Der Bauernaufstand von Traunstein

Vor 500 Jahren entging Traunstein nur knapp einer Eskalation: 300 bewaffnete Bauern standen 1525 am Stadtplatz dem Pfleger Hanns von Schaumberg gegenüber. Was friedlich endete, fand ein blutiges Nachspiel, als drei einheimische Handwerker hingerichtet wurden. Ein historischer Thriller um Macht, Verrat und das Wahrzeichen der Stadt – den Lindl, der im Jahr der Hinrichtungen aufgestellt wurde.

Der vergessene Bauernaufstand von Traunstein

Alte Stadtansicht von Traunstein
Alte Stadtansicht von Traunstein

Die Stadt Traunstein feierte im letzten Jahr pompös ihre 650 Jahr Feier. Eine der interessantesten Episoden der Stadtgeschichte ist aber bis heute kaum erforscht: Die Ereignisse während des Bauernkrieges 1525. Offiziell war Traunstein kein Schauplatz der Bauernkriege. Und dennoch ist ein Ereignis ungeklärter Tragweite aus der Zeit des Bauernkrieges dokumentiert, das zumindest mehrere Hinrichtungen vor 500 Jahren zur Folge hatte. Mittendrin bei diesem geschichtlichen Thriller war eine von Traunsteins bekanntesten historischen Figuren: Hans von Schaumburg. Der historisch korrekt laut Traunsteins Adels- und Ritterexperten Hans Kösterke einst „Hanns von Schaumberg“ hieß. Diesen korrekten Namen erhält er auch in diesem Artikel, auch wenn er als „Hans von Schaumburg“ unter anderem beim Georgiritt dargestellt wird. 

Dies ist eine fast unglaubliche Geschichte über 300 Bauern und Handwerksleute, die bewaffnet in die Stadt einmarschieren. Über einen Pfleger, der umsichtig handelt und die Stadt vor Schlimmerem bewahrt. Aber auch über drei Hinrichtung von Handwerkern aus der Region: Dem Rädelsführer Purgstaler, dem Frauenstätter Müller namens Voglmair und dem Schmied von Vachendorf. Bekannt ist das Ereignis einzig aufgrund der Gerichtsrechnung, die Pfleger Hanns von Schaumburg 1525/26 stellte und in der er kryptisch von den Ereignissen Zeugnis ablegte. Dr. Rainhard Riepertinger war der letzte Historiker, der sich 1988 in der „Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte“ mit diesem heute nahezu vergessenen Geschichtsereignis auseinandersetzte. Die Rekonstruktion der Ereignisse hier bezieht sich auf seine Interpretation der Traunsteiner Vorgänge.

Die von Schaumburg / Schaumbergs in Traunstein

Stephan von Schaumberg in der Kirche Haslach
Stephan von Schaumberg in der Kirche Haslach

Traunstein war im Jahr 1525 eine vom Salzhandel geprägte Randstadt im Grenzgebiet des Herzogtum Bayerns. Der Pfleggericht Traunstein grenzte im Osten an das Fürsterzbistum Salzburg und im Süden an die Grafschaft Tirol. Eine der bedeutendsten Familien in der Stadt sind die aus Franken stammenden Adeligen der von Schaumberg. Seit zwei Jahren wurde Traunstein vom jungen Pfleger Hanns von Schaumberg regiert. Sein Vater Stephan war erst im Vorjahr verstorben und ist in Haslach begraben. (Sein Grab Epitaph, erstellt von Meister Steffan, ist heute noch in der Kirche in Haslach zu besichtigen)

 

Der Bauernkrieg 1525

So stellt sich die KI den jungen Hanns von Schaumberg vor.
So stellt sich die KI den jungen Hanns von Schaumberg vor.

Aus den im gesamten Süddeutschen Raum aufkeimenden Bauern-Aufständen hielt man sich hier heraus. Doch die Bewegung, die im Schwäbischen begann, in Thüringen eskalierte, näherte sich von südostlicher Richtung auch den Traunsteiner Grenzen. Im salzburgischen Nachbarland waren es die Bergleute in Bad Gastein und Rauris, die den aufständischen Funken zum Entzünden brachten. Die Forderungen der Bad Gasteiner Bergleute und Bauern wurden vom Fürsterzbischof Matthäus Lang ignoriert. Ende Mai marschierten mehrere tausend Aufständische auf Salzburg zu. 

Während im benachbarten Salzburg die aufständischen Bauern die Festung belagerten, bereitete sich das bayerische Grenzgebiet zur Verteidigung gegen ein mögliches Überschwappen des Aufstands vor.

 

Hanns von Schaumberg hatte über seine Amtsleute die Bauern im Grenzgebiet aufgefordert, Schanzarbeiten zu leisten. Die Bauern weigerten sich aber und verließen in beträchtlicher Zahl die Baustellen in Richtung Salzburg. Das war aber nicht der eigentliche Auslöser, der Hanns von Schaumberg dazu nötigte, sich an Bayerns Herzog Wilhelm IV zu wenden.

