Kurzgeschichte Iphofen Weinberg

Um die Bildungstagesstätte am Fuße des Weinbergs von Iphofen ranken sich zahlreiche Geschichten und Legenden. Die Iphöfer sind überzeugt, dass sich dort in Wahrheit ein Sanatorium für gestresste Beamte befindet. In Wahrheit ist die BTS Iphofen eine Art Zauberberg. Manch kleiner Hans Castorp hat sich bereits gewünscht, auf ein einwöchiges Seminar geladen zu werden und für sieben Jahre als Dozent zu bleiben. Aus der Reihe "Geschichten vom Zauberberg" die Episode "Peterkorn":

Peterkorn

Es war dasselbe wie jedes Mal. Seit sieben Jahren kamen wir auf diesen Berg. Sieben Jahre lang lief jede Woche gleich ab, jeder andere hätte sich vor Langeweile ins Messer gestürzt. Fünf Tage lang Weintrauben fressen bis man Durchfall bekam, tagsüber Seminar, abends Weinstube. Und Nachts jedes Mal wieder in die Altstadt, wo es die gleichen Schädel der früheren Stadtbewohner zu sehen gab, dann Bierflaschen in den Danninger Weiher schmeißen und dazwischen irgendein Drama wie: "Oh Gott, wir werden alle einmal sterben" oder "Verdammt, ich lieb dich so, ich bring mich um!" Stinklangweilig. Alles vorhersehbar. Urlaub am Strand in Jesolo Dreck dagegen. 

Ich meine, Mia ist echt die tollste Frau der Welt, mit der macht es auch Spaß, jedes Jahr dasselbe zu erleben. Aber schon beim fünften Mal war selbst bei den Knochen in der Gruft irgendwie die Metapher raus. Ich weiß nicht, ob ich das verständlich ausdrücke. Mia und ich sind echt sowas wie Romeo und Julia in glücklich oder etwas weniger kitschiges. Jedenfalls wussten wir, dass wir für immer sein würden, auch wenn wir mit anderen verheiratet waren. Und außerdem hatten wir beide den Werther gelesen, ohne uns zu erschießen. Oder uns höchstens umzubringen, weil der so kitschig war. Was ich sagen will ist, dass alles zwischen uns genau geklärt war. So wie das Johari Fenster, sowas hatten wir nämlich in unserem ersten Seminar gelernt. Da gibt es weder Eisberg noch blinden Fleck zwischen uns. Alles ist super. Und dann fängt diese völlig irre gewordene Version einer Effi Briest etwas mit dem Dozenten an. Ich dachte, ich tick aus. Aber nochmal von vorn:

Ronny van Peterkorn hieß der Arsch, den sie für das Seminar "Visualisieren und Präsentieren" mir präsentierte. So ein richtig alter Typ, noch älter als ich, mindestens fünfzig. Vielleicht auch fünfundvierzig. Graumeliert und auch sonst ein richtiger Althippieschnösel auf Repeatgrinsen -  um in ihrem Kopf ein Bild zu visualisieren. Aber als Dozent richtig gut. Charismatisch und so. Inspirierend könnte man sagen, wenn ich nicht so außer mir gewesen wäre.

Zuerst dachte ich, es sei wie immer. Mia findet ja alle außergewöhnlichen Menschen immer sofort supertoll. Sie meldete sich die ganze Zeit und machte freiwillig bei einem Rollenspiel mit. Alles im grünen Bereich könnte man sagen. Aber sie überredete Peterkorn gleich am ersten Abend, mit in die Weinstube zu kommen. Und dann nahm sie ihn auch noch mit zu den Knochen. Und letztendlich sogar zum Danninger Weiher. Und wir wissen ja wohl alle, was das heißt. In Gedanken habe ich ihn mehr als einmal in den Teich gestoßen und Bierflaschen nach ihm geworfen. Tausendmal habe ich gehofft, dass er Jahre später als Moorleiche und Archäologische Sensation wiedergefunden und zu den anderen Schädeln und Hüftknochen in die Gruft gesteckt wird. 

Ich hasste ihn wirklich abartig. Und nicht nur, weil ich mich wie immer fast ein Jahr auf Mia und unsere Nächte auf dem Weinberg gefreut hatte, sondern weil er eigentlich ganz nett war. Und eine Berühmtheit. Besser gesagt, er hatte eine Tochter, die eine Berühmtheit war. Ein Model oder eine Schriftstellerin oder sowas. Jedenfalls war sie beim Fernsehen. Jeder kannte sie. Und natürlich konnte ich verstehen, dass Mia es sexy fand, wenn jemand sie toll fand, der eine extrem attraktive und erfolgreiche Tochter in ihrem Alter hatte. Das dachte ich wirklich am Anfang. In Wirklichkeit aber war Ronny van Peterkorn auf seine Weise auch sexy und als Koryphäe des Visualisierens und Präsentierens natürlich auch irre erfolgreich.

