Eine klassische Kurzgeschichte, die als zeitlose Metapher von einer Eskalation gegenüber dem Fremden erzählt.

"Die Ameisen" ist nicht nur eine meiner frühesten Kurzgeschichten, sondern auch die erste, die mit Erfolg besprochen wurde. Sie erschien in der Literaturzeitschrift der FOS Traunstein und wurde am Rottmayr-Gymnasium Laufen von der Kollegstufe analysiert. Eine ideale Kurzgeschichte für eine Textinterpretation und für Schulklassen.

Die Ameisen

Eine Eskalation

Als die erste Ameisenstraße quer durch seine Küche verlief, riss A. Schicklgruber der Geduldsfaden. Er hatte im Grunde nichts gegen Ameisen. Aber sie hatten in seiner Küche nichts verloren. Wie waren sie eigentlich dorthin gelangt? Sie waren inzwischen überall und taten so als wären sie schon immer da gewesen. Sie fraßen und verunreinigten seine Lebensmittel. Wie konnte ihm das passieren? Ausgerechnet ihm, der einen absolut tadellosen, reinlichen Haushalt führte. Nie hatte er auch nur einen Krümel auf dem Tisch gelassen. Der Fußboden wurde täglich gebohnert und geschrubbt. Und trotzdem tauchten jeden Tag neue Heerscharen von Ameisen in seiner ordentlich aufgeräumten und gereinigten Küche auf. Die nicht enden wollende Ameisenstraße reichte vom Kühlschrank über das Spülbecken bis hin zum Herd.

Er war ein durch und durch toleranter Mensch gegenüber jeder Art von Lebewesen. Solange sie nicht durch seine Küche krabbelten. Und Ameisen sowieso nicht. Diese dunklen, ekelhaft hässlichen dummen Tiere. Überall am Honig klebten sie und verdarben ihm den Appetit. Diese Schmarotzer waren überflüssig wie ein Kropf.

Eine Weile hatte er auf ein friedliches Zusammenleben gehofft. In seinem Vorgarten konnten die Ameisen tun und lassen was sie wollten – das war ihm egal.

Die Situation aber eskalierte, als sie in immer größerer Zahl in sein Haus eindrangen und er schließlich die Worte „Ameisen“ in die Suchmaschine eintippte. Da erfuhr er ein erstes Mal, wie viele Krankheiten von Ameisen übertragen werden und welch fürchterliche Schädlinge diese in Wirklichkeit sind. Er war überrascht – das hatte er zwar schon immer geahnt, aber so richtig klar war ihm dies nicht gewesen.

Er sprach mit einigen seiner Nachbarn. Alle pflichteten ihm bei, dass etwas gegen die Ameisen getan werden musste. Außer der Öko von nebenan, aber der mähte ja nicht einmal den Rasen und seien Meinung war ohnehin in der Siedlung nicht gefragt.

Auch auf Facebook bekam er auf seine Abfrage, ob man etwas gegen die Ameisen unternehmen solle, sehr viel Zuspruch. Die wenigen Gegenstimmen fand er nicht schlimm, diese Menschen wollte er ohnehin schon lange entfolgen.

Als die Ameisen auch in die obersten Küchenschränke vordrangen, entschied er sich endlich dazu, zurückzuschlagen. Er wollte sein Haus diesen Biestern nicht kampflos überlassen. Die würden schon noch sehen, was sie davon hatten, diese Ameisen! Eine finale Lösung musste her. Er war kein Unmensch und beschloss, ihnen zunächst noch eine letzte Chance geben, freiwillig dorthin zu verschwinden, woher sie gekommen waren. Er räumte den Küchenschrank leer und desinfizierte ihn. Ja, jetzt sollten sie mal schauen, wo sie ihr Essen herbekamen, diese Parasiten!

Doch die Ameisen dachten gar nicht daran, irgendetwas an ihrer Lebensweise zu ändern. Selbst schuld. Er hatte es ja nur gut mit ihnen gemeint. Die Ameisen strömten weiter tagaus tagein munter durch seine Küche und begnügten sich mit kaum sich mit tief in den Küchenmöbeln versteckten Essensresten. Sie wurden zu seiner Nemesis, längst hasste er diese Chitinmonster. Ihm war nun klar, dass der passive Widerstand nun in aktive Kampfhandlungen weichen musste.

