Die Farm der Fleischer

Dystopische Kurzgeschichte über die Radikalisierung von Klimaaktivisten

Kurzgeschichte über eine Gruppe radikaler Klimaaktivisten, die sich selbst "Die Fleischer" nennen.  Ausgangspunkt dieser Geschichte ist die Frage was passiert, wenn sich die Klimaerwärmung mit allen Konsequenzen fortsetzt. Was passiert mit all den Menschen, die Verzicht üben. Und wie ändert sich ihre Einstellung gegenüber denen, die dies nicht tun am Beispiel veganer Klimaaktivisten.

Die Fleischer

Eine Eskalation

Eine einzige Gemeinsamkeit einte sie: Sie liebten Fleisch. Liebten das knusprige Knacken des saftigen Hineinbeißens in einen Krustenbraten. Die Explosion der Geschmacksknospen, sobald das halbgare, noch blutige Rindersteak die Zunge berührte. Das beherzte Kauen der Fettschwarte eines frischen Schweinebratens. Einige hatten eine Fleischerlehre absolviert, zwei waren Jäger gewesen, die meisten hatten irgendwann in gastronomischen Küchen gearbeitet oder sonst irgendwie beruflich mit Fleisch zu tun gehabt. Der „Tag der Wende“ war bei jedem ein anderer gewesen. Die meisten waren jung gewesen, als sie mit der Bewegung in Kontakt kamen. Sie waren mitgelaufen, weil sie die Botschaft vernünftig fanden. Bis zum „Tag der Wende“ dauerte es bei ihnen mal länger, mal kürzer. Aber er kam. In den Anfangsjahren der Bewegung konnte man durchaus für das Klima streiken und dennoch Fleisch verzehren. Man konnte gegen Atomkraft und gegen Dieselautos demonstrieren und anschließend am Kiosk gemeinsam einen Hot-Dog oder eine Schnitzelsemmel essen. Erst als Greta und Luisa und, wie sie alle hießen, durch ihre Anbiederung an die Realpolitik an Einfluss verloren und sich die Bewegung radikalisierte, begannen auch die Gemäßigten zu kippen. Früher oder später hatte jeder seinen „Tag der Wende“. Auslöser war bei vielen dieses auf Youtube verbreitete Video eines israelischen Philosophen. In dem fiktional dokumentarisch aufgebauten Video wurde sehr drastisch dargestellt, wie eine außerirdische Spezies auf der Erde landete und den Homo Sapiens domestizierte. Da das Menschenfleisch den Außerirdischen schmeckte und die Menschen im Vergleich zu den extraterrestrischen Besuchern eine unterentwickelte Spezies waren, begannen die Außerirdischen Menschen zu züchten, um diese zu verspeisen.

 

Die drastischen Bilder des Kurzfilmes, der auf Tik Tok innerhalb kürzester Zeit eine halbe Milliarde Klicks erzielte, brachten auch die letzten Standhaften in der Bewegung dazu, sofort jeglichen Fleischkonsum einzustellen. Zeitgleich mit dem brutalen Video der Menschen schlachtenden Außerirdischen ging ein weiterer Social Media-Trend um die Welt: Videos von Menschen, die sich beim Anschauen des Menschenfleisch-Videos übergaben. Darunter auch prominente Influencer, die spektakulär auf ihre Macbooks kotzten. Da diese Videos auch außerhalb der Bewegung massiv geklickt wurden, gewann auch das Ursprungs-Video rasante Bekanntheit. 

Innerhalb der Bewegung wurde nach und nach selbst der Verzehr von nachhaltigem Bio-Fleisch, der bis dato toleriert wurde, aufs Schärfste verurteilt und geächtet. Der Radikalisierungsprozess der Gruppe begann schleichend. Hatte sich die Klimabewegung viele Jahre dem CO2-Ausstoß von Autos zugewandt, geriet nun endgültig der Fleischkonsum in den Fokus.

