Bayern-Real 1976 - Das Freilassinger Duell

Das Duell des FC Bayern gegen Real Madrid ist seit einem halben Jahrhundert das weltweit mit Spannung verfolgte Gigantenspiel des Europapokals. Vor exakt 50 Jahren entstand im 76er Halbfinale der beiden der Mythos des FC Bayern als “La Bestia Negra” - und mittendrin waren der Kirchanschöringer Bernd Dürnberger und der Freilassinger Paul Breitner. Auf gegenüberliegenden Seiten. 

Im Frühjahr 1976 trafen die beiden Über-Mannschaften ein erstes Mal in der Europapokalgeschichte aufeinander: Der 6-fache Sieger Real Madrid gegen die aktuell dominierende Mannschaft, den FC Bayern. Die ganze Region war aus dem Häuschen, auch weil gleich zwei ehemalige Jugendspieler des ESV Freilassing auf dem Rasen standen. Paul Breitner, der Europa- und Weltmeister hatte bereits mit 24 Jahren alle wichtigen Titel gewonnen und spielte im zweiten Jahr für Real Madrid. In die Lücke beim FC Bayern stieß ausgerechnet sein Jugend-Teamkollege Dürnberger, den man beim FC Bayern “Wipf” nannte und der daheim in Kirchanschöring der “Bejzei” war. Dürnberger war im Frühjahr 1976 in aller Munde, da er durch seinen extrem wichtigen Doppelpack im Viertelfinale gegen Benfica Lissabon den Bayern beinahe im Alleingang das Tor ins Halbfinale aufgeschossen hatte. Sein Trainer Dettmar Cramer war begeistert: “Bernd ist der erste komplette Fußballer Deutschlands - er ist offensiv ebenso stark wie defensiv.” Dürnberger selber blieb bescheiden: “Zwei Tore machen noch keinen Star” und betonte, dass sein Treffer im Achtelfinale in Malmö noch viel wichtiger gewesen sei als die Benfica-Tore.

Der Druck vor dieser “Heiligen Messe des Europapokals” war bereits im Vorfeld so groß, dass Trainer Dettmar Cramer auf dem Flug nach Madrid einen Schwächeanfall erlitt. Er erholte sich wieder und saß auf der Bank als 120000 Zuschauer das Santiago Bernabeo Stadion in Madrid in einen Hexenkessel verwandelten. Paul Breitner hatte sich ausgerechnet vor diesem emotional aufgeladenen Spiel eine Zerrung zugezogen. Das “Duell der Freilassinger” fiel somit zunächst aus. 

Dürnbergers Aufgabe war es, den zweiten deutschen Nationalspieler bei Real Madrid, Günter Netzer auszuschalten und für Gefahr in der Offensive zu sorgen. Zumindest letzteres gelang ihm im Hinspiel noch nicht. Das Spiel war von großer Intensität geprägt und Madrid ging bereits in der 8. Minute durch Roberto Martinez in Führung. Mit 120000 Mann im Rücken hätte Real die Bayern nun überrollen müssen. Aber die Bayern, blieben diszipliniert, zeigten keine Nerven und Sepp Maier ließ kein weiteres Gegentor mehr zu. Kurz vor der Halbzeit gelang Gerd Müller der glückliche Ausgleich. In der zweiten Hälfte kamen die Bayern in Fahrt und spielten so überlegen, dass mehr als ein Unentschieden drin gewesen wäre. Und brachten einen Fan derart in Rage, dass “dieser El Loco” auf den Rasen rannte, Gerd Müller niederschlug und erst von Sepp Maier durch einen Hechtsprung gestoppt werden konnte. Die Aktion hatte zur Folge, dass Real im Folgejahr in Europa gesperrt war.

Vor dem Rückspiel war die Ausgangsposition der Bayern aufgrund des Auswärtstores eine sehr gute. In München brach die Geschäftsstelle an der Säbener Straßer an den Ticketbestellungen beinahe zusammen. 200000 Karten hätten verkauft werden können. Bernd Dürnberger organisierte für Freunde und Bekannte aus Kirchanschöring sagenhafte 320 Karten für dieses Spiel der Spiele. 

Im restlos ausverkauften Olympiastadion blickten die  77000 Zuschauer auch gebannt auf das Freilassinger Duell. Paul Breitner laborierte weiter an seiner Prellung. Obwohl - oder gerade weil er wusste, dass das bayerische Publikum ihn gnadenlos ausgepfiffen würde, setzte er alles in Bewegung, um auflaufen zu können. Auch Bernd Dürnberger war etwas angeschlagen, forderte aber selbstbewusst ein, erneut gegen Real-Star Günter Netzer spielen zu wollen. 

Während der verletzte Breitner weitgehend blass blieb und ebenso wie Günter Netzer bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurde, erwischte Dürnberger anders als im Hinspiel einen Sahne-Tag. Gleich in der achten Minute entwischte er Günter Netzer (“Mit dem Laufen hat ers ned so!”). Nach seinem Offensiv Solo landete das Leder bei Gerd Müller, der ganz untypisch aus 18 Metern mit links abzog und der Ball zur 1:0 Führung im Netz zappelte. Nach 31 Minuten müllerte es erneut und nach dem 2:0 war das Spiel entschieden. Real gab sich auf und die Bayern spielten teilweise so überlegen, dass sie in der Spanischen Presse fortan als “La Bestia Negra” galten. Das Duell Kirchanschöring - Freilassing hatte auch einen klaren Sieger. Dürnberger hatte die Führung vorbereitet und Netzer so kaltgestellt, dass dieser zusammen mit Paul Breitner im Fokus der Kritik in Spanien stand. Auf dem Titelbild des Kicker landete am nächsten Tag jedenfalls Bernd Dürnberger. Übrigens zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen. Spricht man den inzwischen 72-jährigen Kirchanschöringer heute auf diese Zeit 1976 an, muss der ewig bescheidene doch ein wenig grinsen. “Das war schon sportlich meine beste Zeit”, sagt er. Sie wurde durch eine Einladung von Helmut Schön honoriert (gegen Spanien saß er auf der Bank, wurde aber nicht eingewechselt). Und gipfelte im Europapokal-Hattrick 1976 gegen AS St. Etienne. Das Freilassinger Duell wurde zwei Jahre später wieder zu einem Freilassinger Duett, als Breitner zu den Bayern zurückkehrte und zusammen mit Dürnberger noch einige Titel sammelte. 

 

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