Das geheime Treffen

Während eins Treffens in einer Wirtschaft in Davos ist mir von einem Forum auf Telegram diese unfassbare Geschichte zugespielt worden, die man einfach nicht verheimlichen darf, sondern teilen, teilen, teilen muss!

Aus dem anderen Zugabteil hörte man es husten, als die Bahn sich in Bewegung setzte und Meter für Meter den Berg hinauf gezogen wurde. Man hätte uns wenigstens von den Urlaubern separieren können, dachte ich und blickte über das Panorama der Berge und des Dorfes, das mit steigender Perspektive immer besser zu überschauen war. Ich hielt es weiterhin für keinen geeigneten Ort und der Zeitpunkt war ohnehin schlecht. Aber die Einladung stand und es gibt Einladungen, die man nicht ausschlagen kann. Besonders nicht in diesem Jahr, da bereits zwei Treffen aus den bekannten Gründen nicht zustande gekommen waren. Klaus hatte mich unmissverständlich wissen lassen, dass mein Erscheinen erwartet wurde. Und bitte ohne Aufhebens, hatte er getextet. Also hatte ich die Wahl, hinauf zu wandern, oder die Bahn zu nehmen. Das Husten im Nebenabteil wollte gar nicht mehr aufhören. Wäre ich doch nur zu Fuß gegangen. Immerhin die Familie in meinem Abteil verhielt sich unauffällig. Fotografierend und die Nase an der Scheibe plattdrückend. 

Wenigstens dauerte die Fahrt nicht lange. An der Bergstation erkannte ich sofort den Security, der uns schon vor zwei Jahren eskortiert hatte. Er war gekleidet wie ein Kellner, erweckte also kaum mehr Aufsehen als der hustende Rentner, der sich schnaufend an einer Eisenstange einhielt. "Bleiben Sie doch um Gottes Willen in Ihrem Zustand zu Hause", sagte ich, als wir uns an ihm vorbeizwängten, erhielt aber keine Reaktion. 

Hans, der Security, zeigte mir diskret den Weg um das Hotel herum. Auf der Rückseite des in die Jahre gekommenen Hotels befand sich eine schmale Brücke, über die man den Hintereingang des Hotels erreichen konnte. Trotz aller Diskretion machte dennoch ein Tourist Fotos von uns. Hans schirmte mich mit seinem Sakko gut genug ab, dass auf Twitter, oder wo auch immer die Fotos erscheinen würden, mein Gesicht nicht zu erkennen war. 

 

Über einen langen Gang und das hintere Treppenhaus ging es wieder hinab in das Erdgeschoss, wo mich Hans in den heute für die Öffentlichkeit vorgesehenen Speisesaal begleitete. Dort war bereits geschäftiges Treiben. Ich zählte sieben große Rundtische, an denen jeweils 12 Gäste saßen, oder freie Stühle bereit standen. Im ganzen Saal war reges Treiben des Personals, es waren ebenso viele Kellner wie Wachleute zugegen, wobei man bei einigen nicht exakt sagen konnte, was genau ihre Funktion war. Kellner mit Pistolenhalfter waren ebenso zu erkennen, wie Uniformierte, die Champagner entkorkten. Klaus sprang sofort auf, als er mich entdeckte und begrüßte mich mit einem Ellenschlag. Er war noch vorsichtiger als ich gedacht hätte. Er bedankte sich, dass ich mir trotz meines vollen Terminkalenders Zeit genommen hatte und schnipste zwei Mal. Sofort war einer der Kellner bei mir, nahm mir die Jack Wolfskin Jacke ab, die ich zur Tarnung übergezogen hatte und wies mich zu meinem Platz. Klaus hatte mich, wie erhofft, an den Tisch seitlich des seinen gesetzt. Mark und Jeff waren schon da, aber ins Gespräch vertieft. Ich nickte ihnen kurz zu. An unserem Tisch saß noch eine EU- Kommissarin, der kubanische Botschafter, den ich vom Sehen her kannte und das Ehepaar dieses Bio-Tech Unternehmens, das dieses Jahr in aller Munde war. Ich schaute mich im Raum um und versuchte meine Kumpels von EON und Bayer irgendwo zu entdecken, aber Klaus schien seine Drohung, sie nicht einzuladen, wahrgemacht zu haben. Ich war ein wenig enttäuscht, dass ich nicht mit Elon am Tisch saß, mit ihm hätte ich mich gerne darüber unterhalten, wie man beispielsweise Panzer mit Elektromotor entwickeln könnte. Der tauschte sich aber gerade mit dem Berliner Wirtschaftssenator aus. 

