Im Schutzmantel

Eine Kurzgeschichte nach den Weissagungen des Alois Irlmaier

Irlmaier Madonna
Im Schutzmantel der Madonna nach Irlmaier

Die Weissagungen des Alois Irlmaier schienen Jahrzehntelang von der Weltgeschichte hinfällig geworden zu sein. Seit dem Jahr 2022 und dem russischen Einmarsch in der Ukraine sind sie aktueller denn je. Diese Geschichte entstand bereits 2020.

2022 ist daraus eine Kurzgeschichte über Putin und seinen Krieg gegen Europa geworden. Die konkreten Weissagungen von Alois Irlmaier findet ihr ganz unten. Eine weitere Kurzgeschichte über den Krieg in der Ukraine hier und den Tod in Altötting hier!

Im Schutzmantel - Die Kurzgeschichte

Das Vibrieren und Piepsen nahm zu und unterbrach den letzten Rest geschäftlicher Konzentration unter den Vertriebsmitarbeitern. Sie waren ein erstes Mal seit fast zwei Jahren wieder zu ihrer Regionalkonferenz zusammengekommen. Nun blickte der Referent nervös, immer feindseliger in die Runde. „Meine Damen, meine Herren“, sagte er und schaltete theatralisch den Beamer ab. „Ich weiß zwar nicht, was gerade wichtiger ist, als die Lebensversicherungen zehntausender Menschen in Bayern, aber nun gut. Wir machen Mittagspause.“

Ich tauschte einen Blick mit Waldemar aus, der ebenfalls über sein Handy wischte. Die Gesichtsausdrücke der wenige Momente zuvor noch emsig diskutierenden Versicherungsvertreter waren ernst wie das ihrer Klienten, wenn der Schadensfall eintrat.

„Fische Luft?“, fragte Waldemar und ich folgte ihm und den nach draußen eilenden Kollegen. Einige riefen bereits aufgeregte Sprachnachrichten in ihre Smartphones.

„Was ist denn passiert?“, fragte ich. Er schüttelte sprachlos den Kopf. Vor dem Gebäude zündeten sich einige eine Zigarette an. Viele Menschen waren auf der Straße. Auch aus dem gegenüberliegenden Amt hasteten die Menschen, ihre Handys an die Ohren haltend, in den klirrend kalten Wintertag. Die Sonne schien, wie schon seit Tagen. Aber sibirische Ostluft hatte Südostbayern fest im Griff, die Temperaturen kletterten auch mittags kaum über Null.

„Was ist denn mit denen allen los?“, fragte ich und deutete auf aufgeregte Menschen, die sich zielstrebig in Richtung Innenstadt bewegten. Waldemar hörte mir nicht zu, er versuchte, vergeblich, jemanden anzurufen. „Hast du auch kein Netz?“, fragte er.

Da wir uns ohnehin etwas am Imbiss kaufen wollten, folgten wir dem Menschenstrom Richtung Innenstadt. „Ich hab auch kein Netz“, sagte ich und steckte das Handy wieder zurück. „Mag mir jemand verraten, was los ist? Gibt’s was umsonst?“, fragte ich.

Unser Tempo war zügig und dennoch überholten uns mehr und mehr Menschen. „Wo rennen die denn hin?“, fragte ich.

„Ich hab keine Ahnung“, entgegnete er. „Aber ich kann dir sagen, was passiert ist.“

„Wenn es eine schlechte Nachricht ist, will ich es gar nicht erst wissen. Es passiert eh schon zu viel, das wir nicht in der Hand haben.“

„Ob es eine gute oder schlechte Nachricht ist? Kommt darauf an“, entgegnete Waldemar und folgte meinem Blick auf ein sich öffnendes Fenster im dritten Stock. „Er ist tot! Sie haben ihn ermordet! Jetzt werden sie kommen!“, schrie eine Sparkassenmitarbeiterin.

