Eine Traunsteiner Weihnachtsgeschichte

Eine der schönsten bayerischen Weihnachtsgeschichten hat ein Traunsteiner geschrieben: "Im Wald is' so staad", heißt es in "Heilige Nacht" von Ludwig Thoma, der einige Jahre in Traunstein gelebt hat. 

Mit diesem Gedicht im Ohr spazierte ich im Schnee zum Klobenstein.  Auf diesem Spaziergang im Schnee ist folgende Traunsteiner Weihnachtsgeschichte entstanden:

Weihnachten am Klobenstein

„Im Woid is so staad“, murmelte ich vor mich hin, als wir durch den Schnee stapften. „Findst?“, fragte mein Neffe und schaute mich fragend an. „Des ist ein Gedicht vom Ludwig Thoma“, erklärte ich ihm. „Im Woid is so staad. Alle Weg san verwaht. Ein Weihnachtsgedicht“ Mein Neffe nickte. Wir folgten dem schneebedeckten Weg entlang des Altwassers. „Hast du gwusst, dass der Ludwig Thoma hier in Traunstein g’wohnt hat? Vielleicht hat er die Verse geschrieben, nachdem er hier spaziert ist. So wie wir grad.“ Er schaute mich von der Seite an und wir liefen schweigend weiter. Vermutlich wussten die heutigen Grundschüler heute nichts mehr von dem Dichter nach dem ihre Schule benannt war. 

„Wann samma denn da?“, fragte mein Neffe.

„Das hast mich letztes Jahr an derselben Stelle auch schon g’fragt“, antwortete ich. 

„So? Und was hast geantwortet?“

„Nimmer weit.“

Es dämmerte langsam. Im Wald war es merklich dunkler als noch vorhin bei den Schrebergärten. Fünf Jahre war es her, seit ich mit meinem Neffen ein erstes Mal den Weg entlang spaziert war. Kalt war es damals gewesen. Kalt und grau. Und weit und breit kein Schnee. Der Junge, damals noch ein kleines Kindergartenkind. Wir redeten auch damals wenig. Er hielt den ganzen Weg über zitternd die Kerze in seinen klammen Händen. Als ich erfahren hatte, dass der Junge noch nie was von der Kapelle im Klobenstein gehört hatte, bot ich an, ihn dorthin mitzunehmen. Der Kleine musste mal raus. Und seine Mama und vor allem sein Papa hatten genug um die Ohren. 

Es war nicht einmal meine Idee, dort eine Kerze anzuzünden. Aber es bot sich an. Am Klobenstein, einem Felsen, der der Sage nach in zwei Teile zerbarst und einem Reiter das Leben rettete, war eine Marienkapelle in den Felsen gebaut worden. Er gilt als ein Kraftorte im Chiemgau und wenn man für etwas beten musste, dann gibt es keinen geeigneteren Ort. 

Als wir damals die Kapelle erreicht hatten, stieg der Kleine sofort die Stufen zum Altar hinauf. Zielstrebig stellte er die Kerze vor die Mutter Gottes. Mit zitternden Kinderhänden zündete er umständlich ein Streichholz an und hielt es an den Docht. Ich konnte dem Jungen kaum zusehen, so sehr tat er mir leid. 

Ein winziges Flämmchen flackerte im eisigen Dezemberwind auf, einzig geschützt vom Gebälk der Kapelle. Gleichermaßen erstaunt und schockiert beobachtete ich meinen Neffen, als er sich vor den Altar kniete und mit fester Stimme zu beten begann: „Bitte, lieber Gott, bitte liebe Jungfrau Maria, bitte mach meinen Papa wieder g‘sund.“ 

Es war schwer auszuhalten, das helle Kinderstimmchen mit so hoffnungsvoller Stimme beten zu hören. Die Diagnose war eindeutig. Sein Vater hatte Krebs im Endstadium. Da gab es keine Hoffnung.

Nie werde ich vergessen, wie glücklich und vergnügt das Kind die kommenden Tage und Wochen war. Wie hoffnungsvoll und zuversichtlich. Wir verbrachten das schönste nur mögliche Weihnachtsfest im Kreis der Familie. Ein halbes Jahr später war der Kleine Halbwaise. 

„Onkel?“ Ich schreckte aus meinen Gedanken auf. 

„Ja?“ 

„Warum hat die Kerze damals ned funktioniert?“, fragte er mich.

