Kurzgeschichte über einen jungen Mann, der zwar als Maler zu den talentiertesten Künstlern Münchens gehört, aber innerlich zerrissen ist. Nachdem sich seine Freundin Adele von ihm trennt, kann ihn nur noch sein Freund Benedict retten.

"Diese Kurzgeschichte habe ich nach einem inspirierenden Wochenende in München geschrieben. Bei Besuchen im Lenbach-Haus und einem Nachmittag in den Münchner Szenevierteln mit dem talentiertesten Münchner Jung-Schriftsteller und, vor allem, unter dem Eindruck des Freddy-Mercury-Films "Bohemian Rhapsody", der teils in München spielt, entstand diese dramatische Kurzgeschichte über die Münchner Kunstszene." 

Auf der anderen Seite der Linie

Ich hörte der Predigt meiner Mutter gar nicht zu und starrte auf die Schüssel überreifer Erdbeeren auf dem Tisch. Es war das übliche Blabla. Ich solle endlich mein Leben in den Griff kriegen, sollte mein Studium endlich fertig machen, weniger um die Häuser ziehen und endlich aufhören zu träumen, ich sei ein berühmter Maler. Es war eine alte Diskussion, das Hin und Her der Argumente seit Jahren choreographiert, mit wechselndem Ausgang. Manchmal lief alles darauf hinaus, dass ich Adele heiraten sollte. Adele war sowas wie mein roter Knopf. Mama drückte ihn selten, aber sie drückte ihn. „Warum heiratet ihr eigentlich nicht?“

Danach Geschrei. Beleidigungen, die man schwer wieder zurücknehmen kann. Tränen.

Im Zug zurück nach München schämte ich mich. Mehrere WhatsApp mit Entschuldigungen. Versprechungen, das Studium innerhalb des kommenden Jahres abzuschließen und mir einen Job als Designer zu suchen. Ich sah mich mehr als Maler. Also als richtiger Maler. Acryl und so. Aber mit dem Zeichnen am Tablet konnte man Familien ernähren. Und Eltern befriedigen.

Ich fuhr vom Hauptbahnhof direkt weiter ins Mariandl, um Benedict zu treffen. Er war mir bei meinen besten Werken Modell gestanden. Was daran liegt, dass er nicht nur sehr gut aussieht, sondern auch einen überwältigenden Kunstverstand hat. Benedict hatte früher selber gemalt. Besser als ich es jemals könnte. Unter seinen kritischen Augen gelang es mir halbwegs, diese Kunst herzustellen, die ich von mir selbst erwartete. 

„Stress zu Hause?“, fragte er, als wir in unseren Verlängerten rührten.

„Das Übliche“, sagte ich. 

„Warum tust du dir das überhaupt an?“

„Weil es meine Familie ist.“

Benedict schüttelte den Kopf. „Es ist dein Leben. Und entweder die Familie akzeptiert das, oder nicht.“

Wir sahen uns lange an.

Ich schrieb Adele eine Nachricht, dass ich wieder in der Stadt sei und fragte, ob sie morgen Zeit habe. Wir verabredeten uns für den Abend. 

 


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Benedict kam noch mit in meine Wohnung in der Fraunhofer Straße und ich zeigte ihm das Bild, an dem ich gerade arbeitete. 

„Das ist die Schnee-Szene aus dem Zauberberg“, erklärte ich. 

Das Bild war überwiegend weiß belassen. Nur in der linken oberen und rechten unteren Ecke waren in winziger Detailstudie Hans Castorp's Traumvisionen dargestellt. Ich drückte Benedict eine Lupe in die Hand, damit er die Miniaturen besser erkennen konnte. Eine paradiesische Darstellung selig nebeneinander lebender Menschen Links oben. Und ineinander verschlungene Leiber, die sich gegenseitig auffraßen rechts unten. 

„Das ist aber nicht gemalt!“, sagte Benedict. 

„Natürlich. Niemand kann so winzig malen. Ich habe es relativ klein auf Leinwand gemalt, abfotografiert und mit einem Präzisionsdrucker so klein wie möglich ausgedruckt.“

Benedict senkte die Lupe. „Die Idee ist großartig“, sagte er. „Aber die Umsetzung ist...“ Er suchte ein Wort. „Langweilig“, sagte er.

„Ich würde es gelten lassen, wenn du, statt die Fitzel anzukleben, das ganze Ding durch einen Plotter schickst.“

„Aber es ist einfacher, die einzelnen Bilder einfach hinzukleben. Plotten ist so gut wie unmöglich.“

„Kunst ist nie einfach“, sagte Benedict. 

In der Nacht stand ich auf, riss das Bild von der Staffelei und warf es auf den Müll.

Am nächsten Tag in der Uni wurde ich von einem Headhunter angesprochen. Er schwafelte davon, für Münchens heißeste Agentur zu arbeiten und versprach glänzende Zukunftsaussichten und das große Geld. Ich nahm seine Visitenkarte entgegen, versprach, ihn auf LinkedIn zu folgen und schmiss die Visitenkarte in den nächsten Mistkübel.

Abends traf ich mich mit Adele in ihrem Lieblings-Griechen. Ich hatte schon zu Hause eine knappe Flasche Wein geleert, weil ich bei meinem Bild nicht recht weiterkam. Wir tranken Rotwein, stocherten in der Moussaka und ich wich ihren Blicken aus. 

„Wir sind seit fünf Jahren zusammen“, sagte sie. „Findest du nicht, dass jetzt etwas passieren müsste?“ 

Sie reagierte nicht auf mein Schweigen. „Was hast du eigentlich vor? Ich meine, ich habe dich längst eingeholt, bin seit einem Jahr fertig mit Studium und du? Du wartest immer noch darauf, dass du als Maler entdeckt wirst.“

Adele sah, wie immer, fantastisch aus. Ich mochte sie wegen ihrer weiblichen Formen. Der Grund, warum ich mit ihr zusammen war, waren jedoch ihre Augen. Diese führten ein Eigenleben. Sie konnten leidenschaftlich glühen, vor überwältigender Trauer flackern und physischen Schmerz zufügend strafen. Immer wieder hatte ich versucht, diesen Blick zu malen. Gerade lag eine Melange aus Verachtung und Hoffnung in ihrem Blick. 

„Ich kann nicht“, sagte ich tonlos.

„Wie, du kannst nicht?“ Ihre Augen waren jetzt ein angeschossenes Raubtier, kurz vor dem Angriff. „Du kannst, oder du willst nicht? Was willst du überhaupt?“ Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Einige Gäste reckten die Köpfe nach uns.

„Ich habe diese Wohnung nicht zum Spaß gekauft. Du musst dich entscheiden, ob du mit mir dort wohnen, oder ob du für immer in deinem Junggesellenatelier versauern willst. Ohne mich.“

Ich starrte das zerstochene, zerfließende Moussaka auf meinem Teller an. 

„Ich kann nicht“, sagte ich.

„Aber wieso nicht?“

Ich schwieg. 

Adeles Blick kippte von Wut in Enttäuschung. Und verlosch schließlich ganz.

„Du bist so ein Arschloch“, murmelte sie. 

Hektisch sprang sie auf und griff nach ihrem Mantel. Dabei warf sie ihr Glas um. Der Rotwein breitete sich langsam über den Holztisch aus. 

„Du bist so ein Arschloch!“, sagte sie noch einmal so leise, dass ich nicht sicher war, ob sie etwas anderes gesagt hatte.

„Ich liebe dich“, dachte ich.

Ich lief durch das Viertel zu Benedicts Wohnung. Es hatte zu schneien begonnen. Dichte, dicke Schneeflocken, die im Licht der Straßenlaternen silbern leuchteten. Mir war kalt. Benedict wohnte im obersten Stock eines Altbaus. Der Türöffner summte und ich stieg die fünf Stockwerke nach oben. 

„Ist es passiert?“, fragte er als erstes. Ich nickte. Er bat mich herein.

In seinem Wohnzimmer hingen drei der großflächigen Bilder, die ich von ihm gemalt hatte. Sie passten nicht zum Rest der Möblierung, aber es beruhigte mich, etwas Vertrautes in seiner Wohnung zu sehen.

„Warte, ich zieh mich noch an, dann gehen wir in eine Kneipe runter“, sagte er. 

Benedict kannte die Bars und Kneipen im Viertel besser als ich. Die Kellner und Bardamen kannten ihn. Wir setzten uns und wurden sofort bedient. Benedict bestellte Gin-Tonic. Ich hatte eine regelrechte Abscheu vor Gurken, aber ich trank, was alle tranken. 

„Hast du gewusst, dass der Besitzer hier mit Freddy Mercury, dem Mooshammer und dem Papst gebumst hat?“, fragte er und warf mir einen provozierenden Blick zu.

Ich schaute ihn verblüfft an. „Das glaube ich nicht“, sagte ich.

Benedict musterte mich. „Du kannst es nicht glauben, weil du immer noch so katholisch bist wie deine Mutter.“

Ich schüttelte energisch den Kopf.

„Meine Skepsis bezog sich nicht auf das mit dem Papst“, behauptete ich. 

„Das glaube ich dir nicht. Die Geschichte übersteigt den Horizont deiner Moralvorstellungen.“

Ich schüttelte energisch den Kopf, als versuchte ich eine Fliege zu verscheuchen. „Ich glaube die ganze Geschichte nicht. Die kann gar nicht stimmen.“

Benedict grinste. „Du bist so herrlich naiv, du weißt wirklich nicht, was tief drin in den Menschen brodelt.“

Ich begann zu schwitzen. Es war unmenschlich heiß in dieser Kneipe. Ich nahm den Gin Tonic entgegen und trank ihn halb leer. Er bestand aus mehr Gin als Tonic. Und der Gurkengeschmack blieb schal auf meiner Zunge kleben.

