Der Matthias vom Wonneberg

Wie aus einem armen Handerwerkersohn ein berühmter Mönch des Kloster Scheyern wurde. Eine Heldenreise inspiriert von Pater Bernhard

Eine bayerische kurzgeschichte nach einer wahren begebenheit

Seit hunderten von Jahren ging am Wonneberg die Sonne morgens auf und abends wieder unter. Die Bauern bestellten die Felder, die Handwerker gingen ihrer Zünfte nach, vererbten den Hof und Beruf an ihre Söhne und am Ende lagen sie alle gemeinsam am Friedhof von Sankt Leonhard. So war es schon immer gewesen.

Die junge Schillinger heiratete beim Schmied von Wonneberg ein, ihr Ältester wurde seinerseits Schmied und so erblickte auch dessen Sohn Matthias das Licht der Welt.

Matthias war noch Kind genug, um von den Wundern der modernen Welt und dem Wissen, das sich in den Büchern versteckte, zu träumen. Immerhin hatte er gerade erst eine wahrhaftige Jahrhundertwende miterlebt. Aber er war schon zu alt, um nicht zu begreifen, dass er zeitlebens ein Ziegenhirte bleiben würde. Obwohl er der älteste Sohn seiner Mutter war, gab es noch einen älteren Sohn des Vaters aus erster Ehe, dem die Schmiede versprochen war. Entweder Matthias heiratete eine gut begüterte Bauerntochter ohne Brüder. Oder er strengte sich in der Schule so an, dass er vielleicht eine Verwaltungsstelle in der Gemeinde bekam. So oder so verlief jeder Tag gleich. Tag für Tag wanderte er früh morgens von Greinach aus mit den anderen Kindern runter nach Waging in die Volksschule. Mittags zogen sie wieder hinauf zum Wonneberg und den Rest des Tages hütete er die kleine Ziegenherde vom Vater von der Anni. Am liebsten las er allerdings Bücher. Er las von den Helden der alten Sagen. Las Geschichtsbücher und Chroniken und sogar mit Eifer in der Bibel, weil er die Geschichten des Alten Testamentes sehr mochte.

An einem schwülen Nachmittag im Juli saß Matthias wie jeden Tag im Schatten eines Baumes auf der Weide und hütete die Ziegen. Er las in einem dicken Buch, das ihm der Pfarrer von Waging aus seiner privaten Bibliothek mitgebracht hatte, über alte griechische Sagen. Immer wieder schaute er unruhig Richtung Berge, wo sich hinter Hochfelln und Hochgern gewaltige Wolken auftürmten. Eindrucksvoll anzuschauen, voller Figuren, Muster und Symbolen. Ein Wetterspektakel, das aber früher oder später in ein Gewitter umkippen konnte. Dann galt es, das Vieh rasch in den Stall zu bringen, bevor er selbst, oder schlimmer, das Buch vom Gewitterregen erfasst wurde.

„Matthias!“, rief ihn eine Stimme hinter dem Baum. Seine Schwester. „Hast du dich angeschlichen?“, fuhr er sie lachend an.

„Ich schau dir so gerne beim Lesen zu. Ich wünschte, ich könnte das auch.“

„Dann pass halt in der Schule besser auf!“ Sie kicherte. Dann wurde sie ernster. „Der Vater will mit dir sprechen.“

Sofort verfinsterte sich seine Miene. „Der Vater? Was will er denn?“

Sie zuckte die Schultern. „Hat er nicht gesagt. Er hat nur gesagt, dass es wichtig ist. Ich soll derweil auf die Ziegen aufpassen.“

„Obwohl es heute gewittern könnte?“, dachte Matthias bei sich und fragte: „Wie hat er dreingeschaut?“

„Ernst“, antwortete die Schwester.

Matthias seufzte. „Na dann beeile ich mich lieber.“

Auf dem Weg zurück nach Greinach färbte sich die Farbe der Wolken bereits von schneeweiß in helles Grau. Matthias zerbrach sich den Kopf, was er wohl falsch gemacht hatte. Ob ihm wieder eine der Ziegen ausgekommen war, weil er sich zu sehr auf sein Buch konzentriert hatte? Er schüttelte den Kopf. Er hatte die Ziegen zuletzt doppelt gezählt. Vielleicht war der Vater wütend, weil er auf dem Rückweg von der Schule mit der Anni vom Nachbarhof so gerne noch schäkerte und trödelte und es mit der pünktlichen Heimkehr zum Mittagessen nicht immer so genau nahm. Hatte er seine Bettstatt gemacht? Hatte er die Aufgaben von Vater und Mutter geflissentlich erledigt? Alle seiner Fragen konnte er bejahen. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was der Vater nur von ihm wollte.

