Kurzgeschichte über Abschied eines verstorbenen Elternteils

Klassische Kurzgeschichte über Tod und Abschied. Ein junger Erwachsener sucht zwanghaft auf Google Maps nach seinem verstorbenen Vater. Auf der virtuellen Suche lernt er seinen Vater nachträglich besser kennen und verstehen.

Bernhard Straßers Beitrag zur jungen Literaturzeitschrift "Lizzy", in der er mit Autoren wie Matthias Tonon, Nora Berger, Florian Falkenberg und Ralf Enzensberger veröffentlicht wurde.

Roter Punkt im weißen Fleck

Mein Papa war ohne Vater aufgewachsen.

Als seine Mutter starb, war er vierzig. Das ist nicht mehr jung. Aber auch nicht alt. Mein Papa hatte da schon zwei Kinder und, ich glaube, er hatte damals bereits das Leben durchschaut. Hat es früh begriffen. Hat verstanden, dass es absurd ist. Das Leben. Ich meine, erst überlebt sein Vater den Krieg, dann stirbt er kurz darauf an einer Lungenentzündung.

Überhaupt, alles um ihn herum starb. Das war normal, besonders im Krieg. Aber auch danach hatte es nicht aufgehört. Die waren dann halt nicht mehr von Handgranaten zerfetzt worden, sondern haben sich zu Tode gesoffen. Oder Krebs bekommen.

 

Zum Buchladen von Bernhard Straßer: www.chiemgauseiten.de/buchladen

Ich weiß auch nicht, was mein Papa sich dabei gedacht hat, regelmäßig am Friedhof zu stehen, und am Schluss sagt der Pfarrer: „ ...und wir gedenken vor allem desjenigen unter uns, der als nächster dem Verstorbenen ins Himmelreich folgt“, und alle schauen verstohlen auf den Friedhofskies und jeder hat so seine Vermutung, wer das wohl sein wird.

Aber mein Papa war lange Zeit nicht derjenige. Und weil er so lange am Leben blieb, musste dieses Leben irgendwie mit Inhalt gefüllt werden. Klar, am Anfang denkst du nicht darüber nach, das Leben passiert einfach. Du bist verknallt, die Mutter hat was dagegen und so Sachen. Aber auf einmal bist du dreißig und hast dein halbes Leben als Schlosser verbracht und dir zwei Fingernägel weggefeilt, und der eine Kollege von der Werkbank wird auf einmal berühmter Musiker, der andere massiert Fußballstars. Da denkst du schon nach, auf einmal. Mein Papa, der das Leben ja durchschaut hatte, warf auf einmal hin. Er wusste, wenn das alles sowieso absurd ist, kann er ja, statt den ganzen Tag zu feilen, auch was anderes absurd sinnloses tun. Zum Bund gehen, zum Beispiel. Oder danach als Beamter auf Lebenszeit zur Polizei.

Das hat er auch genauso gemacht. Und mich auch.

Als Kind ist man ja sowas von stolz, wenn der Papa Uniform trägt und ein Polizeiauto fährt. Man ist aufgeregt, wenn er spät am Abend vom Dienst heimkommt. Aber mit dem Größerwerden durchschaut man dann selbst: Der ist gar kein Polizist, der tut nur so. Uniformiert sich jeden Tag, weil es das geringere Übel ist. Weil man ja irgendetwas tun muss, um Geld für die Familie zu verdienen. Weil man ein wenig mehr verdient als Polizist. Und ein wenig weniger Fingernägel verliert, als ein Schlosser. 

Die meiste Zeit seines Lebens allerdings ist mein Papa auf dem Rad herumgefahren. Zum Feilen, zum Bund, zur Polizeiwache. Meist alleine, später mit Kindern hinten drauf. Also mit mir. Das Radfahren war für ihn nicht annähernd so absurd wie der Dienst. Deshalb bin ich mir gar nicht so sicher, ob das Leben von meinem Papa vielleicht doch nicht absurd war.

Ich werde ihn nicht mehr fragen können.

Am 12. Februar 2012 flog der Google Earth Satellit über unsere Gegend. Die Bilder sind weiß und scharf.

Das Haus von meinem Vater ist klar zu erkennen. Das Auto steht nicht in der Einfahrt. Das Rad ist ebenfalls weg. Vermutlich im Auto, mit meinem Papa unterwegs. Es war der letzte Ausflug meines Vaters. Am nächsten Tag war er tot. Er hat sich in der Eiseskälte einen Riss in der Aorta zugezogen. Man soll halt nicht bei jedem Wetter Radfahren, besonders wenn man 68 ist. Das auslaufende Herz hat er einen ganzen Tag lang überlebt. Zum Arzt wollte er wegen so einer Lappalie natürlich nicht gehen.

Vielleicht ist er aber auch an einem Riss im Herzen gestorben. Weil nach Mamas Tod und nach den Beerdigungen seiner drei Brüder die Traurigkeit auch beim Radfahren nicht mehr wegging.

Ich konnte mich nicht von ihm verabschieden, geschweige denn fragen, wo er an diesem wunderschönen Wintertag eigentlich hingefahren war.

Seitdem ich von dem Google Earth Foto erfahren hatte, nutzte ich jede freie Minute, um ihn zu suchen. Ich saß in der Arbeit und suchte stundenlang das Satellitenbild der Straßen des Dorfes, des Landkreises, des gesamten Rupertiwinkel nach einer Spur von ihm ab.

Erst suchte ich nach Papas rotem Renault, der irgendwo am Straßenrand abgestellt sein musste. Irgendwo dort, wo es schön war, dort, wo er seine Radtouren startete.

Ich suchte aber auch nach einem Radfahrer im Schnee, von oben leicht zu erkennen an seiner roten Kappe. Dieser hässlichen roten Kappe, die er seit Mamas Tod immer getragen hatte. Sogar im Krankenhaus, als ihm das Herz versiegte.

Ich hatte panische Angst, dass das Foto gelöscht wird, ausgetauscht durch ein aktuelleres, grüneres, Satellitenbild.

Google hatte keinen meiner Briefe beantwortet. Also suchte ich weiter, solange es den weißen Fleck auf Google Earth noch gab.

Es hat nur wenige Wochen gedauert, bis ich das Auto auf dem Satellitenbild gefunden habe. Es stand einfach so da, auf einem Parkplatz neben einer Bahnunterführung. Gar nicht weit weg von dem Haus, in dem ich wohne. Was, zum Teufel, machte es dort?

Seitdem ich das Auto gefunden habe, suche ich umso fiebriger. Ich mache Überstunden, wenn ich nicht krank bin. Das Herz, sagt der Arzt.

Ich suche nach dem Radfahrer mit der roten Mütze, weit kann er nicht sein. Ich suche jeden Tag, jede freie Minute.

 

Ich weiß, das Leben ist absurd, ich weiß, dass mein Papa es wusste. Aber solange man noch einen Sinn in seinem Leben hat, ist es dann wirklich absurd? Ich suche weiter. 


Mehr GEschichten im Download-Bereich: