Das Schweigen der Flammen

Eine Toskana-Erzählung

Kurzgeschichte Toskana Schriftsteller

Ein alternder Autor ist auf einer literarischen Exkursion in der Toskana dem schrecklichen Schicksal des Hans Kraxler auf der Spur. Was ist Hans Kraxler vor einigen Jahren an eben jenem Ort wirklich widerfahren?

Auf meine größte Geschichte stieß ich während einer literarischen Exkursion in der Toskana. Seit einigen Jahren kannte ich den Autoren und Literaturlehrer Alfred Fuchs bereits und er bestärkte meine Bestrebungen, meine Autobiographie zu schreiben. Spontan beschloss ich, mich zu dieser Mischung aus Literaturkurs und Urlaub anzumelden und mit Alfreds Familie und den anderen Schriftstellern für zwei Wochen in die Toskana zu reisen. Ich war 66 Jahre alt und ahnte, dass es nicht leicht werden würde, über die schwarzen Flecken meiner Vergangenheit zu schreiben.

Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass ich zwar eine Geschichte aufschreiben würde. Allerdings eine, die rein gar nichts mit mir selber zu tun hatte. Oder wenigstens nur ein bisschen.

Alfred hatte mich im Haupthaus auf dem Dachboden untergebracht. Es war eine alte toskanische Villa, der Boden aus gebrannten Ziegeln, deren Rot abfärbte, wenn man barfuß darüber lief. Das ganze Areal zog seinen Charme aus dem Alter des Gemäuers und der liebevoll gestalteten Gärten, der Rosen, des Weinbergs. Es wirkte auf mich, als sei an diesem merkwürdigen Ort, unweit von Anghiari gelegen, die Zeit stehengeblieben: Bis auf den Badebassin hatte es vor hundert Jahren wohl exakt ebenso ausgesehen. 

Im Haupthaus befanden sich der Gemeinschaftsraum in dem zu Abend gegessen wurde und die zwei Zimmer, in denen Alfreds Familie untergebracht war. Meine Dachstube erreichte man über eine Treppe die so steil war, dass sich ein lebensälterer Mann wie ich an einem Seil festhalten musste.

Ging man die Stufen zum Haupthaus hoch, stieg schwerer Rosenduft in die Nase. Drinnen selbst roch es leicht nach Hunderten Mahlzeiten, die in dieser Essküche zubereitet wurden und nach Tausenden Kannen Kaffee, die man hier bereits aufgebrüht hatte.

Als ich meine Unterkunft im Dachgeschoss ein erstes Mal inspizierte und die steile Treppe hinauf kletterte, brannte sich mir ein anderer, ein unangenehmer Geruch in die Nase, als ich die Falltüre hoch hievte und das Dachzimmer betrat: Es roch nach Ruß, nach verkohltem Holz. Der Rest des geräumigen, aber an den Seiten sehr niedrigen Dachbodens roch normal, roch modrig nach altem Gemäuer. Sofort vergaß ich den beißenden Brandgeruch wieder, packte meinen kleinen Koffer aus und begann meinen Urlaub in der Toskana, ohne weiter über rußigen Geruch nachzudenken.

Doch der Geruch blieb. Jedes Mal, wenn ich die Falltüre öffnete, um nach oben, oder unten zu klettern, musste ich die stehende Wand aus beißendem Kohlegeruch durchqueren. Es roch, als hätte es hier einmal gebrannt. Ein Geruch der mir von den wenigen Brandruinen, die ich in meinem Leben gesehen hatte, intensiv in Erinnerung geblieben war. Ein unverkennbarer Geruch, einer jener Sorte, die man nie vergisst, die ähnlich Proust`s Madeleine auf Lebenszeit Assoziationen wecken wird. Wenn auch keine positiven - so stellt man sich die Hölle vor, wenn nach Jahrmillionen feuerzüngelnden Schwefels die Glut erloschen ist und nichts als Gestank übrig bleibt. 

Der Herd des Brandgeruchs ließ sich nicht lokalisieren. Wie eine unsichtbare Wand stand er plötzlich im Raum und verschwand so plötzlich wie er gekommen war. Sicher war nur, dass der beißende Geruch seinen Ursprung irgendwo im Gemäuer am Treppenaufgang hatte. Genauer gesagt, hinter einem Vorhang. Warum ich den Vorhang nicht öffnete? Ehrlich gesagt war es nicht nur die Höflichkeit, die mich abhielt, sondern ein mulmiges Gefühl, das ich mir nicht erklären konnte. Vermutlich verbarg sich hinter dem Vorhang der Kamin. Ich versuchte mich, mit dieser schlüssigen Erklärung zu beruhigen. Da das Haus alt und voller Geheimnisse zu sein schien, blieb es allerdings nicht ganz ausgeschlossen, dass dahinter die verkohlte Leiche eines früheren Hausbewohners lag. Also unterließ ich es, nachzuschauen, schlief nachts schlecht ein und hatte geheimnisvolle Träume die ich mir nicht erklären konnte. Manchmal wachte ich nachts auf, weil ich ein Baby schreien hörte. Dann sah ich die Schemen eines Mannes, der rastlos im Raum auf und ab ging. Aber es war nur eine Einbildung. Es gab weit und breit kein Kind und ich war allein in der Dachkammer. Ich schob es auf den Wein, der abends in Strömen floss und mir Schweißausbrüche verursachte. Ich wusste, ich trank zu viel und der Alkohol hatte mir schon öfter Streiche gespielt. 

Ich dachte nicht weiter nach und konzentrierte mich auf mein Schreibprojekt. Ich schrieb mehr schlecht als recht über die ersten Jahre meiner später gescheiterten Ehe und dachte nicht weiter über die seltsamen Geräusche und Alpträume nach. Bis ich am letzten Abend der ersten Woche beiläufig von dem jungen Mann erfuhr, der vor mir mit seiner Familie die Dachkammer bewohnt hatte: Hans Kraxler, ein nicht untalentierter Autor, der die Jahre zuvor zusammen mit seiner jungen Frau und den Kindern frischen Wind in die alteingesessene Toskana-Schreibgruppe gebracht hatte. Im letzten Jahr allerdings, erzählte Alfred, war der junge Schriftsteller nur noch ein Schatten seiner selbst. Grau und erschöpft sah er aus, die Kinder waren auffällig weinten und brüllten bis tief in die Nacht hinein. Hans Kraxlers Frau erschien morgens mit geröteten, verweinten Augen. Noch schlimmer aber war nach Alfreds Einschätzung, dass Hans Kraxler sein ganzes Talent verloren hatte. Am Abschlusstag jeder Woche, an dem alle Kursteilnehmer, so wie heute, ihre in der Toskana erarbeiteten Texten vorlesen, trug Hans einen seelenlosen Text vor. Schlecht geschrieben, uninspiriert und auch noch in der Nazizeit spielend. Alfred erinnerte sich, dass Hans die ganze Woche über, solange die Kinder ihn ließen, mit Feuereifer und glühendem Blick geschrieben hatte. Der Text, den Hans letztendlich vortrug, hatte nichts mit dem empörenden, kaum auszuhaltenden Sätzen zu tun, die Alfred überflogen hatte, als er Hans Kraxler kurz bei der Arbeit über die Schulter schaute. Alfred war sich sicher, dass Hans Kraxler der Gruppe seinen wahren Text vorenthalten hatte und stattdessen eine Alibi-Erzählung vortrug, die er rasch hingerotzt hatte. 

Ich dachte in dieser Nacht lange über Hans Kraxler, seine Familie und den geheimnisvollen Text nach und fragte mich, ob Hans derselbe Mann war, der mir im Traum erschien. Nacht für Nacht träumte ich von einer dunklen Gestalt, pechschwarz, die in gebückter Haltung mal durch den Raum streifte, mal am Tisch saß und beinahe verzweifelt etwas aufschrieb. Manchmal, wenn ich aus dem Traum erwachte, glaubte ich, die schwarze Gestalt wirklich am Tisch sitzen zu sehen, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnten und die Figur sich auflöste. 

In dieser Nacht schlief ich tief und traumlos und kein Schatten weckte mich.

Die zweite Woche in der Toskana begann mit sommerlichen Sonnenschein. Morgen für Morgen saß ich vor einem blanken Blatt Papier. Meine Biographie sträubte sich weiter nach Kräften dagegen, aufgeschrieben zu werden. Ich schrieb einige uninspirierte Zeilen darüber, wie ich meine Frau kennengelernt hatte, wie wir heirateten und die Kinder auf die Welt kamen. Das Ergebnis landete abends im Papierkorb. Der Schreibfluss war versiegt noch ehe er begonnen hatte. Seltsam war, dass es mir leichter fiel, über diesen geheimnisvollen Hans Kraxler zu sinnieren, als den Mann zu rekonstruieren der ich in seinem Alter gewesen war. Auf eine unbestimmte Weise war ich mir sicher, dass dieser Hans mir ähnlich war. Aber, ich übertreibe nicht, ich konnte mich nicht mehr erinnern, wer ich damals war. Ein gesamter Lebensabschnitt war wie ausgelöscht.