Als er die Schmiede erreicht hatte, war über den fernen Bergen bereits Wetterleuchten zu sehen. Hoffentlich zog das Gewitter vorbei, dachte er sich. Sankt Leonhard am Wonneberg war doch so ein gesegneter Ort und Sankt Blasius hatte, so lange Matthias denken konnte, die schlimmsten Unwetter stets am Wonneberg vorbeiziehen lassen. Es würde sicher heute auch wieder so sein, hoffte er und betrat die Stube. (gleich geht's weiter!) 


Euch gefallen die Kurzgeschichten von Bernhard Straßer? Dann werdet Ihr die  Bücher lieben:


Sein Vater saß bereits ernst am Tisch, die vom schmieden rauen Hände streng gefaltet, als säße er in der Kirche. Die Stirn gerunzelt wie immer, wenn er in tiefen Gedanken über etwas grübelte.

„Da bist du ja, Bub. Komm, setz dich“, forderte ihn der Vater auf.

Matthias rückte den Stuhl heran und setzte sich gegenüber seinem Vater. Mit gesenktem Blick wartete er ab.

„Ich war vorhin unten in Waging“, begann sein Vater und räusperte sich. Matthias wurde ganz blass. Es ging also um die Schule.

„Ich habe mit dem Pfarrer gesprochen.“

Matthias sah unsicher auf. Mit dem Pfarrer also. Sofort senkte er wieder demütig seinen Kopf. Es ging wohl also um den Streich, für den er diese Woche drei Schläge mit dem Rohrstock bekommen hatte.

„Der Pfarrer sagt, dass du ein guter Leser bist.“

Matthias musste instinktiv lächeln. Er freute sich, dass der Pfarrer dies gesagt hatte.

„Der Pfarrer sagt zudem, dass du eine sehr gute Auffassungsgabe hast. Er sagt sogar, du bist eines der gescheitesten Kinder, das er jemals unterrichtet hat.“

Matthias blickte unsicher zu Boden. Er war sich nicht sicher, ob dies ein Tadel oder ein Lob war.

Sein Vater seufzte. „Weiß Gott, woher du das hast. Jedenfalls sagt der Pfarrer, es wäre eine Sünde, wenn man jemanden wie dich nicht auf eine höhere Schule schicken würde.“

„Auf… auf die Oberrealschule?“, fragte Matthias erstaunt. Die war zehn Kilometer weit weg in Traunstein. Und nur die Kinder der Reichen konnten es sich leisten, dorthin zu gehen.“

„Dasselbe habe ich auch gesagt“, brummte der Vater mürrisch. „Ich kann mein Kind nicht auf das Gymnasium schicken, auch wenn es das klügste Kind von ganz Bayern wäre.“ Der Vater seufzte und sprach mehr zu sich selbst: „Das weiß er selbst, hat der Pfarrer geantwortet. Und deshalb hat er Briefe verschickt, hat er gesagt. Und er könne mir ein generöses Angebot machen“, sagte der Vater und atmete tief aus.

Matthias wurde nun aufgeregt. Er hatte schon immer davon geträumt, auf die Oberrealschule zu gehen, aber es war ja unmöglich. Hatte der Pfarrer Geld gesammelt? Würde er selbst das Geld aufbringen, um ihn auf die Oberrealschule zu schicken? Aufgeregt und erwartungsfroh schaute er den Vater an. Aus der Ferne hörte man ein Donnergrollen.

„Der Pfarrer hat gesagt, ihm sei es gelungen, in einem Kloster einen Platz für dich zu bekommen. Du könntest auf die dortige Lateinschule gehen.“

„Ins Kloster?“ Sämtliche Kraft war aus Matthias‘ Haltung gewichen. Er wünschte sich auf einmal einen Rohrstock, sogar den Gürtel des Vaters herbei. Ach, hätte er doch etwas ausgefressen.

„Ins Kloster? Nach Laufen zu den Kapuzinern? Ich will nicht so weit weg!“

Sein Vater schüttelte ernst den Kopf. Ein ausgedehntes Donnergrollen hallte über das Haus. Draußen kam ein Wind auf und die Bäume begannen sich zu bewegen.

„Nicht zu den Kapuzinern“, sagte der Vater und wirkte in diesem Moment traurig. „Die Benediktiner. Das Kloster ist in Scheyern. Das liegt hinter München.“

„So weit weg?“, entfuhr es Matthias und er merkte, wie Tränen aufstiegen.

