Die Gruselgeschichte vom Finstermann

Eine deutsche Urban Legend

Der Finstermann von Kirchanschöring

 

Die spannendsten Gruselgeschichten spielen natürlich in einem Wald. Aber nur wenige von ihnen beruhen auf einer wahren Begebenheit. Die unheimliche Geschichte, die sich vor über zwanzig Jahren im "Finsterwald" genannten Wald bei Kirchanschöring zugetragen hat, ist heute eine der ältesten Urban Legends aus Deutschland. Sie spielt in einem finsteren Waldstück zwischen der Bannmühle und Neunteufeln. Sie ist bis heute nicht vergessen. Was damals schaurige Realität war, ist heute längst Legende: Die Geschichte vom Finstermann von Kirchanschöring - Grusel im Wald!

Dort, wo der Wald beginnt, liegen wieder Kerzenstummel am Straßenrand. Etwas ist anders. Eine der Kerzen, wenn auch fast abgebrannt, flackert noch und taucht den Stamm der ersten, sich dort hoch auftürmenden Bäume, in fahles Licht. Der Vollmond scheint silbern vom Dorf her, aber sein Licht dringt nicht weit in den Wald hinein, den man nicht umsonst Finsterwald nennt. Ich zögere, und Caro schaut mich unsicher an, sie schüttelt den Kopf.

Es ist auf den Tag sieben Jahre her, seitdem der Finstermann ein erstes Mal gesehen wurde. Martin hieß der Junge. Ein stämmiger Bursche, dem nichts Angst einjagte. Bis zu dieser Nacht jedenfalls. Es war gar nicht so ungewöhnlich, damals, durch den Wald zu laufen. Auch nicht mitten in der Nacht. Kirchanschöring war ein verschlafenes Nest, in dem seit dem Krieg nichts aufregendes mehr passiert war. In derselben Nacht fand man ihn schweißgebadet vor dem Elternhaus seiner Freundin, heulend, mit den Zähnen klappernd. Keine Stunde war er weggewesen, jetzt lag er zusammengekauert vor der Türe, zitterte am ganzen Leib und stammelte etwas von einem Finstermann. Im Krankenhaus musste er mit starken Medikamenten ruhig gestellt werden und erst Tage erfuhr man, was ihm in der Nacht passiert war. Erst glaubte ihm niemand, weil er so einen Rausch gehabt hat. Aber im selben Sommer tauchte das Wesen wieder auf. Erst sah ihn der Sepp, danach der Alois. Und dann wagte sich keiner mehr nachts durch den Wald. Alle drei waren sich darüber einig, dass der Finstermann groß ist. Mindestens zwei Meter. Pechschwarz, von oben bis unten. Und dort, wo bei Menschen wie uns das Gesicht ist, loderten beim Finstermann einzig zwei glühend rote Augen aus fleischig faulem Schwarz.

Einen Sommer lang verbreitete der Finstermann Angst und Schrecken. Dann verschwand dieses Wesen wieder, ebenso schnell, wie es aufgetaucht war. Und an seiner Stelle tauchten die Kerzenstummel und die Kapuzenmänner auf.

„Ben, denkst du, sie sind noch in der Nähe?", fragt Caro. Sie denkt dasselbe wie ich. „Ich gehe keinen Schritt weiter. Und schon gar nicht in den Wald, das sag ich dir.“

Ein Kauz heult seinen unheilvollen Warnruf aus und sofort habe ich eine Gänsehaut. Caro hat recht. Es war dumm, überhaupt hierher zu kommen. Was haben wir uns eigentlich dabei gedacht?

Bald hatten sie im Dorf größere Angst vor den Kapuzenmenschen, als vor dem Finstermann selbst. Jeden Sommer fand man Kerzenstummel am Straßenrand und im Wald. Stand man zwischen Mitternacht und Morgengrauen am Hipflhamer Berg und sah hinunter auf den Finsterwald, konnte man durch die Bäume hindurch manchmal die Prozession sehen. Niemand wusste, wie viele es waren. Die einen sagten, das sind Satanisten. Andere hielten sie für Anbeter des Finstermanns. Ich fragte mich oft, ob diese Kapuzenmenschen der Grund waren, dass der Finstermann sich verborgen hielt. Ob sie ihm opferten, oder ihn herauf beschworen. Vielleicht hatten sie nur Gutes im Sinne. Aber die blutigen Köpfe der Hasen, die man im Garten vom Breitwieser fand, sprachen eine andere Sprache. Einmal lag sogar eine verkohlte schwarze Katze mit aufgeschlitztem Bauch auf der Straße. Das Herz des Tieres fand man nicht.

„Hast du das gehört?“, fragt Caro. Ich lausche in die Stille. Tief drinnen im Wald hört man Äste knacken und der Wind treibt mit dem Rauschen des Waldes ein Geräusch heraus, das sich wie ein langgezogenem „Ohm“ anhört.

„Ich bleibe hier keine Sekunde länger. Lass uns zurück radeln“, sagt sie und ihre tiefe Stimme klingt ungewohnt aufgeregt, fast schrill.

