Der Tod von Altötting

Kurzgeschichte über den "Tod von Eding"

Tod von Altötting

Die Freunde Falko und Wolfgang unternehmen einen Roadtrip nach Altötting. Die Fahrt hat einen traurigen Anlass. Wenige Wochen zuvor wurde bei Falko ein Glioblastom, ein tödlich verlaufender Hirntumor diagnostiziert. Lange Zeit findet der 17-jährige keinen Weg, um mit dem schrecklichen Todesurteil umzugehen. Wolfgang ahnt noch nicht, warum Falko sich ausgerechnet Altötting für den Roadtrip ausgesucht hat. Und auch nicht, dass Falko einen Plan hat, den Tod zu überlisten. Die Kurzgeschichte ist ein Kapitel aus dem Roman "Falko", der Ende 2022 erscheinen wird. 

Der Tod von Altötting

Wir klauten kein Auto, fuhren weder nach Wien, zum Gardasee oder sonst wohin, wo es interessant geworden wäre. Falko hatte sich Altötting gewünscht. Altötting! Ich dachte erst, ich hör nicht richtig, aber Falko bestand darauf: Er wollte zu irgendeinem Wallfahrtsort fahren und dort eine Kerze anzünden. Lourdes war zu weit weg, also fuhren wir gleich nach der Schule im Skoda von Falkos Mama ins Mekka Oberbayerns. 

"Du weißt schon, dass man zu Fuß nach Altötting gehen muss?", zog ich ihn auf. 

Falko nickte knapp und schwieg.

Fast eine Stunde lang fuhren wir im Schneckentempo den LKWs hinterher und durchquerten die trostlosesten Städte des Voralpenlandes von Trostberg über Tacherting und Garching. Da hätten wir ja gleich zu Fuß gehen können.

Obwohl das neue Album von Bilderbuch auf Repeat lief, wollte keine richtige Roadtrip-Stimmung aufkommen. Ich seufzte. Tödliche Krankheiten hin oder her, aber wenn man den ganzen Tag Trübsal bläst, kann man sich auch gleich erschießen. Das sagte ich ihm auch. Falko wandte mir nur kurz sein Gesicht zu, dessen Ausdruck ich nicht entschlüsseln konnte. Die restliche Fahrt über strafte er mich weiter mit Schweigen. Ich konzentrierte mich wieder auf die Straße. Es war ein sonniger, milder Frühlingstag. Erste grüne Sprenkel zeigten sich auf den kahlen Büschen links und rechts der Straße und mir war schon klar, dass es der Situation gegenüber unangemessen war, wenn ich jetzt laut herumgejauchzt hätte. Aber ich war glücklich. Ich war mittendrin im Frühlingsfieber und es war ein wirklich außergewöhnlich schöner Tag. 

Die letzten Wochen war es endlich wieder aufwärts gegangen. Seit ich wusste, dass ich jederzeit die Schule abbrechen konnte, ging ich wieder richtig gern hin. Und die Noten verbesserten sich merklich. Was heißt, dass ich nur noch in zwei Fächern auf einer Fünf stand.

Die restliche Fahrt über versuchte ich zu verstehen, was in Falko vorging. Warum war er so schlecht gelaunt, obwohl er die Therapie so gut überstanden hatte?

Am Ortseingang von Altötting lief uns die erste Pilgergruppe über den Weg. Zehn ältere Frauen, alle in schwarz gekleidet, schlurften über den Rad- und Fußgängerweg. Eine von ihnen hatte ein kleines Holzkreuz geschultert. Durch das offene Fenster hörte man, untermalt von den Bilderbuch-Synthesizern, das monotone "Dubistgebenedeitunterdenfrauen" der Pilgerinnen. Falko schaute Ihnen interessiert nach und ein erstes Mal glaubte ich, eine Regung in seinem Gesicht zu erkennen. 

"Wir sind gleich da", sagte ich. 

Das Navi leitete uns zu einem Parkplatz am Bahnhof. 

