100 Jahre Wirtshauskultur in Kirchanschöring

Die Geschichte der Bahnhofsrestauration

Kirchanschöring mit Bahnhof und Bahnhofsrestauration. Archiv Heimatverein Kirchanschöring
Kirchanschöring mit Bahnhof und Bahnhofsrestauration. Archiv Heimatverein Kirchanschöring

Vereinsgründungen, ein gestohlener Stammtisch und sogar die Wahl zur „Miss Anschöring“ – Die Bahnhofsrestauration oder der „Reste“, wie sie im Dorf bis heute liebevoll genannt wird, war als kultureller Mittelpunkt jahrzehntelang prägender Teil der kulturellen Geschichte des Dorfes. Seit einigen Jahren steht das Gebäude leer. Aktuell gibt es neue Pläne der Gemeinde, wie das historische Gebäude wieder Teil der Dorfkultur werden könnte. Ein Blick zurück in ihre Geschichte zeigt, dass die Bahnhofsgaststätte immer wieder ein wichtiger Bestandsteil der kirchanschöringer Kultur war und vielleicht bald wieder sein könnte.

Bahnofsgaststätte 1925. Archiv Heimatverein Kirchanschöring
Bahnofsgaststätte 1925. Archiv Heimatverein Kirchanschöring

Begonnen hat die Geschichte der „Reste“, die in ihren Hochs und Tiefs oft zwischen Traditionswirtshaus und Spelunke hin und her schwankte, standesgemäß mit einem Halunkenstück. Franz Köhler, der „Vater“ der Bahnhofsrestauration, war durch geschickte Heirat als mehrfacher Witwer zu etwas Geld und noch mehr Geschäftsgewieftheit gelangt. Er erkannte, dass durch die Fertigstellung der Bahnstrecke und der nahe des Bahnhofs gelegenen Firma Geiger die Errichtung einer Gaststätte ein sicheres Geschäftsmodell sei und beantragte den Bau einer „Bahnhofsrestauration“. Obwohl ihm der Bau nicht genehmigt wurde, deklarierte er ihn kurzerhand als Privatwohnhaus um. Erst nach monatelangem Schriftverkehr mit dem Bürgermeister erhielt Köhler die Erlaubnis, 1909 seinen fertigen Schwarzbau tatsächlich als Gaststätte eröffnen zu dürfen.

 

Die Bahnhofsrestauration eröffnete am 25. Mai 1909 mit Blechmusik und großem Fest. Ein gutes Jahr später hatte Köhler vom Leben als Wirt wieder genug und verkaufte die Gaststätte an den Fridolfinger Brauereibesitzer Anton Stadler. 

Sommerfrischler am Bahnhof von Kirchanschöring. Archiv Heimatverein
Sommerfrischler am Bahnhof von Kirchanschöring. Archiv Heimatverein

Die Bahnhofsgaststätte florierte gut. Damals hielten die Züge an den Stationen noch längere Zeit und die Fahrgäste kehrten dazu in den jeweiligen Bahnhofsrestaurationen ein. Stammgäste waren zudem die 30 Mitarbeiter der Firma Geiger, die ihr Mittagessen dort bekamen.

 

Ein erster geschichtsträchtiger Höhepunkt in den Räumen der „Reste“ war die Gründung des SV Kirchanschöring 1946. Über die 50er Jahre gibt es noch sehr lebhafte Erinnerungen, da Karl Straßer vom Heimatverein dort als damaliger Wirtssohn einige Jahre in der Bahnhofsgaststätte wohnte. So erinnert er sich noch lebhaft an die Torjubel 1954, die durch die „Reste“ hallten. Jeden Sonntag trafen sich die Kartenspieler in der Stube und mehrmals im Jahr gab es ein „Jagd-Essen“, bei dem die Jäger ihren Pächtern Reh-Ragout und andere Speisen kredenzen ließen. Jedes der Kirchanschöringer Wirtshäuser wurde von bestimmten Vereinen frequentiert. Am Bahnhof traf sich zum Beispiel der Schützenverein. Kurioserweise wurde in der „Reste“ sogar geschossen. Dazu musste man allerdings die Tür zum Nebenzimmer öffnen, damit die notwendige Distanz von 10 Metern erreicht werden konnte. Waren die Schützen fertig, wurde die Türe wieder geschlossen. Auch an so manche Wirtshausrauferei und amouröse Szenen spät nachts zwischen Stammgästen und Bedienungen erinnert sich Karl Straßer, der als Kind die Nächte im Stockwerk über der Wirtsstube verbrachte. Kuriosestes Ereignis allerdings war, dass der massive Stammtisch, an dem problemlos 15 Kartenspieler Platz nehmen konnten, eines Nachts gestohlen wurde. Wer die neuen illegalen Stammtischler waren, konnte nie geklärt werden.

Wie geht es weiter mit der Bahnhofs-"Reste"?
Wie geht es weiter mit der Bahnhofs-"Reste"?

Ein Wirtshaus war damals ein Ort der Dorfkultur. In der Bahnhofsgaststätte wurden Faschingsfeiern veranstaltet, es gab ein Eisstockschießen an den Bahnweihern gegenüber und so manche Hochzeit hatte ihr Weinstüberl in der „Reste“. Im Biergarten unter den großen Kastanien gab es im Sommer Frühschoppenkonzerte und zahlreiche Musikkapellen spielten dort im Laufe der Jahre. Der Pächter Anfang der 70er Jahre kam auf die Idee, im Biergarten ein Bierzelt aufzustellen. Heidrun Straßer, die damals mit dabei war, erzählt schmunzelnd davon, dass dort die „Miss Anschöring“ gewählt wurde. Siegerin war eine gewisse Rosemarie M. Mehr wollte sie aber nicht verraten.

In ihren letzten Jahrzehnten nahmen die kulturellen Veranstaltungen zunehmend ab und die Bahnhofsrestauration wandte sich mehr ihren Stammtisch-Gästen zu. Gäste jüngeren Alters haben meist im Nebel der Rauschwaden verschwimmende Erinnerungen an die Bahnhofs-Reste. Die vielen Jahre als typisches Dorf-Wirtshaus sind den Räumlichkeiten an die Substanz gegangen.

 

Wie kann dieser Teil Kirchanschöringer Geschichte für künftige Generationen erhalten werden – diese Frage hat sich bereits vor zwei Jahren die Studentin Juliane Fitzga von der FH Salzburg gefragt. In ihrer Bachelorarbeit hat sie ein Konzept entwickelt, wie das Gebäude im Kern erhalten bleiben kann und dennoch im Sinne des Gemeinwohls genutzt werden kann. Ihre Ideen wurden 2019 bereits ausgestellt und dem Bürgermeister übergeben. Man kann gespannt sein, ob es der Gemeinde gelingt, dass die Geschichte der Bahnhofsrestauration noch lange nicht auserzählt ist. 

Welche Erinnerungen habt ihr an die "Reste"? Lasst mir einen Kommentar da!

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