Kurzgeschichte über die Raunächte. Sie sagen, die Perchten vertreiben die bösen Geister des Winters. Doch für Joachim bringen die Fratzen den schlimmsten Albtraum seines Lebens zurück. Wenn sich alte Mystik und modernes Trauma auf einer vereisten Kreuzung treffen, hilft kein Verstecken mehr. Er muss sich der Wilden Jagd stellen. Eine weitere Raunacht-Geschichte gibt es hier: "Zwischen den Jahren"
Eine Kurzgeschichte über die Raunächte
Eisiger Wind pfiff durch die Hauptstraße Richtung Altstadt. Es war dunkler als im Rest der Stadt. Nach dem Sturm war der Christbaum auf die Verkabelung der Weihnachtsbeleuchtung gestürzt und ein Großteil der Lichterketten entlang der Hauptstraße war beschädigt worden. Auf beiden Seiten der Straße standen dicht gedrängt die Menschen. Vom Stadtplatz her war dumpf wummernde Musik zu hören. Vereinzelt blitzten die Lichter einer Lasershow auf. Der Wind trug eine leichte Note Schwefelgeruch mit sich. Immer wieder wechselte jemand die Straße. Das war seit einigen Minuten nur noch gegen den Widerstand der vielen Ordner in den gelben Westen möglich, die dafür sorgten, dass die Menschenreihe nicht in die Straße hineinreichte.
Joachim hatte seinen Platz in der vordersten Reihe für eine Gruppe Teenager freigegeben, die noch nicht wussten, was ihnen widerfahren würde. Oder die es wussten und sich genau deshalb ganz nach vorne stellten. Joachim schloss kurz die Augen. Er lauschte dem spannungsgeladenen Gemurmel, atmete die beißend kalte Luft ein und versuchte, etwas zu fühlen. Irgendetwas. Sie waren alle da. Die Menschen, bei denen er sein wollte, wenn das alles zugrunde ging. Anna neben ihm. David, Konstantin und der Rest der Clique. Alle standen sie dicht gedrängt in diesem Pulk, der die Köpfe reckte, um zu sehen, ob sich am Anfang der Straße bereits etwas bewegte.
„Wie geht es dir?“, fragte Anna. „Geht schon“, sagte er. „Du musst nicht hier sein.“ „Will ich aber.“
Joachim versuchte, nicht daran zu denken. Er lenkte seine Gedanken zur anderen Sonnwende vor sechs Monaten. Wie wehmütig er in dieser Nacht alleine durch die Stadt geirrt war. Wie er versucht hatte, das Jahr, den Sommer irgendwie festzuhalten. Jeden Moment bis ins Mark aufzusaugen. Wissend, wie unmöglich sein Wunsch war. Wie jedes Jahr kippte der Sommer schneller als erhofft, der Novembernebel legte seine Schleier über die alten Sommererinnerungen und die Dunkelheit kam.
Aus der Ferne waren nun deutlich Schellen zu hören. Kleine, helle. Und die großen, schweren Glocken, die allein zu tragen eine Herausforderung sein mussten. Sie kommen, dachte er. Sie kommen. Sofort kippte die vorfreudige Anspannung der Menschen in greifbare Aufregung. Die Menge wogte hin und her und die Ordner hatten alle Hände voll zu tun, die Straße frei zu halten. Das Bimmeln der Glocken wurde lauter. Eine Wand aus grauschwarzem Nebel baute sich am Ende der Straße auf.
„Sollen wir danach in der Kapelle noch eine Kerze anzünden?“, fragte Anna. Joachim nickte. „Schön, dass die anderen auch alle da sind“, sagte Anna. Als hätte er es gehört, legte David seinen Arm um Joachim. „Gleich geht’s los!“, sagte David.
Der Nebel wandelte sich in dunkles Rot und helles Feuer loderte zwischen den Schwaden auf. Das Gebimmel der Glocken wurde ohrenbetäubend. Es klang, als wäre eine Herde Almrinder in Furcht geraten. Dutzende Glocken, deren Klöppel wild hin- und hergeschleudert gegen den Schlagring hämmerten. Ein Raunen sprang wie ein Lauffeuer von Mensch zu Mensch, als die erste Gestalt aus dem blutrot leuchtenden Nebel trat. Ein viehisches Wesen. Groß, unmenschlich. Zotteliges Fell, lange Hörner auf dem Kopf. Schnellen Schrittes näherte sich die Gestalt, nach links und rechts drohend. Hinter ihr die nächste. Und noch eine. Eine sprang vor die Zuschauer und streckte bedrohlich die Arme aus. Eine andere umfasste ein Mädchen, das danach rußig schwarz im Gesicht war. Ein Kind schrie.