Falko stieg umständlich aus. 

"Geht es?", fragte ich. 

Er nickte. "Die Schmerzen sind heute stärker. Scheiß Föhn." 

Seit der Bestrahlung hatte Falko Schwierigkeiten, zu gehen. Die Koordination seiner Beine lief irgendwie unrund. Und somit er selber auch. Er machte inzwischen eine Ergotherapie, aber die Fortschritte waren kaum sichtbar. 

So trottete ich neben ihm her, als ginge ich mit meiner achtzig-jährigen Oma spazieren.

Wir folgten den Schildern Richtung Kapellplatz. Falko hielt sich an meiner Hand fest, was mir anfangs peinlich war, obwohl ich wusste, dass das Bullshit ist. Er ging achtsam, Schritt für Schritt und wir waren noch langsamer als die Pilgerfrauen, die uns auf Höhe der Raiffeisenbank überholten. 

Und dann geschah das Unfassbare. Ich konnte es kaum glauben, aber Falko begann, die Litaneien der Marienverehrerinnen mitzubeten. „Heiligemariamuttergottesbittefürunssünder…“

Falko war seit der Firmung nie wieder in der Kirche gewesen. Sieht man von der Kindermette an Weihnachten ab. Ihn jetzt beten zu hören, verursachte in mir etwas, das entweder Angst oder Übelkeit oder beides war. Ich wollte nicht, dass Falko starb. Aber noch weniger wollte ich, dass Falko nicht mehr Falko war.

"Geht's dir gut?", fragte ich und er drückte bei jedem Schritt meine Hand so fest, dass es schmerzte.

Falko nickte und murmelte die Gebete weiter mit, selbst als die Pilgergruppe außer Hörweite verschwunden war.

Ich hätte gerne verstanden, was Falko vorhatte, was in ihn gefahren war. Ihn hier inmitten der bayerischen Hauptstadt der Katholiken zu sehen, jagte mir mehr Angst ein, als die Erkenntnis, dass er sterben würde.

Bereits aus der Ferne hörten wir zeitgleich tausende Glocken läuten. 

„Entweder der Papst ist gestorben, oder es das ist das traditionelle“, ich schaute auf die Uhr, „Zehn vor Zwei-Läuten“, sagte ich und schaute zu Falko. Er reagierte nicht auf meinen Witz.

Der Kapellplatz war, obwohl die eigentliche Pilgersaison noch nicht begonnen hatte, gefüllt von Dutzenden Menschen. Vielleicht waren es auch gar keine Pilger, sondern Beamte in der Mittagspause. Es roch nach Weihrauch. In den Geschäften verkauften sie Kerzen, Kruzifixe und Weihwasser. Ich deutete auf die Weihwasserbehälter. „Das kommt in Altötting sicher aus der Wasserleitung", sagte ich. Falko verzog keine Miene. 

Die Kapelle, nach der wir suchten, befand sich in der Mitte des Platzes. Im Gegensatz zu den riesigen Sakralbauten, mit denen halb Altötting zugebaut war, wirkte die Gnadenkapelle klein und bescheiden, beinahe sympathisch. 

Im Kreuzgang drehten die Pilgerinnen gerade betend ihre Runde. Der alte Falko hätte einen Lachkrampf bekommen. Aber der Hirntumor-Falko machte etwas Sonderbares. Er griff nach einem der Holzkreuze, die vor der Kapelle herumlagen und hievte es auf seine Schulter. Er humpelte den betenden Frauen hinterher und murmelte laut das „Gegrüßet seist du Maria“. Ich weiß nicht mehr, was ich in dem Moment dachte, aber so stellte ich mir die Hölle vor. Sieben Runden drehten wir um die Kapelle und ich dachte, ich muss sterben. Unzählige Male wiederholte Falko das "Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen."

Obwohl meine innere Stimme, nach drei Jahren als Ministrant bestens indoktriniert, jede Silbe mitbetete, brachte ich es nicht über mich, meine Lippen auch nur ein Wort des Gebetes formen zu lassen. Alles in mir sträubte sich und ich betete nur, dass uns keiner, der uns kannte, so sah. 