„Jetzt sag schon, Waldemar! Was ist denn in die ganzen Leute gefahren?“

„Verdammt, Hans, ich weiß es doch auch nicht, warum die hier alle verrückt geworden sind. Aber gestern Nacht haben sie ihn ermordet. Ist gerade erst in den Nachrichten aufgeploppt.“ Er sah mich an. „Du bist echt der einzige, der nicht sofort aufs Handy geschaut hat?“ Er lachte.

„Mein Akku ist fast leer. Ich muss sparen.“

„Trump! In der Nacht haben Unbekannte Trump ermordet. Keiner weiß, welcher Geheimdienst dahintersteckt. Sicher ist nur, dass es Mord war. Der CIA hat es noch ein paar Stunden vertuschen können, aber jetzt ist es offiziell raus.“

Ich blieb stehen und schaute ihn fassungslos an. „Ehrlich? Scheiße Mann, jetzt weiß ich, wo die Leute hinrennen.“

„Zum Dönerladen, wie wir?“

Auch ich setzte mich wieder in Bewegung. Diesmal deutlich schneller. „Halt einfach die Klappe. Jetzt ist echt nicht die Zeit für Scherze.“

„Wieso denn? Wieder ein Depp weniger.“

„Die Leute laufen zur Gnadenkapelle!“

„Was wollen die denn dort? Beten? Ein Kerzerl für Trump anzünden?“

Als die ersten Menschen zu laufen begannen, steigerten auch wir unser Tempo. „Hast du den Irlmaier nicht gelesen?“

„Noch nie gehört!“, sagte Waldemar schnaufend, als wir im Trab den Dutzenden Menschen hinterher Richtung Kapellplatz liefen.

„Das war ein Seher aus unserer Gegend. Der hat in den Vierzigern ziemlich genau den Klimawandel und die Flüchtlingskrise vorhergesagt. Und genau beschrieben, wie der Dritte Weltkrieg beginnen wird.“

„Du glaubst doch nicht“, er japste, „… an so einen Quatsch!“

„Eigentlich nicht. Und Jahrzehntelang haben seine Weissagungen auch keinen Sinn ergeben. Warte, bisserl langsamer bitte!“ Wir verlangsamten unser Tempo wieder, als die Kapelle in Sicht kam. Sie war bereits abgesperrt und hunderte Menschen, die aus allen Seiten auf den Kapellplatz drängten, versuchten trotzdem Einlass zu erhalten.

„Jedenfalls ist fast alles eingetroffen: Erst ungeheurer Wohlstand, dann fällt das Land vom Glauben ab… bist du nicht auch Anfang des Jahres aus der Kirche ausgetreten? Egal, zuletzt stimmte sogar die Sache mit Geldentwertung, die er vorhergesagt hat. Sogar Handys hat er vor über siebzig Jahren schon exakt beschrieben. Nur eines gab überhaupt keinen Sinn…“ Wir blieben stehen. Eine Gruppe Gläubiger hielt Kerzen in der Hand und sang.

„Wollen wir da wirklich hin? Ich hab Hunger.“

„Lass mich noch fertig erzählen“, bat ich ihn und ging keuchend in die Knie. „Der Irlmaier redete bei allen seinen Sichtungen, davon, dass der Dritte Weltkrieg mit dem Einmarsch der Russen in Europa beginnt.“

„Stimmt, das war vor einem Jahr noch gar nicht abzusehen. Aber warum sollten die einmarschieren? Die sind in Kiew. Warum sollten sie auch uns angreifen?“

Wir sahen, wie die Menschenströme in Bewegung gerieten und sich weg von der vollen Kapelle auf eine der großen Kirchen zubewegten. Ein hilfloser Mönch versuchte anfangs noch, den 3G-Nachweis zu kontrollieren, oder wenigstens dafür zu sorgen, dass jeder eine Maske trug. Dann gab er auf und die Traube aus hunderten Menschen zwängte sich ohne Rücksicht auf irgendwelche Abstandsregeln in die Kirche hinein.