Längst interessierte ich mich mehr für den mysteriösen Hans Kraxler als für meine Autobiographie. Je mehr ich von Hans Kraxler erfuhr, desto bizarrer wurde die Geschichte, desto mehr zog mich ein geheimnisvoller Sog in dessen Welt. Ich denke, dass Alfred ihn sehr gemocht hatte. Jedenfalls streute Alfred, ob bewusst oder unbewusst, vormittags beim Unterricht, nachmittags auf den Ausflügen und abends beim Wein wieder und wieder Anekdoten seines ehemaligen Schülers in die Erzählungen ein. Nach und nach fügte sich jede Scherbe Hans Kraxlers traurigen Lebens zu einem Mosaik zusammen. Einem Mosaik, das auf unheimliche Weise Steinchen für Steinchen auch die Erinnerung zurückkehren ließ, wer ich in meinen traumatischen Jahren als junger Vater gewesen bin: 

Als Hans Kraxler vor vier Jahren ein erstes Mal an dieser Schreibwerkstatt teilnahm, so erzählte Alfred, war bereits seine Familie dabei: Seine Frau und der damals keine zwölf Monate alte ältere Sohn. „Natürlich steht während der literarischen Wochen das Schreiben im Mittelpunkt“, betonte Alfed. „Aber den besonderen Geist unserer Schreibgruppe macht das heitere, ungezwungene Beisammensein der Autoren aus. Und Kinder sind auf dieser Schreibwerkstatt ausdrücklich erwünscht!“, fügte Alfred hinzu.

„Es gab immer was zu lachen mit der Familie Kraxler“, erinnerte er sich. „Aber damals lag bereits ein Schatten auf ihm. Er hatte in meinen Kursen mehrere exzellente Texte vorgelegt, die allerdings alle über den Tod seines Vaters handelten – er war kurz vor der Geburt von Hans Kraxlers Sohn überraschend gestorben.“ Alfred rückte nachdenklich seine Brille zurecht. „In der Toskana hat er allerdings ein Romanprojekt über seine Mutter begonnen. Die war ebenfalls schon tot.“ 

Alfred nickte, wie um sich selbst die Fakten zu bestätigen. Da stockte mir ein erstes Mal der Atem. Auch meine Eltern waren relativ jung gestorben. Und als mein erster Sohn auf die Welt kam, war ich überwältigt von diese Trauer, dass meine Eltern ihren Enkel nie kennenlernen durften. Auch ich war Anfang Dreißig gewesen, ein erwachsener junger Mann, aber gleichzeitig unendlich verletzlich und verunsichert in dem Bewusstsein, nun das Familienoberhaupt der nächsten Generation zu sein.

Alfred zeigte mir einen von Hans' melancholischen Texten, der frei im Internet zugänglich war: Darin ging es um einen Sohn, der verzweifelt auf Google Maps nach seinem verstorbenen Vater sucht. 

Ich riss mich zusammen, wollte nicht dass Alfred sah, wie sehr mich der Text berührte. Die Erzählung erinnerte mich daran, wie ich selbst meine Onkel und Tanten nach Fotografien und Erinnerungen meines Vaters anflehte und es mir Jahrelang nicht gelingen wollte, die Lücke, die er in mein Leben gerissen hatte, zu füllen. 

Ich konnte mich in ihn Hineinversetzen, diesen Hans Kraxler: Als jungen, verunsicherten Familienvater, trauernd um seine Eltern. So musste er sich gefühlt haben, als er damals in der Toskana seine Texte schrieb.

Als ich abends die Treppe ins Dachzimmer stieg, nahm der Brandgeruch wieder Besitz von meiner Nase. Eine innere Stimme sagte mir, ich müsse den Vorhang zurückschieben. Ich traute mich nicht. Es war kurz nach Mitternacht, unten hörte man noch die weinseligen Lacher der anderen. Der rußige Geruch jagte mir Angst ein. Ich ging zu Bett. 

Kurz vor Eins wachte ich schweißgebadet auf. Als ich ins Dunkel blinzelte war mir, als sei ein Schatten an meinem Bettende aufgesprungen und ins Schwarz der Finsternis verschwunden. 

Zieh den Vorhang zurück, sagte eine Stimme. 

Unten war es still. 

Zieh den Vorhang zurück. Es war keine wirkliche Stimme, kein Laut. Es war etwas, das gleichzeitig draußen und in mir war. Ich spürte mit einem Mal eine unbändige Trauer. Ich trauerte um meinen Vater, um meine Mutter und anstatt Angst zu haben, rannen mir Tränen über die Wangen. Das Gefühl war überwältigend und ich musste meine ganze Kraft aufwenden, um mich dagegen zu stemmen. Denn etwas in mir wusste, dies war nicht meine Trauer, dies war die Trauer von Hans Kraxler, die er hier in diesem Bett, vor vier oder fünf Jahren, empfunden hatte. 

Ich stand auf und schüttelte das Fremde, das wie ein zähes Licht mein Wesen zu umspülen begann, von mir ab und griff nach meinem Handy. 

Ich schaltete die Taschenlampe an und durchleuchtete den Raum. Die Gesichter der Plakate von Piero della Francesca und Leonardo da Vinci schauten mich an. Draußen zirpten die Grillen. Irgendwo in den Ritzen der Ziegel versteckten sich die Skorpione vor mir. 

Der Lichtstrahl glitt über die Frontseite der Dachkammer zum Vorhang. Er stand offen. 

Vor Schreck fiel mir das Smartphone aus der Hand. Ich hob es auf. Langsam glitt der Lichtkegel über den grauen Betonboden über das Zimmer und blieb am Vorhang stehen. Er war geschlossen. Die Aufregung hatte meinen Sinnen einen Streich gespielt. 

Langsam schritt ich auf das Ende des Dachzimmers zu. Das Licht konstant auf den Vorhang gerichtet. Etwas in mir hielt es für möglich, dass er sich wie von Geisterhand erneut öffnete, sobald ich ihn wieder im Schwarz verschwinden ließ. Natürlich war das Unsinn. 

Lange stand ich vor dem Vorhang. Der Geruch nach verbranntem Holz, nach Kohle, nach Ruß setzte sich beißend in meiner Nase fest. 

Mit einem Ruck riss ich den Vorhang zurück. 

Der Gestank nach Ruß potenzierte sich und ich musste gallig husten. 

Vorsichtig ließ ich den Lichtschein in das Loch gleiten, das sich hinter dem Vorhang auftat. Schwarze Ziegel. Ruß. Ein Kamin. Eine stillgelegte Feuerstelle. Seit Jahren hatte hier keiner mehr Feuer gemacht. Dennoch roch es intensiv, als sei ein Brand gerade frisch erloschen.

An der Wand hing ein Schürhaken. Instinktiv griff ich danach und ganz so als leitete mich eine Geisterhand, begann ich mit dem Schürhaken durch den Aschehaufen im Kamin zu wühlen. Als der Lichtschein auf einen angekokelten Fetzen kariertes Papier stieß, das aus der Asche hervorlugte, beugte ich mich verdutzt tief in den Ofen hinein. Der Russgestank wurde unerträglich und die Kaminöffnung war tiefer als sie von außen wirkte. Ein unsichtbarer Sog zog etwas in mir mit stummer Kraft hinein. Rasch zog ich das Papierschnipsel heraus und riss keuchend meinen Kopf wieder aus der Ofenöffnung. Ich wollte nicht wissen, was darin bereits alles verbrannt worden war, um solch einen intensiven Geruch im Gemäuer zu hinterlassen. Hastig zog ich den Vorhang zu und mir war, als fiele eine Last von mir ab. 

Mit dem Papier in der Hand setzte ich mich zurück aufs Bett. Einzelne Wortfetzen und Sätze waren in enger Schrift auf der Manuskriptseite geschrieben. Ich wusste sofort, dass dies Hans Kraxlers Schrift war. 

"Tatsächlich", sagte Alfred am nächsten Tag. "Das ist Hans' Handschrift. Unverkennbar." 

"Kommt dir der Text bekannt vor?", fragte ich. Wieder und wieder hatte ich ihn gelesen. Die Worte waren kryptisch. Etwas trauriges, Unaussprechliches schwang zwischen den Zeilen. Es ging um einen Pfropfen, der eine als Damm aufgestaute Trauer zurückhält und jederzeit brechen konnte. Auf der Rückseite ging es um etwas dunkles, sexuelles, dessen unausgesprochener Inhalt mich verstörte. Alfred schüttelte den Kopf. "Das ist definitiv keiner von Hans' Toskana-Texten." 

"Bist du sicher?", fragte ich. Etwas in Alfreds Blick ließ mich die Frage kein zweites Mal stellen.