Als der Anführer der Horde die Gruppe rund um Joachim erreicht hatte, blieb er stehen. Eine furchterregende Fratze. Ein von Schmerz und Hass erfüllter Blick. Eine teufelsgleiche Kreatur mit langen Bockshörnern. Das Wesen wandte langsam seinen Kopf und sah Joachim direkt in die Augen. Joachim sah ein Augenpaar, das ihm unheimlich menschlich vorkam. Ein stechender Blick, der ihm bis ins Mark ging. Sofort war die alte Erinnerung wieder da und es zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Joachims Beine knickten ein und er fiel nach hinten. Anna schrie auf. Die Fratze wandte sich um und sprang, die dumpfe Glocke läuten lassend, weiter die Straße hinab. David und Konstantin fingen Joachim auf, der langsam in der Menge zu Boden glitt.
Kurz war er weg. Dann roch er wieder den Schwefel, sah die Bengalos, die auf der Straße aufleuchteten, und sah, dass sie alle da waren. Anna, David, Konstantin. Sie lebten alle noch. „Du musst nach Hause!“, sagte Anna scharf. Joachim schüttelte den Kopf. „Es geht schon wieder. Es ist alles in Ordnung. Es ist nur mein Kreislauf.“
Eingezwängt zwischen Anna und David richtete sich sein Blick weiter auf den Lauf der teufelsartigen Wesen. Er sah vereinzelte Flammen, er hörte das Läuten der Glocken. Aber er nahm den Zug der Perchten nicht mehr wahr. Er sah nur noch die Trümmer auf der Straße. Die beiden Autowracks und das Blaulicht. Er sah den Blutfleck auf dem Asphalt und die Decke, die man darüber gelegt hatte. Die Monster und Fratzen, die darum herumstanden. Und sich selbst, wie er in eine gold reflektierende Decke gehüllt im Krankenwagen saß und beteuerte, dass es ihm gut gehe, dass es ihm gut gehe, dass es ihm gut gehe.
Sie waren auf dem Rückweg von der Messe gewesen. Es war der Todestag seiner Mutter. Er wollte seinen Vater noch nach Hause fahren. „Sollen wir nach Hause fahren?“, fragte Anna in der Gegenwart. Alles in ihm zog sich zusammen. „Können wir zu Fuß gehen?“ „Aber es ist weit.“
Joachim verabschiedete sich von seinen Freunden. Es war wieder still in der Stadt. Nur der Schwefelgeruch hing noch unbestimmt in der Luft. Joachim und Anna spazierten stadtauswärts. „Du weißt, du kannst mir jederzeit erzählen, was damals passiert ist“, sagte Anna. Joachim schüttelte den Kopf.
Gegen zwei Uhr nachts schreckte er aus einem dunklen Traum. Es war finster im Zimmer. Draußen tobte ein Sturm. Schnee schlug wütend gegen das Fenster. Doch da war noch etwas anderes. Etwas, das ihn geweckt hatte. Es war so laut, dass es noch unter der Bettdecke zu hören war. Etwas fegte über das Dach, drückte und zerrte an den Fenstern. Ein Heulen wie von einem Rudel weggesperrter Wölfe kam von draußen. Oder aus dem Haus. Oder von überall her. Joachim fröstelte. Die sonst so wohlige Nachtwärme unter der Bettdecke war einer eisbachklammen Kälte gewichen. Ihm war, als verwandle sich selbst unter der Decke sein Atem zu kühlen Nebelwölkchen. Das geht vorbei, sagte er sich immer wieder. Das geht vorbei.
