Mit den Kindern drei Nächte auf der Alm

Mit Kindern mehrere Tage auf einer Alm übernachten – ob das gut geht? Die Vision der Schreibwerkstatt auf der Rabenmoosalm ist ganz einfach: Vier Tage Schreiben und Leben ohne Internet, ohne Handy, ohne Fernsehen. Vier Tage in der Natur mit dem Ziel, möglichst sparsam mit Strom, Wasser und anderen naturschädlichen Emissionen umzugehen. Das heißt: Vier Tage ohne Sandmännchen, ohne stundenlang Wasser laufen lassen und ohne laut herumzuschreien. Punkt 1 bis 2 haben einwandfrei geklappt.

Aber auch uns Eltern haben diese vier Tage in den Bergen vor eine Herausforderung gestellt: Wie schafft man es, für die Familie alles mitzubringen was gebraucht werden könnte und gleichzeitig im Sinne von umweltfreundlichem Downshifting nur das nötigste mitzunehmen? Obwohl wir auf viele Luxusgüter des Alltags verzichteten, war das Auto gerammelt voll. Und dabei hatten wir vom wichtigsten zu wenig mitgenommen…

 

Die Wanderung begann: Während ich als Versorgungsfahrer mit dem Auto auf die Alm fahren durfte, wanderten die Kinder mit ihrer Mama und den Autoren ab Ruhpolding zur Rabenmoosalm. Auf halber Höhe trafen wir uns. Die Gruppe machte gerade Pause und auf dem Schotterweg lag grinsend der Loni und wurde gewickelt. Bereits nach einer Stunde hatte er die erste Windel vollgekackt. Und just in dem Moment wurde uns klar, dass wir an einer entscheidenden Stelle gespart hatten: Der Anzahl der Windeln. Wir hatten statt für 4 für 3 Tage kalkuliert. Naja – vielleicht passierte ja das Wunder und der Loni wird auf der Alm sauber.

So lebten die Kinder die ersten Tage im Einklang mit der Natur: Mit den ersten Sonnenstrahlen aufstehen, Warten bis die anderen zwei Stunden später ebenfalls aufwachen. Papas Vortrag über Thomas Mann boykottieren, danach Almwanderung zum Zinnkopf, am Gipfel Yoga mit der Mama und Abends Lagerfeuer. Ein Basti, der gestandene Schriftsteller zuquasselte bis diese sprachlos nichts mehr zu entgegnen hatten. Ein Loni der nach einem Tobsuchtsanfall die ganze Rabenmoosalm erbeben ließ und alle drei Kreuzzeichen machten, als die Familie endlich wieder auf Bergwanderung ging. Tja und dann begann das große Rechnen: Loni dachte gar nicht daran, das große Geschäft irgendwo anders als in die Windel zu machen und versteckte sich jedes Mal vor dem Papa, wenn es ihn drückte. Auch die Versuche der Mama, wenigstens das Pipi des Kleinen ins umweltfreundliche Urinal der Alm zu leiten, wurden vom Papa zunichte gemacht, der morgens erst einmal selber stundenlang aufs Klo ging, ehe er sich um seinen Zweitgeborenen kümmerte. Da war die Windel bereits voll. Es war eine der letzten…

 

Was tun? Ins Tal zum Edeka wandern? Entgegen den Abmachungen doch mit dem Auto runter und nebenbei auch noch Zigaretten und Schokolade holen? Das Kind einfach im Sinne einer Naturerfahrung in die Hosen kacken lassen? Oder einen pensionierten Junggesellen zum Supermarkt schicken und ihm – lieber spät als nie – ein erstes Mal die wunderbare Erfahrung des Windelkaufs machen lassen. Wenig später wanderte ein älterer Herr Richtung Rabenmoos, unter die Achseln geklemmt eine Aktentasche, einen Regenschirm und eine Packung Windeln Größe 5. Das Wochenende war gerettet. Vielen Dank dafür. lieber Reinhard!