In den morgendlichen Unterrichtseinheiten wurde bald mehr über Hans Kraxler gesprochen als über Literaturtheorie. Einige der anderen Teilnehmer erinnerten sich ihrerseits an Anekdoten der vergangenen Jahre und diese dienten als Stichworte für weitere Erinnerungen Alfreds. Anstatt über moderne Erzähltechniken zu referieren, erzählte Alfred wie er Hans bei dessen zweiter Toskana-Teilnahme erlebt hatte: "Fröhlich!", beschrieb er ihn. Es war gerade Weltmeisterschaft und der Kurs verlief heiter. Es regnete viel, aber die Erwachsenen lachten viel, die Kinder verstanden sich untereinander gut. "Es war schön", sagte Alfred und runzelte die Stirn. "Ja, damals war er heiter, die Familie war glücklich. Wenn ich nicht ganz falsch liege, hatten sie sich gerade ein Haus gekauft und seine Frau war wieder schwanger." Als sich Alfreds Gesicht verdüsterte, ruhten alle Blicke gespannt auf ihm. Alfred nahm die Brille von seiner Nase und sah seine Frau ernst an. "Im nächsten Jahr sind sie nicht mitgekommen. Warum eigentlich? Kannst du dich noch erinnern?" 

Xandra konnte sich noch gut erinnern. "Das Kind", sagte sie. "Der Kleine war erst ein halbes Jahr alt. Und hat damals schon viel geschrien."

Alfred schüttelte den Kopf. Alle folgten dem Gespräch so gebannt, wie sie noch keiner Unterrichtseinheit gefolgt waren. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass es mehr als ein Zufall wäre, wenn Hans Kraxler auch noch eine schwere Krebserkrankung eines jungen Familienangehörigen zu verkraften gehabt hätte. Noch ehe ich den Gedanken fertig gedacht hatte, sprach Alfred aus, was ich längst wusste: "Damals war doch die Sache mit dem Hirntumor Julians." 

Ich bekam eine Gänsehaut: "Seines Schwagers?", fuhr es aus mir heraus. 

Alfred nickte. 

Ich konnte es kaum glauben. Dieser Hans war wie ein Abbild meines eigenen Lebens. Auch der Bruder meiner Frau war an einem Gehirntumor erkrankt, kurz nachdem unser zweiter Sohn geboren wurde. Unsere kleine verbliebene Familie wäre beinahe daran zerbrochen. "Unfassbar", murmelte ich. "Unfassbar."

Alfred starrte eine Weile ins Leere, als würde er sich ebenfalls gerade über die Parallelen meiner Autobiographie und Hans Kraxlers Leben bewusst. Ich versuchte, meinen rasenden Puls wieder zu beruhigen. 

Die Parallelen zwischen meinem Leben und dem Hans Kraxlers gingen mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Wir fuhren nach Assisi und Alfred führte uns durch die vielen Kirchen. Aber all seine Vorträge verhallten ungehört, meine Gedanken waren einzig bei Hans Kraxler. Und bei mir. Als mein Vater gestorben war, kam es mir so vor, als sei meine Familie vernichtet. Jedenfalls empfand ich es so. Daran änderten auch die Kinder nichts. Im Gegenteil. Der erschöpfende Alltagstrott und die nie völlig zu befriedigenden Bedürfnisse der Kinder zehrten mich auf. Als die Erkrankung meines Schwagers begann, schlitterte ich in eine Depression. Wie es wohl Hans Kraxler ergangen war? Ob er das Schreiben als Therapie nutzte, sich gleichzeitig der Gruppe gegenüber nicht entblößen wollte und die echten Texte, die er in Barliano geschrieben hatte, deshalb vernichtete?

Ich beschloss an diesem Nachmittag, dass es an mir lag herausfinden, was Hans Kraxler geschrieben und vernichtet hatte. Immer mehr hing an den Texten: Das Geheimnis dieses traurigen jungen Mannes. Mehr noch, mir schien als könnten die Toskana-Texte Hans Kraxlers ein geheimer Schlüssel zu meinem eigenen Lebensabschnitt sein, den ich bis heute erfolgreich verdrängte. Denn, wie kam es, dass ich bis heute, nach eineinhalb Wochen in der Toskana, keine einzige Zeile meiner geplanten Autobiografie geschrieben hatte? Als hätte eine schwarze Macht jede Erinnerung an diese Zeit aus meinem Gedächtnis gelöscht. So wie Hans Kraxler versuchte, all seine Empfindungen, die Trauer, das Entsetzen, die Verzweiflung die er in Worte verwandelt hatte, im Feuer zu vernichten. 

Als wir abends zurückkamen, stand Julietta, die bald Achtzig Jahre alte Nachbarsfrau die für die Gruppe kochte, bereits am Herd. Es roch göttlich nach Cognacsauce und die Aussicht auf ein erneutes Festmahl ließ jede Anstrengung des vergangenen Tages vergessen. 

„Bona Sera“, grüßte sie wie jeden Abend und ich wünschte, ich würde wenigstens ein wenig italienisch sprechen. Sie rührte in der purpurroten Sauce und mit einem Mal wurde ihr Blick ernst. Sie deutete auf die Treppe nach oben, sie fragte mich etwas, ein rattern mir völlig fremder italienischer Silben. Ich verstand kein Wort. Ihre Finger zeigten nach oben. Sie sah mich beschwörend an, immer eindringlicher wurden ihre Worte. Schließlich kristallisierte sich ein Wort heraus, das sie immer wieder wiederholte: „Hans“, war das einzige Wort ihrer aufgeregten Erzählung, das deutlich zu verstehen war. Immer wieder „Hans.“ Schließlich hielt sie sich entsetzt die Hand vor den Mund. Als schüttele sie etwas von sich, schüttelte sie den Kopf. „Lasci perdere!“, beschwor sie mich und rührte wieder in ihrer Sauce. Verwirrt stieg ich nach oben und öffnete die Falltüre.

Ich kroch in die stehende Wand aus Brandgestank, schloss die Falltüre und ging, den Atem anhaltend, zum Bett. Dort lag ich eine Weile und dachte über Hans Kraxler nach. Hans Kraxler, der vor einem Jahr auf genau diesem Bett gelegen hatte, in genau denselbem Zimmer. Der Raum war karg. Kabel hingen aus provisorisch gemauerten Steckdosen. Kalte, weiß getünchte Stahlträger durchzogen die Decke. An den Seiten ein ungeordnetes Potpourri von Plakaten unterschiedlichster Kulturveranstaltungen. Ein Fausto Vagneri wurde angekündigt. Eine Veranstaltung in der Stadt. Dazwischen ein schauerliches Bild von Egon Schiele. Eine Mutter und ihre traurigen Kinder. Ein Druck von da Vincis Anghiari-Schlacht. Ich dachte an Julietta und versuchte, auch nur eine einziges Wort ihrer beschwörenden Rede zu enträtseln. Was wollte sie mir mitteilen? Gleichzeitig ahnte ein Teil in mir, dass ich die Antwort längst kannte. Hans Kraxler hatte hier in diesem Zimmer etwas getan. Etwas Unaussprechliches. Oder etwas, das man nur in einer fremden Sprache ausgesprochen ertragen konnte. Ein Mosaikstückchen fehlte noch. Während ich mit pochendem Herzen sinnierend auf dem Bett lag war mir klar, dass ich nur diese verbarrikadierte Stahltüre zu meiner eigenen Vergangenheit öffnen musste um zu begreifen, was Hans Kraxler in diesem Raum getan hatte. Aber es ging nicht. Immer schneller pulste mein Herz und meine Hände begannen zu zittern, als mein Kopf versuchte, die Tür zu meiner Erinnerung einen Spalt weit zu öffnen. Bilder blitzten in mir auf, die ich nicht sehen wollte, die ich nicht einordnen konnte. Ein schrilles Fiepen, das ich seit Jahren nicht mehr gehört hatte, begann in meinen Ohren zu kreischen. Die Türe der Vergangenheit bewegte sich. Staub rieselte schwer von ihren Scharnieren. Das Schrillen in meinen Ohren wurde immer lauter. Weitere Bilderfetzen schossen vor meinem Auge über die innere Leinwand. Gräber, meine weinende Frau, predigende Pfarrer, ein Rollstuhl. Doch da war mehr. Ich sah einen Teil des Friedhofes, den ich nicht kannte. Vielleicht nicht mehr kennen wollte. Es war nicht dort, wo meine Eltern begraben waren. Es war in der Nähe des Einganges. Dort befand sich ein bestimmtes Grab. Knirschende Schritte über den Weg. Mein Herz pumpte siedend heißes Blut durch meine Eingeweide, Schwärze kroch über meine Augen. Gleich würde ich das Grab erkennen. 

Da tönte die Glocke unten. Dong Dong Dong. Ich schreckte auf, wachte auf, als hätte ich einen schweren, schwarzen Traum gehabt. War ich eingeschlafen? 

„Essen ist fertig!“ rief unten Alfred. Benommen starrte ich auf die gegenüberliegende Wand. Der schwarze Vorhang wogte, als sei ein Luftzug durch ihn gefahren. Beklommen stand ich auf, öffnete die Falltüre, atmete die nach Ruß riechende Luft aus und schritt nach unten.

Während des Essens trank ich noch mehr als gewöhnlich. Diese Türe, die ich zuvor in meinem Wachtraum gesehen hatte, war einen winzigen Spalt weit offen geblieben. Unbestimmte Erinnerungen, mächtige, Angst einflößende Gefühle quollen durch den Spalt in mein Bewusstsein. Ich begann zu verstehen, warum es mir nicht gelungen war, auch nur eine Zeile meiner Autobiographie aufs Papier zu bringen. 

