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Eine Kurzgeschichte über einen magischen Spaziergang durch einen geheimen Ort in Rom. Diese Geschichte war mein Beitrag zum FM4 Wortlaut - Kurzgeschichtenwettbewerb 2021. Das Thema war "Aussicht". Ich schrieb eine Geschichte über zwei Menschen, deren Aussicht nicht nur auf dem Spaziergang durch Rom stark begrenzt ist. 

Die ganze Geschichte als pdf zum Download und Ausdrucken findest du ganz unten oder im Downlaod-Bereich

Über die Straße zum großen Tor

Die Straße verengte sich zu einer schmalen Gasse, eingebettet in meterhohe Mauern. Wir gingen langsamer. Der Weg war gepflastert, die Mauern bestanden aus Ziegelsteinen zwischen denen Moos und Farne rankten. Die darüber liegenden Gärten waren nicht zu sehen, ich erahnte ihre Pracht nur anhand der Düfte und der Schwere der Eisengitter, die die schattigen Steintreppen nach oben versperrten. 

Ines blickte immer wieder nach oben und hielt Ausschau nach etwas Unbestimmtem. Die Gasse durch den Hohlweg ging etwa hundert Meter geradeaus, verschwand in einer leichten Kurve. Eine Krümmung der Straße, die sich mit uns mitzubewegen schien. Egal, wie tief wir in die ummauerte Straße hineinspazierten, konnten wir nur Steinpflaster und Ziegelmauer sehen und nicht, ob die Straße eigentlich dorthin führte, wo wir hin wollten. Bald waren wir so tief in die Straße hineingegangen, dass wir ganz umgeben waren von uraltem Stein. Das Pflaster war noch feucht vom letzten Regenschauer und es roch modrig nach frischem Kompost, während über uns die Vögel in den Gärten zwitscherten, diesen Gärten, die für Gäste wie uns mit Eisentoren verschlossen waren. Ich fragte Ines, was sie sich am Ende der Straße erwartete. Sie zuckte die Schultern. "Ein Tor", sagte sie und legte den Zeigefinger auf ihre Lippen. 

"Was für ein Tor?", fragte ich.

„Das in der Stadtmauer. Und einen Bogen“, sagte sie und hielt inne. "Ssh, hörst du das?"

"Ich sehe nichts. Was ist?"

"Vermutlich nichts." Wir gingen weiter.

Wir hatten nicht viel gesprochen, seitdem wir uns an der Metrostation getroffen hatten. Ines wollte nicht über die Dinge sprechen, die sie gerade beschäftigten. Und ich war noch von den letzten Wochen zu sehr zerrüttet, als dass ich noch zu irgendeiner Art Smalltalk fähig gewesen wäre. Ich wusste nicht, dass es Menschen gibt, die allein durch ihre Anwesenheit und die Dinge, die sie tun, und die Weise, wie sie schauen, und was sie nicht sagen, ihre Geschichte erzählen können. Und vor allem wusste ich nicht, dass auch ich einer von ihnen war. 

Zu behaupten, dass ich mich bei unserer ersten Begegnung ein wenig in sie verliebt hatte, entspräche nicht der Wahrheit. Nicht nach dem, was ich an dem Tag noch nicht, und was ich inzwischen von ihr weiß. Aber allein, dass sie hier bei mir war, und ich bei ihr, obwohl die Stadt voll war mit Menschen, die alleine reisten, oder nichts dagegen hatten, wenn sich allein Reisende wie sie, oder auch ich, anschlossen, zeigte, dass sie womöglich etwas ähnliches fühlte. Wobei das Fühlen nichtig war, wenn das, was andere Zukunft nannten,, ein undurchschaubarer Nebel war, wie bei ihr. Und wenn das, was andere Vergangenheit nannten, dunkel und kalt und so groß, dass man ahnt, nie wieder derselbe sein zu dürfen.

"Jetzt hör ich es auch", sagte ich, als das Widerhallen eines Motors entlang der Mauern immer lauter wurde. Wir schauten die schmale Straße hinab, sahen erst nichts, sprangen dann auf die Seite und pressten unsere Rücken gegen die Wand, Schulter an Schulter und lachten, als langsam ein Auto an uns vorbei fuhr. Dahinter noch eines, und noch eines und nach dem sechsten Auto war es wieder still. 

"Was war das denn?", fragte sie. 