Um ein Haar auf der Rabenelternalm

Was sonst noch passierte: Ein Hase hoppelte bis vor die Türe der Alm. Bis Wachhund Wasti ihn verjagte. Bastian hatte auch sofort eine Erklärung parat: „Der Hund hat den Osterhasen verjagt, weil er seine Eier klauen will!“ Am nächsten Tag grub Bastian die halbe Alm auf der Suche nach den restlichen versteckten Ostereiern.

Auf einer Wanderung waren wir Eltern überzeugt, alle Wege führten um den Zinnkopf herum. Ergo brauchte man nur querfeldein bergauf laufen, um zum Zinnkopf zu gelangen. Durch Dornengestrüpp und Nadelgehölz scheuchten die Rabeneltern ihre Kinder, ohne dass ein Gipfel näherkam. Als sich der Papa, in der Gewissheit, kilometerweit vom Wanderweg abgekommen zu sein, zugab, sich verlaufen zu haben, spazierten keine zehn Meter daneben zwei Wanderer. "Ist da ein Weg???" "Logo!" "Gehts hier zum Zinnkopf?" "Welcher Zinnkopf? Ach der, der ist ja ganz woanders!" Wir glaubten kein Wort und gingen den beiden nach. Zwei Stunden später kehrte eine völlig entkräftete Familie zurück auf die Rabenmoosalm ohne auch nur in die Nähe des Zinnkopfs gelangt zu sein...

 

Ausgerechnet einen Autor, der gerade einen im 11. Jahrhundert spielenden historischen Roman schreibt, suchte sich Bastian zum Ritterspielen aus. Gemeinsam zückten sie die Speere, um die imaginäre Burg rund um das Lagerfeuer gegen das größtmögliche Übel nicht nur des Mittelalters zu verteidigen. Bastian: „Wir dürfen sie nicht reinlassen!“ „Wen denn?“ „Die VERWANDTEN!“

Und wie immer passierte mir persönlich das gröbste Malheur der Almtage: Als die Mama mit den Autoren auf den Zinnkopf wanderte und ich die Aufsichtspflicht übertragen bekam, machte ich meine Sache eine Weile sehr gut: Wir entfachten ein Lagerfeuer, das Bastian anzündete, wir hielten Würstel über die Flammen, in die Flammen oder ließen die Würstel gleich direkt in die Glut fallen. Übermütig vor lauter Papa-Sohn-Folklore und Almidylle genehmigte ich mir sogar ein Bier. Die Kinder spielten Wirtshaus und ersonnen eine neue Deutschlandhymne, die vor allem aus Klatschen und Quietschtönen bestand, die man noch auf dem Gipfel hörte. Dann musste Kind 1 aufs Klo. Der brave Papa machte alles richtig, er nahm Messer und Bier mit nach drinnen.

Kurz darauf musste Kind 1 erneut aufs Klo – was ist nur mit seiner Verdauung los? Und wenig später erklang das obligatorische „Abputzen!“, allerdings vermischt mit einem drängenden, verzweifelten Unterton. Ich sprang also alarmiert auf, ließ alles liegen und stehen – Kind 2 würde man schon eine Minute lang allein lassen können… Es blieb nicht bei einer Minute. Am Klo hatte es eine mittlere Katastrophe gegeben, die allein einen ganzen Elterntagebucheintrag hergegeben hätte. Während ich wischte und werkte, erinnerte ich mich, was ich vergessen hatte: Draußen saß seit Minuten ein zweijähriges Kind mit einem Messer und einer Flasche Bier am Lagerfeuer. Und jeden Moment konnte die Mama zurückkommen. Ich war so und so geliefert. Ich säuberte Klo und Kind so gut es ging und machte drei Kreuzzeichen, dass ich kein messerfuchtelndes, betrunkenes Kind einen Waldbrand verursachend vorfand. Als die Mama vom Gipfelerlebnis zurückkam, fand sie eine Bilderbuchfamilie am Lagerfeuer sitzend vor…

Letztendlich war die Schreibwerkstatt für die Kinder der Himmel auf Erden. Da die Eltern keine Uhr dabei hatten, durften die Kinder aufbleiben bis es dunkel wurde und wie durch ein Wunder konnten sie auf einmal einschlafen, ohne noch drei Gutenacht-Geschichten vorgelesen zu bekommen. Also bleibt als Fazit nur zu sagen: Schön wars!

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