Erst der Wein und die köstlichen Nudeln in Cognacsauce halfen mir, meine wie im Schleudergang durchdrehenden Gefühle wieder auf Hans Kraxler zu projizieren. Ich saß neben Loni, Alfreds neunzehnjähriger Tochter. Ich wusste von Alfred, dass sie den Kraxlers recht nahe war und die Familie ab und an besuchte. Ich fragte sie, ob Hans Kraxler oder seine Frau mit ihr über die Toten in ihrer Familie gesprochen hätten. Loni lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Ist dir dennoch etwas Außergewöhnliches aufgefallen im letzten Jahr?“, fragte ich weiter. 

„Nur, dass sie traurig waren“, murmelte sie. 

Das Thema schien ihr unangenehm zu sein. 

„Doch!“, entgegnete sie plötzlich. „Eines war seltsam: Sie haben die ersten drei Ausflüge alle mitgemacht und saßen auch beim Abendessen lange hier unten. Und dann, Mitte der Woche, haben sie sich auf einmal ausgeklinkt. Sie waren nicht mehr dabei und gingen gleich nach dem Essen ins Bett.“ 

Ich fragte Loni, ob sie eine Vermutung habe, was passiert sei. Sie zuckte die Achseln. „Ich dachte, er hatte Stress mit ihr.“ Sie grinste vielsagend.

Aida, Lonis jüngere Schwester, die am anderen Ende der Tafel zugehört hatte, mischte sich mit einem Mal in das Gespräch ein: „Mir ist was aufgefallen!“, rief sie über die halbe Tafel, während Julietta Grappa und Kaffee servierte. „Die Kraxlers waren letztes Jahr am Mittwoch nicht nur nicht beim Ausflug nicht dabei. Sie waren überhaupt nicht hier. Und kamen erst spät abends zurück. Und am nächsten Tag war da diese komische Schachtel.“

„Stimmt, die Schachtel!“, sagte Alfred. Inzwischen folgte auch der Rest der Tafel dem Gespräch. 

„Was für eine Schachtel?“, fragte ich. 

„Eine kleine Schatulle aus Zedernholz“, erklärte Alfred und runzelte die Stirn als versuche er sich an die Details zu erinnern. „Er hatte sie am Mittwoch dabei, als er nachts zurückkehrte. Und die folgenden Tage trug er sie stets mit sich. Sie stand sogar neben seinem Essteller“, Alfred zeigte in meine Richtung, „…genau da, wo du jetzt sitzt, da saß Hans und neben seinem Teller diese seltsame Schatulle.“

„Und wenn er schrieb, lag die Schatulle neben dem Tisch“, ergänzte Alfreds Frau. „Er nahm die Schatulle sogar aufs Bad zum Zähneputzen. Es war echt seltsam. Und als wir ihn fragten, was da drin sei, antwortete er gereizt: Die blaue Blume.“

„Jaja, die blaue Blume“, seufzte Alfred. „Danach haben wir alle einmal gesucht.“

„Und was war wirklich drin?“, fragte ich. 

„Wir wissen es nicht“, antwortete Alfred. Am letzten Abend bevor die Kraxlers Italien verließen, war die Schatulle nicht mehr zu sehen. Vermutlich war sie in einem der Koffer.“

„Ich hatte damals bereits den Eindruck“, sagte Alfreds Frau und schlürfte ihren Espresso, „dass sich Hans letztes Jahr auf eine Weise verabschiedete, als käme er nie wieder zurück. Hierher in die Toskana, meine ich.“

Alle am Tisch, die letztes Jahr bereits dabei gewesen waren, nickten beipflichtend.

„Und warum waren die Kraxlers so traurig?“, fragte ich. Kaum ausgesprochen wusste ich, dass ich die Antwort der Frage längst kannte. 

„Die Schwester von Hans‘ Frau hatte kurz vorher den Kampf gegen den Gehirntumor verloren“, erklärte Alfred. 

„Ich glaube, die Beerdigung war sogar ein, zwei Tage bevor sie losfuhren“, ergänzte seine Frau. 

Alfred nickte. „Hans und ich hätten im Mai einen Termin zur Planung der Toskana-Woche gehabt. Er hatte kurzfristig abgesagt, weil er die Beerdigung organisieren musste.“

„Ehrlich gesagt hatten wir fest damit gerechnet, dass sie absagen“, fügte Alfreds Frau hinzu. „Wir waren ein wenig überrascht, als sie tatsächlich auftauchten. Natürlich sah man es ihnen an, dass sie traumatische Wochen hinter sich hatten. Sie trank die ersten Tage nichts.“ Sie lachte, als fände sie dieses kleine Detail besonders amüsant. „Und ab Mitte der Woche langte sie dann so richtig zu und war an einigen Abenden ziemlich beschwipst.“

„Gelacht hat sie trotzdem nicht!“, platzte es aus Aida heraus. „Nicht einmal, als wir gemeinsam Werwolf spielten.“

„Das Rollenspiel?“, fragte ich. 

Aida nickte. „Davor war es jedes Jahr immer lustig gewesen mit den Kraxlers. Hans wäre beinahe ein Wildschwein geworden, aber eine Partykanone war er letztes Jahr leider nicht mehr.“

„Werwölfe, Wildschweine, wie bitte?“, harkte ich nach.

Alfred und drei der anderen Herren tauschten einen Blick aus. Schließlich grinsten sie und zogen umständlich ihre Pullover aus. Darunter trugen alle Vier ein identisches blaues T-Shirt. Darauf abgebildet ein Wildschwein und der Schriftzug „Io vivo in Toscana“.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte ich.

Aida grinste: „Wenn man mindestens drei Mal in der Toskana mit dabei war - und sich als besonders lustig herausgestellt hat, dann wird man ein Wildschwein!“

„Und wenn man ein Mann ist“, ergänzte Alfreds Frau und verdrehte leicht die Augen.

„Wollte Hans Kraxler denn ein Wildschwein werden?“

„Unbedingt!“, betonte Loni. „Der war schon im ersten Jahr ganz heiß darauf und hat jeden Scheiß mitgemacht, den sich Papa ausgedacht hat.“

„Und warum durfte er dann im dritten Jahr kein Wildschwein werden?“, fragte ich. 

Ein unangenehmes Schweigen senkte sich über den Tisch. Draußen wurde das Zirpen der Grillen immer lauter. Blicke wechselten über die Tafel die schließlich alle an Alfred am Ende des Tisches heften blieben. Er räusperte sich. 

„Hans hätte am letzten Abend das Wildschwein T-Shirt überreicht bekommen. So oder so. Aber es gab zuvor einen Eklat.“ Alfreds Blick sprang ungewohnt verunsichert zwischen seiner Frau und den anderen Wildschweinen hin und her. Alfred schenkte sich Grappa ein und trank ihn in einen Zug leer. 

„Also gut“, sagte er und räusperte sich ausgiebig. „Die Stimmung war bereits seit Tagen gereizt, weil die kleinen Kraxler-Kinder ununterbrochen geschrien haben. Am letzten Tag eskalierte es. Hans‘ Frau und meine schrien sich wegen einer Lappalie an – ich glaube, es ging um eine nicht gespülte Kaffeekanne“

„Das war keine Lappalie“, unterbrach ihn seine Frau.

„Ist ja gut, Schatz. Jedenfalls flogen erst zwischen den Frauen die Fetzen und als wir Männer schlichten wollten, verteidigte Hans seine Frau vehement und es fielen einige unschöne Worte.“ Ein Schweigen, so eisig wie ein Wintereinbruch im Mai legte sich über die Tafel. 

„Den Disput hätten wir alle in Anbetracht der Umstände vergessen können“, fuhr Alfred fort. „Aber kurz danach entzündete Hans ein Feuer im stillgelegten Kamin oben…“

„Obwohl das streng verboten ist!“, fügte Alfreds Frau hinzu. 

„Jedenfalls hätte Hans fast das gesamte Haus angezündet. Es stank bestialisch nach Verbrannten, beinahe wie Plastik oder Fleisch, jedenfalls fürchterlich. Der Geruch hat sich bis heute oben festgesetzt. Das schlimme an der Sache war allerdings, dass Hans die Falltüre verbarrikadiert hatte. Oben weinten die Kinder und wir befürchteten das allerschlimmste. Er hätte seine Familie töten können. Minutenlang hämmerten wir gegen die Türe und stemmten uns mit aller Macht dagegen. Als es uns endlich gelang die Türe zu öffnen, stand das ganze Zimmer in dichtem Qualm. Im Ofen glühte noch der Rest des Feuers und ich hielt mit dem Feuerlöscher darauf.“ Alfred hielt inne. Etwas in seinen Augen zuckte, als durchlebe er den schrecklichen Moment noch einmal. 