"Das kam unerwartet. Ich dachte nicht, dass hier Autos fahren dürfen."

"Das Leben steckt voller Überraschungen", sagte sie. 

Ich nickte und dachte an alles, was die letzten Wochen passiert war.

Als es still blieb, wagten wir uns wieder in die Mitte der Gasse und setzten unseren Weg fort. "Hast du gewusst, dass diese Straße zweitausend Jahre alt ist?", fragte sie. 

Ich schüttelte den Kopf und stellte mir vor, wie wir hier vor zweitausend Jahren spazierten. Oder in zweitausend Jahren.

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Nach einer Weile wandelte sich die Straße. Die verschlossenen Treppen links und rechts führten nicht mehr zu Gärten hinauf, sondern zu Gruften. Jedenfalls stand es auf Schildern, die darauf hinwiesen. Hier ist die Gruft vom berühmten Feldherrn, der diesen und jenen besiegt hatte. Und dennoch gestorben war, dachte ich. 

"Haben wir irgendeine Aussicht, dass die Straße niemals aufhört?", fragte ich, weil mir die Worte fehlten, ihr zu sagen, wie schön es war, mit ihr hier zu sein.

"Vermutlich. Es heißt doch, alle Wege führten nach Rom. Dies gilt auch umgekehrt."

"Würden wir zu Hause ankommen, wenn wir einfach ewig dieser Straße folgten?" 

"Vermutlich“, sagte sie. 

"Ssht", machte sie unvermittelt erneut. "Sie kommen wieder." 

Wir schmiegten uns gegen das Mauerwerk und warteten. Wir warteten lange und hörten uns beim Atmen zu. "Hast du Angst vor dem Sterben?", fragte ich, als die Autos um die Kurve bogen. Eines, zwei. Diesmal waren es nur fünf. Als schwände der Rest der Welt, je weiter wir in die Vergangenheit dieser Stadt hinein wanderten. 

"Sie kommen also wieder", sagte sie. 

"Sie werden immer wieder kommen", sagte ich und nickte. 

"Wir haben nur wenig Zeit. Lass uns einfach da sein und zusammen schauen, wohin der Weg führt und nicht daran denken, dass bald die nächste Welle kommen wird“, sagte sie und rieb sich die Schläfen, als hätte sie Schmerzen.

Die Straße ging nun leicht bergab. Wir gingen wieder mitten auf dem Weg, lauschten in die Stille, die nur aus Vogelgezwitscher bestand und gingen auf die nächste Kurve zu. Diese gab die Sicht auf etwas gerade Strecke frei, die wieder hinter einer Biegung aus Ziegeln verschwand. Ich blieb kurz stehen und suchte nach ihren Augen. "Ich werde dich nicht danach fragen. Aber magst du mir sagen, ob du dein Zimmer für eine Woche gebucht hast, oder einen Monat, oder vielleicht sogar länger?"

Jetzt schaute sie mich auch an. Ihr Profil zeichnete sich schön ab hinter den Ziegeln, die auf der einen Seite rötlich in der Sonne leuchteten und auf der anderen von feuchtem grünen Moos und Farnen überzogen war. 

"Du möchtest ein Datum wissen?", fragte sie und neigte ihren Kopf. "Alle wollen immer ein Datum wissen. Ich wollte Anfangs auch ein Datum wissen. Eine Prognose, wie lange es sich lohnt, hier zu bleiben. Wann ich lieber dort sein sollte, wo ich hingehöre, aber nicht sein will. Aber die Wahrheit ist, dass jedes Enddatum Bullshit ist."

"Du hast also ein Zimmer, ohne Abreisedatum?“

"Du weißt, was ich meine. Aber da du fragst. Ich habe ein Zimmer, das ich Woche für Woche verlängern kann. Bis mir das Geld oder das andere ausgeht. Dann fahre ich wieder nach Hause. Ob im Zug, oder auf die andere Art, es ist mir auch egal."

"Sie kommen", sagte ich. 

"Wer?"

"Die Autos! Sie kommen wieder."

Wir drückten unsere Körper wieder gegen die Wand, während das Rauschen anschwoll. Als das erste Auto an uns vorbeisauste, viel zu schnell, ohne uns auch nur zu beachten, griff sie nach meiner Hand. Es waren nur vier Autos, die durch den Hohlweg rasten, alle vier viel zu schnell, als veranstalteten sie ein Rennen an einem Ort, an dem man nicht überholen kann. 

