Während einer Yogastunde kehrt die Erinnerung an eine längst vergessene Nacht in der Toskana zurück. Nach und nach wird ein herzzerreissendes Geheimnis gelüftet.

Während einer Yogastunde kehrt die Erinnerung an eine Nacht in der Toskana zurück. Es ist Jahre her, als sie noch Freunde waren. Wann war die Freundschaft zerbrochen? War es nach ihrem Tod oder schon zuvor? Mit jeder Yoga-Übung brechen neue Erinnerungen an die Oberfläche. Bis sich im Savasana auch das letzte große Geheimnis aus dem Unterbewusstsein löst.

Sternenkinder

Es war augenblicklich wieder da. Das Schwarz. Die Sterne. Die Nacht. Sie materialisierten sich aus dem Nichts. Traten hervor in jeder einzelnen Bewegung, in jeder Haltung, jeder Figur.

Für alle im Raum war es nur ein Herabschauender Hund. Sie stemmten die Handflächen auf die Matten, streckten die Beine durch und hoben die Hüften, atmeten aus. Ich atmete nicht mehr, meine Arme gaben nach, ich erschlaffte.

Die Jungs lachten. Es war die erste Yogastunde und ich spürte die Erleichterung der anderen, dass nicht sie es waren, über die gelacht wurde. 

Eine Gruppe Männer, Familienväter. Allesamt mit Rückenbeschwerden hatten Yoga verordnet bekommen. Die Konstellation war von Anfang an absurd. Pragmatische Männer, die sich vom Fußball kannten, machten gemeinsam Yoga. Niemand verschwendete irgendeinen Gedanken an Dinge wie Bewusstseinserweiterung oder Selbstfindung. Am wenigsten ich.

Und trotzdem lag ich jetzt in dieser zu einem alpenländischen Ashram umgebauten Scheune auf der Matte, starrte eine goldene, im Giebel hängende Bronzesonne an und war bei der Anfangsentspannung vieles – nur nicht entspannt. Eine Erinnerung hatte sich in mir losgelöst und wurde durch die Körperreisen-Meditation noch verstärkt.

 

Schon den ganzen Tag über arbeitete etwas in mir. Es war der erste warme Tag des Jahres gewesen, und ich hatte mich mit einer alten Sonnenmilch eingecremt. Hatte diesen Geruch eingesogen, den ich seit langer Zeit nicht mehr wahrgenommen hatte. Sofort befand ich mich irgendwo am Meer, spürte die Leichtigkeit eines längst vergangenen Lebens. 

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Sie erinnerte mich daran, dass Mattheus, der die Yoga-Gruppe organisierte, früher einmal mein erster Freund gewesen war.

Vor einigen Jahren hatte ihn ein Schicksalsschlag aus der Bahn geworfen. Der Kontakt war abgerissen. Das Männeryoga war wohl sein Versuch, wieder Anschluss zu finden. 

Ein Versuch, dieses Gespinst aus Lebensgeschichten, das vor langer Zeit einmal ein Freundeskreis gewesen war, wieder zueinander zu führen. Jetzt saßen wir hier im Schneidersitz, Männer, die sich abwechselnd ein Nasenloch zuhielten und sich in Brahmayana Atmung übten. Wir lachten und kicherten, aber die Yogalehrerin bestand darauf, dass wir so Energie aufbauten und dass die Atemübung etwas mit uns bewirken würde. Mattheus verdrehte die Augen, und das war einer der Momente, in denen ich mich ihm wieder so nah fühlte wie damals.

Wir waren nicht im Streit auseinander gegangen. Wir hatten einfach auf unterschiedliche Weise getrauert.

Moira war 27 Jahre alt gewesen. Zehn Jahre davon hatte sie mit Mattheus verbracht. Sie hätten vermutlich bald geheiratet, eine Familie gegründet. Mattheus sprach damals oft davon.

Moira war auf gerader Strecke direkt in den entgegenkommenden Bus gerast. Sie war sofort tot.

Die Beerdigung war ein emotionales Gemetzel gewesen, eines, das man möglichst schnell verdrängt, um keinen seelischen Schaden zu nehmen. Mit verzweifelten Schreien von Männern, von denen man es nicht erwartet hatte, und tränenlosem Schweigen desjenigen, der am lautesten hätte schreien müssen. 