Doch das Heulen hörte nicht auf. Wütende Hände rüttelten heftig an den Dachfenstern. Holz knarrte und wehrte sich. Jeden Moment würden die Gläser zerspringen. Unfassbare Kräfte ließen die Dachschindeln klappern und das ganze Haus schmerzhaft aufheulen. Joachim wühlte sich in seine Bettdecke, krümmte sich wie ein Embryo und versuchte, unter dem schützenden Stoff im Bett zu versinken. Er stellte sich vor, so wie er es in der Therapie gelernt hatte, dass die Decke ein goldenes Vlies sei, durch das keine Geister, weder die guten noch die Dämonen, eindringen konnten.
Aber unter der Decke war er nicht mehr allein. Sofort saß er wieder im Auto jener Nacht. Er fuhr, etwas zu schnell, er musste ja noch seinen Vater nach Hause bringen, auf die Kreuzung zu. Die Straßen waren leer. Der Perchtenlauf lange vorbei, die Wirtshäuser voll. Joachim hatte gar nicht registriert, dass es leicht zu regnen begonnen hatte, da er in Gedanken an jenem Tag war, als er seine Mutter am Sterbebett begleitet hatte. Er registrierte das Auto, das sich mit hoher Geschwindigkeit von rechts auf die Kreuzung zubewegte. Aber Joachims Ampel war grün und er trat sogar leicht aufs Gas. Sofort war das Entsetzen wieder da, als er sah, dass im anderen Auto vier Fratzen saßen. Vier Teufel mit langen Hörnern. Auch der Fahrer im zotteligen Fell hatte seine Maske nicht abgenommen. Vor Schreck trat er noch mehr aufs Gas, anstatt zu bremsen. Als er begriff, dass das Auto mit den vier Perchten im Eisregen ungebremst auf die Kreuzung zuschlitterte, war es zu spät. Der Wagen krachte in die Fahrerseite von Joachims Auto. Ein Percht war nicht angeschnallt, flog durch die Scheibe und durchbohrte mit seinem Horn die Schlagader von Joachims Vater.
4-7-11. 4-7-11. Joachim versuchte, seinen Atem in den Griff zu kriegen, wie man es ihm beigebracht hatte. Das Heulen war so laut, als zöge eine Armee voller Reiter und Krieger über das Dach seines Hauses. Er sah in der Dunkelheit tausende Skelette, Teufel und Bockshörner tragende Dämonen, die auf Pferden über das Haus ritten und gierig nach Blut Ausschau hielten, ob sich unter der Bettdecke nicht doch ein Mensch befand.
Joachim zitterte vor Kälte und Angst. Der Sauerstoff unter der Decke wurde immer knapper und ganz so, als hätte er in eine Tüte geatmet, beruhigte sich sein Geist langsam. Die Geister draußen waren immer noch da. Aber auf einmal war die Angst weg. Joachim riss sich die Bettdecke vom Leib. Er sprang aus dem Bett und machte das Licht an.
Nichts war mehr zu hören. Als sich seine Augen an das helle Licht gewöhnt hatten, sah er die dicken Schneeflocken vor seinem Fenster. Er trat vor die Scheibe und sah hinaus. Alles weiß, Neuschnee kleidete die Bäume und Sträucher in silbern glitzerndes Weiß. Friedlich und still lag die Stadt winterlich da, als sei nichts gewesen. Bis auf eine mannsgroße Mulde im Schnee. Als sei jemand zusammengekauert dort gelegen. Sie war fast gänzlich vom Neuschnee aufgefüllt, aber noch gut zu erkennen. Erst jetzt merkte Joachim, dass sein Schlafanzug feucht und klamm war. Er wusste nicht warum, aber er hatte keine Angst mehr.
Am nächsten Tag sagte er den Termin beim Therapeuten ab. Und schrieb stattdessen einen langen Brief an den jungen Mann, dessen Maske seinen Vater getötet hatte. Am Abend ging er in die Stadt und zündete in der Kirche eine Kerze an. Er übernachtete bei Anna. Als es ruhig blieb und die Wilde Jagd nicht wieder über ihn hinwegzog, wusste er, dass vieles wieder gut werden würde.
Ende
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Wenn das Alte geht und das Neue noch schweigt — eine Rauhnacht, ein leer gewordenes Haus, die Stille einer zerbrochenen Liebe. „Zwischen den Jahren“ — eine kurze Geschichte über Einsamkeit, Verlust und das unheimliche Erwachen in der dunkelsten Zeit des Jahres. Klick hier.


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