Schließlich blieb Falko stehen. Er sah mich ernst an: "Ich bin jetzt bereit. Gehen wir rein?"

Die Kapelle war schummrig und bis in den hintersten Winkel gefüllt mit Menschen. Es roch nach Kerzenwachs und alten Leuten. Die Menschen drängten sich um die Statue der Mutter Gottes. Die Hautfarbe der Maria war schwarz. Das hatte ich gar nicht gewusst. Was für eine ironische Referenz an die heutigen Flüchtlingskrisen, dachte ich mir.

Falko wartete, bis in einer der seitlichen Bänke ein Platz frei wurde und kniete sich hin. 

Es war mucksmäuschenstill in der Kapelle. Nur das Schnäuzen von Taschentüchern war zu hören. Und etwas anderes, schwer definierbares. Ich lauschte in die Stille und versuchte, das Geräusch zu bestimmen. Es klang unmenschlich. Wie das leise Wimmern eines Tieres. Und auf einmal hörte ich es neben mir auch. 

Ich wagte es nicht, mich zu rühren. Wie versteinert saß ich auf der harten Holzbank, starrte auf die schwarze Madonna und versuchte, nicht auf dieses gespenstische Geräusch neben mir zu achten. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Sollte ich ihn in den Arm nehmen? Sollte ich etwas sagen?

So schnell es gekommen war, war es auch schon wieder verstummt. Falko wischte sich über sein Gesicht und räusperte sich. „Hast du ein Taschentuch?“, fragte er. 

Rasch reichte ich ihm eines. 

„Alles klar?“, fragte ich.

Falko nickte. „Jetzt geht es mir besser. Viel besser.“

Ich strich ihm über den Arm. „Tut mir echt leid, Mann“, sagte ich. „Sollen wir jetzt die Kerze anzünden?“ Ich schaute ihn mitleidig an. 

Aber Falko grinste und schüttelte den Kopf. „Nein, nicht mehr nötig. Lass uns verschwinden!“

Er drängte mich aus der Bank und ich war wieder wie vor den Kopf gestoßen. Wie machte Falko das nur, innerhalb von Sekunden den Schalter zwischen Verzweiflung und Tatendrang umzuschalten? 

„Wo willst du hin?“, rief ich, viel zu laut und einige Köpfe reckten sich.

Falko verließ rasch die Kapelle und humpelte schnurstracks auf die Kirche nebenan zu. 

„Ich habe da noch ein Hühnchen zu rupfen“, rief er mir zu. 

„Ich und Thomas, wir sind als Kinder mit unserer Oma jedes Jahr nach Altötting gefahren“, erklärte er mir, als ich ihn eingeholt hatte. „Jedes Jahr zündeten wir eine Kerze für sie an und mussten für sie beten, dass sie gesund und munter bleibt. Hat zwar beim letzten Mal nicht mehr funktioniert, aber es war immer ein schöner Ausflug gewesen“, sagte Falko und riss die Tür zur Kirche auf.

„Nach dem Kerzen-Anzünden sind wir jedes Jahr noch hier rein, das war der Höhepunkt für uns Kinder. Denn wir wollten kein Gnadenbild anschauen. Wir wollten den ‚Doud von Edding‘ anschauen!“ Falko deutete nach oben. 

Oberhalb der Tür war eine Uhr befestigt. Auf der hölzernen Uhr stand die winzige Statue eines Skeletts. „Irgendwie hatte ich den größer in Erinnerung“, murmelte Falko. 

Das Skelett hatte eine Sense in der Hand und bewegte sich. Alle paar Sekunden schnitt der Sensenmann einmal durch die Luft. 