Der erfahrene Hausmann weiß, dass gegen Insektenplagen Backpulver recht gut Abhilfe schafft. Sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, es musste einfach etwas getan werden. Und er wollte nicht zu dieser schweigenden, passiven Mehrheit gehören, die die Hände in den Hosentaschen stecken und abwarten, bis sich das Problem von alleine löste. Er war einer, der anpackt! Aber seine Maßnahmen wirkten nicht. Anstatt sich zu verziehen wurden die Viecher immer frecher. Anscheinend ging es ihnen zu gut in seiner Küche. Als nächstes kleisterte er die beiden Eingangstore in das verborgene Ameisenreich mit Backpulver zu. Sie würden davon nicht umkommen, aber sich eine gehörige Magenverstimmung einfangen und sich doppelt und dreifach überlegen, ob sie noch länger in seinem Zuhause bleiben wollten.

Eine Weile lang schien Ruhe einzukehren. Die Ameisen wurden weniger, nur noch vereinzelte verirrten sich noch auf seinen Tisch. Doch der Frieden hielt nicht lange. Schon wuselten sie wieder über seinen Herd. Jetzt war es endgültig genug, seine Geduld hatte ein Ende. Ab jetzt würde er zurückgeschlagen. Mit aller Vehemenz und menschenmöglichen Gründlichkeit. Koste es was es wolle. Ab jetzt herrschte Krieg.

Er ersann sich eine tödliche List, gegen die die Ameisen keine Chance hatten: Er drehte alle vier Herdplatten auf Maximalleistung auf. Erst spazierten die Tiere noch fröhlich über den Herd. Dann begann es, fürchterlich verbrannt zu riechen und die verkohlten Eindringlinge rauchten starr vor sich in. Sicher, der Anblick war kein schöner. Doch nach einer Weile begann ihn dieses Schauspiel auf eine sonderbare Weise zu faszinieren. Es war ein wahrhaftiger Triumph, wie er der Karawane seiner unerwünschten Gäste so richtig einheizte und die ersten seiner Opfer endlich in der Hölle schmorten. Zufrieden betrachtete er sein Werk. Die leise Stimme, dass man es auch Tierquälerei nennen könne, was er hier betrieb, beschwichtigte er. Man muss halt tun, was zu tun ist. Er tat nur seine Pflicht als Hausbesitzer und ordentlicher Hausmann. Der endgültige Sieg war nun greifbar  und die Lösung des Problems nur noch eine Frage der Zeit.

Leider dauerte das Glücksgefühl nur einen viel zu kurzen Augenblick. Die Ameisen schienen sich nicht um die tödliche Gefahr zu scheren und rückten in unvermindert starker Zahl nach. Es kamen mehr und mehr nach. Schicklgruber hatte bald alle Hände voll zu tun, die Neuankömmlinge zu vernichten. Hinzu kam, dass sich die Ameisen trotz ihres praktisch nicht vorhandenen Gehirns als schlauer erwiesen, als es ihm lieb war. Ziemlich schnell entdeckten sie neue Routen zwischen den Herdplatten hindurch und schon bald marschierten die sechsbeinigen Bestien im Slalom um die Platten herum.

Von den Erfolgen der Hitzemethode weiter noch überzeugt, legte er nun selber Hand an. Mit einer Lupe bewaffnet schoss er gebündelte Sonnenstrahlen wie einen Laser auf seine kleinen Erzfeinde. Ein Massaker, zugegeben, aber der Zweck heiligte die Mittel. Nach unzähligen Opfern auf Seiten der widerspenstigen Feinde tat ihm die Hand weh und er musste sich neue Methoden ausdenken. Die Ausrottung der vollkommen überpopulierten Schmarotzer ging zu langsam vor sich und es mussten Wege gefunden werden um den Prozess zu beschleunigen. Not macht erfinderisch.