Mattheus hatte sich verändert. Als ich ihn, im Schneidersitz sitzend, kurz musterte, fiel mir auf, wie grau sein Bart geworden war im Vergleich zu meinem.

Die Yogalehrerin leitete uns an aufzustehen, unsere Füße fest in den Boden zu stemmen und unsere Arme über außen nach oben zu heben. Ihre Stimme, ihre Wortwahl, ihre Übungsanleitungen erinnerten mich an etwas. Als sich mein Rumpf absenkte und wir angeleitet wurden, in die Vorbeugen zu gehen, wuchs die Ahnung zur Gewissheit an, Erinnerungsquellen stauten sich an, drückten mächtig gegen ein Wehr und als ich diese längst vergessenen Worte "ado mukha savashana" hörte, brach das Wehr, und meine Arme knickten ein .

Vor sieben Jahren hatten wir mit Freunden den Urlaub in der Toskana verbracht. In einem kleinen Ort in der Nähe von Arezzo hatte Mattheus für uns ein Ferienhaus gemietet. Abends saßen wir stundenlang an einer langgezogenen Tafel im Wohnzimmer des Ferienhauses beim Abendessen.

 

Je später die Stunde, desto lauter wurde diskutiert. Meist über irgendein philosophisches Thema. Aber auch gestritten. Die Abgeschiedenheit und die Luft der Toskana schien den Paaren nicht gut zu tun, teils fasziniert lauschten wir als Zaungäste den impulsiv auftretenden Beziehungsstreitigkeiten. Besonders Mattheus und Moira fochten ohne Visier eine Krise aus, deren Ursprung uns tuscheln ließ.  An der Oberfläche ging es um Weinflecken auf der Tischdecke und nicht gespülte Kaffeekannen, aber dass Moira einmal, stark angetrunken, weinte, ließ die Tiefe der gegenseitig zugefügten Verletzungen ahnen.  

Aber ihr Wesen war auf herrliche Art und Weise sprunghaft, das mochten wir so sehr an ihr. Im nächsten Augenblick wischte sie sich die Tränen ab und rief in die Menge: „Wer hat Bock auf Yoga?“. Es war kurz nach Mitternacht. "Jetzt habt euch nicht so! Ich zeig euch, wie es geht!"

Wir waren zu siebt. Mattheus war nicht dabei, er war kurz vorher ins Bett gegangen. Wir gingen nach unten in den Schuppen, wo Moira Yogamatten entdeckt hatte. In der Wiese neben dem Pool platzierten wir unsere Matten, und Moira leitete einige Übungen an. Wir kicherten. Betrunken wie wir waren, schaffte keiner die Übungen ohne umzufallen. Aber Moira hatte als Yogalehrerin eine latente Autorität und überrascht stellte ich fest, dass ihre Stimme, ihre Anleitungen, wie wir zu atmen hatten, einen Sog auf mich ausübten. Ich machte Kobras, Krieger, Kindeshaltung und immer wieder den Herabschauenden Hund. Wir kicherten  immer weniger und bald war ich von Begeisterung erfasst, ich geriet in etwas, das Moira den „Flow“ nannte.

Ich betrachtete Moira, die ganz und gar in ihrer Rolle als Trainerin aufging.

Die Zeit verschwamm mit ihrer Stimme, mit jeder Übung, und bald läutete eine ferne Kirchturmuhr Viertel nach Eins. Wir hatten über eine Stunde Yoga praktiziert , und ich war außer Atem und empfand ein seit Jugendtagen längst vergessenes Glücksgefühl .

"Jetzt leite ich euch in die Schlussentspannung. Shawasana", sagte Moira.

Sie erklärte mit monotoner Stimme, wir sollten uns nun auf die Matte legen und die Augen schließen. Ruhig, immer leiser sprechend, nannte sie verschiedene Körperteile, die wir zu entspannen hatten.

Mir wurde schummrig, und der Wein und die Müdigkeit machten sich bemerkbar.

Ich schloss die Augen und lauschte ihrer Stimme.