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Die bisher erschienenen Bücher:

Links von mir saß ein Virologe und Podcaster, der offensichtlich das erste Mal dabei war. Er wirkte so unbeholfen wie ein verdatterter Professor, dass ich lachen musste. 

Mein rechter Platz war noch leer. Ich hoffte, dass Klaus mich wieder mit Joe oder einem anderen CEO vernetzen würde. Ich lehnte mich vorerst zurück und vertrieb mir die Zeit mit Smalltalk mit den beiden Türken über dieses all beherrschende Thema. Rund um die Tische herrschte weiterhin hektische Betriebsamkeit, da die Saaltöchter an jedem Tisch jeweils sechs Käsefondue Platten vorbereiteten und gleichzeitig dafür sorgten, dass die Champagnergläser alle 15 Minuten ausgetauscht wurden. Klaus hasste nichts mehr als warmen Champagner. Und ich ebenso. Nur mit der Markenauswahl war ich nicht einverstanden. Klaus liebte Laurent Perrier Brut Rose, weil der – angeblich – am besten schmeckte. Also musste ich auf seinen Treffen einen Tag lang auf Dom Perignon verzichten. 

Wir stießen gerade mit dem dritten Glas an, als mein bisher leerer Nachbarstuhl quietschend nach hinten gerückt wurde. Ein junges Mädchen mit Fjallräven Rucksack setzte sich. Erst zollte ich ihr Respekt ob der gelungenen Tarnung. Dann erst begriff ich, das Mädel war gar nicht als Touristin getarnt. Die war in ihrer normalen Straßenkleidung hierhergekommen. Kurz fragte ich mich, wer sie sei, aber es konnte nur eine der Unweltgören sein. Es war jedenfalls nicht die Schwedin. Sie sprach akzentfreies Deutsch. Unfassbar, dass Klaus zu diesem wichtigsten und richtungsweisendsten Treffen der Welt eine von denen eingeladen hatte. Und die auch noch direkt neben mich platziert hatte. 

Das Mädchen wirkte zu meiner Freude extrem unsicher und ich strafte sie mit Schweigen. Mit der würde ich kein einziges Wort wechseln, schwor ich mir. Umso überraschter war ich, als ausgerechnet Bar, der mir seit Jahren jedes Mal aus dem Weg gegangen war, seinen Tisch verließ, durch den halben Saal flanierte, nur um das Mädchen zu begrüßen. Und selbst mir nickte er lächelnd zu, es war aber klar, dass er dies nur höflichkeitshalber tat, weil ich neben ihr saß. Die Kleine Ökotussi hatte einen Allerweltsnamen wie Anna oder Laura, den ich sofort wieder vergaß. Als sie mich fragte, was ich so mache, wäre ich am liebsten aufgestanden und gegangen. Sie war offensichtlich niemand, der das Manager-Magazin oder überhaupt Zeitung las. Ich antwortete knapp, dass mir ein großer Metallkonzern gehörte. 

"Ach so, sie sind der Rüstungsbauer", entgegnete das unhöfliche Weibsbild etwas zu vorlaut als ihr zugestanden hätte. 

"Auch das", bejahte ich wahrheitsgemäß. 

Als die Kellner die Vorspeise servierten (es gab Hummer), war das Mädchen die einzige am Tisch, die in einem banalen grünen Salat herumstocherte. Der Gipfel der Ordinären war erreicht, als sie diesen auch noch eigenhändig mit Olivenöl und viel Salz nachwürzte. Ganz ehrlich, mir war in dem Moment nicht klar, wie eine Generation, die keinen Sinn für Genuss und Schönheit hatte, die Welt retten wollte. 

Ich konzentrierte mich wieder auf die Gespräche der wirklich wichtigen Menschen am Tisch. Die anderen Herren redeten über Digitalisierung und scherzen über die deutschen Gesundheitsämter, die immer noch Faxe verwendeten. Die Amerikaner gaben Anekdoten zum Besten, wie sie hinter dem Rücken ihres damaligen Präsidenten verzweifelt mit den Chinesischen Generälen telefonierten und gerade noch einen potentiellen Atomkrieg abwendeten. Sie erzählten lachend, wie sie ihm, ganz wie einem kleinen Kind das Spielzeug, den Atomkoffer wegnehmen mussten. Es war hochinteressant. Aber ein wenig enttäuscht war ich auch, weil ich mir die eine oder andere Info erhofft hatte, wer an der weltweiten Situation der letzten Jahre wirklich verantwortlich war. Ob es das Labor in China war, oder doch die Amerikaner. Nutznießer waren sie ja beide. Aber keiner ließ sich darüber aus, auch auf meine dezenten Nachfragen hin nicht. Ich war schon ein wenig enttäuscht, dass mir keiner traute, nicht einmal die Türken oder der Virologe, die es ja eigentlich wissen mussten. Und auch das Thema „Great Reset“ wurde selbst in dieser vertrauten Runde auffällig verschwiegen. Vielleicht würde Klaus in seiner Ansprache etwas darüber sagen. 