„Aber es war nichts passiert. Die Kraxlers saßen auf dem Bett, sie hielten sich alle Vier im Arm und schauten uns aus gespensterhaft leeren Augen an.“ Alfred holte tief Atem und schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf. „Aber es war nichts passiert“, wiederholte er.

Nur im Ausdruck seiner Frau flammte noch die damalige Empörung auf: „Wir hätten sie auf der Stelle heimschicken sollen!“, sagte sie. „Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn das Feuer sich ausgebreitet hätte.“

„Das Feuer war in einem Kamin!“, bemerkte Loni und verdrehte die Augen. 

„In einem stillgelegten Kamin. Es war unverantwortlich!“

„Jedenfalls hat sich ausgerechnet Julietta eindringlich für Hans eingesetzt, sonst hätte ich ihm ein Hausverbot erteilen müssen.“

„Julietta hat ein viel zu gutes Herz“, murmelte Alfreds Frau. 

„Und das alles ist letztes Jahr passiert?“, fragte ich fassungslos. Alle am Tisch nickten. 

Ich konnte das gerade Erfahrene kaum glauben und wusste nicht, wie ich es einzuordnen hatte. Ich trank einen Grappa. Und noch einen. 

Als ich langsam betrunken wurde, zwickte mich Loni in die Seite. „Hans hat nichts Böses getan!“, sagte sie. 

Ich verstand nicht, was sie meinte. „Die Kaffeekanne!“, sagte Loni und sah mir tief in die Augen. „Ich habe sie nicht gespült. Die Kraxlers hatten mich gedeckt!“ 

Mir war immer noch nicht klar, was sie mir sagen wollte. Ich hatte mindestens einen Liter Wein und drei Portionen Nudeln in Cognacsauce gegessen und getrunken. Dazu noch die vier Grappas. Ich vertrug eine Menge, aber ich spürte, wie mir der Alkohol zu Kopf stieg. 

Als ich mich verabschiedete, um zu Bett zu gehen, zupfte mich Loni noch einmal an meinem Hemd. „Was ist?“, fragte ich sie, ein wenig genervt. 

„Hans Kraxler!“ flüsterte sie. 

„Und?“

„Letztes Jahr!“

„Letztes Jahr was?“

„Er hat nicht einfach ein Feuer gemacht!“

Loni sah mich durchdringend an und ich hatte das Gefühl, das sie etwas wusste, das sie nicht einmal ihrem Vater sagen konnte. 

„Was dann?“

„Er hat etwas verbrannt!“, flüsterte sie und wandte sich im selben Moment wieder den anderen zu.

Noch verwirrter als zuvor stand ich auf und verabschiedete mich. „Bona Notte!“

Auf der Treppe warf ich einen letzten Blick auf die verbleibende Gesellschaft unten am Tisch. Einzig Alfred und seine drei Mitstreiter in den hellblauen Wildschwein T-Shirts saßen noch über ihre halbleeren Weingläser gebeugt. Zwischen ihnen ein unbesetzter Stuhl. Ich stellte mir vor, dass Hans Kraxler auf diesem Stuhl hätte sitzen müssen und fragte mich gleichzeitig ob in zwei, drei Jahren vielleicht ich zwischen den Wildschweinen von Barliano sitzen würde. 

Ich öffnete die knarzende Falltüre. Der Rußgeruch kam mir heute noch stärker vor. Ich ignorierte den schwarzen Vorhang und ging direkt zu Bett. 

Lange lag ich diese Nacht noch wach, während unten die Gespräche immer leiser wurden und sich bald der letzte verabschiedete. Ich dachte darüber nach, dass ich in dieser Woche keine Zeile meiner Autobiographie zu Papier gebracht hatte und ich morgen bei den Textgesprächen mit leeren Händen dastehen würde. Da ich ohnehin nicht einschlafen konnte, setzte ich mich auf und schrieb meine Gedanken zu Hans Kraxler in mein Moleskine. Ich beschrieb meine seltsamen Träume und schrieb die unheimlichen Ereignisse jener Nacht auf, als ich den Kamin hinter dem schwarzen Vorhang entdeckt hatte. Die Buchstaben gingen mir von Seite zu Seite leichter von der Hand und bald kam es mir so vor, als schriebe gar nicht mehr ich selbst, sondern jemand anderes auf das Papier. Je länger ich schrieb, desto deutlicher erinnerte ich mich an jene drei Jahre der Finsternis die letztendlich dazu führten, dass ich mich von meiner Familie trennte. Auf magische Art und Weise gelang es mir, mich über das Aufschreiben von Hans Kraxlers Leben besser an mein eigenes zu erinnern: Als meine Frau mit dem ersten Kind schwanger war, war mein Vater gestorben. Eine schwere Zeit, die wir gemeinsam meisterten. Erst als wir uns verschuldeten, in ein Haus am Stadtrand einzogen und unser zweites Kind auf die Welt kam begannen die Probleme, die meine Familie vernichteten. Ich erinnerte mich, während ich die Schicksalsschläge im Leben von Hans Kraxler niederschrieb, wie meine eigene Familie zugrunde ging: Die tödliche Krebsdiagnose der Schwester meiner Frau stürzte das ohnehin angespannte Familienleben in die Hölle. Wir hatten permanente Geldsorgen, Probleme unsere alte Wohnung zu verkaufen und das Wissen, dass die Schwester meiner Frau sterben würde, zerriss uns. Wir versuchten uns zu sagen, dass wir leben durften, dass wir das Leben genießen sollten, aber unser Leben war die Hölle. Während ich schrieb und verstand, wie sehr Hans Kraxler gelitten haben musste, begann ich mich an ein weiteres Detail zu erinnern, das tief drin in meinem Unterbewusstsein vergraben war: Etwas das so schrecklich war, dass ich um nichts in der Welt wollte, dass es in mein Gedächtnis zurückkehrte. Da war noch etwas anderes, das mich in den Abgrund gestürzt hatte. Während ich den letzten Satz meiner Gedanken auf das Papier brachte, war mir auf einmal, als ob sich der Vorhang bewegte. Meine Armbanduhr piepste. Es war Halb Drei. Wie aus dem Nichts schrie irgendwo eine Katze auf. Ein durch Mark und Bein gehendes Geräusch wie das Weinen eines Kindes. Dann war es wieder still und der Windhauch hatte den Vorhang um ein Drittel geöffnet. Mir war, als waberte der Gestank nach Kamin und verkohlter Asche bis zu meinem Bett. Ich stand auf und schaltete wieder die Taschenlampe meines Handys ein. Schritt für Schritt näherte ich mich dem Kamin. Ein eisiger Lufthauch empfing mich und der Gestank fuhr so beißend in meine Nase, dass ich husten musste. 

Etwas in mir befahl mir, den Vorhang zurück zu ziehen. Mit einem Ruck riss ich den schwarzen Stoff zur Seite. Vorsichtig leuchtete ich in das schwarze Loch. Was hatte ich erwartet? Eine verkohlte Leiche? Einen zusammengekauerten Hans Kraxler? Nichts. Schwarz gerußte Ziegel und der Aschehaufen. Ich leuchtete auf die angekokelten Holzstückchen. Etwas Silbernes schimmerte aus dem Aschehaufen. Ich griff nach einem der Schürhaken, die an der Seite hingen und grub das silberne Objekt aus der Asche. Der Lichtkegel fiel leuchtend auf ein Scharnier. Das Scharnier einer Schatulle. Die Schatulle, von der Alfred erzählt hatte! Hans Kraxler hatte am letzten Abend in der Toskana also nicht nur seine Manuskripte verbrannt, sondern auch die Schatulle. Aber warum?

Ich nahm den Schürhaken und stocherte weiter im verkohlten Schutthaufen. Aber da war nichts mehr. Nur Asche, verbranntes Holz. Und ein rotes Rechteck. Ich kniff die Augen zusammen. Tatsächlich. Ich hielt ein kleines Stück Kunststoff in der Hand. Das Plastik war an mehreren Seiten geschmolzen und stank fürchterlich. Ich zupfte an dem kleinen Objekt, zog daran, zog kräftiger, da riss es in zwei Teile. Die Kappe zerbröselte. Ich hielt einen USB Stick in den Händen. 

Hans Kraxlers USB Stick. 

Auch das Innere wies starke Brandspuren auf, ob er noch funktionieren würde? 

Verdutzt hängte ich den Schürhaken wieder an die Wand, zog den Vorhang zu und ging zu Bett. Den USB Stick legte ich auf das Nachtkästchen und nahm mir vor, gleich morgen früh Alfred Notebook auszuborgen.

Ich träumte in dieser Nacht von einem Frühlingstag an dem ich meine Frau im Krankenhaus abgeholt hatte. Wir waren oft gemeinsam im Krankenhaus, um ihre kranke Schwester zu besuchen, aber in diesem Traum war nicht sie, sondern meine Frau die Patientin. Natürlich war es nur ein Traum, aber als ich aufwachte, vermischten sich die Traumbilder mit einer realen Erinnerung die ich nicht zuordnen konnte. Ich sah meine Frau vor mir, wie sie gebückt das Krankenhaus verließ, wir hatten beide geweint. Was passiert war, konnte ich nicht mehr zuordnen. Zu viele schreckliche Schicksalsschläge waren uns in dieser Zeit wiederfahren: Ihre Schwester, die bald starb. Ein gemeinsamer Jugendfreund, der beim Skifahren verunglückte. Unser Kind, das von einer Schaukel gefallen war - dem aber bis auf eine leichte Gehirnerschütterung nichts passiert war. Da sich der Nebel nicht lichten wollte und sich meine Aufmerksamkeit langsam wieder Hans Kraxlers verkohlten USB Stick zuwandte, stand ich auf. 