„Ich will nicht ins Kloster!“, schrie er und rechnete damit, dass er umgehend eine Schelle von seinem Vater bekam.

Der Vater nickte nur stumm.

„Willst du auf eine gescheite Schule?“

„Ich will nicht ins Kloster!“, wiederholte Matthias.

„Das habe ich nicht gefragt. Willst du auf die Lateinschule?“

Matthias spürte, wie sich der Klos in seinem Hals jeden Moment in ein Schluchzen verwandeln konnte. Er sprang auf, warf seinen Vater mit all seinem Mut einen wütenden Blick zu und stürmte aus dem Haus. Stürmte über die Felder, zurück zu seiner Ziegenherde. Seine Schwester war gerade dabei, das verängstigte Vieh in den Stall zu treiben. Sie hatte ihre Mühe und die störrischeren der Ziegen machten immer wieder Anstalten, vor dem aufkommenden Sturm in den Wald zu rennen.

„Warte ich helfe dir!“, rief er. Gemeinsam trieben sie die Ziegen zurück in den Stall. Die Verantwortung für die Tiere ließ ihn ruhiger werden. Das Herz klopfte noch immer, aber das Entsetzen über die Worte des Vaters wichen langsam wieder klaren Gedanken.

„Was wollte der Vater?“, fragte die Schwester.

„Er will mich ins Kloster schicken!“, antwortete Matthias betrübt.

Die Schwester schaute ihn ernst an. Dann hellte sich ihr Gesichtsausdruck auf. „Aber das ist ja wunderbar!“, rief sie.

Sie trieben die letzte Ziege in den Stall und schlossen die Tür. Der Wind war ein wenig abgeflaut und es sah so aus, als entlud sich das Gewitter unten im Tal.

„Im Kloster kannst du den ganzen Tag lesen und schreiben und studieren und lernst sogar Latein! Das wolltest du doch immer.“

Matthias nickte. „Schon, aber ich wollte doch nicht ins Kloster!“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich dann nicht mehr bei euch bin. Nicht mehr bei dir. Nicht mehr bei der Anni. Und weil ich dann ein Mönch sein muss.“

Die Schwester kicherte.

„Warum lachst du?“

„Sonst schimpfst du immer über uns Weiber und redest davon, dass du einmal in München leben wirst und dass die Bauern alle dumm sind.“

„Aber das ist doch nur Gerede!“

Sie lächelte ihn an. „Gib es doch zu. Du meinst es doch auch so. Du träumst doch schon immer davon, einmal raus aus dem Dorf zu kommen.“

Matthias zuckte die Schultern.

„Aber ich will kein Mönch werden.“

„Muss man denn Mönch werden, wenn man im Kloster ist?“

Matthias schüttelte den Kopf. „Wenn man mit der Schule fertig ist, muss man sich entscheiden, ob man Mönch wird oder nicht.“

Sie lächelte wieder. „Da hast du es!“

„Wieso?“

„Wenn man fertig ist! Dann hast du schon alles gelernt, was du immer lernen wolltest und kannst immer noch sagen: Ich will gar kein Mönch werden, ätschibätschi! Also ich würde es sofort machen!“

„Aber du bist doch eine Frau!“

„Genau deshalb! Ich würde es so gerne machen, wenn ich du wäre.“

Zwei Monate später saß Matthias im Zug nach Scheyern.

Es dauerte einige Wochen, ehe die Überwältigung des neuen Lebens im Kloster Scheyern langsam aber spürbar dem Alltag wich. Matthias lernte den Tagesablauf der Benediktiner. Er passte sich den Regeln und Verboten der Mönche an, so wie er sich schon in Wonneberg den ungeschriebenen Gesetzen des Lebens auf dem Land angepasst hatte. Mit einem kleinen aber feinen Unterschied. Hier fiel es ihm nicht schwer. Und Tätigkeiten wie das Lesen der Bücher, für die er zu Hause Strafe angedroht bekommen hatte, waren hier Ursache für höchstes Lob. Er ging, wie daheim in Wonneberg, vormittags in die Schule. Aber anders als früher, musste er nicht erst mehrere Kilometer zu Fuß ins Dorf gehen. Die Schule war im Kloster. Die Klostermauern, hinter denen alles zu finden war, was ein Mensch zum geistigen und körperlichen Leben brauchte, waren nur ein winziger Fleck im Vergleich zu den Weiten des Wonneberges. Und dennoch kam ihm die Welt hier viel größer vor. An den Nachmittagen durfte er die Bücher lesen, ohne nebenbei Ziegen hüten zu müssen. Er las mehr Bücher als jemals zuvor. Bald fiel der leseeifrige, aufgeweckte junge Schüler nicht nur den Lehrern auf, sondern auch dem Prior des Benediktinerklosters. Er beorderte ihn in die Bibliothek des Klosters und ließ ihn dort erste Aufgaben übertragen. Matthias geriet an manchen Tagen in einen regelrechten Rausch und konnte es kaum fassen, dass er die Ziegenweide gegen eine richtige Bibliothek, randvoll gefüllt mit Büchern vertauscht hatte.