„Was meinst du?“

„Du hast doch g‘sagt, dass der Klobenstein a magischer Ort ist. Und wenn ein Gebet irgendwo wirkt, dann sicherlich dort.“

„So? Hab ich das?“

Mein Neffe blieb stehen und sah mich ernst an. Seine Hände stemmte er in seine Hüften. „Ja, des hast du! Warum hat die Kerze ned funktioniert?“

Ich räusperte mich unsicher. „Du meinst also, die Kerze hat ned funktioniert?“

„Sonst war er doch ned g’storben, oder?“

Ich hieß ihn, weiter zu gehen und versuchte, die richtigen Worte zu finden. „Gestorben ist dein Papa leider. Da hast natürlich recht. Aber das muss nicht heißen, dass die Kerze nicht geholfen hat?“

„Aber wie kann sie denn g‘holfen haben, wenn er dann doch g‘storben ist?“

„Schau“, sagte ich, „So a Kerze und so a Gebet haben zwar immer einen speziellen Anlass. Aber der Herrgott der wirkt halt immer ein bisserl anders als wir des wünschen. Und manchmal versteht man den Sinn von dem, was passiert ist, erst im Nachhinein.“ 

Der Junge schüttelte den Kopf. „Als ob es irgend an Sinn macht, dass mein Papa g’storben ist.“

„Das wollt ich so auch nicht sagen“, entgegnete ich und rang nach Worten. „Aber vielleicht hat die Kerze ja g‘holfen, dass er besser gehen konnte. Dass er jetzt im Himmel oben ist. Dass er jetzt immer bei dir sein kann, auch wenn er eben nicht mehr da ist.“

Der Junge schüttelte den Kopf. Wer sollte es ihm auch verdenken. Ich seufzte und sagte: „Schau, da ist schon das Brückerl. Gleich samma da.“

Trotz der langsam einsetzenden Dunkelheit war etwas anders. Mir war erst nicht recht klar, was es war. Bis mein Neffe auf einen aus dem Schnee ragenden, in Mannshöhe abgebrochenen Baumstamm deutete: „Schau, Onkel. Die riesige Fichte ist nicht mehr da.“ 

„War da a Fichte?“ 

„Und was für eine! Des war die größte weit und breit.“

„Ich wusst‘ gar ned, dass du so ein Auge für Bäume hast.“

Mein Neffe lächelte und schaute mich fragend an. „Was den wohl umgehauen hat?“

„Wer weiß? Aber des Rätsel werden wir heut‘ nicht mehr lösen“, drängte ich ihn. „Jetzt lass uns die Kerze anzünden, wie jed‘s Jahr. Und dann marschieren wir wieder heim. Es ist schon fast dunkel und meine Füß‘ frieren jeden Moment ein“, sagte ich. 

Alle Wege waren verweht. Wir stapften durch den hohen Schnee um den Klobenstein herum und im ersten Moment konnte ich vor lauter Schnee die Treppe nicht mehr. „Seltsam“, murmelte ich, da zupfte mich mein Neffe am Arm. Er sah verschreckt aus, regelrecht entsetzt.

„Was ist denn los?“ Er nickte in Richtung des Felsens. 

„Die Kapelle!“, flüsterte er. 

Erst jetzt sah ich es. Dort, wo der viele Schnee lag, sollte eigentlich die Kapelle stehen. Doch die Kapelle war weg. Besser gesagt, die halbe Kapelle. Das Dach war durchbrochen und dort, wo früher die Sitzbänke standen, klaffte ein Loch.

„Um Himmels willen, wos is‘ denn hier passiert?“, entfuhr es mir. Die Kapelle war völlig zerstört. Überall ragten Holzsplitter und Trümmer aus den Resten der Klobensteinkapelle.

„Die Fichtn!“, murmelte mein Neffe. Er hatte schneller als ich Eins und Eins zusammengezählt. „Die Fichte muss auf die Kapelle g‘stürzt sein.“

„Das kann ned sein…“, murmelte ich vor mich hin. „So a Kraftort kann doch ned einfach so kaputt gehen…“

Wir blieben, fassungslos schweigend, vor der Ruine des Klobensteins stehen. Wir hatten nicht einmal die Möglichkeit, nach oben, zum Altar zu gehen, weil der Weg von scharfkantigen Trümmern versperrt war.

 

„Die Kerze!“, rief mein Neffe schließlich. „Meine Kerze!“ 

Ich holte meine Taschenlampe heraus und leuchtete den Altar ab. „Sieht unbeschadet aus“, sagte ich.