Unten kochte Luna bereits Kaffee. "Guten Morgen!". Sie stand täglich früh auf, um draußen in den ersten Sonnenstrahlen in der frischen Morgenluft zu sitzen und zu schreiben. "Kann ich kurz euren Laptop nutzen?", fragte ich sie. 

Sie nickte und deutete auf ihrem Schreibplatz auf der Veranda. 

Draußen setzte ich mich und klappte das Notebook auf. Vögel zwitscherten und ein milder Wind ließ die Zweige der Olivenbäume tanzen. 

Ich bemerkte, dass meine Hand leicht zitterte, als ich den USB Stick in die Öffnung steckte. 

Der USB Stick war in einem erbärmlichen Zustand. Es gab keinen Zweifel, dass das Feuer die Daten vernichtet haben musste. Und genau aus diesem Grund war ich mir sicher, dass sich auf diesem Stick geheime Texte von Hans Kraxler befunden hatten. 

Das System suchte nach einem Inhalt des Sticks. Nichts passierte. Ich stellte mir vor, dass auf dem Stick Hans Kraxlers Tagebuch zu finden war. Oder ein Roman der ihm misslungen war, oder auch nicht. Der ihn an die traumatischen Ereignisse seines Lebens erinnerte und er ihn deshalb vernichten musste, so wie er die Erinnerung daran auslöschen wollte. 

Ich gab die Hoffnung auf. Das System fand keinen Zugriff auf den verbrannten USB Stick. Enttäuscht klappte ich den Laptop zu. Da sah ich im letzten Moment, ein Pop-Up Fenster: "Explorer öffnen?" Ich riss aufgeregt den Laptopdeckel wieder auf. "Ja" klickte ich. 

Im nächsten Moment trat der gesamte Inhalt des USB Sticks zum Vorschein. Enttäuscht stellte ich fest, dass es sich um eine einzige Datei handelte: Eine mittelgroße Word-Datei namens "Glühwürmchen in Barliano", viel zu klein für einen Roman. 

Ich klickte auf Öffnen und überflog die erste Seite. Tatsächlich, es handelte sich um einen 7-seitigen Prosatext, den Hans Kraxler offensichtlich angelehnt an die damaligen Ereignisse geschrieben hatte. 

Hans Kraxler hatte die Namen der Beteiligten nur marginal verändert: Alfred nannte er Arwed, Luna hieß Stella und sich selbst nannte er Bernhard. 

Der Text handelte von einem verzweifelten Schriftsteller der nach Barliano in die Toskana flüchtete, um traumatische Ereignisse seiner Vergangenheit zu vergessen. In der Erzählung war es der Mann seiner Schwester, der an einem Gehirntumor gestorben war. Eifrig überflog ich die Zeilen und scrollte das Dokument nach unten. Der Text war wirklich gut geschrieben. Traurig und mitreißend zugleich. Aber es schwang auch etwas untergründig Dunkles mit. Kraxler beschrieb seinen Protagonisten wie einen Süchtigen, der Leid und Verzweiflung aufsog und nur schreiben konnte, wenn ihm fürchterliches wiederfuhr. 

Jemand tippte mich an die Schulter und ich schreckte hoch. Luna stand hinter mir und reichte mir eine Tasche frisch gebrühten Kaffee. 

"Ist der Text von dir?", fragte sie und blickte über meine Schultern. "Das ist ja gut geschrieben!", murmelte sie. 

Ich schüttelte den Kopf. "Nein, das ist von Hans Kraxler."

Erstaunt richtete sie sich auf. Ich drehte mich zu ihr um. Luna fixierte mich und sah mich an, als hätte ich ein Gespenst aus dem Reich der Toten heraufbeschworen. 

"Das hat der Hans geschrieben?"

Ich nickte. Etwas in ihrer Stimme machte mir klar, dass dieser Text unter schrecklichen Umständen entstanden war und niemand traurig darüber gewesen war, dass ihn Hans Kraxler den Flammen zugeführt hatte. Immer ungeheuerlicher erschien es mir nun, dass seine Worte und Gedanken tatsächlich hier und jetzt schwarz über den Bildschirm flimmerten. Gemeinsam überflogen wir weiter den Text. Lunas Atem wurde immer tiefer. Schließlich sagte sie: "Das kann ich nicht lesen. Das ist ja schrecklich", und ging wieder nach drinnen. 

Es war in der Tat die traurigste Geschichte die ich je gelesen hatte. Der Schriftsteller in der Geschichte scheiterte als Autor in der Unfähigkeit, die Vernichtung seiner Familie in Worte zu fassen. Am mysteriösesten aber war ein noch ungeborenes Kind, das immer wieder erwähnt wurde. Ab der Mitte der Geschichte nahm das Kind sogar den Hauptteil der Erzählung ein. Plötzlich sackte ich zusammen. Wie ein schwerer Stein, der sich über meine Vergangenheit geschoben hatte, kehrte die Erinnerung an den Krankenhausbesuch, von dem ich geträumt hatte, zurück. Meine Frau war in der 10. Woche schwanger gewesen. Wir hatten uns sehr auf das Kind gefreut. Aber der Stress und die permanente Sorge hatten ihr körperlich zugesetzt. Sie verlor das Kind. Das Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Ich wagte es nicht mehr, die Geschichte weiterzulesen, sprang auf und ging nach drinnen. Mein Herz pochte aufgeregt gegen meine Schläfen, als sei etwas in mir gerade dabei, das größte Rätsel meines Lebens zu lösen. 

Luna stand am Tresen und trank ihren Kaffee. 

"Hast du etwas herausgefunden?", fragte sie. 

"Es könnte sein. War Hans Kraxlers Frau eigentlich schwanger?"

Lunas Kaffetasse fiel krachend zu Boden. Sie hielt sich die Hand vor den Mund. "Schwanger..." murmelte sie, als ergäben plötzlich viele der damaligen Ereignisse einen Sinn. "Schwanger", wiederholte sie. "Das könnte tatsächlich sein. Sie benahm sich so." Dann schüttelte sie den Kopf. "Aber sie hat in der zweiten Woche sehr viel Wein getrunken. Das kann es also doch nicht sein." Wir blieben noch eine Weile schweigend und ratlos in der Küche stehen. 

Den ganzen Tag über lasen die Kursteilnehmer ihre Texte vor. Anschließend wurde darüber diskutiert. Es waren die unterschiedlichsten Genrearten und die meisten Texte waren auf die eine oder andere Art unterhaltsam. Aber kein einziger packte mich im Gemüt, fuhr mir ins Mark. Und obwohl ich ihn nie kennengelernt hatte, begann Hans Kraxler zu fehlen. Ich weiß bis heute nicht warum, aber als ich an der Reihe war, ließ ich mein in der Nacht hingerotztes Manuskript stecken. Ich setzte mich auf den leeren Platz am Tisch, wo Lunas Laptop stand und steckte den rußigen USB Stick hinein. Alle starrten mich gespannt an. Außer Luna, die oben saß und las, wusste niemand, wessen Geschichte ich vortrug. Also sagte ich kryptisch: "Dieser Text ist in Barliano entstanden. Er könnte von mir sein." 

Ich begann die zweite Hälfte vorzulesen die ich selbst noch nicht kannte. 

Nach wenigen Sätzen nahm Alfred die Brille ab und rieb sich die Augen wie er es immer machte, wenn ihn ein Text berührte. Es wurde ganz still und ich spürte, dass jeder wusste, aus wessen Feder die Geschichte stammte. 

Hans Kraxler ließ seinen Protagonisten früh morgens durch die Felder laufen. Grüne Hügel, goldgelbe Weizenfelder, Weinberge. Dankbarkeit für die Schönheit der Natur und ein Gelübde, ab heute das Leben wieder zu lieben; die Beerdigungen und Todesfälle der letzten Jahre zu vergessen und sich ganz auf seine kleine Familie zu konzentrieren. Immer wieder die Freude über die erneute Schwangerschaft und die Hoffnung, dass im neuen Leben die von Krebs, Angst und Wut aufgezehrten Jahre nun vergessen werden können. Hans Kraxler ließ sein Alter Ego außer Atem, aber glücklich zurück im Landhaus ankommen: Er und seine Familie sind alleine dort, die anderen sind bereits zu einer Exkursion aufgebrochen. Er klettert voller Vorfreude auf seine Familie und die verbleibenden Tage in der Toskana ins Dachzimmer hoch. Oben weint das Kind. Seine Frau sitzt verloren auf dem Bett. Der weiße Laken blutig. Ihre Hand blutig. Ihr Rock blutig. Aus leeren Augen sieht sie ihn flehend an. Augen, die das offensichtliche noch nicht begriffen haben. 