Der Klosteralltag fiel ihm leicht. Abgesehen vom frühen Aufstehen und den morgendlichen Messen. Aber die Aussicht, einen weiteren Tag zwischen tausenden Büchern verbringen zu dürfen, ließen ihn auch die Stunde in der Frühmesse träumend überstehen.

Die Lehrer mochten ihn sehr und freuten sich, beim Stillen des unermesslichen Wissensdurstes des Jungen helfen zu können. Es fiel bald auch den anderen Kindern auf, dass die Lehrer und selbst der Prior ihre Aufmerksamkeit auf den talentierten Jungen vom Wonneberg gelenkt hatten. Einige der Jungen, die Matthias anfangs freundlich und gerecht behandelt hatten, zeigten ihm nun ihre Missgunst. Anders als zu Hause lauerten ihm die Kinder, die ihn nicht mochten, nicht auf, um ihn zu verprügeln. Hier zeigten sie ihren Hass anders. Erst versuchten sie, ihn im Unterricht zu überflügeln und als Dummkopf dastehen zu lassen. Als ihnen dies nicht gelang, streuten sie üble Gerüchte. Sie lauerten darauf, dass Matthias auf die Provokationen einging, um diese eskalieren zu lassen. Aber Matthias war es gewohnt, Missgunst auszuhalten. Er vertiefte sich in seine Bücher und ignorierte die Kinder, die ihn verachteten. Das einzige was Matthias bedauerte war, dass es keine Mädchen gab. Er vermisste Mädchen wie die Anni, oder seine Schwester.

Als er merkte, dass er zwar einige Feinde im Kloster hatte, diese ihn aber körperlich in Frieden ließen und er ihren rhetorischen Angriffen nicht schutzlos ausgeliefert war, begann er sich an das Klosterleben zu gewöhnen. Nach einer Weile merkte Matthias, dass die Briefe an seine Schwester und die Anni weniger wurden. Ebenso wie die Fragen, wie es denn den Eltern ginge. Wie es den Ziegen ginge, welche Neuigkeiten es von den Schulkameraden gäbe. Bald beinhalteten seine Briefe überwiegend Geschichten vom Klosterleben. Von den Mitschülern, die zwar alle gescheit waren, aber er immer noch der beste in der Klasse war. Und bald waren aus den Wochen Monate, aus den Monaten Jahreszeiten geworden und bald war das erste Jahr herum und Matthias kehrte für die Sommerwochen nach Hause zurück.

Er genoss diese Sommer sehr, weil er nicht mehr früh morgens aufstehen brauchte, weil er mit der Anni wieder in den Wiesen herumtollen konnte und ihn niemand ermahnte, wenn er mit schmutzigen Knien zum Essen erschien. Er passte sogar auf die Ziegen auf und genoss jeden einzelnen Tag zurück zu Hause. Mit dem September kehrte er nach Scheyern zurück und Matthias freute sich über die Rückkehr ins Kloster ebenso sehr, wie er sich zuvor auf sein Zuhause gefreut hatte. So hätte es viele Jahre weitergehen können, dachte er sich, als er seine kleine Zelle im Kloster wieder bezog. Und viele Monate lang sah es auch so aus, als würde dies sein neues Leben sein.

Bis er gegen Ende des Schuljahres, als er gedanklich bereits wieder am Wonneberg war, ins Arbeitszimmer des Priors gerufen wurde.

„Mein lieber Matthias“; begann der Prior freundlich. „Wie lange sind sie bereits in unserem Kloster?“

„Fast zwei Jahre“, antwortete er.

„Haben sie sich jemals die Frage gestellt, warum sie hier sind?“, fragte der Prior.

„Um Gott zu dienen“, antwortete Matthias überhastet, ohne zu überlegen.

Der Prior lächelte.

„Natürlich. Deshalb sind alle Menschen hier“, sagte er und musterte Matthias.

„Es heißt, sie sind in ihrem Jahrgang der beste Schüler.“

Matthias nickte stolz.

