Zirkus Corona Tag 72 - Endlich wieder auf der Alm

So eine harmonische Familie! (Der Hund war nur geliehen!)
So eine harmonische Familie! (Der Hund war nur geliehen!)

Eine meiner liebsten Vatertags-Traditionen ist die Wanderung über den Schmugglerweg zum Klobenstein. Auch dieses Jahr hatte ich die Wanderschuhe bereits geschnürt und war bereit. Bis meine Frau sich räusperte. Was ist? Der Klobenstein liegt in Österreich. Du kommst da nicht rüber! Stimmt. Aber das ist doch der Schmugglerweg! Da kontrollieren sie trotzdem! Verdammt. Scheiß Corona. Alternativprogramm? Wo war es letztes Jahr am schönsten? Stimmt, auf der Brander Alm! Also ging es dorthin!

Es gibt am Vatertag die Männer, die mit dem Bollerwagen oder Radl von Biergarten zu Biergarten ziehen und am Abend so rauschig sind, dass sie nicht einmal mehr Yoga machen können. Da der gemeinsame Biergartenbesuch mit den Freunden dieses Jahr sowieso etwas schwieriger ist – außer man hat eine 15 Meter lange Bierbank, wie Hubert Aiwanger empfiehlt – gesellte ich mich dieses Jahr wieder zur anderen Gruppe der Männer: Die, die selbst den hochheiligen Vatertag mit ihrer Familie bringen. Ja mei, habe ich mir gedacht. Wir hatten die letzten zwei Monate Zeit, mal etwas gemeinsam zu unternehmen! Soll ich die Ironie kennzeichnen?

Da dieses Jahr der Vatertag auch noch auf unseren Hochzeitstag fiel, begann der Tag für mich damit, ein großartiges Frühstück für die Langschläfer herzurichten. Nach dem harmonischen Start schalteten wir umgehend souverän auf Familien-Chaos-Modus um. Wo sind die Bergschuhe? Leo, zieh dich an! Sag dem Papa, jetzt ist nicht die richtige Zeit, den Kirschlorbeer zu schneiden! Nein, Sebastian, du brauchst keine Skijacke anzuziehen! Hat wer Brotzeit eingepackt?

Eineinhalb Stunden später saßen wir eisig schweigend im Auto. Auf einmal entfuhr Leo ein Schrei. „Eine Schnecke!“ Eine Schnecke? Das ist ungefähr das allerletzte, was man im Auto haben will. Panisch begannen alle Fahrzeuginsassen zu kreischen. Außer ich, ich lenkte ruhig das Fahrzeug und fragte entspannt: „Lieber Leo, wo hast du denn eine Schnecke gesehen?“ Aber da spürte ich es schon. „Da, Papa! Sie kriecht über deinen Hals in deine Haare!“ Schreiend und kreischend versuchte ich, das Auto wieder unter Kontrolle zu bringen und fuhr bei Ruhpolding an den nächsten Parkplatz. Hüpfend und tanzend schüttelte ich die hartnäckige Schnecke aus meinen Haaren.

 

Dann ging die Fahrt weiter, als ob nichts gewesen wäre. 

Am Seehaus beim Förchensee stellten wir überrascht fest, dass wir nicht die einzigen Menschen im Chiemgau gewesen waren, die dieselbe Idee hatten. Wir erwischten mit knapper Not einen der letzten Parkplätze. Die idyllische Wanderung kann ich allen Familien wärmstens empfehlen. Wenn du willst, kannst du sie gleich hier nachlesen.

 

Denn für die schöne Landschaft hatte ich kaum Nerven, da Leo schon nach fünfzig – ja, nach FÜNFZIG Meter ein erstes Mal lamentierte: „Mir ist so langweilig! Wann sind wir endlich da!“ Den ganzen Weg über träumte ich davon, wie ich vor einigen Jahren am Vatertag mutterseelenalleine zum Klobenstein gewandert war. 

Auch auf der Alm ist Maskenpflicht. Aber bitte richtig herum aufsetzen!
Auch auf der Alm ist Maskenpflicht. Aber bitte richtig herum aufsetzen!