Ein Lichtkegel erhellt die Bäume und wir drehen uns beide nach dem Auto um. Caro sagt nichts mehr. Sie ist genauso erschrocken wie ich. Niemand fährt um diese Uhrzeit durch den Finsterwald. Vielleicht ein Urlauber. Das Auto bremst ab. Wir halten uns die Hand vors Gesicht und blinzeln in das aufgeblendete Scheinwerferlicht. Das ist nicht gut, schießt es mir durch den Kopf, das ist gar nicht gut. Ich spüre Caros Hand an meinen Arm, was schön ist, würde ich mir nicht vor Angst beinahe in die Hosen machen...

Dann höre ich das dreckigste Lachen, das man sich nur vorstellen kann. Stefan. Der Arsch. Er schaltet auf Abblendlicht und man sieht Nachtinsekten durch die Luft flirren und seinen Mittelfinger aus dem Fenster wedeln.

Es war ja klar, dass er uns folgt. Er war auch mit am Grillplatz gewesen, als wir über den Jahrestag sprachen. Und ich habe absichtlich noch gewartet, bis er zum pissen hinter die Büsche musste, bevor ich mit Caro losradelte. Mir war es sowas von klar, dass er Caro nicht mit einem anderen Jungen in der Dunkelheit allein lassen würde. Trotzdem bin ich enttäuscht. Und wütend, dass ich nicht mutig war, die kurze Zeit mit ihr allein zu nutzen.

Das Innenlicht geht an und die Tür öffnet sich. „Was macht ihr denn hier draußen?", fragt er scheinheilig. „Ihr Kameradenschweine habt euch gar nicht von mir verabschiedet.“

„Verpiss dich, Freiberger!“, zischt Caro mit scharfer Stimme und ich muss grinsen. „Das hier ist viel zu gefährlich für dich!“

Stefan lacht und klopft auf die Motorhaube. „Hey, kleines Prinzeschen, du willst doch die Kavallerie nicht schon vertreiben, bevor es überhaupt brenzlig geworden ist?"

„Was meinst du damit?“, frage ich. Die Situation wird mir immer unangenehmer.

„Na, ihr wolltet doch da rein.“ Er deutet auf den Wald. „Nur Selbstmörder und todeshungrige Satanisten würden um Mitternacht mit dem Rad da rein. Aber ich habe ein Auto. Und ihr wollt ja vor den anderen nicht wie Feiglinge dastehen und den Schwanz einziehen?"

Ich könnte ihm eine reinhauen. Die anderen wissen genau so gut wie er, dass der Finsterwald nur ein Vorwand war, um mit Caro allein zu sein. Aber jetzt ist sowieso alles im Eimer. Und das schlimmste ist, das wird ganz schnell klar, dass Caro Feuer und Flamme ist. „Ja, lass uns durch den Wald fahren. Was soll uns im Auto schon passieren? Das wäre doch echt abgefahren, wenn wir was sehen würden!"

Mir ist auf einmal unendlich schlecht und ich bereue es, auf diese bescheuerte Idee, hierherzufahren, gekommen zu sein. Ich will nur noch zurück zum Grillplatz und zu meiner angebrochenen Flasche Bier und hätte gerne eine Zeitmaschine, um die wenigen Minuten mit Caro zu nutzen und ihr endlich, naja, das eine halt, zu sagen.

Aber sie nimmt mich gar nicht mehr wahr und springt auf die Rücksitzbank von Stefans kleinem Wagen.

Er grinst mich mit glasigen Augen an und flüstert: „Sorry, Kumpel. Manchmal verliert man halt. Und manchmal gewinnen die anderen."

Ich setze mich auf den Beifahrersitz und er bietet mir seine so gut wie leere Flasche Bier an. Ich schüttle den Kopf und suche nach Caros Augen im Rückspiegel.

„Los geht's!", ruft sie mit einer Begeisterung, die mich an den Geschichtsunterricht und die Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg erinnert. Der Freiberger stimmt schreiend mit ein: „Und wenn der beschissene Finstermann auf der Straße steht, dann bretter ich einfach über ihn drüber!"

Der Motor dröhnt auf, Stefan mach einen Kickstart, Reifen quietschen und es riecht nach verbranntem Gummi. Aus dem Kassettenrekorder dröhnt „No selfesteem“ von Offspring. Genau so fühle ich mich.

Nach wenigen Metern bremst er plötzlich ab und fährt im Schritttempo durch den Finsterwald.

Bald ist die Welt um uns herum schwarz und vor uns zeichnet sich in tausend Grautönen der Wald im unheimlichen Licht der Scheinwerfer ab.

Mitten auf der Straße liegen weitere Kerzenstummel und es macht ein knirschendes Geräusch, als wir darüber fahren. „Das ist gruselig", höre ich Caro auf dem Rücksitz sagen. „Kannst du nicht schneller fahren?"