Ich vesuchte, den Hauptgang zu genießen. Es gab, wie jedes Mal, ein üppiges Käsefondue. An allen Tischen wurde unter einem stetigen Redeschwall Brot in den heißen, flüssigen Käse getaucht und die Käsefäden verbanden sich quer über den Tisch. Ein schönes Symbol für ein Netzwerktreffen, dachte ich auch dieses Mal. Das war immer der schönste Teil. Dieses Jahr wollte ich einmal etwas Neues ausprobieren und tunkte meinen Hummer in den Käse. Es schmeckte aber nicht halb so gut, wie erhofft. 

Nach dem Hauptgang ließ er endlich sein Champagnerglas erklingen und bat um Ruhe an den sieben Tischen. 

Wie gewohnt bedankte er sich bei allen, dass sie gekommen waren und entschuldigte sich für die Diskretion, die den aktuellen Umständen geschuldet sei. Nun würde er gleich auf die Situation zu sprechen kommen und das große Geheimnis lüften, über das seit eineinhalb Jahren auf Youtube und Telegram spekuliert wurde. Stattdessen fuhr er fort, dass er sehr dankbar sei, dass dieses Jahr eine außergewöhnliche Persönlichkeit zugegen sei, der er das Wort übergeben möchte, da von ihrem Wirken buchstäblich auch das Wohl und der Wohlstand aller hier im Saal abhänge.

Ich reckte gespannt den Kopf, hielt nach asiatisch aussehenden Gesichtern Ausschau, die ich noch nicht kannte. Es konnte nur ein Chinese sein. Vielleicht war es aber auch dieser Programmierer aus Dresden, der sich so gut mit KI auskannte, der heuer das erste Mal hier war. 

Als Klaus den Namen aussprach, wogte tosender Applaus durch den Saal. Ich kannte die Frau nicht, obwohl es ein deutscher Name war. Vielleicht diese Neue der Zürcher Bank? 

Ich weiß noch, wie ich mich ärgerte, dass genau in dem Moment die Göre mit quietschendem Stuhl aufstand, um aufs Klo zu gehen. Aber sie ging nicht aufs Klo, sondern nach vorne ans Rednerpult und verbeugte sich leicht, als der Applaus nicht mehr aufhören wollte. 

Erstmal einen tiefen Schluck Laurent Perriere, dachte ich und leerte das Glas in einem Zug. 

Mit ihrer leisen aber festen Stimme begann der Fratz mit finsterem Blick und ohne Manuskript ihre Rede. Gleich würde sie einen Schmarren wie „I want you to panic!“ oder „Shame on you“ ins Mikrofon plärren.

Aber sie begann ziemlich sachlich. Mehr als jeder Dritte hier im Saal werde in zehn Jahren nicht mehr hier sein, sagte sie ernst. "Nicht, weil sie gestorben sind", erklärte sie, "Zumindest gilt das nicht für die meisten. Sie werden aus einem anderen Grund nicht mehr hier sein."

Einige lachten. Ich lachte auch. Es war zu putzig. 

"Mindestens jeder Dritte unter ihnen wird, und das mag für den einen oder anderen noch schlimmer sein, als tot zu sein, keine wirtschaftliche und politische Relevanz mehr haben."

Einen Moment lang war es totenstill im Saal. Nur ein rasselndes Husten war vom Russentisch zu hören. 

"Vorausgesetzt, sie machen weiter wie bisher. Sie kennen die Szenarien. Im einen wird es viele Tote, soziale Unruhen und Katastrophen geben. In diesem Szenario wird es ihnen gut gehen, aber sie sind in ständiger Gefahr. In Lebensgefahr. Vor Waldbränden, Fluten und einer revoltierenden Bevölkerung, die Menschen wie sie an den nächsten verdorrten Baum hängen will. Dieses Szenario, deshalb bin ich hier, will Klaus und die Mehrheit unter ihnen verhindern."

An allen Tischen klopfte es. Ich klopfte nicht. Mit mir hatte keiner gesprochen. Von was redete der Rotzlöffeleigentlich? 