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Aber so richtig erklärt habe ich das alles noch nicht, um zu kapieren, was uns wirklich passiert ist. Also nochmal von vorne: Das Sanatorium am Weinberg veranstaltet jährlich Fortbildungen. Yoga, kreatives Schreiben, Vorbereiten auf die Lebensmitte und lauter so Quatsch. Mia und ich machten uns jedes Jahr einen Spaß daraus, uns einzuschreiben, die Burn-Out Beamten zu beobachten und beim möglichst irrsten Kurs mitzumachen. Wir taten das nicht weil es die einzige Möglichkeit war, unseren Eheverpflichtungen zu entfliehen und uns wenigstens einmal im Jahr zu sehen. Und auch nicht, um Türen zu haben, die man absperren konnte, ohne dass Kinder gleich dagegen hämmerten. Nein, wir hatten echt Spaß und bildeten uns seit sieben Jahren fort, wussten alles über Prana-Atmung, Goethes Spätwerk (Wahlverwandtschaften), das Sexualleben der Weinrebe und was weiß ich für nutzloses Wissen. Und auch wenn es sich jetzt nicht unbedingt so anhört, war „Präsentieren und Visualisieren“ das beste und irrste was wir je gemacht hatten. Und nicht nur, weil ich am zweiten Tag aus Versehen eine Pinnadel durch den linken Zeigefinger Ronny van Peterkorns gerammt hatte. Es war wirklich ein Versehen. Wäre es Absicht gewesen, hätte die Pinnadel die Schlagader erwischt. Aber bis zu diesem Tag gab es ja keinen Grund, auszuflippen. Was ich folgerichtig auch nicht tat.

Erst in der dritten Nacht gestand mir Mia, was sowieso jeder wusste. Wir spielten gerade Mensch-Ärgere-Dich-Nicht in ihrem Zimmer. Sie lag auf dem Bett und hatte ihr T-Shirt nach oben gezogen, wo man ein kleines Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Feld sah, das sie auf ihren Bauch tätowieren lassen hatte. Das hört sich jetzt vielleicht lustiger an als es war. Früher war es sogar alles andere als lustig. Aber diesmal war es noch weniger lustig und zwar auf eine ganz andere Art und Weise. Mia laberte ständig von diesem Peterkorn und, dass sie selbst wisse, wie verrückt sie sei und ich schimpfte, sie solle doch auch an ihre Kinder denken und immer wieder hob sich ihr Brustkorb so heftig, dass die Spielfiguren runter fielen und keiner mehr wusste, wer wo gestanden hatte.

Irgendwann schrie ich sie an, was sie nur in dem alten Mann sehe, sie schrie zurück, dass ich meinerseits sofort was mit seiner Tochter anfangen würde, wäre sie denn hier und ich bestritt dies und sie schrie noch lauter und ich würfelte endlich eine Sechs.

Als wir uns beide wieder beruhigt hatten, wischte sie sich den Schweiß von den Wangen, sah mir tief in die Augen und sagte: „Du kennst mich!“ Was ja stimmte. Sie atmete noch heftiger als vorhin, es war nicht mehr daran zu denken, das Spielfeld wieder aufzubauen. Sie keuchte und im flackernden Kerzenlicht sah man mehr Weiß als Augen. „Ich muss das tun“, sagte sie und ihre Hand machte komische Sachen. „Es zerreißt mich sonst. Es zerreißt mich doch jetzt schon. Es zerfetzt mich“, sagte sie, „Verstehst du?“ Natürlich verstand ich. Was hätte ich auch anderes tun sollen? „Hilfst du mir?“, fragte sie. Sie biss sich auf die Lippen und seufzte. Ich seufzte auch. Wir zogen uns an und gingen runter in die Weinstube.

Die ersten erfahrenen Leser werden sich langsam denken, dass Mia und ich nicht nur wegen „Präsentieren und Visualisieren“ auf dem Weinberg waren. Deshalb möchte ich jetzt auch nicht unbedingt einen Spannungsbogen oder so aufbauen.

Jedenfalls stand Ronny van Peterkorn allein an der Bar, streifte sich die Haarsträhnen durch seine silbergrau schimmernden Haare und schaute alles andere als überrascht, als er uns beide eintreten sah. Überrascht schaute meinerseits ich, als am Tisch der Dozenten Peterkorns Tochter saß. Jung, scheißschön und mitten drin im Schatten junger Mädchenblüte, sowas kann man nicht visualisieren, höchstens mit Gerüchen: Man konnte ihn richtiggehend riechen, diesen schweren Duft der Mädchenblüte, auch auf die Entfernung hin. Es war sofort klar, dass ich mich, egal was passierte, heute nicht erschießen würde. Wenigstens nicht wegen Mia.

Aber dann stellte sich heraus, dass die schwer duftende Mädchenblüte nicht Peterkorns Tochter war. Sie hieß Frau Jaspersen, war Gleichstellungsbeauftragte der Agentur für Arbeit und wir siezten uns sofort. Alte Scheiße, dachte ich. Und klar, jetzt wurde es kompliziert.