Stefan grinst mit seinen schiefen Zähnen. Er dreht sich fast mit seinem ganzen Oberkörper zu ihr um und starrt sie konzentriert an, als wäre er gerade beim Rückwärtsfahren bei der Führerscheinprüfung. „Also ich find's romantisch", sagt er und fährt gefühlte zwei Stunden weiter, ohne auf die Straße zu schauen, ehe er sich wieder auf vorne konzentriert. Es ist auf einmal ganz leise im Auto. Man hört eine Stecknadel fallen. Dann schauen wir instinktiv alle drei gleichzeitig auf die große Fichte, deren gesamter unterer Stamm mit einer dicken Wachsschicht bedeckt ist. Zahllose Kerzen liegen davor herum, als sei erst kürzlich Lady Di dagegen gekracht. Stefan fährt, was eigentlich kaum möglich ist, noch langsamer. Mit unheimlicher Porno-Gruselstimme sagt er feierlich: „Hier war es. Hier hat vor genau sieben Jahren der Finstermann ein erstes Mal zugeschlagen. Der Martin hat mir mal die Stelle gezeigt. Ja, genau dort war es."

Der Baum sieht wirklich gruselig aus und mir kommt auf einmal der Gedanke, dass auch die Kapuzenmännchen heute Jubiläum feiern könnten und der ganze Wald sicher voll von Satanisten ist. Sofort bekomme ich einen eisigen Schüttelfrost, als ob ich in der Unterhose durch den Schnee laufe und meine Hände beginnen zu zittern.

„Fahr weiter!", sage ich, etwas lauter als gewollt. „Da macht sich einer wohl gleich in die Hosen?" Das Auto bleibt natürlich mit einem Ruck stehen und er schaltet das Licht aus.

Ich reiße mich zusammen. Caro soll nicht merken, dass mein Herz, von dem ich ihr eigentlich beichten wollte, irgendwo in meine Hose gerutscht ist.

„Ich hab keine Angst, Freiberger", sage ich barsch. Und weiß sofort, dass das ein schlimmer Fehler war.

„Mutprobe", murmelt er kühl, beschleunigt und biegt plötzlich unvermittelt nach rechts in einen Feldweg ab. „Der Psycho“, denke ich noch.

Äste peitschen gegen die Fenster und das Auto schaukelt wild hin und her. Wir fahren mitten in den Wald hinein. Da ist nichts mehr außer dichtes Gehölz und die Nacht. Und vielleicht der Finstermann und einige Satansanbeter. Also kein Grund zur Beunruhigung.

Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Vor wichtigen Schulaufgaben neige ich dazu, zu hyperventilieren. Es ist schlimm genug, dass ich dem Freiberger die Steilvorlage gegeben habe, mir eins auszuwischen. Aber, dass Caro mich als ängstlichen Feigling sieht, zieht mir echt den Stecker. Ich konzentriere mich darauf, dass weder die Polizei, noch die Presse auch nur den kleinsten Hinweis auf die Existenz des Finstermannes gefunden haben. Und auch der tödliche Unfall eines Schülers hier im Wald war auf Alkohol am Steuer und nicht auf höhere Gewalt zurückzuführen. Es gibt also keinen Grund, Angst zu haben, wenn man keine Angst im Dunkeln hat.

Habe ich aber. Stefan bremst abrupt ab. Er schaut mich herausfordernd an. „Wenn du aussteigst, einmal um das Auto läufst und wieder einsteigst, werde ich dich nie wieder einen Feigling nennen."

„Ich geh da nicht raus!" Ich könnte kotzen. Und wenn nicht gleich ein Wunder passiert, tu ich es auch

„Jetzt komm schon, FEIGLING! Nur ein paar Meter. Ist doch nichts dabei!"

Caro beugt ihren Kopf nach vorne. Ich kann ihre duftenden Haare riechen. „Mach es einfach. Wird schon kein Finstermann aus dem Gebüsch hüpfen. Du weißt genau so gut wie ich, dass der Freiberger erst lockerlässt, wenn du es getan hast. Ben, ich bin todmüde und will heim. Echt."

„Einmal ums Auto?", frage ich. Das hört sich nicht zwingend lebensbedrohlich an und ich bin ein wenig erleichtert.

„"Ok, ich mach’s."

„Na bitte." Stefan grinst dämlich und bleckt die zigarettengelben Zähne.

Ich steige aus. Es ist totenstill und vom Bach her, der nicht weit sein kann, weht ein eisiger Luftzug. Es riecht ganz intensiv nach Moos und modrigem Holz. Einmal uns Auto.

Plötzlich geht das Licht aus und es ist stockdunkel.

 

 

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Der Finstermann von Kirchanschöring
Eine unheimliche Geschichte nach der urban legend des Finstermann von Kirchanschöring
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Weitere Bücher aus und über Kirchanschöring:

Bernhard Straßer und Axel Effner im Finsterwald
(c) Axel Effner

Ein weiterer Bericht mit Details zum Finstermann ist hier zu finden:

Bericht aus der Rupertiwinkler Rundschau

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