Psychologen versuchten später die extreme, nicht für möglich gehaltene Radikalisierung zu rekonstruieren: Es begann stets mit dem „Tag der Wende“, an dem jeder Einzelne für sich entschied, ab sofort kein Fleisch mehr zu essen. Meist vier bis fünf Wochen später folgte in fast allen Fällen der „Tag der Reue“. Der Tag, an dem die Lust auf saftig auf Holzkohle gegrilltem Halsnackensteaks sämtliche Synapsen durchdrehen zu lassen drohte. Der Auslöser konnte simpel sein. Oft war es der Duft einer nachbarlichen Grillfeier. Oder die verlockenden Gerüche warmen Leberkäses und knusprigen Schweinebauchs in der Metzgereiabteilung im Supermarkt. Fühlte sich der „Tag der Wende“ wie eine notwendige Befreiung an, so kehrte der „Tag der Reue“ nun die animalischsten Instinkte des Menschen hervor. In den rekonstruierten Fällen war es eine unbändige Wut auf die Nachbarn, oder die Metzgereifachverkäuferin, die mit ihren satanischen Künsten versuchten, die Bekehrten zum Fleischkonsum zurück zu verführen. So versuchten es die Betroffenen zu erklären. All die Wut und die Verzweiflung, die Sehnsucht nach frisch gebratenem Fleisch projizierten sich auf diese eine Person, die gerade grillte oder duftendes Fleisch verkaufte und dadurch den „Tag der Reue“ auslöste. Die kumulierte Wut auf alle Menschen, die mit ihrem unreflektierten Fleischkonsum Tiere quälten und den Klimawandel befeuerten, zielte wie in einem Brennglas auf diese eine Person. Es kam zu Handgreiflichkeiten, es gab Körperverletzungen. Manchmal war es nur eine unschöne Szene im Supermarkt, Geschrei, Beschimpfungen an der Wursttheke. Der Beginn der Bewegung ist in Gerichtsakten gut dokumentiert. Über ihre Bewährungshelfer, über die Internetforen und Selbsthilfegruppen vernetzte sich die Gruppe schließlich. Es kristallisierte sich ein harter Kern von überwiegend männlichen Veganern heraus, die alle Fleischesser umso mehr verachteten, je mehr sie selbst einst das Essen von Fleisch geliebt hatten. Männer, die wütend waren, dass sie verzichteten, während der Rest der Welt munter weiter Fleisch genossen. Männer, deren Wut in blanken Hass kippte. Sie waren Landwirte, ehemalige Fleischer und Köche. Sie alle hatten den Film mit den Außerirdischen gesehen. Wer als erstes auf die Idee kam, konnte nie geklärt werden. Aber vielleicht war sie so naheliegend, dass jeder Einzelne von ihnen schon zuvor darüber nachgedacht hatte.

Der Auslöser war vermutlich die Nachricht vom Scheitern der bis dahin größten und dringlichsten Klimakonferenz aller Zeiten. Zur Hauptsendezeit, es wurde sogar die Tagesschau verschoben, bereiteten die Staatsoberhäupter der USA, China, Russland und der EU in einer gemeinsamen Erklärung die Erdbevölkerung darauf vor, dass der Kipppunkt zum Erreichen des 2-Grad-Zieles endgültig überschritten sei. In einer verstörenden Einigkeit erklärten die Staatsführer, dass die Menschheit sich auf Jahre der klimatischen Katastrophen vorbereiten müsse. Anders als erwartet – das Militär war in vielen Ländern in Stellung gebracht worden – blieben Chaos und Anarchie aus. Wie schon die Jahrzehnte zuvor, das CO2-Problem war seit beinahe einem halben Jahrhundert bekannt, waren die Menschen in allen Erdteilen diszipliniert zur Tagesordnung übergegangen. Ein paar Teenager klebten sich in einem letzten Verzweiflungsakt an Autobahnen fest oder bewarfen Kunstwerke mit Sauerkraut, sonst passierte nichts. Nur die Bewegung hatte die letzte Stufe ihrer Radikalisierung erreicht.

Die Gruppe nannte s ich nun „Die Fleischer“ und begann ihr grausiges Tagwerk. Die Öffentlichkeit war zu sehr mit der Tagespolitik, den Flüchtlingsströmen und der Wirtschaftsrezession beschäftigt um zu bemerken, was auf einem ehemaligen Schweinezuchtbetrieb in Brandenburg vor sich ging. Wanderer hatten bemerkt, dass in der Gegend ungewöhnlich viele Schweine durch die Wälder streiften. Die Großmetzgereien registrierten zwar, dass der Mastbetrieb alle Lieferverträge gekündigt hatte. Anstatt nachzuforschen weshalb, nutzte die Großschlachterei die Gunst der Stunde, um noch günstigeres Fleisch aus Polen zu importieren. Einzig das Verschwinden mehrerer Menschen, darunter Ehepaare und Familien im gesamten Bundesgebiet, sorgte zumindest regional für Schlagzeilen. Es sollte noch viele Monate dauern, bis die ermittelnden Behörden eine Verbindung zu der Bewegung der Klimaradikalen und dem Schweinemastbetrieb herstellten.

Es dauerte noch weitere drei Jahre und unfassbarer 300 verschwundener Männer und Frauen, bis die Behörden das Puzzlestück zusammengesetzt hatten. Aber das Bild, das sich vor ihnen auftat, war so unfassbar, so jenseits jeglicher menschlichen Vorstellungskraft, dass der finale Zugriff der Behörden noch viele Monate voll unfassbaren Leides dauerte.

