Der Tag als die Kultur starb

Kurzgeschichte über einen denkwürdigen Abend in Regensburg. In einer lauen Nacht des langsam beginnenden Frühlings ist der großartigste Jung-Schriftsteller seiner Generation in der Stadt zu Gast. Doch eine dunkle Bedrohung schwebt über dem literarischen Abend. Wird es der letzte sein?

Es wird etwas passieren. Nächste Woche. Vielleicht morgen oder übermorgen. Aber nicht heute. 

Heute liegt die Stadt da, als sei nichts. Als läge sie schon immer so da. Seit hunderten Jahren. Tausenden Jahren. Es riecht auch so. Etwas modrig. Nach Stadtmauer. Die ist unbeeindruckt von dem, was um sie herum passiert. Es ist ja nichts zu sehen. Man hört ein Martinshorn. Aber das hört man ja meistens, das hat nichts zu sagen. Die Kirchen und Mauern und Fassaden erzählen von längst vergangenen Tagen, aber sie verraten nichts, was morgen sein wird. Oder nächste Woche. Und nichts wollen wir gerade dringlicher wissen.

Die Frau vom Hotel, das heißt wie eine berühmte Prostituierte, vielleicht heißt auch sie selbst so, weiß es auch nicht. Sie weiß nur, dass alle anderen storniert haben. Dass ich der einzige Gast bin. Dass ich der letzte Gast sein könnte. Unvorstellbar. Sie schaut mir traurig nach, als ich ihr eine schöne Restwoche wünsche, so als sei ich ein naiver Träumer.

Ich bin der letzte neue Gast in der Stad. Jedenfalls komme ich mir so vor. Ich bin hier, trotz allem. Nicht, weil ich etwas nicht weiß. Oder seit zwei Monaten kein Internet habe. Oder zu lange einem schönen Jungen beim Spiel am Strand zugesehen habe, oder wie man halt sonst in so Situationen gerät. 

Ich bin hier, weil ich ein gültiges Ticket habe. Und weil alle anderen Tickets für das restliche Jahr bereits storniert wurden. Und weil ich trotzig bin wie jemand, der sich verkrampft an etwas festhält, etwas, das gerade untergeht. Einer, der nichts wahrhaben will, solange das Orchester noch spielt. Und, weil heute zwar kein Orchester spielt, aber der größte Schriftsteller unserer Generation in der Stadt ist. Und natürlich, weil ich dessen Literaturagentur ein Exposé geschickt habe und es sicher nicht schadet, behaupten zu können, ich kenne den Schriftsteller persönlich. 

Aber noch kenne ich ihn noch nicht. Und es ist fraglich, ob sich das heute noch ändert. 

Wieder und wieder checke ich mein Handy, als seien die Horrormeldungen der letzten Wochen auf Bild Online noch zu übertreffen. Ich suche auf Twitter nach behördlich abgesagten Veranstaltungen und nach Gerüchten, dass der Autor gar nicht mehr in der Stadt sei. Zurück in die Schweiz geflüchtet, in Sicherheit. 

Aber alles ist ruhig, selbst das Internet. 

In einem Fastfood-Lokal bestelle ich die einzige vegane Speise. Als ob das jetzt noch irgendwas ändern würde. 

Draußen überbieten sich die Obdachlosen im lauten Niesen. Ganz so als würden sie das Niesen genießen, niesen sie den Passanten grüßend zu. Niemand wünscht "Gesundheit". Alle gehen auf Distanz. Sie Wirken gleichzeitig auch nicht unglücklich darüber, endlich einen Grund zu haben, einen Bogen um die Obdachlosen zu machen. Man spürt, da hat etwas von der Stadt Besitz ergriffen. 