„Da! Leuchte nochmal nach links!“, rief der Junge aufgeregt. Und tatsächlich. Im Lichtkegel tauchte seine Kerze auf. Sie stand dort, wo sie bereits seit fünf Jahren stand.

Der Junge musterte das Streichholzpäckchen, das er in der Hand hielt. „Ich hab‘ mich so an die Kerze im Klobenstein g‘wöhnt, dass ich nie dran dacht hätt‘, dass ich sie einmal nimmer anzünden kann.“

„Des tut mir so leid, Junge“, sagte ich. Dasselbe hatte ich auch damals gesagt, als wir die Kerze hierhergebracht hatten.

„Weißt du, was mir grad am meisten leid tut?“, fragte er mich.

Ich schüttelte den Kopf und musste an seinen Vater denken.

Er deutete auf die Kapelle: „Dass der Klobenstein zerstört ist.“

Ich musste lächeln. „Naja, so ganz stimmt des natürlich nicht“, erklärte ich. „Der Klobenstein ist ja der gesamte Fels. Und den hat der umstürzende Baum wohl nur a weng kitzelt. Wir können immer noch auffe klettern. Sollen wir?“

Mein Neffe nickte.

Es war inzwischen stockdunkel und ich musste mit der Taschenlampe die in den Felsen gehauenen Stufen den Stein hinauf beleuchten. Überall lag Schnee, aber der Untergrund war fest und nicht vereist. Oben angekommen, löschte ich das Licht und wir lauschten in das Schwarz der Nacht. Nur das Glucksen des Flusses war zu hören.

„Im Woid is so staad“, sagte mein Neffe auf einmal und wir lachten beide.

„Schau, Onkel, immerhin der Herrgott hat das Unglück überlebt“, sagte er und deutete auf das Kruzifix, auf dem heil gebliebenen Teil des Daches. Im selben Moment verstummte er. Hatte wohl denselben Gedanken wie ich.

Im Jahr nach dem Tod von seinem Vater war mir der Gang zur Kapelle schwer gefallen. Ich haderte mit dem Schicksal und mit dem Herrgott. Es war ein sehr stilles Weihnachten gewesen. Die Jahre danach aber freute ich mich, dass es eine Weihnachtstradition geworden war, eine Kerze am Klobenstein anzuzünden.

„Onkel, siehst du des?“, fragte mich das Kind plötzlich aufgeregt. Er deutete in Richtung Fluss. „Das drüben! Das Lichtlein!“

Tatsächlich. Ein kleines, gelbes Licht schwebte langsam über dem Wasser. Wir beobachteten es, wie es sich dem Ufer näherte, höher stieg, über die schneebedeckten Baumwipfel schwebte.

„Was ist des?“

„Ich woaß‘ ned“, sagte ich. Das Licht kam immer näher. Es war ein kleines Lichtlein, das mal heller und mal fahler leuchtete. Wie ein Glühwürmchen im Dezember. Es flog geradewegs auf die Kapelle zu.

„Los, nach unten!“, forderte mein Neffe mich auf. Hastig stiegen wir die Treppen wieder nach unten.

„Kannst du’s noch sehen?“, fragte er mich aufgeregt und rief: „Da ist es! Da!“

Und wirklich, das Licht schwebte vor dem Altar der zerstörten Klobensteinkapelle. Genau über der Kerze. Und einen Moment lang sah es so aus, als hätte sich unsere alte Kerze wie durch ein Wunder von allein entzündet. Das Lichtlein leuchtete noch einmal kurz auf, dann war es verschwunden, als hätte der eisige Wind unsere Kerze ausgeblasen.

Staunend standen wir vor der Kapelle und hofften, dass das Licht noch einmal anging. Doch es blieb dunkel. Als es in dicken Flocken zu schneien begann, brachen wir wieder auf. Wir stapften durch den Schnee den verwehten Weg an der Traun entlang zurück Richtung Stadt. Wir waren ganz still.

 

In diesem Jahr feierten wir eines der fröhlichsten Weihnachtsfeste seit vielen, vielen Jahren. Und auch, wenn uns niemand Glauben schenkte, erzählten wir am Heiligabend unsere Geschichte vom Klobensteinlicht noch viele Male. Heute bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich tatsächlich ein Licht gesehen hatte. Aber das behielt ich für mich. Denn für mich war es am schönsten, dass der Junge immer inbrünstiger an das Licht glaubte, je öfter wir die Geschichte an Weihnachten erzählten. 

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