Die aufständischen Handwerker rücken in Traunstein ein

Am 6. Juli rotte sich ein Pulk unzufriedener, bewaffneter Bauern aus dem Bereich Inzell und Miesenbach (bei Siegsdorf) zusammen. Recherchiert man die Rädelsführer, lässt sich der Schluss ziehen, dass der Aufruhr aus der Mitte der Handwerkerschaft der Region entstanden ist. Genau zwischen Miesenbach und Inzell lag damals an der Roten Traun die Mühle Frauenstätt. Der dortige Müller namens Voglmaier war einer der später verhafteten Anführer des Aufruhrs. Mit dabei war auch der „Schmied von Vachendorf“ und der Haupt-Rädesführer namens Purgstaler. Ebenfalls beteiligt, aber ohne Bestrafung blieben eine Zöllnerin, ein Maurer von Grabenstätt, ein Jörg Schwenter und der Ledergeselle Hanns Khoppler.

Symbolbild: Hanns von Schaumberg spricht zu den Aufständischen
Symbolbild: Hanns von Schaumberg spricht zu den Aufständischen

Am Morgen des 7. Juli erreichte der 300 Mann starke bewaffnete Haufen Traunstein. Offensichtlich hatten sie aber mit mehr Unterstützung gerechnet. Da drei der umliegenden Pflegschaften dem Aufruf nicht nachgekommen waren, flüchteten die Rädelsführer. Pfleger Hanns von Schaumberg stellte den aufrührerischen Haufen zur Rede: „Wollt ihr einen Aufstand machen?“ Die Bauern erklärten, dass sie Gerüchte vernommen hätten, dass er. Schaumberg, und der Pfarrer von Haslach die Stadt aufgegeben hätten. Deshalb seien sie nach Traunstein gezogen, um in Erfahrung zu bringen, wie sie sich zu verhalten hätten. Sie verlangten vom Pfleger, man solle ihnen das herzogliche Mandat zeigen, das über die Unruhen im Land erlassen wurde. Außerdem wollten sie die Schlosswachen aufheben und ihre ihnen abgenommenen „Heerwagen“ zurückbekommen. Von Schaumberg entgegnete den Bauern, wie schändlich sie angelogen worden waren und schlug deren Forderungen umgehend aus. Die Bauern zogen sich enttäuscht wieder zurück. Kehrten aber zwei Stunden später wieder in die Stadt zurück. „Wir haben unsere Not nicht recht fürgebracht und uns anders bedacht. Der Pfleger möge uns doch eine Abschrift geben“, forderten sie. Als Hanns von Schaumberg dem stattgab, war der Bauernaufstand von Traunstein beendet. 

Die Hinrichtung der Aufständischen von Traunstein

Nach dem Scheitern der Belagerung von Salzburg sind die Machtverhältnisse endgültig wiederhergestellt. Der Aufruhr hatte aber auch in Traunstein noch ein Nachspiel. Herzog Wilhelm forderte das Ergreifen der Rädesführer. So wurden der Purgstaler, der Müller von Frauenstädt, der Schmied von Vachendorf und weitere Unruhestifter in Burghausen eingekerkert, verhört und gefoltert. Die Sache war so hoch aufgehängt, dass von Schaumberg persönlich nach München reiten musste, um das Protokoll der Vernehmung vorzulegen. Die Hauptverantwortlichen wurden ohne Gerichtsverhandlung zum Tode durch Enthauptung verurteilt. Die Leiche des Purgstaler, vermutlich als Haupträdelsführer, sollte außerdem gevierteilt werden.

Als das Urteil am 31. Januar 1526 vollstreckt werden sollte, fand sich in Traunstein kein Henker. Ob es keinen gab, oder ob es in der Stadtbevölkerung Sympathien für die Verurteilten, die ja angesehene einheimische Handwerker waren, bleibt Spekulation. Jedenfalls muss Hanns von Schaumberg einen Henker aus München kommen lassen.

Der Lindl, der Aufstand und Hanns von Schaumberg

Die Ereignisse des Bauernaufstandes sind nicht im Kollektivgedächtnis erhalten geblieben. Und dennoch haben sie ihre Wirkung auf die Stadt bis heute. Eines von Traunsteins Wahrzeichen, die Statue des Traunsteiner Lindl am Stadtplatz, wurde ebenfalls 1526, im selben Jahr der Hinrichtungen am Stadtplatz aufgestellt. Es ranken sich viele Mythen darum, wer auf der Statue dargestellt wird. Ist es der Heilige Georg? Wahrscheinlich ist der „Liendl“ einfach ein das aufstrebende Bürgertum darstellende Mann. Wikipedia behauptete lange Zeit – ohne Nennung einer Quelle – der Lindl stelle Hans von Schaumburg dar. Jenen Mann also, in dessen Herrschaft die Statue aufgestellt wurde. Dazu gibt es keinerlei Beleg aber immerhin war der Künstler, der „Meister Steffan“ (vermutlich Stephan Rottaler aus Landshut) derselbe, der auch den Grabstein von Hans Schaumburgs Vater in Haslach geschaffen hat. Die bis heute anhaltenden Beliebtheit des Lindls sowie des Hanns von Schaumberg, der auch als historische Figur im Georgiritt dargestellt wird, lässt vermuten, dass die Traunsteiner Bürgerschaft mit dem Agieren ihres Pflegers im Bauernkrieg nicht unzufrieden war. Hanns von Schaumberg blieb noch bis zu seinem Tod 1570 insgesamt ungewöhnlich lange 48 Jahre Pfleger von Traunstein. Auch wenn seine Rolle im Bauernkrieg 1525 in Vergessenheit geraten ist, so ist er bis heute als Traunsteiner Persönlichkeit tief mit dem Traunsteiner Tradition und Kultur verwoben.

Traunsteiner Kultur und Tradition:

Hanns von Schaumberg und der Lindl - Wahrzeichen und Georgiritt:

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