„Jede Sekunde sterben die Menschen“, sagte Falko. „Das hat mich als Kind ungemein beeindruckt. Oma hat erzählt, wenn der Tod die Sense aufzieht, wird ein Mensch geboren. Aber das hat uns Kinder nicht interessiert. Spannender war, dass dieses Skelett, ratsch, ratsch, ein Menschenleben nach dem anderen dahin mäht.“

„Eindrucksvoll!“, sagte ich. 

„Findest du?“ Falko grinste. „Dann pass mal auf!“ Er schaute sich um. „Komm mit“, sagte er und ging zielstrebig auf eine holzvertäfelte Tür zu. 

„Was hast du vor?“ 

„Das wirst du gleich sehen!“ Er drückte die Türklinke nach unten. „Glück gehabt. Sie ist offen!“

„Wo führt die hin?“

„Nach oben!“, sagte Falko und warf mir einen verschwörerischen Blick zu. 

Hinter der Tür führte eine Treppe führte zur Orgel-Empore. Ich stieg Falko hinterher, der auf einmal wieder Laufen konnte wie ein Zehnjähriger mit Zuckerschock. 

Falko blieb am Geländer stehen und schaute nach unten. „Perfekt, wir sind die einzigen in der Kirche!“ 

Ich hatte keinen Schimmer, was Falko vorhatte. Dann tasteten sich seine Hände Meter für Meter nach links. Er rüttelte an der eisernen Stange. Und blieb auf Augenhöhe mit dem Tod von Altötting stehen.

„Du wirst doch nicht…“

„Doch!“ rief Falco und winkte mich zu sich. „Halt mich fest!“

„Du spinnst doch! Das kannst du nicht bringen.“

„Wieso denn?“

„Weil das ein bayerisches Heiligtum ist!“

Falko zeigte mir den Mittelfinger. „Jetzt komm schon, halt mich fest!“

Er stieg auf das Geländer und versuchte, mit der anderen Hand, den Tod von Altötting zu fassen zu bekommen. Das kleine Skelett war zu weit weg und mähte unablässig eine Seele nach der anderen nieder. 

„Los, halt mich fest!“, zischte Falko und verlagerte das Gewicht nach vorne.

„Pass auf, dass du nicht runterfällst!“

„Pass du auf, dass du mich nicht loslässt!“

Seine Hände näherten sich langsam dem Tod von Altötting. 

In dem Moment ging die Tür auf. Ein älteres Paar kam herein. Falko zog sofort die Hand zurück und verharrte still in seiner Position. Das Paar ignorierte den Tod von Altötting und schlurfte in Zeitlupentempo Richtung Altar.

„Jetzt oder nie!“, flüsterte Falko und ließ sich langsam nach unten senken. Seine Fingerspitzen berührten vorsichtig den Kopf vom Tod von Altötting. Dann umfassten die Finger seiner Hand den hin und her pendelnden Totenschädel. Falko schloss die Faust und erst passierte nichts. Der Tod von Altötting hielt in halber Schnitter-Drehung inne und sein Totenschädel grinste uns verdutzt an. Auf einmal hörte man aus dem Inneren der Uhr ein dumpfes Krachen. Ich schaute entsetzt nach unten zu den alten Leuten. Aber sie schienen schwerhörig zu sein und knieten betend in der vordersten Reihe. 

„Los, lass uns abhauen!“, flüsterte Falco und ich hievte ihn zurück. 

„Der Tod von Altötting senst so schnell keine Seele mehr um!“, verkündete Falko und grinste mich triumphierend an. 

Wir gingen so schnell und so leise wir konnten die Treppe nach unten und bei der Tür hinaus. Noch einmal warf Falko einen Blick zum Tod von Altötting hinauf. Er lächelte. Dann verließen wir die Kirche, als sei nichts gewesen. 

Als wir wieder im Auto saßen, jagte mir das Adrenalin durch die Adern. Wir lachten beide ausgelassen und jubelten schreiend. 

Falko wurde plötzlich still. Er drehte seinen Kopf zu mir und sah mich an. Er öffnete den Mund und sagte mit fester Stimme: „Ich werde nicht sterben.“