Als die Gedanken wieder klarer wurden, schnarchte es rechts und links von mir. War ich auch eingeschlafen? Es war eine schwüle italienische Sommernacht, und es lag sich angenehm auf der Matte. Grillen zirpten, und als ich die Augen kurz öffnete, war es dunkel. Über mir tausende Sterne. Das Band der Milchstraße und davor eine schwarze Silhouette. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, sah ich Moira ganz nah, sich über mich gebeugt. Sie lächelte .

Ich fragte ein halbherziges "Was machst du?", und sie antwortete "Du weißt, was er getan hat!", und ich wusste es, er war ja mein bester Freund.

Dann schlossen sich meine Augen, und es gab nur noch Haut und Keuchen und Sterne.

Als es auf meiner Haut wieder kalt wurde, wusste ich nicht, ob sie weinte oder lachte. Sie zog sich wieder an. „Wo sind die anderen?“, fragte ich. Sie antwortete nicht.

Die nächsten Tage verliefen harmonisch. In Moiras Verhalten mir gegenüber deutete nichts darauf hin, dass diese Nacht wirklich stattgefunden hatte.

Was war in dieser Nacht nur in sie gefahren? Darüber versuchte ich krampfhaft nicht nachzudenken, als eine Stunde später die Schlussentspannung begann. An nichts anderes zu denken als an meine Atmung.

Ich atmete aus. Ich atmete ein. Dann verdunkelten die Yogalehrerin auf Knopfdruck die Fenster , und aus einer Art Discokugel wurden tausende Sterne an die Scheunendecke geworfen. Ich atmete aus, ich atmete ein. Es war so still, dass man von draußen die Grillen zirpen hörte. „Ich atme ein, ich atme aus“

„Ich atme ein, ich atme aus.“ Auf einmal spürte ich eine Hand in meinem Nacken. Sie war ganz nah über mir. Ich riss die Augen auf und sah eine schwarze Silhouette vor dem Sternenhimmel. "Entspann dich. Ich massiere nun deinen Nacken."

Pochenden Herzens atmete ich ein und atmete aus. Ihre Berührungen beruhigten nicht. Als sie aufstand, um meinen Nebenmann zu massieren, ließ die Erleichterung meinen Puls herunterfahren. Das Schwarz vor meinen Augen breitete sich aus, und die Erschöpfung gewann Oberhand.

Die Gedankenfäden wurden loser und zerfaserten. Grüne Hügel vermischten sich mit dem Sternenhimmel. Atme ein. Atme aus.

 

Dann zerrissen die Bilder, und ich starrte auf den Sarg. Und auf den kleinen Sarg, der mit ihm begraben wurde. Eine schuhschachtelgroße Kiste aus Zedernholz. Die Fassungslosigkeit, dass auch das Kind gestorben war. Niemand wusste, wie alt es gewesen war. Vielleicht vier Monate. Oder sechs. Es machte keinen Unterschied. Außer vielleicht für uns, die an ihrem Grab nicht nur wegen Moira weinten. Sondern auch wegen dieses winzigen Kindes von dem niemand etwas gewusst hatte. Außer, dass es nun ein Sternenkind war.

 

 

Kurzvita:

 

Bernhard Straßer ist in einer Bücherei in Kirchanschöring aufgewachsen. Er war Fussballplatzlinienaufstreuer, Schichtarbeiter und Jugenddisco-DJ. Bevor er in Traunstein sesshaft wurde, verschlug es ihn in die USA, in eine Jugendherberge am Chiemsee und nach Mannheim. In Rosenheim gefiel es ihm am wenigsten. Beim Termin in der Berufsberatung erfuhr er, dass es leichter ist, Berufsberater zu werden als Schriftsteller. Also machte er das. Er ist später trotzdem Schriftsteller geworden. Die Kleinstadtrebellen erschienen 2013. Obwohl er Vereine bescheuert findet, gründete er die Chiemgau-Autoren e.V. mit und brachte die junge Literaturzeitung Lizzy heraus. Er behauptet, dass "Sterne sieht man nur bei Nacht" sein bestes Buch ist. Demnächst will er als Blogger berühmt werden.

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