Zunächst goss er flüssigen Honig auf die Ameisenstraße und ließ Dutzende der Ungeziefer in der goldenen Pampe klebend ersticken.

Noch zu Beginn seiner Mission war er der Meinung gewesen, dass diese unnützen Geschöpfe allesamt aus seinem Haus deportiert gehört hätten. Diesen Luxus gönnte er ihnen nun nicht mehr. So ungeschoren würden sie ihm nicht mehr davonkommen. Sie sollten allesamt vernichtet werden! Jede einzelne Ameise!. Sein Mitleid hatten sie verspielt. Je grausamer diese Untiere verreckten, desto besser. Wären es nicht so viele gewesen. Um die gewaltige Menge dieses Volkes zu vernichten, musste eine schnellere, eine bequeme und gleichzeitig für gewaltige Mengen anwendbare Tötungsmöglichkeit

Sein Apotheker bot ihm für günstiges Geld ein recht wirksames Gift an, das gegen Ameisen vorzüglich wirken sollte. Er verstreute es siegessicher überall auf der Ameisenstraße.

Am nächsten Morgen bot sich ihm ein grauenhafter Anblick. Die Leichen der garstig getöteten Tierchen säumten seine gesamte Küche, auf dem Rücken liegend mit zusammen gekrümmten Beinchen. Kurz würgte er ob des Gemetzels und des unangenehmen Gift-Geruches in seiner Küche. Doch für eine gute Sache muss der Einzelne halt Opfer bringen und seinen inneren Schweinehund überwinden.

Als die Ameisen trotz seiner drastischen Maßnahmen noch immer in großer Anzahl in seine Küche drängten beschloss er, das Problem an der Wurzel zu packen und dem ganzen Spuk endgültig ein Ende zu bereiten: Die verborgene Futterquelle musste gefunden werden. Doch dazu musste ein Teil der Küche herausgerissen werden. Kein Problem, wofür war man denn Hobby-Heimwerker. Warum war er nicht schon eher auf diese Idee gekommen? Dass er dabei seinen ganzen Einbauschrank zerschlagen musste, war ihm in dieser Situation egal. Das Opfer war es ihm wert. Und er erlebte einen weiteren Triumph: Die Ameisen hatten es gewagt, sich in seinem Schrank heimisch zu machen und hatten dort ein neues Nest gebaut. Tatkräftig ließ er die Axt durch das Nest krachen.

Aufgeschreckt krabbelten die Ameisen auf ihren Larven und Puppen herum und versuchten, ihre Brut zu retten. Aber nicht mehr lange. Aus der Garage holte er einen Benzinkanister und goss eine gute Tasse voll in das Nest hinein. Dann noch eine Tasse und noch eine. Fünf mussten dann genug sein. Die Ameisen schwammen auf deutschem Qualitätsbenzin. Aus der Wüstenkarawane war ein Seefahrervolk geworden. Er grinste verächtlich. Er empfand eine seltsame Sympathie für das Feuerzeug, das er in der Hand hielt. Kurz zögerte er und sah sich die elenden Viecher noch einmal ganz genau an. Beim Gedanken daran, die ganze Plage könnte in nur einem Sekundenschlag schon vorbei sein, ließ sein Herz immer schneller schlagen.

Einmal am Feuerzeug gedreht und das Nest brannte. Eine Stichflamme versengte ihm sämtliche Haare, doch das nahm er in der Stunde des Triumphes gar nicht mehr war. Auf dem einen Auge, auf dem er noch sehen konnte, sah er den Ameisen zu, wie sie zu brennen begannen. Die Stichflamme fraß sich über die Trümmer des Einbauschrankes und züngelten hoch auf die Holzdecke hinauf. Erst als auch seine Jacke in Flammen stand, stürmte er nach draußen. Das brennende Haus gab ihm die Zuversicht, dass auch wirklich alle Ameisen sterben würden. Als ihn die Explosionswelle des Hauses durch die Luft wirbelte, war Schicklgruber von ganzem Herzen glücklich. 

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