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Die bisher erschienenen Bücher:

Die Frau am Eingang der Kulturstätte mustert mich, als erkannte sie mich. Kurz freue ich mich über meine Prominenz. Aber sie interessiert sich nur für meine etwas blasse Gesichtsfarbe. Ich beteuere, dass es mir gut geht. Ich hätte nur gerade etwas gegessen, das mir schwer im Magen liegt. Sie weist mich nervös auf den Desinfektionsspender hin, den sie extra von zu Hause mitgebracht hat. 

Ich rieche bereits stark nach Alkohol, als ich den ersten Wein bestelle. Während meine Finger den Stiel eines mit dem guten Primitivo vom Aldi gefüllten Glas umklammern, warte ich auf den zweitbesten Schriftsteller der Stadt. Wir begrüßen uns, indem wir die Schuhe gegeneinander schlagen und fragen uns, ob das bald groß werden könnte. Er fragt, wie es mir erging und ich erzähle, dass ich der Agentur das Exposé des Romans geschickt hätte, aber nie eine Antwort kam. Er beschwichtigt mich, dass es völlig normal sei, wenn von der Agentur nichts oder eine Absage käme. Es sei nun mal die beste und sie nehme nur herausragende Talente. So wie den Literatur-Jungstar, wegen dem wir heute hier sind. Außerdem seien männliche Autoren, die Bücher aus der Sicht von männlichen Protagonisten schreiben, derzeit auf dem Markt nicht gefragt. Wir diskutieren, ob wir künftig Dystopien schreiben sollten. Oder gar nichts mehr. 

Dann sitzen wir im voll besetzten Raum und starren streng geradeaus auf die Bühne und auf die Köpfe der Vorderleute. Wir achten penibel darauf, höflich distanziert zu bleiben und niemanden ins Gesicht zu spucken.

Dann geht das Licht an und im Rampenlicht taucht tatsächlich der berühmte Autor auf.

Er verbeugt sich knapp und hustet scheppernd. Der ganze Saal lacht schallend. Er hat die Audienz sofort angesteckt. Mit seinem Charme, seinem Humor, seiner Bescheidenheit. 

Er erzählt, dass er sich krank fühle. Aber niemand brauche sich sorgen. Um ihn. Es sei nur eine leichte Erkältung. Es sei nicht das andere. Das Lachen im Saal hat etwas Erleichtertes. Es ist nur eine Erkältung. Es ist nicht das andere. Die Ausgelassenheit und die Freude über diesen Abend, diesen wohl letzten gemeinsamen Abend kehren zurück. Es ist nicht das ANDERE! 

Zwei Stunden lang erzählt er von anderen Dingen, die nichts mit dem einen zu tun haben. Er hustet viel, aber es ist zum Glück nur eine leichte Erkältung. Irgendwann wird man darüber schreiben, wo man war, als es begann, denkt man sich. Aber gerade ist man nur froh, hier sein zu dürfen und, dass es noch nicht begonnen hat. 

Nach dem donnernden Schlussapplaus und beim dritten Wein sagt uns die Kulturreferentin, wir sollen auf den jungen Literaturstar acht geben. Er sei so ein großartiger Mensch, er könne weder Nein sagen, noch jemanden etwas abschlagen. 

Sekunden später stehe ich auf der Bühne und bitte um ein Selfie.

Erst wahren wir eine sehr lange Armlänge höflichen Abstand. Da moderne Selfies nur im Hochformat gemacht werden und mein Arm nicht lang genug ist, um uns beide ins Hochformat zu bekommen, rücke ich etwas näher an ihn heran. Auf dem geposteten Foto umarmen wir uns sogar. Ich habe einen etwas flauen Magen und hoffe, dass ich nicht krank werde und ihn nicht mit Norovirus oder sowas angesteckt habe. Dann wären wir beide bald in der Bild-Zeitung.