„Mir wurde zugetragen, dass die Bildung, die wir in unserem bescheidenen Kloster darbieten, ihrem Talent und Ehrgeiz nicht mehr gerecht wird.“

„Ich bin sehr gerne hier!“, betonte Matthias sofort.

Der Prior nickte gutmütig.

„Lieber Matthias, ihre Lehrer haben mir angetragen, es sei an der Zeit, sie auf das Gymnasium nach Freising zu versetzen.“

Matthias war im ersten Moment erstaunt. Wollten sie ihn loswerden? Hatte er etwas angestellt?

„Aber ich bekomme hier alles, was ich mir jemals erträumt habe“, Matthias merkte, wie seine Stimme wieder dem des kleinen Jungen glich, der er einst war.

„Hmhm“, stimmte der Prior wortlos zu.

„Natürlich können sie sich nach der Schule hier zu einem gewöhnlichen Mönch ausbilden lassen. Aber ich möchte ihnen ein Bild zeichnen, was möglich wäre, wenn sie die Talente, die in ihnen zu schlummern scheinen, ganz und gar ausschöpfen.“

Matthias blickte den Prior halb interessiert, halb schreckhaft an.

„Sie könnten eine Laufbahn als Priester beginnen.“

„Ich glaube nicht, dass ich ein guter Priester wäre“, entgegnete Matthias sofort und etwas in ihm rumorte.

Der Prior lächelte milde.

„Vielleicht. Vielleicht aber doch. Vielleicht steckt auch ein Lehrer in ihnen. Als Priester könnten sie Philosophie studieren. Vielleicht sogar Geschichte. Das liegt ihnen doch besonders, habe ich gehört.“

„Schon, aber…“

„Aber?“, fragte der Prior.

Matthias wollte aussprechen, dass er sich um nichts in der Welt vorstellen konnte, ein Mönch oder Priester zu sein, schwieg dann aber.

„Matthias, hier im Schoße unseres Klosters könnten sie eine akademische Laufbahn beginnen, die ihnen in der profanen Welt verwehrt bliebe. Ich könnte sie mir gut als Doktor der Philologie vorstellen. Als Lehrer der alten Sprache und der Geschichte. Wer weiß, vielleicht werden sie sogar einmal Prior?“

Matthias schwieg ehrfürchtig. Er spürte, wie die Worte des Priors etwas in ihm rührten. Aber gleichzeitig musste er an die Anni und die Sommer in Wonneberg denken. Er lächelte höflich und verabschiedete sich.

In ihrem nächsten Brief forderte ihn seine Schwester auf, kein Narr zu sein und dem Urteilsvermögen des Priors zu vertrauen. Matthias schrieb zurück, dass das Gymnasium in Freising bedeute, dass er auch im Sommer nicht nach Wonneberg zurückkehren könne, weil er den Sommer über von den Mönchen in Scheyern Privatunterricht erhalten würde. Und die anderen Jungen, die alles dafür taten, einmal Priester zu werden, würden ihn in ihren Neid noch mehr verachten, wenn er anstatt ihrer nach Freising dürfe.

Sie würde es auch ohne ihn aushalten. Außer den Ziegen vermisste ihn am Wonneberg sowieso niemand, schrieb seine Schwester.

„Auch nicht die Anni?“, fragte er in seinem nächsten Brief. Aber da war seine Entscheidung schon gefallen.

Die nächsten Jahre machte er auf dem Gymnasium in Freising seinen Abschluss, er trat nach dem Abitur den Benediktinern bei und begann im Anschluss die Ausbildung für das Priesteramt.

Einen ersten Weltkrieg später war Matthias ein fertiger Diakon und der Termin für seine Priesterweihe stand fest. Die Primiz sollte in seiner alten Heimat in Waging stattfinden. Er war nun ein junger Mann. Gewachsen und erwachsen geworden, wie alle seine Geschwister. Wie sein Bruder, der jetzt der Schmied war. Wie seine Schwester, die es ihm zu seiner Überraschung gleichgetan hatte und inzwischen Klosterschwester geworden war. Und auch die Anni, die bereits zwei Heiratsanträge ausgeschlagen hatte, ohne einen Grund zu nennen.

Die Woche seiner Primiz war sein erstes Mal zurück in Wonneberg seit langer Zeit. Den Menschen ging es nicht gut. Viele waren im Krieg gefallen. Der Rest hatte hungern müssen. Der Metzger im Ort hatte extra den letzten Ochsen schwarz geschlachtet, damit die Gläubigen auf der Primizfeier etwas fleischhaltiges zu Essen bekamen. Die Menschen waren zu Hunderten aus dem ganzen Landkreis nach Waging gekommen, um an der Feldmesse teilzunehmen.