Psychologen konnten nur spekulieren, was in den Menschen vor sich ging. Profiler versuchten die exakten Vorgänge zu rekonstruieren. Sicher war nur, dass der Film über die Außerirdischen zur Blaupause der weiteren Ereignisse auf der Schweinefarm wurde. Vermutlich begann es damit, dass die Gruppe der „Fleischer“ zu Beginn ein Exempel an den Betreibern einer Putenfarm, einem Ehepaar statuieren wollte. Das Paar, das kurz zuvor in einem spektakulären Tierquäler-Prozess freigesprochen wurde, verschwand von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche. Die Polizei vermutete damals, dass das Paar untergetaucht war, um sich weiteren Prozessen wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz zu entziehen. Da das Verschwinden mit dem Einzug der „Fleischer“ in der Schweinfarm zeitlich zusammenfiel, schien ein Zusammenhang auf der Hand zu liegen. Das Paar blieb lange Zeit unentdeckt. Erst, als in einem der Massengräber auf der Farm der Fleischer ausgekochte und abgeschabte Knochen über DNA-Analyse dem Paar zugeordnet werden konnte, hatte man die traurige Gewissheit, dass die beiden die ersten Opfer der „Fleischer“ waren.

Die Gruppe, so versuchten es Psychologen erklären, vereinigte ihre Lust auf Fleisch mit ihrem Hass auf alle Fleisch-Esser und Klimasünder. Gemeinsam kundschafteten sie Menschen aus, die in ihren Augen eine Mitschuld an der Tierquälerei und der Klimakatastrophe hatten. Bereits das erste Paar wurde auf grausamste Art und Weise getötet. Erst zwangen sie das Putenzüchterpaar, sich auszuziehen. Dann wurden ihnen sämtliche Haare abrasiert. Während sie den Mann und die Frau beschwichtigten und sie in dem Glauben ließ, dass man ihnen nur einen Schrecken einjagen wollte, setzte ihnen einer der Fleischer von hinten einen überraschenden Bolzenschuss in den Kopf. Anschließend wurden die beiden kopfüber an einen Metzgerhaken gehängt, fachmännisch geteilt und ausgeweidet. Man vermutet, dass das Paar in den ersten Wochen die Nahrungsgrundlage der „Fleischer“ war. Das Fleisch des Putenzüchter-Paares wurde bis auf das letzte Gramm in Steaks, Brühwürste und Blutwürste verwertet. Selbst die Knochen wurden noch für eine Suppe ausgekocht.

Berauscht vom Erfolg der ersten Aktion perfektionierte die Gruppe in der Folgezeit die Suche nach frischem Fleisch. Dabei gingen die Fleischer überaus professionell vor: Der politische Zweig der „Fleischer“ recherchierte nach passenden Opfern. Ein Sonderkommando plante die Entführung und führte sie durch. Die Metzger und Landwirte übernahmen die Tötung und Verwertung des Fleischmaterials und die Aufgabe der Köche war es, das Fleisch möglichst meisterhaft zuzubereiten, dass es letztendlich egal war, ob es sich um Menschenfleisch handelte, da es so gut schmeckte. Bereits nach wenigen Wochen kippte allerdings die Stimmung in der Gruppe. Die nadelstichartigen Schläge gegen die Fleischindustrie reichte den Fleischern nicht mehr. Die Forderung des radikalen Teils der Gruppe wurde lauter, wie im Vorbild des Filmes, eine industrielle Produktion von Menschenfleisch aufzubauen.

Anfangs verlief das Zuchtprogramm chaotisch. Man entführte eine Familie und es gab unter den Fleischern starke moralische Bedenken aufgrund der zwei kleinen Kinder, die sich im Stall nicht sehr wohl fühlten. Der ursprüngliche Plan, die Eltern zur Zeugung eines frischen Kindes zu zwingen, wurde durchgesetzt. Gleichzeitig wurden die beiden entführten Kinder aus dem Stall entfernt und in einer Stadt im Ruhrgebiet ausgesetzt, da es Konsens in der Gruppe war, dass die Kinder nicht für die Handlungen ihrer Eltern bestraft werden durften.

An dieser Stelle begann der ersten Ermittlungsskandal. Obwohl sich der ältere dreijährige Junge klar artikulieren konnte, glaubten die Beamten der Geschichte des Jungen nicht. Dieser beschrieb, wie in Protokollen nachzulesen ist, klar und detailreich, dass er zuletzt in einem Stall gelebt, auf Stroh geschlafen hatte und seine Notdurft im selben Stall verrichten musste.