Während ich vorlas, brach mir die Stimme. Ich schaute in die vor Berührung bebenden Gesichter der anderen. In Alfreds Augenwinkeln schimmerte silbern eine Träne. 

Hans Kraxler lässt seine Frau schreien, als sie begreift, dass sie ihr ungeborenes Kind verloren hat. Er packt das andere Kind und trägt es nach unten, führt anschließend seine Frau vorsichtig die Leiter hinab. Sie eilen zum Nachbarhaus. Das ältere Paar versteht ihn erst nicht. Erst, als sie das Blut zwischen ihren Beinen sieht, begreift die alte Frau. Sie deutet ihnen, sich ins Auto zu setzen und fährt die Familie ins Krankenhaus nach Sansepolcro. 

Die Geschichte endet, als die Familie, am Boden zerstört, ins Landhaus zurückkehrt. Sie halten gemeinsam eine Kiste aus Zedernholz in der Hand. 

Ich blickte auf. Tränen verwischten mir die Sicht. Ich weinte nicht wegen Hans Kraxler. Ich weinte, weil der Schmerz meines eigenen verlorenen Kindes zurückkehrte. Ich spürte, dass er mich jeden Moment überwältigen würde, dass er wie ein Dammbruch über mich hineinstürzen würde. Ich sprang auf, der Stuhl fiel um. Ich verließ schnellen Schrittes die Terrasse, lief nach unten, immer schneller. Ich wollte nicht, dass man mich weinen hörte. 

Einzig die weiß getünchten Wände der Friedhofsmauer unterhalb des Weinberges, spendeten mir Schutz und Trost und verschluckten das Echo meiner Schluchzer. 

Alle Bilder quellten aus einer seit Jahren verdrängten Erinnerung hervor. Das tote Kind, der Friedhof der ungeborenen Kinder, meine Frau die in Trauer versank und die Monate, als ich zu trinken begann. Seit zwanzig Jahren hatte ich nicht mehr darüber nachgedacht, warum wir uns getrennt hatten, warum mir mein Leben so entglitten war. Alles war gekommen wie es gekommen war, ich war geschieden, weil ich ein Trinker war. Dass ich ein Trinker war der trank, um zu vergessen, hatte ich vergessen. Schlagartig hatte mir Hans Kraxlers Geschichte den Spiegel meines eigenen Lebens vorgehalten. 

Ich spürte mit einem Mal das Bedürfnis, meine Ex-Frau, meinen Sohn anzurufen. Mich zu entschuldigen. Und einen kurzen Moment lang, während ich zwischen den Gräbern stand, bereute ich all das was geschehen und nicht mehr zu ändern war. 

Als ich mich wieder beruhigt hatte, ging ich nach oben. Der Tisch war leer, oben läutete die Essens-Glocke. War ich so lange am Friedhof gewesen?

Oben saßen die anderen am gedeckten Tisch. Alfred und Julietta diskutierten aufgeregt auf Italienisch. Als er mich sah, huschte ein trauriges Lächeln über die Lippen und er nickte mir zu. 

Wir setzten uns und Alfred klopfe mit dem Löffel gegen sein Weinglas. 

Er räusperte sich. "Traditionell müsste ich nun eine launische Rede über unsere Arbeitswoche in Barliano halten", sagte er nachdenklich. "Aber die Geschichte, die unser Friedrich heute vorgelesen hat, hat mich - und wie ich denke uns alle - doch ein wenig mitgenommen." Alfred nahm seine Brille von der Nase und putzte sie. Als halte er nur beiläufig eine Rede, fuhr er fort: "Manchmal geschehen in unserer unmittelbarsten Nähe Dinge, die wir nicht verstehen, die wir anders interpretieren. Dinge, die so schrecklich sind, dass sie unausgesprochen bleiben wollen. Wir Schriftsteller haben das Privileg, dieses unausgesprochene zumindest in Geschriebenes zu verwandeln." Alfred seufzte. "Mir wurde heute, während Friedrich diese Geschichte vorlas die uns alle an unseren lieben Hans Kraxler erinnerte klar, dass sich vor genau einem Jahr ein Drama unter diesen Dach angespielt hat, das niemand sehen wollte. Ich habe gerade mit Julietta gesprochen und sie hat mir bestätigt, dass sie damals die Familie Kraxler in ein Krankenhaus gefahren hatte."

Er setzte seine Brille wieder auf. "Ich habe diese Woche lange darüber nachgedacht, warum Hans das Feuer gelegt hatte." 

"Um die Manuskripte und den USB Stick zu verbrennen natürlich!", unterbrach ihn Luna. 

Mir wurde in diesem Moment siedend heiß. Alfred schüttelte den Kopf. Schweigend rang er nach den richtigen Worten. Noch ehe er das Unaussprechliche aussprach, begriff ich endlich, was in jener Nacht passiert war. Hans Kraxler wollte mehr verbrennen als die traumatische Erinnerung an den Tod seines Kindes. 

"Die Schatulle" murmelte ich und es war so still im Raum, dass man die Töpfe brodeln hörte. 

"Ich habe mich oft gefragt, was sich in der kleinen Holzkiste befand, die Hans nicht mehr aus der Hand geben wollte."

Julietta sah uns von der Küchenzeile aus zu und als verstünde sie jedes Wort, wischte sie sich die Nässe aus den Augen. 

"Julietta erzählte, dass jemand in derselben Woche die Überreste eines Embryos aus dem Stadtkrankenhaus entwendet hatte."

Ich räusperte mich: "Im Kamin fand ich in der Asche die Überreste eines Schlosses."

"Er hat sein Kind verbrannt!", entfuhr es Luna. 

Entsetzte Blicke feuerten von einem zum anderen. 

"Oh mein Gott!", riefen die Mädchen. 

Alfred war der erste, der Begriff, was zu tun war. Er stand auf, ich folgte ihm. Er nahm eine Blumenvase und drückte sie mir in die Hand. 

Wir stiegen die Leiter nach oben. "Was macht ihr?", rief uns Luna nach. 

Alfred öffnete die Luke und betrat den Dachboden. Die Vase vorsichtig in der Hand haltend folgte ich ihm. Er blieb vor dem Vorhang stehen. Der Geruch war so scharf, dass wir uns die Hand vor die Nase hielten. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich wusste, was Alfred vor hatte, es war das einzig richtige. 

Behutsam zog er den Vorhang zurück. Die Feuerstelle lag trist in ihrer eigenen Asche. Russchwaden zogen an der seitlichen Mauer nach oben. Es war ergreifend und unheimlich zugleich, die Asche so daliegen zu sehen im Wissen, was Hans Kraxler wirklich verbrannt hatte. Alfred blieb eine Weile reglos stehen, als spräche er ein Gebet und starrte in den schwarzen Schlund. Schließlich griff er nach dem Schäufelchen, das neben dem Schürhaken hing und nahm darin die Asche und Kohlereste auf. Ich hielt ihm die Vase hin. Kelle für Kelle schüttete er die Überreste Hans Kraxlers Maniskripte, der Zedernholzschstulle und der Asche eines ungeborenen Kindes in die Vase. Als nichts mehr übrig war außer dem rußigen Ziegelboden, zog er den Vorhang zu. Vorsichtig folgte ich ihm die Treppe hinunter, die Vase mit den Überresten wie eine Urne in den Händen haltend. 

Julietta bekreuzigte sich, als sie uns nach unten kommen sah. Die anderen begriffen sofort, dass dies eine Beerdigung war. Einer nach dem anderen stand auf und schloss sich unserer Prozession an. Wir gingen nach draußen, stiegen schweigend die Stufen hinab, die Kiesstrasse entlang und bogen am Weinberg den Weg nach unten ab. Ich trug die Vase feierlich vor mir her und wusste genau, wohin ich zu gehen hatte. Ich musste an mein eigenes ungeborenes Kind denken. Ich war nicht bei der Beisetzung dabei gewesen, hatte keine Kraft mehr im Herzen. Ein Teil in mir wünschte sich, ich hätte den Embryo, wie Hans Kraxler einfach aus dem Krankenhaus gestohlen und ihn selber beigesetzt. Etwas in mir wusste, dass ich die Überreste dieses Kind nun stellvertretend für meines, das heute 33 Jahre alt gewesen wäre, so alt wie Hans Kraxler heute war, wie ich später erfuhr, beisetzte. 

Wir stellten die Urne in eine der freien Nischen am Friedhof von Barliano. Julietta zündete eine Kerze an und sprach ein Gebet auf Italienisch. Ich wusste, dass sie sich um die Urne kümmern würde. Luna hatte Blumen gepflückt und zu einem Strauß gebunden, den sie neben die Urne legte. 

Eine Weile standen wir ergriffen, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, vor dem Grab. 

Schließlich räusperte sich Alfred: "Ich denke, wir haben gerade etwas wichtiges getan. Aber ich glaube, das Essen wird langsam kalt." Die Mädchen lachten und die meisten folgten Julietta nach oben. Ich musste daran denken, dass es ein schöner Brauch sei, nach einer Beerdigung gemeinsam zu essen. 