"Da!", sagte sie und ließ meine Hand los, die sie eben noch gehalten hatte. "Da geht ein Weg nach oben."

"Aber es ist doch schön hier unten."

"Bei dem irrsinnigen Verkehr? Glaub mir, wenn man Sterben könnte, wird Schönheit noch schöner. Aber man würde trotzdem gern darauf verzichten. Also lass uns rauf gehen."

"Bist du sicher? Wenn wir nur ein wenig weiterlaufen, sind wir da. Wir müssten wirklich gleich da sein."

Sie nickte. "Ich habe echt keine Lust, mich von einem dieser Raser gegen die Wand fahren zu lassen."

Ich schaute noch einmal nach vorne. Vielleicht war das Ende der Straße gleich hinter der nächsten Biegung. Vielleicht aber auch nicht. Der Aufgang nach links war real, war da. Er würde irgendwohin führen. "Ok", sagte ich. 

Die Stufen führten nicht in eine Gruft oder eine Grabanlage. Es war ein kleiner Park, oder ein Spielplatz. Entweder ein extrem schöner Spielplatz mit wenigen Spielgeräten, oder ein Park, in dem zufällig ein paar Spielgeräten aufgestellt waren. Es roch nach etwas Unbestimmtem. "Riechst du das?" 

Sie deutete auf eine dunkle Wolke am Himmel. "Es muss hier kurz zuvor geregnet haben. Hast du gewusst, dass dieser Geruch einen eigenen Namen hat? Petrichor." 

Ich breitete die Handflächen aus und schloss die Augen. "Es regnet immer noch." 

Ein Regentropfen berührte meine Hand, nur ein einziger sehr ein großer, der ein leises Geräusch beim Aufprall auf meiner Haut machte und als winziger Rinnsaal über die Lebenslinie meiner Hand hinunter rann.

"Das ist der schönste Geruch von allen", sagte sie. "Es riecht so, als würden alle Düfte dieser Welt in einen einzigen Geruch vermengt. Es riecht gleichzeitig nach Frühling und Herbst."

Das trommelnde Rauschen der Regentropfen schwoll kurz an, dann verstummte es wieder. Ines hielt nach etwas Ausschau. 

"Was suchst du?"

"Na was wohl? Die Sonne scheint und wir stehen im Regen!"

Wir ließen unseren Blick gemeinsam über den Himmel schweifen. Aber die Sicht war begrenzt von den Pinien und den Ziegeldächern. 

"Ach, wären wir jetzt doch auf einem der sieben Hügel", murmelte sie. 

"Warum ist es dir so wichtig, einen Regenbogen zu sehen?"

"Ist es gar nicht. Nicht wichtiger, als dieses Tor und der Bogen, den ich suche. Ich bedaure nur, dass wir keine Sicht auf etwas haben, das definitiv da ist."

"Vielleicht ist ja gar kein Regenbogen zu sehen!"

"Was hattest du in Physik?"

Ich folgte ihr auf der anderen Seite des Parks eine Treppe hinab. Sie mündete in einer der vielbefahrenen Straßen und das Vogelgezwitscher verwandelte sich in brausenden Verkehrslärm. 

"Macht es das Leben nicht schwierig, sich nach Dingen zu sehnen, die nicht da sind?"

Sie schüttelte den Kopf. "Aber genau das ist es ja. Ich weiß, dass ich vom Leben nicht viel erwarten kann. Aber ich erwarte, verdammt noch Mal, dass es mir das gibt, was mir zusteht. Wie einen Regenbogen, wenn bei fucking Regen die Sonne scheint!"

"Da schau!", ich deutete nach oben. 

"Siehst du einen?" 

"Nein, aber das andere, das du sehen wolltest. Die Stadtmauer!"

"Tatsächlich, die Stadtmauer", sagte sie und blickte zur riesigen Mauer hinauf. "Wir waren die ganze Zeit buchstäblich darauf und haben nach Regenbogen Ausschau gehalten." 

"Dann muss dieses Tor und der Bogen auch in der Nähe sein." 

Wir begannen, die Straße hinab zu laufen. Es hatte längst wieder zu regnen aufgehört, aber es roch noch mehr nach Petrichor, als noch oben im Park. 

"Da, ich sehe es."

"Ist das das Tor oder der Bogen?"

"Ist das nicht egal? Es ist wunderschön." Wir rannten vor das riesige Tor. 

