tal. Nichts. Nur sie, die zu sechst den Berg hinauf wanderten. 

Viel war passiert, seit sie sich zum letzten Mal gesehen hatten. Sie erzählten sich vom Skiurlaub in Österreich, von den Dienstreisen durch ganz Europa, kurz bevor es begann. Irgendwie sei es ja schön, dass man jetzt endlich einmal Zeit habe, wieder daheim zu sein, fanden sie. 

 

Es wurde kälter und bald stapften sie durch den Schnee. Einer hustete. Alle lachten. Sie stiegen konzentriert in abwechselnden Konstellationen nebeneinander den Berg hinauf. Sie erkundigten sich, wie es jedem ging und waren froh, dass es keinen Grund zur Sorge gab und lachten ausgelassen gemeinsam.

 

 

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Als sie den Gipfel erreichten, war es bereits stockdunkel. Ein frostiger Wind pfiff ihnen entgegen. Sie stapften durch den knirschenden Schnee. Nicht jeder hatte auf der Gipfelbank Platz. Also rückten sie enger zusammen und versprachen, sich abzuwechseln. Jeder sollte einmal kurz neben dem Geburtstagskind sitzen können. Es wärmte angenehm, Daunenjacke an Daunenjacke neben seinen Freunden sitzen zu dürfen. Die Deckel der Bierflaschen ploppten. Mist, ich hab‘ mein Bier vergessen, sagte einer. Kannst bei mir mittrinken, sagte der andere. 

Sie stießen miteinander an. Auf deinen Geburtstag! Auf uns! Und auf die Deppen, die sich geweigert haben, mitzukommen. Prost! 

Sie tranken gemeinsam und genossen die Stille, den Frieden hier oben. 

Aus der Ferne konnte man vereinzelte Blaulichter erkennen. Ob da was passiert ist?, fragten sie sich. 

Schön, dass ihr alle gekommen seid, sagte das Geburtstagskind. Echt schade, dass ich wegen diesen Idioten meine Feier absagen musste, sagte er und seufzte. Diese Massenhysterie. Aber jetzt sind wir ja unter uns. 

Sie prosteten sich noch einmal zu und tranken auf den gesunden Menschenverstand. 

Als sie zu frieren begannen, tranken sie aus und brachen auf. Sonst fangen wir uns noch einen Katarrh ein, sagten sie und lachten. 

Bergab ging es schneller. Sie diskutierten darüber, dass sie es einfach nicht mehr hören konnten. Dieses eine Thema, über das alle sprachen. Sie waren sich einig, dass es notwendig und richtig war, dass sie rausgegangen waren. Man muss ja raus, sonst wird man ja verrückt. So wie die, die jetzt schon daheim sitzen. Panisch und verängstigt. Sie lachten wieder. Einer warf die Frage auf, ob die anderen glaubten, dass die Quarantäne käme. Die käme sicher, waren sie sich einig. Deshalb sei es so wichtig, noch einmal etwas gemeinsam zu unternehmen. Bevor die Hysteriker das Sagen hätten. Wir haben keine Angst vor dem Virus, sagten sie. Wir sind noch jung. Das bisschen Halskratzen haut uns nicht um. Außerdem kommt das sowieso nicht zu uns. 

 

Unten am Parkplatz verabschiedeten sie sich voneinander. Sie umarmten sich innig, als würden sie sich lange nicht mehr sehen. Lasst euch nicht verrückt machen von der Panikmache, sagten sie. Grüß mir deine Mama, wenn du sie das nächste Mal siehst, sagten sie dem Geburtstagskind. Sie solle auf sich aufpassen und vorsichtshalber von den Leuten fernhalten, sagten sie. Nicht, dass sie sich bei jemanden ansteckt. Mache ich, sagte das Geburtstagskind. Sie passt morgen eh auf die Kinder auf, dann richte ich es ihr aus. Sie reichten sich zum Abschied noch einmal die Hand und umarmten sich lange. Dann trennten sich ihre Wege. 


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Der Zirkus Corona ist das Corona-Tagebuch von Bernhard Straßer. Der Papa von zwei Söhnen schreibt in seinem Blog regelmäßig über den Alltag der Familie in der Coronakrise. Mehr hier

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Als es begann: Eine Gruppe junger Männer will nichts von einer vermeintlichen Bedrohung wissen und feiert gemeinsam auf dem Berg Geburtstag. Den Text findest du hier

 

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