Irgendwas ist immer
Ich solle über meinen Alltag schreiben, hat es geheissen. Über meinen Alltag in Weißblau. Aber wen soll das schon interessieren, habe ich gemeint. Da passiert doch nichts, sagte ich. Mein Alltag ist doch ganz normal: Ich komme am Nachmittag von der Arbeit heim. Kind 1 jubelt, dass es in der Ex, in der es ihm so schlecht gegangen ist, eine “5+” geschafft hat.
Ich juble nicht, ich habe andere Probleme. Das Elektroauto will nicht aufladen. Und das ausgerechnet jetzt, wo die Sonne auf die PV Anlage scheint. Und die Spritpreise so teuer sind. Ich rufe die Werkstatt an. Die meinen, ich solle kurz vorbeikommen. Zwischendurch mehrere Anrufe der Schule. Ob der Termin für das Nachsitzen unseres Kindes in Ordnung sei. “Was?Du musst nachsitzen?” “Nein, nicht nachsitzen. Sowas gibt es heutzutage nicht mehr. Das nennt man inzwischen Nacharbeiten.” Na dann ist ja gut. Ich hetze ins Auto, muss ja noch in die Werkstatt. Nachdem ich den Zündschlüssel gedreht habe, leuchten ungefähr fünfundneunzig blinkende Warnmeldungen gleichzeitig auf. Dann gibt das Auto den Geist auf. Nichts geht mehr. Ich würde auch gerne aufgeben, mich flach auf den Boden legen und warten, bis jemand meine Batterie wieder auflädt. Stattdessen rufe ich erneut in der Werkstatt an. Ja, das gibt Sinn, sagen sie dort. Wenn die kleine Batterie leer ist, lässt sich die große auch nicht mehr laden. Sie versprechen, sofort jemanden zu schicken, der sich kümmert. Tolle Werkstatt, denke ich und telefoniere mit einem anderen Papa, dessen Sohn nicht weiß, was er in Mathe aufhat. Und da ruft er ausgerechnet bei mir an, dessen Sohn seine Hausaufgabe nicht machen kann, weil er sein Geodreieck nicht findet. Während mir immer noch kein Thema einfällt, über was ich meine Kolumne schreiben soll, ruft der andere Sohn: Ich dürfe über alles schreiben, aber nicht über ihn. “Aber dann bin ich arbeitslos!” Anstatt mich an der frischen Luft zu beruhigen, sitze ich also wartend auf der Couch und schaue draußen dem schönen Wetter zu, wie es auf meine PV Anlage scheint, ohne das Auto aufzuladen. Als die Sonne langsam untergeht, rufe ich vorsichtshalber doch noch im Autohaus an. “Nein, ich weiß von nichts. Und die anderen sind schon im Feierabend”, sagt der letzte verbliebene Mitarbeiter. Ich bin kurz davor, in den Telefonhörer zu brüllen, oder einfach stumm vor mich hin zu weinen. Ich entscheide mich für Letzteres und lege auf. Es ist längst Abend, die Kinder fragen mich ab wann man merkt, dass der dritte Weltkrieg ausgebrochen ist und ich muss noch meine Kolumne abgeben. Aber über was schreib ich denn nur? Was schreib ich nur…

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