Aber Alfred hielt mich zurück. "Etwas fehlt noch", sagte er. Er machte ein Foto von der Grabstelle und schickte es per WhatsApp Nachricht an eine Nummer. Als er sah, dass die Nachricht den Empfänger erreicht hatte, wählte er die Nummer und gab mir das Handy in die Hand. "Ich glaube, ihr habt euch viel zu sagen." Er nickte mir ermutigend zu und folgte den anderen nach oben. 

"Alfred?" Es war seltsam, Hans Kraxlers Stimme zu hören. Seltsam vertraut. Als kannten wir uns schon immer. 

"Mein Name ist Friedrich Wegmann und ich rufe aus Barliano an", stellte ich mich vor. 

Stille am anderen Ende der Leitung. Es war unheimlich still. Vielleicht hatte ich Kindergeschrei erwartet. Vielleicht schliefen sie um diese Zeit auch schon. 

„Barliano…“, murmelte Hans Kraxler. 

„Ich weiß, wir kennen uns nicht“, ich versuchte mich zu sortieren und sorgsam die richtigen Worte zu wählen. „Aber ich habe ihre Geschichte gelesen.“

„Welche Geschichte?“ Hans Kraxlers Stimme klang ruhig, gefasst. Als wüsste er bereits, was ich ihm mitteilen musste. 

„Glühwürmchen in Barliano.“

Wieder Stille. Kein einziges Geräusch im Hintergrund. Es klang, als sei Hans Kraxler entweder am anderen Ende der Welt. Oder alleine.

„Woher kennen sie diesen Titel?“, antwortete Hans Kraxler und seine Stimme deutete ein erstes Mal eine Überraschung an.

Ratlos rang ich nach Worten, wie ich ihm von den unerklärlichen Ereignissen berichten sollte. Ich konnte nicht einfach behaupten, ein Geist aus Ruß und Kohle oder eine innere Stimme hätten mich veranlasst, im stillgelegten Kamin nach seinen Texten zu suchen.

„Haben Sie Alfreds Foto bekommen?“

„Welches Foto?“

Etwas in mir sackte zusammen. Ich ahnte, dass es nun kompliziert werden könnte.

„Es ist etwas geschehen. Etwas, das eigentlich nur sie angeht. Alfred hat ihnen ein Bild daovn geschickt.“

„Moment.“

Wieder Stille im Hörer. Schließlich war aus einiger Entfernung ein Schreckensseufzer zu hören. „Oh Gott! Mein Gott!“

Ich vernahm etwas, das sich wie ein Schluchzer anhörte. Kurz darauf meldete sich Hans Kraxler wieder. „Sind sie noch dran?“

„Ja.“

„Ist das… ist das mein Kind?“

„Ja“, antwortete ich knapp.

Wieder Stille im Telefon. Etwas klang wie ein weit entferntes Schluchzen. 

„…woher wussten sie…?“

„Ich weiß es nicht.“ Ich bereute, dass ich Hans Kraxler nicht Aug in Aug gegenüber stand. Manche Dinge kann man nicht am Telefon erklären. 

„Sie haben gewusst, dass das…“ Seine Stimme brach.

„Ihr Kind war? Ja, ich wusste es.“ 

Ich versuchte Hans Kraxler zu erklären, wie ich auf den Kamin stieß. Wie ich das verbrannte Manuskript und schließlich den USB Stick entdeckte. Und wie uns nach und nach klar wurde, was sich in dieser Woche in Barliano abgespielt hatte. „Wir haben gerade die Überreste ihres Kindes beigesetzt.“ 

Natürlich sind Tränen lautlos, aber ich spürte, wie Hans Kraxlers Tränen das Display benetzten. 

„Es tut mir leid, was ihnen geschehen ist“, sagte ich und versuchte es so aufrichtig wie es war klingen zu lassen. „Mir ist vor dreiunddreißig Jahren etwas Ähnliches geschehen.“ Ich holte tief Luft und sagte schließlich: „Darf ich fragen, wie es ihnen seit letztem Jahr ergangen ist?“

Hans Kraxler atmete resigniert die Luft aus der Nase. „Sie wollen fragen, ob es mir gut ergangen ist?“ Er lachte ins Telefon, als beinhaltete die Frage bereits die Antwort. „Ich habe das alles nicht mehr ausgehalten. Ich habe im Rausch meine Kinder geschlagen, meine Frau hat mich rausgeworfen. Ich werfe seitdem meinem Psychiater das Geld in den Rachen, das ich bald wegen unserer Scheidung sowieso nicht mehr habe. Bitte entschuldigen Sie meine Offenheit, aber was glauben sie denn, wie es mir ergangen ist?“

„Ich weiß, wie es ihnen geht“, sagte ich und wusste im selben Moment, dass dies genau die Art von Satz ist, die jemand in Hans Kraxlers Situation nicht hören will.

„Wenn sie nicht von Alfreds Telefon aus anrufen würden, hätte ich spätestens jetzt aufgelegt. Ich glaube nicht, dass irgendjemand auch nur ahnt, was die letzten Jahre aus mir gemacht haben. Wie kommen sie nur auf die Idee, auch nur im Ansatz zu meinen, sie hätten eine Ahnung wie es mir geht?“

Ohne zu zögern antwortete ich: „Ich habe ihre Geschichte gelesen.“

Bevor Hans Kraxler etwas entgegnen konnte, erzählte ich ihm, wie ich vor 33 Jahren als Erwachsener dessen Eltern viel zu früh gestorben waren, mit dem Krebstod der Schwester meiner Frau klarkommen musste. Und wie wir uns getrennt hatten, nachdem sie einen Abgang hatte. Wie ich zu trinken begonnen hatte, mal mehr mal weniger. Wie sich meine Kinder von mir entfremdeten. Wie mir mein Leben, meine Familie, alles was mir einmal etwas bedeutet hatte, entglitt. 

„Wie lange haben sie ihre Kinder nicht mehr gesehen?“

„Seit zwanzig Jahren. Auch meine Enkelkinder habe ich nie gesehen.“

„Warum haben sie es nie versucht?“

„Ich habe es versucht. Sie haben den Kontakt abgebrochen. Und ich kann sie inzwischen verstehen. Ich war nicht für meine Frau, für meine Kinder da, als sie mich am meisten brauchten.“

„Haben sie es damals versucht?“

„Ja. Ich konnte nicht. Es fühlte sich an, als wäre ich innerlich vernichtet.“

Hans Kraxler schwieg. „Zwanzig Jahre“, murmelte er. 

„Ich dachte immer, ich könnte meine Ehe retten, wenn es mir wieder besser ging. Aber es ging mir nie besser ohne Familie.“

Hans Kraxler schwieg weiter, als hätte ich einen wunden Punkt getroffen. 

„Ich habe immer bereut, dass ich nicht zu meiner Familie zurückgekehrt bin, solange ich noch konnte. Wie lange sind sie schon getrennt?“

„Noch leben wir im selben Dach. Aber wir reden seit Wochen nicht mehr miteinander.“

Ich spürte, dass sich eine Verbindung zwischen mir und Hans Kraxler aufgebaut hatte. Und, so seltsam es klingt, für einen Moment lang kam es mir so vor, als hätte ich über eine Raum-Zeit-Kontinuum eine Telefonverbindung zu meinem Ich vor dreiunddreißig Jahren aufgebaut. Oft hatte ich darüber nachgedacht, was ich in meinem Leben geändert hätte. Was ich meinem Ich damals mit auf dem Weg gegeben hätte. Ich beendete die Stille und legte mein gesamtes Leben in diesen einen Satz: „Vergeben sie sich selbst, lieben sie ihre Frau und ihre Kinder, lassen sie niemals zu, dass das Schicksal, so Herz zerfetzend es sich auch anfühlt, sie auseinanderreisst.“

Hans Kraxler atmete schwer am Telefon. 

„Wie war noch einmal ihr Name?“ Dann riss die Verbindung ab. 

Ich weiß nicht, was aus Hans Kraxler geworden ist. Ich weiß nur, dass ich die gesamte folgende Nacht mit meiner Frau und mit meinen beiden Kindern und am nächsten Tag lange mit meinen Enkelkindern telefoniert habe. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, Hans Kraxler daran zu hindern, sein Leben so wegzuwerfen wie ich es getan hatte. Aber ich weiß, dass Hans Kraxler mit seiner Geschichte mein Leben verändert hat. Meine Frau bestätigte mir, dass wir  nie über das verlorene Kind gesprochen hatten. Dass wir nach all den Monaten in denen Trauer unser Leben bestimmt hatten, plötzlich die Worte fehlten, als es um unser verlorenes Kind ging. Dass uns das Fehlen der Worte zerbrochen hatte. 

Erst durch Hans Kraxler kehrten all die Worte wieder zurück. 

Meine Autobiographie habe ich nie aufgeschrieben. Es war nicht mehr nötig. Genau gesagt habe ich in Alfreds Kursen nur noch einen einzigen Text zu Papier gebracht: Diesen.


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