"Reden wir also vom Best-Case-Szenario. Alles geht gut, die Ziele werden erreicht, der Planet beruhigt sich. Alles gut. Nur nicht für die meisten unter ihnen. Warum? Das Best-Case-Szenario ist mit unseren Status Quo nicht zu erreichen. Eine enorme Transformation, unfassbare, nie gekannte Investitionen werden notwendig sein. Warum sollten Sie das machen? Weil Sie die Transformation nicht nur vor den nicht finanzierbar Kosten des Worst-Case-Szenarios bewahrt, sondern auch einige von uns noch reicher machen wird. Die Innovationskraft wird einen Großteil im Saal noch mächtiger machen. Der Rest wird in Bedeutungslosigkeit untergehen. Und ich spreche nicht nur von Kohleverstromung, Autos mit Verbrennungsmotor und die Fleischindustrie. Ich beziehe mich auch auf die Investmentbanken. Ihre Zeit ist ebenso abgelaufen. Es wird für sie ebenso einen Great Reset geben wie für die Luftfahrt und die Rüstungsindustrie."

Mir kam beinahe der Hummer wieder hoch, was hatte die gerade gesagt?

"So ein Quatsch! Was weiß die denn?", sagte ich etwas zu laut. Alle am Tisch blickten betreten auf ihre halbleeren Gläser. Elon hüstelte, als sei ihm etwas peinlich. 

Das freche Luder hob ihr Wasserglas. "Ich werde ihnen bei der Transformation helfen. Mit nachhaltiger Energie, Wasserstoff und unserer gemeinsamen Innovation werden wir nicht nur den Planeten retten, sondern zusammen einen Reichtum erlangen, von dem wir vor der Situation nicht einmal zu träumen gewagt hätten!"

Es gab tosenden Applaus und unzählige bestätigende Jubelrufe. Ich schloss mich dieser hirnlosen Euphoriebekundung nicht an."

"Vielen Dank auch an unsere russischen IT-Experten und die vielen guten Menschen in China, ohne die wir es nicht geschafft hätten, an diesen entscheidenden Punkt der Menschheitsgeschichte zu gelangen!" Sie hob überschwänglich ihr Glas und der Jubel wurde immer ekstatischer.

"Auf die Zukunft! Auf uns! Auf die Transformation!" rief sie, dann ging sie von der Bühne, während ich einer nach dem anderen applaudierend erhob. Als ich der letzte am Tisch war, der noch saß, stand ich auch langsam auf, aber ich klatschte so leise, wie man nur klatschen kann.

Als das halblaute Gemurmel im Saal wieder einsetzte, wurde am Tisch über die typischen Small-Talk-Themen dieser Tage gesprochen. Über das Wetter hier in den Höhenlagen, wer sich wann mit was geimpft hatte und endlich fiel auch mal kurz ein Nebensatz über ein Labor in Wuhan. Ich versuchte den Türken zu erklären, warum ich nicht geimpft war, obwohl ich ihr Produkt nicht uninteressant fand. Aber halt auch nicht vertrauenswürdig. Sie hörten mir aber gar nicht richtig zu, weil sie sich lieber mit Elon über ihre Kooperation mit Bill unterhielten und sich für die Knappheit der Mikrochips entschuldigten. Ich grinste still in mich hinein und dachte nur immer wieder: Ich wusste es! Ich wusste es doch!

Während die Gespräche langsam immer angeregter wurden und wir alle auf die Nachspeise warteten, passierte etwas Seltsames. Überall im Saal begann es zu piepsen. Viele fassten sich, als spürten sie einen leichten Schmerz, an ihre Oberarme. Auch die Türken, Elon und viele am Tisch. Ich rieb mir über den Oberarm, aber da war nichts. Was hatten die denn alle? Wie auf ein geheimes Kommando sprangen die meisten im Saal auf, schoben ihre Stühle zurück und krabbelten unter die Tische. Es sah gespenstisch aus und erinnerte mich an die Bombenalarme meiner Kindheit. Nur noch wenige saßen, wie ich, verdutzt an den Tischen. Die meisten waren gute Kumpels von mir. Wir schauten uns alle Schulter zuckend an. Ich suchte Blickkontakt mit dem hustenden Russen. Wenn, dann wusste doch er, was hier gespielt wurde. Klaus war nirgends mehr zu sehen. Auch die Delegation der Republikanischen Partei schaute mich fragend an. Auf einmal gingen alle Flügeltüren gleichzeitig auf. Uniformierte, mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten, stürmten im Stechschritt den Saal. Einer packte mich und ehe ich mich wehren konnte, schob er mich über den Hintereingang nach draußen. Erst als der Russe was vom "Great Reset" schrie und hustend Blut spuckte, begriff ich, was gerade passierte. 

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Bernhard Strasser - Das geheime Treffen.
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