„Alle Männer, die damals hier durch die Gegend gevögelt haben, sind tot.“

Benedict ließ sein Glas senken. Er schaute mich an, als hätte ich ihm eine Ohrfeige gegeben. 

Seine Augen flackerten kurz, dann fixierten sie mich wieder. „Adele hat also die Reißleine gezogen.“

Ich erzählte ihm, wie der Abend abgelaufen war. Benedict war weder überrascht, noch zeigte er irgendeine emotionale Reaktion. „Wie geht es dir jetzt?“, fragte er.

Ich trank den Gin Tonic aus und bestellte mir noch einen. „Bitte ohne Gurke“, sagte ich.

Über Adele zu reden war so ziemlich das Letzte, auf das ich Bock hatte. Also sagte ich: „Erklär du mir mal lieber, warum du eigentlich nichts mehr malst. Du warst der beste Maler, den ich jemals kennengelernt habe.“

„Du meinst, warum ich brav in die Arbeit gehe und stattdessen du dich dein halbes Leben vor einer Leinwand abquälst?“

„Warum drehst du jedes Thema wieder auf mich zurück?“, herrschte ich ihn an. „Jetzt erzähl mal was von dir! Warum malst du nicht mehr, verdammt?“

Warum mir das so wichtig war, dass Benedict wieder malte, wusste ich nicht. Aber in dem Moment hätte ich heulen können, dass dieser arrogante Yuppie sein Malertalent wegwarf, um in einer Bank das große Geld zu scheffeln. 

Benedict grinste. „Warum ich nicht mehr male? Das ist recht einfach zu erklären.“ Er lächelte einem der Barkeeper zu und bestellte seinerseits noch ein Glas.

„Es geht mir gut“, sagte er. „No more drama in my life.“ Er nahm das Getränk entgegen und prostete mir zu. „Es gibt keinen Abgrund dort, wo ich stehe. Ich bin mit mir selbst absolut im Reinen. Ich weiß, wer ich bin und was ich will.“ Er lächelte mich an. „Es gibt nichts, was ich malen müsste.“

Seine Augen hielten meinem Blick stand. Er sah mich solange an, bis ich nach unten blickte, auf das Eis. Und die Gurke in meinem Gin Tonic.

Ich weiß nicht, warum ich genau in dem Moment heulen musste. Ich hatte noch die ganze Nacht Zeit, Adele nachzuweinen. Ich sprang auf und schloss mich im Klo ein. Es war keines dieser schönen Klos, auf denen man sich gerne stundenlang einschloss. Es stank nach Pisse und Männerschweiß und die Wände waren voll mit wenig liebevoll gemalten Penissen. Ich sank über der Kloschüssel zusammen und wartete, bis das Krampfen aufhörte. Erst als ich den Gurkengeschmack aus meinem Magen herausgekotzt hatte, ging es mir besser. Ich fragte mich, ob Vater seine Dienstwaffe immer noch im Sockenfach versteckte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Benedict hatte recht. Ich war wie meine Mutter. Es gab Grenzen, die ich nie überschreiten würde.

Er war noch immer da, als ich das Klo verließ. Er redete gerade mit einem Typen. Benedict sprang sofort auf und stützte seinen Arm um mich. „Komm her, Kumpel, ich bring dich hier raus“, sagte er und führte mich nach draußen. 

Der Weg zur U-Bahn führte an seiner Wohnung vorbei. „Du kannst auch bei mir…“, sagte er. 

Ich schüttelte den Kopf. 

„Wenn du willst, bringe ich dich bis vor deine Haustür.“ 

Ich schüttelte vehement den Kopf. 

Benedict seufzte und drückte mich zum Abschied. „Hey, alles wird gut. Ich ruf dich morgen an. Pass auf dich auf“, sagte er.

Ich nickte und ging taumelnd zur U-Bahn. Der Schwindel hatte eingesetzt und ich konzentrierte mich darauf, die gelbe Linie nicht zu übertreten. Ich entzifferte, dass die Bahn in sechs Minuten kommen würde. Alles um mich herum drehte sich. Ich konzentrierte mich auf die Linie. Ich durfte nicht hinter die Linie treten. Ich hatte sechs Minuten Zeit, nicht ins Gleisbett zu fallen. Ich starrte auf die Uhr. Ich starrte auf die Männer, die mich so komisch ansahen. Die Zeit lief ab, gleich würde die Bahn kommen. Ich wankte. Ich war gut darin, die Linie nicht zu überschreiten. Ich kicherte hysterisch. Im Mund der schale Geschmack von Gurken. Ich würde es schaffen, auf der anderen Seite der Linie bleiben, war das Letzte an das ich dachte, als die Bahn einfuhr.

 


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