Matthias war es die letzten Tage nicht gut ergangen. Von der Reise hatte er Magenkrämpfe bekommen und er hatte seit Tagen keinen Appetit. Er war gut vorbereitet auf die Zeremonie. Hatte eine große Predigt geschrieben. Aber jetzt, da er hinter der provisorischen Sakristei auf und ab ging und hinter den Vorhang alle Menschen sah, die ihn als Kind begleitet hatten, kämpfte er mit mannigfaltigen weltlichen Gedanken. Alle waren sie gekommen. Seine Eltern, seine Geschwister. Die alten Lehrer und Schulkameraden. Die Verwandtschaft aus Kühnhausen und Petting. Die Freunde von früher und die Nachbarn. Und die Anni. Sie stand ganz vorne in einem weißen Kleid und sah schön aus und jung und alt gleichzeitig und sonnengebräunt und stark von der Feldarbeit aus und Matthias musste an sein damaliges Gespräch mit dem Prior denken. Der hatte Matthias mehr als deutlich gemacht, dass es nur diese eine Möglichkeit für ihn gab, das Wissen zu erwerben, das seiner Begabung entsprach. Wollte er eine kostspielige akademische Laufbahn einschlagen, konnte er dies nur im Schoße der Kirche, im Namen Gottes tun. Matthias erinnerte sich an dieses Gespräch, als sei es gestern gewesen. Und er erinnerte sich an die Worte seiner Schwester damals, als er sich entschied, ins Kloster zu gehen: Er könne sich nach der Schule immer noch dagegen entscheiden, Mönch zu werden. Derselbe Gedanke hatte ihn die letzten Jahre begleitet. Nach dem Studium konnte er sich immer noch entscheiden, ob er wirklich Priester werden wolle. „Pater!“, weckte ihn ein Ministrant aus seinen Gedanken. „Der Bischof ist nun bereit.“

Die Messe war eine der feierlichsten, die Waging jemals gesehen hatte. Noch nie zuvor waren so viele hochrangige Geistliche gemeinsam, angeführt von Bischof Faulhaber, im feierlichen Zug durch die Reihen der Gläubigen zum Altar gezogen. Der Gottesdienst nahm seinen Fortgang. Matthias war konzentriert und in feierlicher Stimmung. Aber etwas in ihm arbeitete und es rumorte nicht mehr nur in der Magengegend. Er lauschte den Lesungen und Gesängen, aber bald drehten sich seine Gedanken um etwas anderes und seine Aufmerksamkeit gefror zu einer Maske, die den Außenstehenden vorspielte, er höre bewegt den heiligen Worten zu.

Er war auf einmal wieder zurück bei seinem letzten Sommerbesuch am Wonneberg. Wie lange war das her? Wie alt war er gewesen? Siebzehn? Achtzehn? Er hatte einen sonnigen Spätsommernachmittag zusammen mit Anni auf der Weide verbracht. Sie hatten die Ziegen gehütet wie damals. Matthias hatte ihr von seinen Erkenntnissen auf dem Gymnasium erzählt und dass er sich entschieden habe, ein Mitglied es Ordens zu werden, um weiter studieren zu können. Latein, Griechisch, Geschichte – all die großartigen Lehren, die ihn schon immer magisch angezogen hatten. Aber etwas war seltsam gewesen. In Annis Nähe zerbröselten die großen Eckpfeiler des Weltwissens zu nichtigem Staub. Anni hatte nur gekichert und mit einem „Du mit deinem Latein!“ die ewige Sprache mit mädchenhafter Leichtigkeit ins Reich der Nichtigkeit verwiesen. In Annis Nähe schien seine gesamte Scheyerner Klosterwelt absurd und fremd zu sein. Und alles, was in Annis Nähe war, war wundervoll, erstrebenswert und auf eine bittersüße Weise unerreichbar. Sie war schon damals eine Frau gewesen. Noch nicht erwachsen, aber eine Frau mit allen Reizen, an denen zu kosten einen angehenden Mönch viele schlaflose Nächte bereiten würde. Er erinnerte sich, wie er mit ihr im Gras lag, den Blick zum Himmel. Wie er ihren Duft einatmete. Ein Duft, der mehr Feierliches und Heiliges in ihm auslöste als der teuerste Weihrauch. Sie sprachen darüber, welchen Namen er als Mitglied des Benediktinerordens annehmen sollte. Während sie ihm von ihrem Vorfahren erzählte, jenem Waginger Mönch, der am Tegernsee einst wirkte, streiften sich ihre Finger. Schließlich waren es ihre Hände, die sich umschlossen. Er fragte sie, wie der Name des Mönchs denn gelautet hatte und schloss die Augen, als ihre Hände über seine Wangen strichen. „Bernhard“, sagte sie. „Pater Bernhard.“