„Sollen wir auch?“, fragte Waldemar und wir stellten uns ganz hinten an. Ein Einlass-Monitor zählte die Menschen. „311, 312, 313…“

„Ob wir überhaupt noch reinkommen? Das sind Hunderte vor uns… Jedenfalls hat der Irlmaier vorhergesagt, dass erst ein hochrangiger Politiker ermordet wird. Und dann werden die Russen in Europa einmarschieren, schneller als jemand irgendetwas bemerken wird.“

Waldemar schüttelte den Kopf. „Na gut. Ein hochrangiger Politiker wurde ermordet. Warum laufen aber alle wie bekloppt in die Kirchen, anstatt sich in einem Luftschutzkeller zu verstecken?“

„Weil der Irlmaier gesagt hat, dass die Menschen im Schutzmantel der Heiligen Madonna in Altötting in Sicherheit sind.“

Waldemar runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. 654, 655, 666 – der Zähl-Monitor rasselte die Zahlen nur so herunter. Wir waren nun mittendrin, hinter uns drängten so viele Menschen, dass wir keine Möglichkeit hatten, wieder umzukehren.

„Und du glaubst echt, dass halb Altötting diesen Schmarrn kennt? Und dieses Geschwurbel auch noch glaubt?“

„Hast du kein Telegram?“ fragte ich und grinste hilflos zurück. „Und wenn eine Stadt anfällig für unglaubliche Geschichten ist, dann doch Altötting. Die glauben noch ganz andere…“

Ein ohrenbetäubender Lärm verschluckte meine Worte. Die Menschen, die eben noch mitten auf dem Kapellplatz gestanden waren, stoben in alle Richtungen auseinander. Wir blieben eng in der Schlange. 811, 812, 813… Der Himmel verdunkelte sich. Dutzende, vielleicht hunderte Flugzeuge verdeckten die Sonne.

„Suchoi Su-57“, sagte Waldemar. „Russische Tarnkappenbomber. Mein Vater hat mir mal alle russischen Militärflugzeuge erklärt.“ Panische Schreie gellten über den Platz. Aus der Gnadenkapelle schwoll aus hunderten festen Kehlen das Gebet eines Rosenkranzes. „Gegrüßet seist du Maria“, war laut zu hören, als das Dröhnen der Bomber leiser wurde. Fasziniert schauten wir dem Himmelsspektakel nach, das langsam in Richtung Nordwesten wieder verschwand. 

„Nur noch drei Leute!“, rief ein Mönch, ein Maschinengewehr geschultert. „Was?“, wollte ich protestieren. Auf der Anzeige las ich „986, 987“, dann packte mich Waldemar und zog mich in die Kirche. Hinter uns fiel die Tür ins Schloss. Plötzlich war alles still. Nur das leise Zischen des „Tod von Ötting“ war zu hören, der über unseren Köpfen langsam, aber beharrlich, seine Sense schwang.

Die wichtigsten Weissagungen Alois Irlmaiers:

  • Zuerst kommt ein Wohlstand wie noch nie!
  • Dann folgt ein Glaubensabfall wie noch nie zuvor.
  • Darauf eine Sittenverderbnis wie noch nie.
  • Alsdann kommt eine große Zahl fremder Leute ins Land.
  • Es herrscht eine große Inflation. Das Geld verliert mehr und mehr an Wert.
  • Bald darauf folgt die Revolution.
  • Dann überfallen die Russen über Nacht den Westen.

 

Ausblick:

Irlmaier selbst hat immer erklärt, dass vermutlich die vielen Gebete der Gläubigen in den 50er Jahren geholfen hatten, einen Dritten Weltkrieg zu verhindern.

Heute können wir nur beten, dass unsere Politiker umsichtige Härte gegenüber den neuen Aggressoren in Europa zeigen und die demokratiefeindlichen Kräfte in ihre Schranken weisen. 

Hier könnt Ihr mir einen Kommentar zu Alois Irlmaier und "Im Schutzmantel" dalassen:

Kommentare: 2
  • #2

    jJQaBOcg (Dienstag, 27 September 2022 05:01)

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  • #1

    jJQaBOcg (Dienstag, 27 September 2022 02:25)

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