Auf der Alm wurden wir uns der neuen Corona-Realität bewusst. Oft hat man ja an markanten Tagen wie dem Vatertag, oder dem Hochzeitstag so sentimentale Gedanken wie: „Damals war ich ein ganz anderer Mensch.“ Diesmal dachte ich über unseren letzten Brander-Alm Besuch im September: „Damals war es eine andere Welt.“ Am Alm-Eingang stand ein Desinfektionsspender. Man musste Name, Anzahl der Personen und die Telefonnummer auf einen Zettel eintragen. Und für den kurzen Weg zum Tisch musste man die Maske aufsetzen. Ich setzte sie souverän auf. Verkehrt herum, wie ich später erfuhr. Wir sind halt alle Corona-Vollprofis inzwischen. Im Biergarten der Alm gab es nur eine abgespeckte Karte, deshalb bestellten wir gleich alles, was es gab: Hollerschorle, Radler, Käsebrot, Wiener Würstel, Speckbrot. Und was soll ich sagen? Es schmeckte grandios!

Da war die Welt noch in Ordnung: Fitte Kinder im Biergarten
Da war die Welt noch in Ordnung: Fitte Kinder im Biergarten

Gestärkt machten wir uns auf den Weg nach unten. Und kaum hatten wir einen Fuß auf die Forststraße gesetzt, begann Leo – der die ganze Zeit über vergnügt zwischen Ziegen und Bach herumgerannt war – zu jammern: „Mir ist so langweilig! Die Füße tun so weh! Ich mag nicht wandern! Bergsteigen ist öde!“

 

Der Weg nach unten über die Forststraße kann ziemlich lang sein, wenn man ein nörgelndes Kind dabei hat, das lieber getragen werden möchte – so wie früher. „Papa, warum hast du die Kraxe verkauft?“, schimpfte er mich. Aber der Hälfte wurde das Jammern und das Sich-auf-den-Boden-werfen und „Aua Aua!“ und „Meine Oooooma!“ rufen immer penetranter. 

Abschluss der Wanderung: Der Förchensee
Abschluss der Wanderung: Der Förchensee

Und dann passierte etwas, was ich nie vergessen werde. Ich stellte den Kleinen vor die Wahl, entweder aufzuhören zu jammern, oder die Schuhe auszuziehen und barfuß zu gehen. Und was machte der Kleine? Er zog sich tatsächlich die Schuhe aus und setzte den Weg barfuß fort. Man konnte ihm ansehen, dass ihn die Steinchen pieksten. Aber er verzog keine Miene und machte keinen Pieps. Da musste ich an meinen Papa denken – nicht nur, weil Vatertag war. Mein Papa war berühmt dafür gewesen, dass er gerne barfuß Bergsteigen ging. In dem Moment hatte ich einen großen Respekt vor dem Kind.

 

Wir ließen den Ausflug noch unten am Förchensee ausklingen. Und trotz aller Jammerei – das Ende war so versöhnlich, dass ich mich schon wieder auf die nächste Bergwanderung freue. Denn Corona hin oder her – dort oben ist die Welt noch immer in Ordnung.


Schau Dir noch diese Fotos von der Wanderung zur Brander Alm an:

Branderalm im Chiemgau
Die Brander Alm unterhalb der Hörndlwand

Die Brander Alm unterhalb der Hörndlwand ist ein beliebtes Ausflugsziel für Familien mit größeren und kleineren Kindern in den Chiemgauer Alpen. Vom Förchensee bis zur Hörndlwand gibt es eindrucksvolle Ausblicke auf die schönsten Landschaften im Chiemgau. Über zwei unterschiedlich schwierige Routen kann die Brander  Alm abwechslungsreich erreicht werden. Und auch mit gehfaulen Kindern ist man in einer guten Stunde am Ziel. Hier klicken

Alle vorherigen Geschichten aus dem Zirkus Corona hier:

www.chiemgauseiten.de/das-elterntagebuch
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