"Und es sind keine Menschen hier!", sagte ich. 

"Wie im Lonely-Planet versprochen."

"Möchtest du ein Foto von mir machen?", fragte sie und drückte mir ihr Smartphone in die Hand. "Vor dem Tor."

"Was ist dir eigentlich an dem Tor so wichtig? Es ist wohl die ungefähr unbekannteste Sehenswürdigkeit der ganzen Stadt."

"Eben. Die ganzen anderen Ruinen kann jeder toll finden. Aber diese hier ist nur für uns. Schau, wir sind die einzigen Menschen weit und breit. Ohne uns wäre das Tor gar keine Sehenswürdigkeit, sondern nur ein Haufen Ziegel. Wir sind wichtig für das Tor. So wie es für uns wichtig ist. Und jetzt drück schon ab."

Ich schaute sie durch das Handy an. Sie posierte vor dem Tor und lächelte in die Kamera. Sie sah ganz und gar gesund und heiter aus. Sie strahlte richtig. Ich drückte einmal auf den Knopf, weil es bereits perfekt war. Tat aber so, dass ich noch auf einen besseren Moment wartete und schaute sie dabei an. Sie lächelte weiter. 

"Gut so?", fragte sie und ich zögerte den Moment lange hinaus, bis ich "Ja!" sagte und noch einmal ein Foto machte. 

Der Moment war lange genug, dass ich mir jede Einzelheit einprägte. Dieses T-Shirt mit dem Schriftzug "Ad Astra per Aspera", ihre schwarzen Haare, die ihr beiläufig über die Schultern hingen, dieses hohlwangige Gesicht, von dem man schwer sagen konnte, ob es von Natur aus so schön war, oder auch sie vorher ein rundes Gesicht gehabt hatte, wie die meisten Mädchen.

"Was schaust du so? Ist es nichts geworden?", fragte sie und sagte: "Bitte schau mich nicht so an. Du schaust so, wie wir vereinbart haben, dass du nicht schauen sollst."

"Ich schau gar nicht. Außerdem haben wir gar nichts vereinbart."

"Du weißt, was ich meine. Nun komm schon, ich will den Bogen sehen."

Ich schaute sie noch kurz an. "Da ist aber kein Bogen", sagte ich. 

"Doch!", sie zog mich an der Hand über die Straße. "Du kannst ihn nicht sehen, aber er ist da."

"Wie der Regenbogen?"

"Da! Dort ist er ja!" 

Durch das Tor hindurch war auf der anderen Seite ein kleineres Tor zu sehen. 

"Warum bauen die hinter das riesige Tor noch ein kleines Tor?"

"Das ist kein Tor, das ist ein Bogen."

"Ist das nicht egal?"

Sie schüttelte den Kopf und nahm meine Hand. Wir standen im großen Tor und schauten zum kleinen Bogen hinüber. 

"Eigentlich ein schöner Gedanke, dass hinter etwas Schönem immer etwas anderes Schönes stehen muss. Vielleicht kleiner, weniger eindrucksvoll, aber immer noch ähnlich schön wie das ganz schöne. So wie bei einem Regenbogen." 

Sie zog mich unter den kleinen Torbogen und wir drehten uns um. Nun schauten wir auf das große Tor hinauf. Als das Vogelgezwitscher immer lauter wurde, merkte ich, dass sie wieder so still wie am Anfang unseres Spaziergangs geworden war. Sie ließ meine Hand los und wischte sich etwas aus dem Gesicht. 

"Was ist los?", fragte ich. 

"Ach, nichts." 

"Sag schon, was hast du?"

"Kennst du dieses Gefühl, wenn du dich lange Zeit auf etwas freust. Und du freust dich so sehr darauf, dass du die ganze Zeit dieses großartige Gefühl der Vorfreude hast. Und auf einmal tritt das Ereignis ein und es ist vorbei und du merkst, dass es nun gar nichts mehr gibt, auf das du dich noch freuen kannst?"

Mir fehlte der Mut, ihr eine Antwort zu geben. 

Sie fasste sich an den Kopf. "Mir ist ein bisschen schwindelig", sagte sie und setzte sich unter dem kleinen Bogen auf das Steinpflaster. "Es geht sicher gleich wieder", sagte sie. 

"Es geht sicher gleich wieder."

 

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Bernhard Strasser - Über die Straße zum
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