Die „Fleischer“ zogen ihrerseits Konsequenzen und entführten ab da nur noch kinderlose, junge Paare. Nach einem Jahr schrien die ersten Säuglinge im Stall. Spätestens, als es nach einer missglückten Geburt zu einer Notschlachtung kam, gewann der Kreislauf der Bewirtschaftung eine neue Dynamik.

Der politische Arm der „Fleischer“ ging mehrmals an die Öffentlichkeit, fand aber bis auf einige unseriöse Telegram-Gruppen keinerlei Resonanz. Die Geschichte von Klima-Aktivisten die Menschen züchteten, um deren Fleisch zu essen, erschien zu abstrus und gewann auch nicht die Herzen der anderen Klimaaktivisten.

Jahr für Jahr wurde die Zucht und die Fleischproduktion der „Fleischer“ professioneller. Die regionale Wirtschaft wurde nicht misstrauisch, als der Schweinemastbetrieb nach fast zwei Jahren Pause wieder Fleisch in großen Mengen lieferte. Einzig die Frage, warum das Fleisch so viel besser schmeckte als herkömmliches Schweinefleisch, sorgte für Verwunderung unter den Metzgereien.

Insgesamt vier Jahre waren seit dem ersten Mord vergangen, als die Spezialeinheit die Schweinefarm stürmte. Nach einem mehrstündigen Schusswechsel mit den „Fleischern“ konnten auch die Stallungen befreit werden. Dort bot sich der Polizei ein Bild, das noch für viele posttraumatischen Belastungsstörungen sorgen sollte. Im gesamten Stall der Mastanlage lagen und saßen Menschen, halbnackt, oder mit verdreckten Lumpen bekleidet im Stroh in ihrem eigenen Kot. Überall rannten größere und kleinere nackte Kinder im Stall herum. Das Geschrei war laut, so laut, dass die Menschen im Stall die Schüsse vielleicht gar nicht gehört hatten. Oder sie waren zu abgestumpft, weil sie Schüsse bereits gewohnt waren. Die Kinder schauten die Beamten neugierig an und redeten in einer unverständlichen Sprache, die hauptsächlich aus tierischen Lauten bestand. In einer Ecke lag eine schwangere Frau, bei der vor Schreck die Wehen eingesetzt hatten. Auf den Gittern saßen Männer und Frauen, die apathisch ins Leere blickten. Der Gestank im Stall war beißend. Es befanden sich mehrere hundert Menschen auf engstem Raum in dem Stall.

Noch grausamer aber war das Bild, das sich den Beamten im hinteren Bereich der Schweinefarm, in der Schlachtküche bot. Bis kurz vor dem Polizeieinsatz schien frisch geschlachtet geworden zu sein. Die Augen der Leichen blickten weit aufgerissen, das geronnene Blut auf den Fliesen roch noch frisch. Ein nackter Mann lag zuckend auf dem Boden. Bei ihm hatte man offensichtlich keine Zeit mehr für den Bolzenschuss gehabt. Obwohl er unverletzt war, zuckte er brabbelnd auf den blutigen Fliesen der Schlachtküche.

Im Kühlraum lagen sechs Menschenhälften frisch aufgehängt. Ein seit zwei Jahren vermisster Fleischkonzern-Manager und seine Frau, eine ehemalige Bundestagsabgeordnete, die das Verbot des Kükenschredderns verhindern wollte und andere seit vielen Jahren vermisste Personen.

Trotz der unfassbaren Taten der Fleischer wurde über die Erstürmung der Farm der Fleischer nur als Randnotiz in der Presse berichtet. Der Untergang der nächsten Millionenstadt durch den gestiegenen Meeresspiegel, ein verheerender Hurrikan in Süddeutschland und der Flüchtlingszug einer halben Million Afrikaner, der trotz militärischer Gegenwehr inzwischen Griechenland erreicht hatte, bestimmten die Schlagzeilen dieser Tage.

 

So war der Einsatz der Fleischer, wie wir heute wissen, nicht nur weitgehend unbemerkt, sondern auch ganz und gar umsonst. Verurteilt wurde von den Fleischern übrigens niemand, weil die Justiz aufgrund der kriegsähnlichen Zustände in den von der Flut bedrohten norddeutschen Regionen eine bundesweite Amnestie für Kleindelikte wie diese ausgesprochen hatte. Um zu erklären, wie es so weit kommen sollte, wurde es dennoch für wichtig erachtet, die Geschichte der Fleischer an dieser Stelle für die Nachwelt festzuhalten.

 

Ende


Noch eine dystopische Kurzgeschichte über Veganismus:

Die visionäre Gründerin von "Real Vegan Meat®", Lony Maskett glaubt, mit künstlichem Fleisch die größten Menschheitsprobleme zu lösen. Zur Kurzgeschichte

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