„Pater Bernhard!“, wiederholte die Stimme des Bischofs. Diesmal lauter. Als er wieder aus seinen Gedanken erwachte, waren die Augen des Bischofs und der gesamten Priesterschaft sowie von Hunderten Gläubigen auf ihn gerichtet. Er begriff, dass alle darauf warteten, dass er das Weiheversprechen sprach.

Er stammelte einige hochheilige, aber unzusammenhängende Sätze. Hinter sich vernahm er schließlich das beruhigende Flüstern des alten Waginger Pfarrers, der ihm den Wortlaut des Weiheversprechens einsagte.

Er wusste nicht, wie ihm geschah. Mit einem Moment ging alles furchtbar schnell. Er hatte zwar sein Versprechen abgeleistet, aber noch war er kein Priester. Nicht ehe ihm die anwesenden Priester und schließlich der Bischof die Hand aufgelegt hatten. Matthias lagen die Worte auf der Zunge. Die Worte, die auszusprechen ihn von allen Pflichten umgehend entband.

Einer nach dem anderen stellte sich vor ihn. Erst legte ihm der alte Waginger Pfarrer gutmütig die Hand auf und nickte ihm aufmunternd zu. Als nächstes der amtierende Seelsorger vom Kloster Scheyern. Es folgten eine Reihe von Geistlichen aus Freising und München. Schließlich der Prior von Scheyern. „Gehe deinen Weg!“, flüsterte er und lächelte. Matthias sah ihm nach und blickte in die vorderen Reihen der Gläubigen. Anni stand mit bebendem Gesichtsausdruck da und sah blickte ihm tief in die Augen. Ihr Blicke trafen sich und Matthias öffnete den Mund, formte die Lippen zu einem Satz, den er sich in Gedanken bereits vor Jahre zurrechtgelegt hatte. Auf einmal wurde Annis trauriges Gesicht von einem purpurroten Talar verdeckt. Der Bischof stand vor ihm und hob feierlich die Arme. Gleich würde er ihm seine weihende Hand auflegen und ihn endgültig zum Priester machen. Matthias trat erschrocken einen kleinen Schritt zurück. Der Bischof schaute ihn irritiert an. Schließlich festigte sich sein ernster, würdiger Gesichtsausdruck wieder. Auch der Bischof trat einen kleinen Schritt zurück, so als könne er Gedanken lesen, oder als ob es sich um ein Procedere handelte, das auf jeder Priesterweihe stehts aufs Neue geschah. Es war mit einem Mal mucksmäuschenstill auf dem Feld. Von hinten hörte man einen Gläubigen husten. Ein kühler Wind kam auf und fuhr den Menschen in die Haare und ließ den Bischof nach seiner Mitra greifen. Der Bischof blieb mit ausgestreckten Händen stehen und schaute ihn mit wachen Augen an, die jedem Sünder Gnade versprachen, aber jedem Diener Gottes absolute Strenge. Matthias‘ Blick senkte sich und fiel auf das Buch, das der Bischof in Händen hielt. Die Inschrift des Titels war in lateinischer Sprache geschrieben. Den Inhalt konnte er längst auswendig. Matthias schloss die Augen, holte tief Luft und machte einen kleinen Schritt vorwärts, bis die Hand des Bischofs ihn berührte.