Da ich ihn ja noch persönlich kennenlernen muss, bitte ich den Autor mir zu verraten, wie man der beste Schriftsteller seiner Generation wird. Er hustet galant in seine Armbeuge und sagt, ihm habe es geholfen, seine Texte Dutzende Male zu überarbeiten. Ich will noch mehr Fragen stellen, ihm alle Geheimnisse entlocken, ihn auf einen vierten Wein einladen, ihn fragen, ob er mein bester Freund werden will. Aber der zweitbeste Schriftsteller und die Kulturreferentin ziehen mich weg vom Literaturstar. Er sieht jetzt ganz ausgezehrt und krank aus, seit er nichts mehr sagen muss.

Wir verlassen die Kulturstätte, da wir uns zu gesund fühlen, um länger dort zu bleiben. Mein flauer Magen kommt wohl eher von erneutem Hunger. Draußen ist es Nacht, aber auch Frühling und wir sind nach so vielem hungrig, dass ein einziger Burger gar nicht reicht. 

Nach diesem langen Winter muss es ein großes Jahr werden. Kauend schauen wir den letzten nächtlichen Passanten nach. Ein Radfahrer trägt eine gesichtsausfüllende Taucherbrille und hält, Slalom fahrend, großen Abstand zu den Nachtflaneuren. Hinter ihm ein altbekanntes Husten. Es ist das Literaturgenie. Es schlendert mit der Tochter der Kulturreferentin die Straße hinunter. Wir nicken ihm mit vollem Mund und voller Anerkennung und Zuneigung zu. Er lächelt, wie er schon tausend anderen Fremden zugelächelt hat. Wir sind dennoch glücklich. Sollten wir heute sterben, haben wir wenigstens gelebt. 

Wir leben noch eine Weile und lassen in einer Kulturbar mit den anderen Künstlern der Stadt die Gläser klirren. Stets auf Abstand bedacht. Wir reden laut und lachen noch lauter, als könnte jedes Wort unser letztes sein. 

Als die Nacht in die blaue Stunde kippt, verabschiede ich mich und wanke zurück durch die menschenleeren Gassen in das Hotel. 

Auf dem Klo wische ich die neuesten Nachrichten nach unten. Der Ministerpräsident blickt grimmig von sämtlichen Nachrichtenportalen. Die Überschriften auf Bild Online sind noch fetter als vorher. Ich checke meine Emails. Mir ist schwindelig. Das letzte Bier war wohl schlecht. Um auf andere Gedanken zu kommen, klicke ich auf den Spam-Ordner. Kein einziges Angebot einer Penisverlängerung. Dafür will man mir Gold, Grundstücke mit Garten und – wer braucht denn sowas -  OP-Masken verkaufen. Mein Daumen fährt nach unten auf eine ältere Mail. Sie ist von der Literaturagentur. Was macht die denn im Spam? Seit vier Wochen? Mit einem Mal bin ich hellwach und realisiere, dass ich auf einem denkbar ungeeigneten Ort sitze, sollte ich später einmal der Nachwelt von diesem historischen Augenblick berichten. 

„Wir haben ihr Exposé mit großem Interesse gelesen“, steht da. In mir beginnt ein Licht zu leuchten. „Bitte schicken sie uns das gesamte Manuskript.“ Etwas neues, unbekanntes breitet sich in mir aus.

„Wir würden uns gerne zeitnah mit Ihnen persönlich treffen“, geht die Mail weiter. „Bei gleichbleibender Lage auf dem Buchmarkt könnten wir kurzfristig einen zusätzlichen Autor unter Vertrag nehmen.“

Schweiß tritt mir auf die Stirn. Fiebrig tippe ich eine Antwortmail und versende das Manuskript. Dann wechsle ich auf die Homepage der Lufthansa und suche nach einem Flug nach Berlin. Suche nach einem Bahnticket. Suche immer hektischer nach einem Hotel, suche nach irgendwas, das mich in den nächsten Tagen nach Berlin bringt. Dann sackt etwas in mir zusammen und ich lege frustriert das Handy beiseite. Und drücke die Klospülung. Und bin fast ein wenig überrascht, dass wenigstens das klappt.