Schlacht um Kasse 4

Eine lustige Geschichte, die im Schreibkurs von Arwed Vogel entstanden ist. Zum Thema "Action-Szene" habe ich versucht, eine Situation lähmenden Stillstands mit einer Prise Action zu würzen. Ob ich künftig als Supermarkt-Action-Autor Karriere mache? Entscheidet selbst:

Sofort wusste ich, dass es ein Fehler war, als ich meinen Einkaufswagen durch die Eingangsschleuse des Edeka-Marktes schob, die sich automatisch hinter mir schloss. Noch mehr Menschen, als es an einem Samstagmittag üblich war, schoben ihre Einkaufswägen eilig links und rechts an mir vorbei. Ich überholte sie und sah bereits von weitem, dass sich drei kilometerlange Schlagen hinter den Kassen bildeten. Noch schneller statt langsamer werdend kurvte ich den Einkaufswagen Richtung Kühlregale, wo ich sogleich eine Wand eisiger Luft durchstoß. Mit einem Handgriff warf ich die eine Packung veganer Wurst, die es nur bei Edeka gab, in den Einkaufswagen und hetzte, eine 180 Grad Kurve vollziehend, Richtung Kassenbereich, umkurvte ein Rentnerpaar, das ihren Einkaufswagen so quergelegt hatte, dass ich die hohle Einkaufsgasse nicht ohne ein leichtes Touchieren unserer beider Wägen vonstatten brachte. 

„He!“, hörte ich die Dame rufen, da war ich schon längst hinter den Hygieneartikeln verschwunden und positionierte mich in der mittleren der beiden Schlagen. 

Erst wartete ich geduldig, dann immer eiliger und beobachtete, wie weit vor mir Produkt um Produkt der proppevollen Einkaufswagen auf das Band gewuchtet wurden und in lähmender Langsamkeit auf die bedächtig-achtsam arbeitenden Hände der Kassiererin zufuhren. Der Schweiß der Wartenden stand stickig in der Luft, eine Mischung aus Stressausdünstungen und unterdrückten Wutemotionen. Selbst von hinten konnte man die schwelende Aggression der Kunden erkennen, die noch länger warteten als ich, während das rettende Ende der Kasse ähnlich weit entfernt blieb. Während sich abwechselnd in jeder der drei Schlangen mal hinten, mal vorne unterdrückte Schreie in lautes Stöhnen entluden, scherte neben mir ein altes Ehepaar, das jenem von vorhin zum Verwechseln ähnlich sah, etwas vor mir zwischen beiden Schlagen ein. Sofort nutzte es die erste Lücke und fädelte sich vor meinem Vordermann ein, besser gesagt, meiner schwangeren Vorderfrau. Blicke kreuzten sich, die Temperatur im gesamten Supermarkt fiel auf Grade unterhalb der der Tiefkühlabteilung. Der Pensionist drängte meinen Vordermann mit einem angriffslustigen Blick so weit zurück, dass er sich endgültig seinen Platz in der Schlange sicherte. 

„Sie können sich doch nicht…“, stotterte die schwangere Frau. 

„Das ist mein Platz!“, schnauzte der Rentner sie an. „Sie haben sich vorgedrängt. Und der Bengel vor ihnen ihnen auch!“ 

„Aber das stimmt doch gar…“, entgegnete die sichtlich erschöpfte Frau und verstummte, da sich der Blick des Rentners starr auf die weit entfernte Kasse richtete. Noch ehe ich einen Protest formulierte, bat mich eine Frau in Edeka-Kleidung, sie vorbeizulassen. 

„Ich öffne Kasse 4“, sagte sie leise genug, dass nur ich und die schwangere Frau es hören konnte. Noch während sie sich Kasse 4 näherte, scherte die schwangere Frau langsam aus, um sich den vordersten Platz an der Kasse zu sichern. Das Rentnerpaar reagierte seinerseits blitzschnell, machte Anstalten, die Schwangere rechts zu überholen, doch da rammte ihr Einkaufswagen gegen meinen. Diesmal wesentlich härter als zuvor. 

„He!“, schrie das Paar unisono und versuchte, meinen Wagen beiseite zu schieben. 

Metall klirrte aufeinander wie in einem Fechtkampf. Ächzend hielt ich den Attacken des Wagens stand. In lähmender Langsamkeit näherte sich die Schwangere Schritt für Schritt der rettenden Kassenbucht. Noch bevor sie in Reichweite des rettenden Warentrenners kam, schaltete das Rentnerpaar auf Gegenangriff um. Sie teilten sich auf, sie griff nach meinem Einnkaufswagen und drehte ihn zur Seite, während er mit seinem Wagen an mir vorüberhuschte. Kurz bevor er die Schwangere eingeholt hatte, griff ich zur letzten Waffe, die mir noch zur Verfügung stand. Ich nahm die vegane Wurst und schleuderte sie mit voller Wucht auf den Rentner und traf ihn mit voller Wucht auf der Brille, die in hohem Bogen durch den Edeka flog. Im Tumult der schreienden Rentnerstimmen und des Applauses und der Jubelstimmen, die hinter mir aufbrandeten, sah ich gerade noch, wie die schwangere Frau ihre Waren auf das Band legte und sich hinter ihr die Schlange langsam füllte. Da es buchstäblich nichts mehr gab, was ich noch hätte bezahlen können, schlich ich mich im Schutz von Kasse Eins an den Menschen vorbei und ging unverrichteter Dinge, aber glücklich nach Hause.

 

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Schlacht um Kasse 4
Eine lustige Geschichte, die im Schreibkurs von Arwed Vogel entstanden ist. Zum Thema "Action-Szene" habe ich versucht, eine Situation lähmenden Stillstands mit einer Prise Action zu würzen. Ob ich künftig als Supermarkt-Action-Autor Karriere mache? Entscheidet selbst:
Bernhard Strasser - Schlacht um Kasse 4.
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