Am nächsten Morgen wachte Matthias früh auf. Besser gesagt, er war nie wahrhaft eingeschlafen. Er stand auf, kleidete sich an und trat in den Flur. Es war still in der Schmiede. Aus den Schlafkammern seiner Eltern und seines Bruders klang noch Schnarchen. Die Feier gestern hatte lange gedauert und es war viel Bier und sogar Wein geflossen. Er ging langsam durch den Flur in die Stube. Schaute sich noch einmal um in dem Haus, in dem er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Vieles war ihm fremd, so vieles vertraut. Die Stube war nun elektrifiziert, das Kruzifix im Herrgottswinkel noch dasselbe. Vorsichtig, um niemand zu wecken, ging er nach draußen. Die Sonne war gerade aufgegangen und tauchte die Felder und Wiesen in weißgoldenes Licht. Er blickte lange auf die Bergkette und folgte schließlich dem Trampelpfad vor dem Haus. Er spazierte langsam und achtete auf jeden Baum, jeden Weidenpfahl, jedes früh summende Insekt auf dem Weg. Bald passierte er den Baum, unter dem er einst gesessen war und seine ersten Bücher gelesen hatte. Er hörte das Blöken. Das Vieh war auf der Weide, wie damals. Matthias musste schmunzeln. Er stand ins einem Priestertalar auf der Weide und seine Schuhe, die gestern noch so strahlend rein gewesen waren, färbten sich vom Tau und Lehm des Bodens. Er holte tief Luft und blinzelte in die Sonne. Eines der Tiere näherte sich und beschnupperte ihn. Matthias fragte sich, wann der Bauer die Ziegen aufgegeben hatte. Nun graste eine Schafherde auf der Weide. Die Schafe näherten sich neugierig dem seltsam gekleideten Mann. Vorsichtig strich er über das Fell eines der Tiere. Ihm entfuhr ein tiefer, aufrichtiger Seufzer und er machte sich wieder auf. Der Zug Richtung Pfaffenhofen würde in zwei Stunden gehen. Er musste sich noch von seiner Familie verabschieden.

Auf dem Weg zurück zum Haus kamen ihm an der Kreuzung nach Waging hinunter zwei Gestalten entgegen. Zwei junge Menschen, die scheinbar bis jetzt gefeiert hatten. Sie gingen eng beieinander und ihr Gang war weder zielstrebig noch firm. Es waren ein junger Mann und ein Mädchen. Sie wirkten aus der Ferne gleichzeitig vertraut wie schüchtern voneinander abgewandt. Einen Moment lang dachte Matthias, das könnte vielleicht die… im selben Moment hatte er die Gewissheit. Es war die Anni und einer seiner Schulkameraden, der inzwischen Bauer geworden war. Als die beiden Matthias erkannten, richtete sich ihr Gang umgehend auf und sie lösten sich ein wenig aus ihrer Nähe.

Matthias schaute Anni lange an, als sie sich näherten. Er legte sich rasch einige Sätze zurecht, die noch unausgesprochen waren. Fixierte gleichzeitig ihren Bick, ob da noch etwas war, das vielleicht seine Entscheidung noch einmal revidieren könnte. Gleichzeitig fragte er sich, was die Anni mit dem ungebildeten Bauern wollte, der schon damals nicht gescheit vorlesen gekonnt hatte und dessen einziges Buch, das er jemals in der Hand gehalten hatte, das Gotteslob in der Kirche gewesen war. Matthias lächelte Anni an, als er ihr gegenüberstand, wollte ihr in diesem Lächeln alles sagen, was er ihr nie hatte sagen können. Sie lächelte zurück und das Lächeln erschien ihm wie die erhoffte Antwort. Sein Herz machte kurz einen Sprung. Dann nickte sie ihm zu und sagte mit gesenktem Blick: „Pater Bernhard!“ und sprach es aus wie eine Abschiedsformel. Matthias nickte ihr seinerseits zu. Der Name wirkte auf ihn wie eine mystische Zauberformel. „Anni“, sagte er. Und ging des Weges.

 

Als er am Abend das Kloster Scheyern betrat, begab er sich sofort in die Bibliothek. Er suchte nach den Manuskripten der beiden Bücher, die er gerade zu schreiben begonnen hatte. Sie waren beide fein säuberlich eingeordnet. Das eine, fast fertig, eine historische Arbeit über Abtswahlen in Benediktinerklöstern. Die andere ein Heimatbuch über Waging und den Wonneberg. Er griff nach seinem Stift und begann zu schreiben. Als er nach einer Weile zu Boden blickte, hatte er noch immer die Schuhe mit den braunen Flecken der Viehweide an.

Die tatsächliche Geschichte vom Matthias Walcher findet ihr hier:

Das Kloster Scheyern
Das Kloster Scheyern

In Sankt Leonhard am Wonneberg erinnert heute die Pater-Bernhard-Straße an einen faszinierenden Wonneberger, der es vom einfachen Bauernbub zum Priester, Gelehrten und schließlich Prior des altehrwürdigen Benediktinerklosters Scheyern gebracht hat. Viele der älteren Wonneberger erinnern sich noch an den 1970 verstorbenen Benediktinermönch, der seine Sommerurlaube gerne in seiner alten Heimat verbrachte. Die ganze Geschichte findet ihr hier: https://www.chiemgauseiten.de/pater-bernhard-walcher/