Nach drei Gläsern Wein, die in der Weinstube sehr großzügig ausgeschenkt werden, schwankte ich noch einmal aufs Klo und hielt mich an meinem Spiegelbild fest. Ich und er, wir schworen uns, uns immer treu zu bleiben. Egal was in dieser Nacht noch passierte. Mein Spiegelbild täuschte den Werther-Kopfschuss an. Sie ahnen, ich machte das nicht zum ersten Mal. Der Rest war wieder sowas von vorhersehbar:

 

Mia, Ronny von Peterkorn, Frau Jaspersen und noch irgendein Controlling-Idiot stapften querfeldein den Weinberg hoch. Der Controlling-Wixer hatte Frau Jaspersen den ganzen Abend freigehalten und ich übertreibe diesmal nicht wenn ich andeute, dass er sich gewisse Hoffnungen gemacht hatte. Wir opferten ihn, als er sich seitlich in die Büsche schlug um zu pissen. Frau Jaspersen war die erste, die ihr Smartphonelicht ausschaltete und, zwischen Rieslingreben kauernd, den Atem anhielt. Und jetzt war ich es, der sich gewisse Hoffnungen machte. Als nach mehreren immer resignierender werdenden Rufen unten in der Tagungsstätte das Nachtlicht anging, rannten wir lachend rauf bis zu einer Winzerhütte.

Der Winzer war logischerweise nicht da, aber Ronny von Peterkorn war einfach ein Wahnsinnskerl, der auch Winzerhüttenscheiben charismatisch einschlagen konnte. Er hievte eine Flasche Silvaner heraus. Auf dem Etikett war ganz ironiefrei ein Winzerwappen abgebildet und darunter stand in Kapitälchen „Ernst Popp“. Ich dachte, ich schmeiß mich weg und versuchte den Witz gegenüber Frau Jaspersen zu thematisieren. Aber entweder sie hatte keinen Humor, oder nur Augen für Peterkorn. Und erst jetzt, als alles sowieso zu spät war, dämmerte mir, was an diesem Abend wirklich schief lief.

Mia brüllte und schleuderte die leere Flasche gegen die Reben. Scherben spritzten durch die Nacht. „Die poppen doch jetzt nicht ernsthaft in dieser Scheiß Hütte?“ Ich wusste nicht, was ich Mia sagen sollte. Meine Gedanken spulten gerade einen anderen Film ab und ich fragte mich, ob Peterkorn die Ähnlichkeit und den Altersunterschied nicht seltsam fand. Immerhin hätte Frau Jaspersen seine Tochter sein können.

Genau das sagte ich Mia, um sie aufzumuntern. Stattdessen schlug sie um sich, riss Weintrauben von den Reben und schmiss sie den Abhang hinunter. Ich wollte sie aufklären, dass sie Wunden in die Weinstöcke schlug, die wiederum Wespen anlockten, aber für Metaphern hatte sie diese Nacht keinen Nerv, sie rammte mir die Faust in die Magengrube. Nachdem ich mich ausgekotzt hatte, küssten wir uns. Und spätestens jetzt kann ich ja erwähnen, dass wir nicht freiwillig am Seminar „Präsentieren und Visualisieren“ teilgenommen hatten. Mia und ich mussten seit sieben Jahren an einem Programm für Beamte mit Borderline Syndrom mitmachen, zu dem uns unser Arbeitgeber im Rahmen eines Wiedereingliederungsprogrammes verpflichtet hatte. Unser Arbeitgeber, soviel sei verraten, hat keine Ahnung, dass uns das Programm seit sieben Jahren einer möglichen Genesung keinen Schritt näher gebracht hatte.

Als wir uns zurück im Zimmer die ockerne Erde von unserer zerkratzten Haut abgeduscht hatten, schworen wir uns, uns nie wieder zu treffen. Mia sprach den Schwur so ernst, dass ich mir hundertprozentig sicher war, dass sie es ernst meinte. Und ich meinte es auch ernst. Und wir würden die zwei Tage Seminar noch in Würde beenden und für immer getrennte Wege gehen. Doch dann fiel ihr Blick auf die Mensch-Ärgere-Dich-Figuren.

 

 

Kurzvita:

 

Bernhard Straßer ist in einer Bücherei in Kirchanschöring aufgewachsen. Er war Fussballplatzlinienaufstreuer, Schichtarbeiter und Jugenddisco-DJ. Bevor er in Traunstein sesshaft wurde, verschlug es ihn in die USA, in eine Jugendherberge am Chiemsee und nach Mannheim. In Rosenheim gefiel es ihm am wenigsten. Beim Termin in der Berufsberatung erfuhr er, dass es leichter ist, Berufsberater zu werden als Schriftsteller. Also machte er das. Er ist später trotzdem Schriftsteller geworden. Die Kleinstadtrebellen erschienen 2013. Obwohl er Vereine bescheuert findet, gründete er die Chiemgau-Autoren e.V. mit und brachte die junge Literaturzeitung Lizzy heraus. Er behauptet, dass "Sterne sieht man nur bei Nacht" sein bestes Buch ist. Demnächst will er als Blogger berühmt werden.

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